Rafael Alberti: An die Malerei

Alberti-An die Malerei

AN DEN SCHATTEN

An dich, zarter, diffuser, schlafloser
Dämmerschein der Farbe, die dir Herberg gewährt,
düster im Blitzstrahl, der bis ans Entsetzen
deine schrankenlose Nacht versehrt.

An dich, der härter je knapper er,
der grausamer je verhüllender;
in deinem eignen Wesen ein ruhiges Schwert,
doch zur Sonne gereckt, ein taumelndes, das verheert.

An dich, in den Körper dringend, der dich
umgrenzt, Tönung des Klanges, der dunkelt mit dir,
Gestalt aus Schwärze, Grenze des Lichts.

Dein Wahn ist ein tagendes Dämmermeer
aus hervortretendem Blau, Grün, Gelb, Schnee und Karmin.
An dich, der Malkunst Luzifer, licht.

 

 

 

Gespräch mit Rafael Alberti

Denis Fernández-Recatala: Leben Sie in der Wirklichkeit?

Rafael Alberti: In der Wirklichkeit, nein. Ich lebe in einer überwiegend von mir selbst erfundenen Wirklichkeit, die in gewisser Weise schädlich, kränklich ist auf Grund dessen, wahrscheinlich, was ich bin, und durch das, was man mir zum Leben gegeben hat. Aber das hindert mich nicht, zu wünschen, daß ich 125 Jahre alt werde. Das wäre doch wundervoll. Und ich weiß nicht, ob ich nicht dazu verurteilt bin. Im Kaukasus soll es ja legendäre Menschen geben, auch in Bulgarien.

Fernández-Recatala: Spanien kennt diese Hundertjährigen-Stämme nicht.

Alberti: Die sind unbekannt im Westen. Sie leben in den Bergen, in gesunden Gegenden, essen Joghurt. Wenn ich mir der Wirkung sicher wäre, würde ich vielleicht in diese Berge ziehen.

Fernández-Recatala: Sie würden es auf sich nehmen und Madrid verlassen?

Alberti: Ja natürlich. Madrid ist sehr ungemütlich geworden. Ich wohne in einem hohen Turm und habe einen herrlichen Blick auf die Stadt, aber wenn ich wieder drei Tage in Madrid bin, weiß ich nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht mehr, wohin ich gehen soll, ich fühle mich allein. Und dennoch, in Madrid kann man an tausenderlei Dingen teilnehmen, an Lesungen, an Konferenzen, an Buchpremieren von Freunden; man wird zu Rundtischgesprächen geladen – das ist wie eine Manie, wo über alles und jedes debattiert wird.

Fernández-Recatala: Und wie war das in den dreißiger Jahren? Da gab es doch anscheinend ein reges kulturelles Leben.

Alberti: Aber keine Rundtischgespräche und nicht diesen Moderator, der eine Menge Unsinn verzapft. Ich weigere mich hinzugehen, so wie ich mich weigere, Poesie zu definieren. Man kann alles und das genaue Gegenteil behaupten, ohne daß man unrecht hat. Ich will damit sagen, dies ganze System ist für mich ein wenig langweilig.

Fernández-Recatala: Haben Sie das Gefühl, abseits zu stehen?

Alberti: Nein, abseits nicht. Ich bin alle Tage, oder fast alle, im Fernsehen. Beinahe täglich werden Artikel über mich geschrieben. Nein, das ist es nicht. Ich kann ja nicht mal an einen Baum pissen, ohne gleich fotografiert zu werden.

Fernández-Recatala: Sie werden als lebende Erinnerung bezeichnet.

Alberti: Wohin ich auch komme, meine Anwesenheit ist angekündigt. Das ist angenehm, aber auch lästig. Man hat doch das Recht auf ein Privatleben. Ich kann nicht ins Theater gehen, ohne daß ich zahllose Autogramme geben muß. Es ist schrecklich. Mir widerfährt, was keinem Dichter zu Lebzeiten widerfährt. Aber mitunter ist das aufreibend.

Fernández-Recatala: Es ist also aufreibend?

Alberti: Es ist aufreibend, berühmt zu sein. Damit können Sie schon drei Bücher schreiben.

Fernández-Recatala: Man hat Sie oft als den Dichter des Exils vorgestellt.

Alberti: Weil ich 39 Jahre außerhalb Spaniens gelebt habe. Ich glaube nicht, daß irgend jemand ein solches Exil zu ertragen hatte.

