Poesiealbum: Gedichte aus Neuseeland

Poesiealbum-Gedichte aus Neuseeland

DAS BEISPIEL DES ALTEN MANNES

Diese treibenden Blätter zum Beispiel
Die auf meine Schulter klopfen
Komm mit uns, sagen sie
Da sind ein oder zwei Fragen
Die wir dir stellen wollen

Bill Manhire

 

 

 

AOTEAROA – Das Land der langen weißen Wolke

Im Herbst 2012 war Neuseeland Gastland der Frankfurter Buchmesse. Verblüffend – angesichts der nur knapp fünf Millionen Einwohner – sind Reichtum, Vielfalt und Niveau des literarischen Lebens, das sich hier zeigte. Neben den auch in Neuseeland vertretenen internationalen Verlagen wie Penguin und Random House, den Verlagen der großen Universitäten (Auckland, Wellington, Christchurch, Dunedin) sorge eine Vielzahl von Klein- und Kleinstverlagen für ein breites und anspruchsvolles Angebot in z.T. bibliophilen Editionen. Die Zahl der Autoren ist beeindruckend.
Für die Lyrik gilt das ganz besonders. So enthält die umfangreichste, 2001 in Auckland veröffentlichte Anthologie Essential New Zealand Poems (hg. von Lauris Edmond und Bill Sewell) Gedichte von 132 Autoren! Eine jüngere Anthologie führt die Zahl im Titel: 121 New Zealand Poems von ebenso vielen Lyrikern (hg. von Bill Manhire, Auckland 2005). Der jüngste Sammelband, The Best of Best of New Zealand Poems (hg. von Bill Manhire und Damien Wilkins, Wellington 2011) zählt immerhin noch 65 Namen. Diesen drei Anthologien im Wesentlichen sind die hier für das Poesiealbum übertragenen Gedichte entnommen (jedoch mit Angabe, wenn möglich, der Erstveröffentlichung).
Die damit gegebene Vorauswahl relativiert das Subjektive einer nun auf 27 Texte reduzierten ,Quintessenz‘, konzipiert als Lyrik-Nachtrag zur Buchmesse. Subjektiv sind Anordnung und Hervorheben einiger Leitthemen der neuseeländischen Erfahrung: die Landnahme, erst durch die Polynesier, dann durch die Europäer, die Bemühungen um eine Identitätsfindung in einem fremden und jungen Land, die Spannungen zwischen Maoris und ,Pakehas‘ (den weißen Einwanderern), das Hadern mit Entfernung und „Kulturlosigkeit“, endlich das Sich-Einrichten in einer nun Alltag gewordenen Welt.
Ein kurzer Überblick: Im 13. und 14. Jahrhundert trafen polynesische Seefahrer aus dem legendären ,Hawaiiki‘, d.h. Heimatland (wahrscheinlich Tahiti, Marquesas, Cook-Inseln), in mehreren Wellen auf ,Aotearoa‘ ein, dem Land der langen weißen Wolke, wie sie es später nannten. Sie brachten ihre Mythen und Traditionen mit und führten die polynesische Kultur zu ihrer höchsten Blüte. Herausragend ist ihre Kunst des Schnitzens, in Holz, Knochen (Bein) und Jade. Aus dieser Zeit der ersten Landnahme stammt der älteste, mündlich überlieferte und im frühen 19 . Jahrhundert auf Englisch aufgezeichnete Maori-Spruch, die ehrfürchtige Anrufung des Geistes der neuen Erde.
Von einer solchen Demut war die zweite Landnahme weit entfernt. 1642 sichtete Abel Tasman als erster Europäer das Land und nannte es, nach seiner niederländischen Heimatprovinz, ,Nieuw Zeeland‘. 1769, mit der Expedition von James Cook, erfolgte die erste Umsegelung der Inseln und der erste Landgang durch Europäer. Es folgten Jahrzehnte der Gesetzlosigkeit und des Rechtes des Stärkeren. Zuerst kamen die Wal- und Robbenfänger, dann die Holzfäller wegen des Hartholzes der Baumriesen wie Kauri ,Totara, Rimu und Kahikatea‘ (vgl. „Der Schoß“), schließlich die Siedler, die durch Abholzen und Brandrodung Acker- und Weideland schufen, das sie den Maoris abgehandelt oder abgenommen hatten. Begehrtes Tauschobjekt waren Musketen, die die Maoris nicht gegen die Europäer, sondern gegeneinander verwandten, zu Raubzügen, um alte Rechnungen zu begleichen.
