Peter von Matt: Zu Hans Magnus Enzensbergers Gedicht „Ins Lesebuch für die Oberstufe“

Im Kern

Im Kern

– Zu Hans Magnus Enzensbergers Gedicht „Ins Lesebuch für die Oberstufe“. –

 

 

 

 

 

HANS MAGNUS ENZENSBERGER

Ins Lesebuch für die Oberstufe

Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne:
sie sind genauer. Roll die Seekarten auf,
eh es zu spät ist. Sei wachsam, sing nicht.
Der Tag kommt, wo sie wieder Listen ans Tor
schlagen und malen den Neinsagern auf die Brust
Zinken. Lern unerkannt gehn, lern mehr als ich:
das Viertel wechseln, den Paß, das Gesicht.
Versteh dich auf den kleinen Verrat,
die tägliche schmutzige Rettung. Nützlich
sind die Enzykliken zum Feueranzünden,
die Manifeste: Butter einzuwickeln und Salz
für die Wehrlosen. Wut und Geduld sind nötig,
in die Lungen der Macht zu blasen
den feinen tödlichen Staub, gemahlen
von denen, die viel gelernt haben,
die genau sind, von dir.

 

Aufforderung zum Verdacht

Der Titel des Gedichts war ironisch gemeint. Er ist längst Tatsache geworden. Wer heute mit seinen Schülern in der Oberstufe Oden liest, riskiert die Frühpensionierung. Die Fahrpläne haben gesiegt. Nur die Züge selbst haben immer größere Verspätung. Das Lesen von Fahrplänen hat sich zu einer kreativen Tätigkeit entwickelt wie einst das Odenschreiben: Wenn der 18.33er vor 19 Uhr eintrifft, könnte ich in Mannheim noch den 19.33er erreichen, der vermutlich gegen 20.15 Uhr dort ankommt…
Enzensbergers erster Gedichtband, verteidigung der wölfe, erschien zehn Jahre vor dem Beginn der Studentenbewegung. Er nahm ihren Zorn vorweg, ihre Attacken auf Mief und Filz und klebrige Feierlichkeit, aber er war witziger, imaginativer und vor allem belesener als die Gedichte der Achtundsechziger. Dennoch war der Autor nicht etwa seiner Zeit voraus. Er kam genau richtig. Er besaß ein gutes Gehör und sagte, was es geschlagen hatte. Ein Luftzug fuhr durch die deutsche Literatur. Da und dort knallten Fenster. Im gleichen Jahr, 1957, erschien in England das Stück eines Gleichaltrigen, John Osbornes Look Back in Anger. Es gab einer Generation den Namen. Man sprach von den Angry Young Men. Exakt dies war der achtundzwanzigjährige Enzensberger in Deutschland: der zornige junge Mann als Phänotyp der Stunde.
Der hier vor den Oden warnte, war ein Odenkenner. Er liebte sie, liebte die Literatur, liebte die Dichterinnen und Dichter der weiten Welt. Aber er wollte sie nicht hinter Glas. Literatur war ihm strömende Luft, mächtiges Blasen, Passatwind über dem Planeten. Sie sollte den bösen Staub aufwirbeln, von dem das Gedicht am Schluß spricht.
Gefährlich will dieser Dichter sein Gedicht. „Sing nicht“, heißt es schon in der dritten Zeile. Das ist die alte Warnung vor der falschen Schönheit, ein Echo auf Brechts Parole: „Schlechte Zeit für Lyrik“. Dennoch singt dieses Gedicht, wie ja auch Brechts Parole den Titel zu einem tüchtigen Stück Lyrik abgegeben hat. Die Verse Enzensbergers sind zwar nicht nach dem antiken Odenmaß gebaut und nicht nach der allbeliebten Volksliedstrophe, aber sie intonieren einen berühmten hohen Klang, die Sprüche Salomonis. Sie sind durchrhythmisiert wie jene. „Sei weise, mein Sohn, so freut sich mein Herz“, heißt es dort, und: „Rühme dich nicht des morgenden Tages, denn du weißt nicht, was heute sich begeben mag“. – „Iß Honig, mein Sohn, denn er ist gut. Also lerne die Weisheit für deine Seele…“
Während jedoch Salomo den Sohn vor allem vor der Gottlosigkeit warnt und vor den schönen Frauen, ist der Vater in diesem Gedicht handfest politisch. Zwölf Jahre nur sind seit dem Ende der Naziherrschaft vergangen. Das leidenschaftliche „Nie wieder!“ ist zur Phrase verkommen. Man kann im Zusammenhang mit Intellektuellen wieder von Nestbeschmutzern sprechen. Kultur soll zeitlos sein und die ewigen Werte vermitteln und keinesfalls stören.
Unter den Schriftstellern wächst der Verdacht. Koeppen warnt vor dem „Treibhaus“, Günter Eich vor der Wiederkehr alten Unheils:

Betrachtet die Fingerspitzen… Eines Tages kommt sie wieder, die ausgerottete Pest.

Ingeborg Bachmann spricht von einer Schonfrist:

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren…

Man will keine Programme. Man will auch kein anderes System. Man traut nur den Mächtigen nicht und traut ihnen alles zu.
Das Gedicht, das sich gegen die Manifeste richtet, ist selber eines. Es bestimmt die Haltung der Intellektuellen gegenüber der politischen und wirtschaftlichen Macht und verpflichtet sie zum radikalen Mißtrauen. Wo Macht ist, ist Verfolgung möglich, immer, und immer beginnt diese mit großen Worten. Sie sind die Nebelwand, hinter der sich die Häscher schattenhaft bewegen. Der Kult, den das Gedicht mit dem Wort „genau“ treibt, hat hier seinen guten Sinn. Und also auch der Witz mit den Fahrplänen, mögen sie immer über die wahren Verhältnisse auf den Bahnsteigen der Gegenwart hinwegtäuschen.

Peter von Matt, aus Peter von Matt: Wörterleuchten, Carl Hanser Verlag, 2009

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