Fernández-Recatala: Das Exil bildet eine Konstante in Ihrer Lyrik, schon in dem 1924 veröffentlichten Zu Lande, zu Wasser wird es heraufbeschworen.

Alberti: Aber in dem Fall handelte es sich um ein nahes Exil, mitten im eigenen Land. Dann ist es ein Unglück, wenn das Exil über die Grenzen hinausführt und, vor allem, wenn man weiß, daß es keine Rückkehr gibt. Da hat man es mit dem wirklichen Exil zu tun. Wenn Sie ein Land verlassen nach einem Krieg, der eine Million Tote gefordert hat, wenn Ihnen die Regierung, die sich dieses Landes bemächtigte, verbietet, dahin zurückzukehren, wenn 10, 11, 15, 20, 25 Jahre vergehen und Sie spüren, daß Heimkehr unmöglich ist – und wie viele sind nie heimgekehrt –, dann empfinden Sie, was Exil wirklich bedeutet. Ich war 24 Jahre in Argentinien und über 15 Jahre in Italien, ich hatte nie geglaubt, daß ich nicht mehr nach Spanien zurückkönnte. Als Mittdreißiger bin ich gegangen, mit fünfundsiebzig zurückgekehrt. Das ist schrecklich. Selbst wenn man ein Land nur für fünf oder sechs Jahre verläßt, verliert man am Ende die Vorstellung, die man von ihm hatte.

Fernández-Recatala: Wie war die Rückkehr in diesem Fall?

Alberti: Die Rückkehr ist wichtig.

Fernández-Recatala: Die letzten Jahre haben Sie in Italien verbracht?

Alberti: Nach 15 Jahren bin ich in Italien fest verwurzelt, und ich bleibe es. Italien hat mich stark geprägt. Ich habe mich wohl gefühlt, und man hat mich gut behandelt, viel besser als in Argentinien, wo es immer öfter Militärputsche gab. Mein Haus wurde durchsucht und ich aufs Polizeirevier gebracht. Das politische Leben verwandelte sich in einen Franquismus ohne Franco. In Italien dagegen konnte ich eine Malerei entwickeln und meine Arbeiten als Grafiker fortsetzen. In Rom erhielt ich sogar einen ersten Preis für Bleistiche. Ich lebte in der Nähe Spaniens unter Spaniern, die mich besuchten. Trotz des Sprachunterschieds bedrückte mich das Exil weniger. Meine Bücher wurden veröffentlicht, ich hatte Ausstellungen, Lesungen. Und so vergingen 39 Jahre. Als Franco tot und die Amnestie noch nicht verkündet war, blieb ich ein weiteres Jahr im Ausland. Was Italien betrifft, so reise ich sieben- oder achtmal im Jahr dorthin, denn ich habe mein Haus da und alle meine Grafiken werden in Italien und nicht in Spanien hergestellt. Die Rückkehr nach Spanien war also wichtig, sicher, denn ich hatte so darauf gewartet, aber auch lange, sehr lange. Ich bin zurückgekehrt, weil ich nicht anders konnte; ich habe jahrelang nach Spanien geseufzt, nach der Rückkehr. Und zurückgekommen bin ich in ein derart verändertes Spanien, das… Ich konnte nicht allein auf die Straße; die einen beschimpften mich, die anderen, freilich, empfingen mich wunderbar, herzlich. Es war sehr widersprüchlich.

Fernández-Recatala: Man beschimpfte in Ihnen die Politik?

Alberti: Ich war heimgekehrt, um Abgeordneter der Kommunistischen Partei zu werden, obwohl ich nichts von einen politischen Führer an mir habe. Ich bin ein poetischer Führer, ja. Ein politischer Führer hat eine Erziehung, die mir fehlt. Er ist dort, wo etwas passiert. Mich hat das in meiner literarischen Arbeit gestört. Schließlich führte ich einen sehr schönen Wahlkampf, ich trug Gedichte vor, Verse. Ich erhielt einen hohen Stimmenanteil und wurde gewählt, aber nach fünf Monaten bat ich die Partei, meinen Rücktritt zu akzeptieren, und überließ meinen Sitz einem Bauern aus Cádiz. Ich kehrte zurück zu dem, was mein Leben ausmacht. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich im Parlament sitze, ich bin zu ruhelos dafür. Aber durch diesen Wahlkampf konnte ich wieder Kontakt mit dem spanischen Volk knüpfen und mit Andalusien, wo ich kein „Seemann an Land“ bin. Ich bin ein Seemann auf dem Meer von Cádiz.