Es kam zu Kannibalismus und Versklavung. Diesen ,musket wars‘ fielen geschätzte 20.000 Menschen zum Opfer, ein Zehntel der Bevölkerung. Eingeschleppte Krankheiten und Verelendung dezimierten sie weiter. Lange wirkten Verbitterung und Trauer nach.
Die Konsolidierung begann 1840. Neuseeland wurde offiziell Britische Kronkolonie. Der Vertrag von Waitangi zwischen Krone und der Mehrzahl der Stämme gab verbriefte Rechte und Schutz. Es ist das Gründungsdokument der Nation. Christianisierung, Städtegründung, Aufbau von Schulwesen, Verwaltung, eine vorbildliche Sozialgesetzgebung, Einführung einer modernen Landwirtschaft, formten allmählich, gestützt durch große Goldfunde, einen wohlhabenden Staat. Eine nationale Identität entstand jedoch erst später. Es bedurfte zweier Weltkriege, um aus den heterogenen Elementen einen Menschenschlag zu schaffen, der sich einfach als Neuseeländer oder besser als ,Kiwi‘ versteht. Maoris und ,Pakehas‘ kämpften Seite an Seite, erst an der Somme und in Gallipoli, dann in Afrika, Kreta, Montecassino. Keine Schule, keine Kirche, kein Ortskern ohne Ehrentafeln für die Gefallenen, keine Gedenkfeier ohne Maori-Zeremoniell. So entstand neuer Stolz. Eine Maori-Renaissance begann, die weiter anhält.
Die Kultur der Maori füllt eine Lücke, die durch das Fehlen von Zeugnissen einer Jahrtausende alten europäischen Geschichte und Tradition im Land klafft. Rührend ist der Versuch von Ursula Bethell („Detail“), das neuseeländische ,Wellblech‘ durch die Dreiheit der symbolträchtigen mediterranen Vegetation zu verdecken. Und nur als klassisch Gebildeter, und auch das nur im Scherz und im europäischen Kontext, kann Vincent O’Sullivan den Feuergott Hephaistos und dessen griechische Götterkollegen heraufbeschwören („Kurzes Erscheinen“). Ruamoko jedoch, sein Maori-Äquivalent, „rumpelt in mir /und die Feuer von Ruapehu leben noch“, wie Apirana Taylor es von Neuseeland und seinem höchsten Vulkan sagt.
Ein Wort zu Machart und Sprache der Gedichte: „Wir saßen in der Falle, kamen aber raus / bevor es mir Lyrik losging“, schreibt James Brown in „Tag der Offenen Tür an der Uni“. Für Damien Wilkins, Mitherausgeber von The Best of Best New Zealand Poems ist dieser Satz programmatisch: die Zurückweisung einer Lyrik, die erkennbar Kunstform sein will. Was bei einem fremden Leser an der neuseeländischen Lyrik Anstoß erregt, schreibt Wilkins, „ist das Fehlen eines solchen Bemühens. All unser Bemühen scheint sich auf anderes zu richten. Aber auf was / Darauf, so zu tun, als schrieben wir keine Gedichte“. So werden Geschichten erzählt, die im Parlando daherkommen, Geschichten aus dem Alltag, im Jargon des Alltags, oft mit Selbstironie und understatement. Pathos, mit Ausnahme mancher Maori-Texte, wird weitgehend vermieden. Man nimmt sich zurück. Schicksalsschwere wird gebrochen durch den Blick auf scheinbar Nebensächliches: den Stieglitz bei Katherine Mansfield, die im Ersten Weltkrieg ihren Bruder verlor, bei Marilyn Duckworth die gefaltete Wäsche am Lebensende. Das ist das Prinzip der Short Story, die nun gerade in Neuseeland eine sehr starke Tradition hat und in Katherine Mansfield ihre bedeutendste Vertreterin. So sind zahlreiche neuseeländische Lyriker gleichzeitig Autoren von Kurzgeschichten. – Es ist ein Geist, den Robin Whites unterkühlte Bildkunst exemplarisch trifft: das Beiläufige jener Frau vor ihrem einfachen Holzhaus, die magische Leere einer neuseeländischen Ikone: des Fish and Chips Shops.

