Peter Rühmkorf: Zu Volker Brauns Gedicht „Durchgearbeitete Landschaft‟

Im Kern

− Zu Volker Brauns Gedicht „Durchgearbeitete Landschaft“ aus dem Gedichtband Gegen die symmetrische Welt. −

 

VOLKER BRAUN

Durchgearbeitete Landschaft

Hier sind wir durchgegangen
Mit unseren Werkzeugen

Hier stellten wir etwas Hartes an
Mit der ruhig rauchenden Heide

Hier lagen die Bäume verendet, mit nackten
Wurzeln, der Sand durchlöchert
Bis in die Adern, umzingelt der blühende Staub

Mit Stahlgestängen, aufgerissen die Orte
Überfahren mit rohen Kisten, abgeteuft die teuflischen
aaaaaSchächte mitleidlos

Ausgelöffelt die weichen Lager, zerhackt, verschüttet,
aaaaazersiebt, das Unterste gekehrt nach oben und
aaaaadurchgewalkt und entseelt und zerklüftet

Hier sind wir durchgegangen.

Und bepflanzt mit einem durchdringenden Grün
Der Schluff, und kleinen Eichen ohne Furcht

Und in ein plötzliches zartes Gebirge
Die Bahn, gegossen aus blankem Bitum

Das Restloch mit blauem Wasser
Verfüllt und Booten: der Erde
Aufgeschlagenes Auge

Und der weiße neugeborene Strand
Den wir betreten

Zwischen uns.

 

Volker Braun – Ein Poet mit viel Puste

Er hat eine gute Zeitlang unsere hier im Westen gewachsenen Subjektivitäten nachempfunden, unsere Wutanfälle, Gereiztheiten und Rührungen, aber er hat sie sich doch auf eine wirklich eigentümliche Weise anverleibt und sich mit unseren Bildungsunterlagen (Klopstock, Hölderlin) ganz neu ins Benehmen gesetzt. Was ihn von unseren ruinösen Abgesängen bald auch qualitativ-inhaltlich unterschied, war ein für unsere Verhältnisse nur schwer begreiflicher Gründeroptimismus, ein gar nicht henneckehafter, eher schon ein Fortschrittsschwung wie man ihn von Whitman kennt, von Majakowskij, Neruda. Wem solche Vergleiche allzu vermessen klingen, dem bestätigen wir dennoch gern, daß Volker Braun von Anfang an ein Poet mit viel Puste war, bemerkenswert abgehoben von all dem lyrischen Geschleiche im Osten wie im Westen.
Sein Gedicht „Durchgearbeitete Landschaft“ scheint mir in jeder Hinsicht ein starkes Stück, egal, ob man eher ein poetisches Naturstück in ihm sehen möchte oder ein Lehrstück. Der dialektische Aufbau jedenfalls ist unverkennbar. Der Anfang, das heißt, die erste Hälfte des Gedichts zeigt einen beinahe brutalistisch-conquistadorischen Impetus. Was vorgeführt wird ist ein Landschaftsausschnitt in Bewegung, aber nicht der Wind und das Wetter und die übrigen Naturgewalten sind es, die an ihm herumwirken, sondern der Mensch persönlich mit seinen mitleidlosen Umwälzmaschinen. So etwas ist neu für unsere Ohren und Augen und es will uns auch nur schwer in den Kopf. Wo wir für die Erhaltung arkadischer Naturzustände gern auf die Barrikaden gehen, entzündet sich der Enthusiasmus eines DDR-Kollegen gerade an so gewaltsamen Eingriffen, die ein lieblich-ungebildetes Idyll aus seiner Unschuld reißen. Wo Kolonisierung und Kultivation für uns fast wesensgleich geworden sind mit einer Verlustwirtschaft, die auf Deubel-komm-raus und Mensch-hau-ab drauflos dräniert, kriegen wir es hier mit einer Pioniermentalität zu tun, die über ein hübsches Pastorale wegschreitet als wäre es nur unwegsamer Dreck. Das Gedicht selbst sagt es unerbittlich genug: ein Flecken „ruhig rauchender Heide“ wird „durchgewalkt und entseelt und zerklüftet.“
Nach dem zweiten triumphal intonierten „Hier sind wir durchgegangen“ erfolgt dann der dialektische Umschlag, und über der zermahlenen Landschaft beginnt eine neue, menschengemachte sich aufzustufen „mit einem durchdringenden Grün“ und „kleinen Eichen ohne Furcht“. Ich muß einräumen, daß dieser ungebrochene Pflanzersinn uns reichlich unvorbereitet trifft. Wo der demiurgische Betrieb auf Baustellen und in den Abteufschächten immer noch mit dem Interesse unseres ewig sprungbereiten Voyeurismus rechnen kann, haben wir uns das Staunen vor den Kulturgebilden selbst gehörig abgewöhnt wohl weil uns zu viele Versicherungsdome und Verwaltungsbatterien die Aussicht auf eine humane Zukunft verstellen. Trotzdem, wo eins wie das andere System hat und unsere schier unaufhebbare Skepsis womöglich nur ein sozial bedingter Sehfehler ist −: ich weiß nicht so recht, ob der stolze Rückblick auf ein Stück erwurachtes Gemeineigentum nicht seinerseits bei einem Gemeinplatz Rast macht. Mit Tucho dem Gemeinsamen zu fragen: Wenn das nun wirklich richtig vor uns daliegt, diese „Bahn aus Bitum“ wie es heißt, und dieser „weiße neugeborene Strand“ – ja? – und wenn wir uns dieses happyend sogar noch als eine wahrhaftige soziale Errungenschaft vorstellen, ein öffentliches Freizeitzentrum meinetwegen, einen Volkspark, ein Schriftstellererholungsheim, ein Nulltarif-Tivoli, eine gemeinnützige Bade- und Begegnungszone – „na, un denn – ?“

Peter Rühmkorf, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.4.1975

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