Fernández-Recatala: Neulich sprachen Sie von Madrid und seiner Atmosphäre.

Alberti: Ja, und ich wiederhole, was ich über Argentinien gesagt habe: Bei meiner Rückkehr war Madrid eine franquistische Stadt ohne Franco. Die Intellektuellen waren in gewisser Weise sehr verbogen, und sie sind es noch und wissen es nicht mal. Die Stadt glich kaum noch der, die ich gekannt hatte. Ich habe an der Verteidigung Madrids teilgenommen, ich bin praktisch während des ganzen Krieges dort gewesen, und ich hatte die Erinnerung an etwas Außergewöhnliches bewahrt, an etwas Heldenhaftes, wenn Sie dieses Wort erlauben. Es hat keinen Sinn zu erläutern, wie gründlich das alles verschwunden ist. Madrid ist gewachsen; es war eine Stadt mit einer Million Einwohner, jetzt hat sie vier Millionen. Die Stadt hat sich auf nicht immer sehr schöne Weise entwickelt; freilich existiert auch noch das alte Madrid, das Bergamin und ich manchmal aufsuchen.

Fernández-Recatala: Und das Kulturleben?

Alberti: Ich nehme wenig daran teil, aber es ist relativ rege, interessant. Selten besuche ich Schriftsteller, ich kenne kaum welche. Früher war ich mehr mit Malern als mit Schriftstellern befreundet: Ich finde sie nicht unterhaltsam.

Fernández-Recatala: Und warum nicht?

Alberti: Weil sie mir sehr gesetzt, brav vorkommen. Ich bin ein dynamischer Mensch und kann in ihnen meine Dynamik nicht wiederfinden. Beispielsweise ging ich um drei Uhr morgens schlafen. Ich fahre durch Spanien und verbreite Lyrik, und nie ist mir ein Schriftsteller begegnet, der das gleiche tat, der versucht hat, bei bestimmten Lesungen mit dem spanischen Publikum Kontakt aufzunehmen. Sie kennen diese Art von Manifestationen nicht. Und ich habe keine Zeit, ihren Versammlungen beizuwohnen, ihren kleinen Abendveranstaltungen. Ich arbeite kaum an ihren Zeitschriften mit, obwohl man mich oft bittet. Ich muß sagen, ich beantworte fast nie die Post, die mir zugeht. Ich habe nicht mehr die Zeit, manchmal nicht einmal dazu, sie zu lesen. Ich setze lieber meine kulturelle Massenarbeit fort, fördere Kontakte aller Art; das ist meine Erfahrung. Ich ziehe es vor zu fliegen, statt im Auto oder im Zug dahinzurollen.

Fernández-Recatala: Und in Argentinien haben Sie genauso gelebt?

Alberti: In Argentinien erlebte ich die schlimmste Periode. Als ich dort ankam – aus Frankreich, wo ich als Rundfunksprecher meinen Unterhalt verdient hatte –, dauerte es keine zwei Jahre, und die Staatsstreiche setzten ein. Das Kulturleben war überaus rege, zumal in der Zeit des zweiten Weltkriegs. Die Spanier gründeten große Verlagshäuser, wie beispielsweise Losada, und mich packte eine wahre Schreibwut.

Fernández-Recatala: Haben Sie damals Borges getroffen?

Alberti: Ganz selten. Borges ist sehr reaktionär, er ist ein guter Schriftsteller, zweifellos, aber damals war er sehr reaktionär.

Fernández-Recatala: Und heute nicht mehr?

Alberti: Nachdem ihm der Cervantes-Preis verliehen wurde, hat er sich verwandelt. Aber er war immer ein Gegner der Spanier und ein Freund der Yankees. In 24 Jahren habe ich ihn höchstens dreimal gesehen, er interessiert mich nicht, auch wenn er der namhafteste Autor der Welt ist. Er hat indes wenig mit der Wirklichkeit zu tun, er ist der Autor der „Phantasien“, der „Fiktionen“. Und er ist von Pinochet geehrt worden .

Fernández-Recatala: Gut, hier könnten wir unterbrechen?

Alberti: Nein, nein, wir können fortfahren.

Fernández-Recatala: In diesem Fall wollen wir auf die Beziehungen zwischen Lyrik und Malerei zu sprechen kommen. Ihr Werk weist zahlreiche Verbindungen zur Malerei auf.

