Peter von Matt: Zu Ingeborg Bachmanns Gedicht „An die Sonne“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Ingeborg Bachmanns Gedicht „An die Sonne“ aus dem Band Ingeborg Bachmann: Werke. Band 1. –

 

 

 

INGEBORG BACHMANN

An die Sonne

Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht,
Schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht,
Viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen
Und zu weit Schönrem berufen als jedes andre Gestirn,
Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hängt, ist die Sonne.

Schöne Sonne, die aufgeht, ihr Werk nicht vergessen hat
Und beendet, am schönsten im Sommer, wenn ein Tag
An den Küsten verdampft und ohne Kraft gespiegelt die Segel
Über dein Aug ziehn, bis du müde wirst und das letzte verkürzt.

Ohne die Sonne nimmt auch die Kunst wieder den Schleier,
Du erscheinst mir nicht mehr, und die See und der Sand,
Von Schatten gepeitscht, fliehen unter mein Lid.

Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt,
Daß ich wieder sehe und daß ich dich wiederseh!

Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein…

Nichts Schönres als den Stab im Wasser zu sehn und den Vogel oben,
Der seinen Flug überlegt, und unten die Fische im Schwarm,

Gefärbt, geformt, in die Welt gekommen mit einer Sendung von Licht,
Und den Umkreis zu sehn, das Geviert eines Felds, das Tausendeck meines Lands
Und das Kleid, das du angetan hast. Und dein Kleid, glockig und blau!

Schönes Blau, in dem die Pfauen spazieren und sich verneigen,
Blau der Fernen, der Zonen des Glücks mit den Wettern für mein Gefühl,
Blauer Zufall am Horizont! Und meine begeisterten Augen
Weiten sich wieder und blinken und brennen sich wund.

Schöne Sonne, der vom Staub noch die größte Bewundrung gebührt,
Drum werde ich nicht wegen dem Mond und den Sternen und nicht,
Weil die Nacht mit Kometen prahlt und in mir einen Narren sucht,
Sondern deinetwegen und bald endlos und wie um nichts sonst
Klage führen über den unabwendbaren Verlust meiner Augen.

 

Die unersättlichen Augen

Ist das Gedicht nicht zu schön? Die fließende Pracht dieser langen Verse, feiert sie nicht die Welt, als wäre sie grenzenlos herrlich? Als wäre nichts Böses in ihr, nichts Häßliches und Widerwärtiges? Darf nun denn das, lobsingen ohne Vorbehalt, wie einst die Erzengel am Anfang des Faust? Und tritt denn nicht sogar dort, kaum haben die drei sonnenverzückten Geister ausgesungen, der Teufel auf, höflich und heimtückisch, den Pferdefuß im eleganten Stiefelchen?
Das Gedicht ist schön, weil es den Mut hat, von der Schönheit zu reden. Was es verkörpert in der grandiosen Parade seiner Bilder, im Fall und Widerhall der Klänge, davon handelt es auch. Ohne Schönheit, meint es, kann niemand leben, so wie niemand leben kann ohne Liebe. Diese elementare Wirklichkeit ist der Gegenstand des Gedichts. Inszeniert wird sie als die dramatische Begegnung des Auges mit der Sonne.
Man achte auf die Verszahl der Strophen: 5 4 3 2 1 2 3 4 5. Das ist eine spiegelbildliche Fügung, und die Achse des Ganzen, der einzelne Vers in der Mitte, ist seinerseits noch einmal spiegelbildlich gebaut: „… unter der Sonne als unter der Sonne…“ So steht jede Strophe einer Partnerstrophe gegenüber, mit Echowörtern und Echobildern, so steht im Ganzen des Gedichts das Wort „Auge“ dem Wort „Sonne“ gegenüber.
Soll man jetzt Goethe zitieren: „Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken“? Das Wissen um diese Zeilen haust so gewiß in den Strophen Ingeborg Bachmanns wie die Erinnerung an die „glücklichen Augen“ des Türmers im zweiten Faust und an Gottfried Kellers „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält!“ Alle Hymnen, die je an die Sonne gerichtet wurden, sind hier zu einem letzten Hochgesang vereinigt. Deshalb spielt das Gedicht auch so gezielt mit altertümlichen Klängen, mit barocken Reflexen schon im Auftakt.
Das wichtigste Zitat aber ist Hölderlin. Die Anrede: „Schöne Sonne“, großartig und einfach, steht in einem der Diotima-Gedichte. Und erst wenn man sich erinnert, wie dort die Geliebte und das Licht zusammengehören, wie der Dichter die schöne Sonne wahrhaftig der schönen Frau verdankt – „Diotima! Liebe! wie sah von dir / Zum goldnen Tage dieses Auge“ –, merkt man, daß sich auch bei Ingeborg Bachmann im Sonnengedicht ein Liebesgedicht versteckt. Das Du bleibt allerdings namenlos. Und in raffinierter Weise lassen die Verse immer wieder offen, ob der Anruf an die Sonne oder an einen Geliebten, an eine Geliebte gerichtet sei. „Daß ich wieder sehe und daß ich dich wiederseh!“: Man kann das „dich“ auf das „schöne Licht“ beziehen, und doch wird der Vers erst ganz wunderbar als Beschwörung eines geliebten Menschen. Selbst das blaue Kleid ist nicht so ganz unzweideutig nur der weite Himmel, in dem die Sonne schwimmt, und die „begeisterten Augen“ brennen nicht allein wegen des Gestirns in solchem Entzücken.
Nein, was in der Mitte der Hymne lebt und bebt, sind keine philosophischen Überlegungen über die Verwandtschaft von Auge und Sonne, ist nichts Platonisches oder Plotinisches, sondern die wilde Leidenschaft zum Licht und zur Liebe zugleich. Aus ihr allein begründet sich die Verzweiflung am Schluß, in den letzten zwei Zeilen, wo alles in eine große Klage umschlägt, wo aber auch das so kunstreiche, artistisch perfekt gefügte Gedicht erst zur unbedingten und unkalkulierten, zur schutzlos vollkommenen Dichtung wird – ein Schrei von unvergeßlicher Melodie.

Peter von Matt, aus Peter von Matt: Die verdächtige Pracht, Erstdruck Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.6.1997

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