Vorwort

 

Sonderheft Neuseeland

Als Reiseziel, das über die Länge von 1.600 Kilometer alle europäischen Landschaftsformen von Norwegen bis Sizilien vereint, ist Neuseeland bekannt. Weniger bekannt ist es in der ausgeprägten Eigenheit seiner Literatur. Das ständig latente Spannungsfeld von europäischer und pazifischer Kultur, von Verlust bzw. der Suche nach Identität, von urbaner Welt im Norden und den leeren Weiten des Südens äußert sich in einer hohen Sensibilität. Die Sichtweise der Autoren jedoch bleibt pragmatisch-realistisch und schafft so Werke von faszinierender Leuchtkraft und Präzision.

MärkischerVerlag Wilhelmshorst, Klappentext, 2014

 

Zwei Blätter stellen Fragen

– Poesiealbum Neuseeland: Ureinwohnerklage, Naturbeschwörung, Modernitätskühle. –

Neu das Abenteuer. Rau die See. Fern das Land. Am Ende dann die Befestigung der Sehnsüchte: Neuseeland! Polynesier und Europäer entdeckten, bevölkerten, besetzten, bebauten einest das gewaltige Terrain am Ende der Welt, und Neu-Gier entfacht bekanntlich aus jedem Ende, wo immer das sich vor Zugriffen versteckt, einen Anfang – vor dem nichts sicher ist.
Das ist meist so kolonial wie kulturvoll, und in der einst landnehmerischen Verquickung von Bereicherung und Verlust, von Gründung und Zerstörung wurzelt auch der Stoff einer geschichtskritischen neuseeländischen Poesie. Uneinwohnerklage. Naturbeschwörung. Modernitätskühle. Volkes Lied. Wonne aus Weite und Wind, aus Lust und Leiden an der Einsamkeit. Einladung an den Kormoranen, sich ein Nest zu bauen „in den stillen Himmeln des Herzens“.
Neuseeland war vor zwei Jahren Gastland der Frankfurter Buchmesse. Das ist Urzeiten her. Im Sande  verlaufen: die Marketing-Welle. Von solchen Wellen aus unzähligen Anlässen werden wir täglich überspült wie von einem Ozean, nur die dazugehörige Tiefe wird nicht erreicht – wir ersaufen trotzdem. Immerhin: So erscheint das Poesiealbum Gedichte aus Neuseeland wie ein Kleinod, überraschend aus dem Nichts leuchtend und daher von schöner Eindringlichkeit. 24 Autoren sind versammelt, 1874 geboren der älteste, 1966 der jüngste.
„Aotearoa“, Land der langen weißen Wolke, nannten die Polynesier das neu entdeckte Gebiet. Zu den frühen Zeugnissen einer schnell sich verbreitenden Wortkultur gehörten Maori-Sprüche wie „die ehrfürchtige Anrufung des Geistes der neuen Erde“, wie es im Vorwort zum Heft heißt. Da ist die Rede auch vom Speziellen der neuseeländischen Poesie: „die Zurückweisung einer Lyrik, die erkennbar Kunstform sein will“. Erzählung also, epische Elemente, mitunter ein beinahe prosaisches Raunen und Singen, als säße der Dichter, obwohl er schreibt, noch immer in lagerfeurigem Rund, als sei Literatur nach wie vor singendes Weitergeben, weitergebendes Singen.
Gedichte über Nachtfalter und Nachtgestalten, über Menschen, die wie Nachfahren Lears erscheinen, der auf der Heide, also erst auf dem nackten Grundboden des Lebens, alle Fülle erschaut. Verse wie Geschichten, die sich herumsprechen. Wie sich die Ohnmacht herumspricht in den Weltkriegen der Naturvernichter.

Ich denke
an das Wort
grün
und fürchte mich

schreibt Glenda Fawkes.
Ein frappierend lakonisches Gedicht über den Tod hat Bill Manhire geschrieben, ein Englisch-Professor, Jahrgang 1946. Es heißt „Das Beispiel des alten Mannes“ und beispielhaft an den Versen ist die Übergangsleichtigkeit, mit der sich Anwesenheit und Auslöschung zueinander verhalten, unaufgeregte Alltäglichkeit und existenzieller Umwurf.

Diese treibenden Blätter zum Beispiel
Die auf meine Schulter klopfen
Komm mit uns, sagen sie
Da sind ein oder zwei Fragen
Die wir dir stellen wollen

Hans-Dieter Schütt, neues deutschland, 5.8.2014

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt
Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
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