Alberti: Ich bin ein sehr plastischer Dichter, ein sehr visueller. In meiner Dichtung kann man bemerken, daß ich oft über Dinge schreibe, die ich mit eigenen Augen gesehen habe.

Fernández-Recatala: Ich möchte Sie fragen, ob das für Sie ein Mittel ist, die Bilder der Maler anzufechten, wie es der Surrealismus tat?

Alberti: Was den Surrealismus angeht, so neige ich eher zu der Vermutung, daß es genau umgekehrt war. Daß die Maler alles daran setzten, oder es wenigstens versuchten, den Dichtern ihren Bereich streitig zu machen. Die surrealistischen Maler sind sehr literarisch. Sie stellen erfundene Dinge deskriptiv dar, ausgesprochen deskriptiv. Dalí ist ein illustrativer Maler und Masson ebenfalls. Die Literaturgeschichte dient ihnen als Grundlage. Ich glaube, das verlieh der surrealistischen Malerei großen Reiz, aber technisch gesehen war es oft nichts Besonderes. Die surrealistischen Maler haben interessante, neue Anekdoten erfunden und sie entwickelt, aber was die Malerei als solche betrifft… Dalí macht Farbdrucke und ist ein guter Schriftsteller. Damit will ich jedoch auf keinen Fall die surrealistische Malerei verurteilen: Sie war etwas Neues und hatte Vorläufer wie z.B. Hieronymus Bosch. Ich glaube, die meisten surrealistischen Maler haben auch geschrieben.

Fernández-Recatala: Die Dichter haben gezeichnet.

Alberti: Aber nicht gemalt.

Fernández-Recatala: Sie sind Dichter, Maler, Essayist, Dramatiker, Sie haben Erzählungen geschrieben, aber eins haben Sie nicht gemacht: Romane geschrieben.

Alberti: Nein. Ich schrieb meinen Bericht Der verlorene Hain, ein autobiographisches Werk. Vom Umfang – und nicht von der Imagination her – wäre es gerechtfertigt, ihn mit einem Roman zu vergleichen. Tatsächlich habe ich nie versucht, einen Roman zu schreiben, denn ich habe, glaube ich, keine Zeit dazu. Romane sind heute so ungeheuer, daß mir dabei die Augen zufallen. Es gibt einen schrecklichen Roman, in dem ein Mann im ersten Kapitel beginnt, die Treppe hochzusteigen, und im vierten Kapitel ist er immer noch nicht oben, und ich habe nicht die Zeit, ihn zu begleiten. Das ist äußerst langweilig, und es ist nicht zu vergleichen mit Joyce, der eine phänomenale Kultur einfängt.

Fernández-Recatala: Sind Sie der Meinung, daß Poesie ein rascher, eiliger Vorgang ist?

Alberti: Ja, sicher. Eine rasche Geste. Hier, an dieser Tischecke, kann ich auf einem Stück Packpapier das unsterblichste Gedicht verfassen. Man kann sagen, daß der Roman im Widerspruch steht zu diesem schnellebigen Jahrhundert. Er verlangt lange Reifezeit, während die Poesie unruhig ist, heftig sogar. Malraux hatte begriffen, daß die Künste des Jahrhunderts die des Augenblicks seien. In anderthalb Stunden Kino sehen die Leute wozu sonst monatelange Lektüre notwendig ist.

Fernández-Recatala: Heute wollen wir über die 27er Generation sprechen.

Alberti: Ich glaube, unsere Generation, die man 27er Generation oder Gruppe 27 nannte, hätte den Namen „Generation der Republik“ tragen sollen, wie irgend jemand vorschlug; er wäre nicht unzutreffend gewesen, denn diese Generation hatte sich frei entfaltet, sie war liberal und hatte die Kämpfe gegen die Diktatur Prima de Riveras unterstützt.

Fernández-Recatala: Man müßte eine bemerkenswerte Ausnahme erwähnen: Gerardo Diego.

Alberti: Es ist nicht klar, ob Gerardo Diego damals dafür oder dagegen war. Wir waren nicht besessen von politischen Fragen, aber wir – Salinas, Guillén, Federico (García Lorca) – wußten, daß wir gegen die Diktatur waren. Und später, als der Kampf für die Republik einsetzte, waren wir uns einig. Federico war Schüler von Fernando de los Ríos gewesen, dem Erziehungsminister, Mitglied der Sozialistischen Partei und Federicos Lehrer in Granada. Und als die Republik ausgerufen wurde und der Krieg ausbrach, standen wir ihrer Seite. Mitglieder der Gruppe, wie Salinas, hatten öffentliche Ämter. Unsere Generation war nicht die einzige, die die Republik unterstützte; die Mitglieder der „98er Generation“ taten es ebenfalls, auch wenn einige in der Folgezeit eine weniger klare Haltung einnahmen. Anfangs gab es einhellige Unterstützung. Die gesamte spanische Intelligenz widersetzte sich dem Franquismus und schloß sich der Verteidigung der Republik an. Danach lernte diese Generation das Exil kennen, bis auf wenige Ausnahmen. Aleixandre, das kann man, glaube ich, sagen, ist in Spanien geblieben, ohne Franquist zu sein; desgleichen Dámaso Alonso, der keiner bestimmten politischen Richtung angehörte, es sei denn, er wäre Liberaler gewesen, eine Art Freischärler. Was Gerardo Diego betrifft – und das ist vielleicht auf seine jesuitische oder jesuistische Erziehung zurückzuführen –, so war er tatsächlich der einzige Dichter, der Gedichte für Franco schrieb, für die Italiener, eine bestimmte Anzahl Gedichte letztlich, die er später aus seinem Werk entfernte. Gedichte, die wir bedauern. Heute sind wir seine Freunde.
Man muß unbedingt hinzufügen, daß die meisten dieser 27er Generation im Exil starben. Und wenn man die Älteren betrachtet, so ist es ihnen ebenso ergangen, sei es Juan Ramón Jiménez, der große Freund der Republik, sei es Antonio Machado, der nahe einem Konzentrationslager in Collieure starb. Ihr Los ist in gewissem Sinne auch das Federicos gewesen, der in Granada erschossen wurde. Diese Generation oder Generationen traf es hart. In Mexiko ware es León Felipe und Moreno Urilla. Eine lange Liste, wollten wir alle aufführen; sie starben außerhalb Spaniens. Ihre Treue gegenüber Spanien bis zum Schluß, bis zu ihrem Ende kann nicht bezweifelt werden. Heute leben in Spanien nur noch wenige von ihnen. Jorge Guillén ist aus den USA zurückgekehrt und wohnt in Málaga, das er selten verläßt. Er ist 90 Jahre alt. Dámaso Alonso war bis vor kurzem Präsident der Spanischen Akademie. Aleixandre ist noch immer Mitglied und Gerardo Diego ebenfalls. Auch ich sollte Mitglied werden, aber ich habe abgelehnt.·

Fernández-Recatala: Und warum?

Alberti: Ganz einfach, ich fühle mich ganz und gar nicht akademisch.

Fernández-Recatala: Bleiben Sie damit einem Versprechen treu, das Sie sich in jungen Jahren gegeben haben?

Alberti: Ich vergesse nicht, daß die Spanische Akademie 1927, als der 300. Todestag von Góngora feierlich begangen werden sollte – ein Datum übrigens, das eigentlich unserer Generation den Namen gab, denn wir schlossen uns 1927 in Sevilla zusammen –, sich gegen diese Feier aussprach. Daraufhin straften wir die Akademie mit zuweilen argem Spott. Wir schickten eine Espartograskrone (Esparto fressen die Esel!) an Astrana Marín, den entschiedensten Gegner Góngoras.

Fernández-Recatala: Astrana Marín war Anhänger Quevedos?

Alberti: Ja, ja. Aber Anhänger eines Quevedo nach seiner eigenen Fasson, entsprechend einer großen Konzeption. Er gehörte zu denen, die ungeheuer viel über ein bestimmtes Sujet wissen. Er wußte, wann Quevedo uriniert hatte. Er war einer von diesen bemerkenswerten Gelehrten, zu bemerkenswert. Eines Tages nun, wir hatten beschlossen, das Wasser zu halten, gingen wir zur Akademie und pinkelten in aller Öffentlichkeit gegen deren Mauer. Als ich 1977 nach Spanien zurückkehrte, trug mir die Akademie die Mitgliedschaft an. Dámaso Alonso telefonierte deshalb mit mir. Ich antwortete ihm scherzhaft, ich sei noch derselbe wie 1927. Ich habe nichts gegen die Akademie; freilich, ich kann sie nicht ausstehen; jedenfalls hat sie sich anscheinend nicht gerade erneuert. Sie fährt in den alten Gleisen, und ihr gehören viele Leute an, die ich nicht mag. Also, nein.

Fernández-Recatala: Aber Sie haben nichts dagegen, Doktor h.c. zu sein?

Alberti: Das ist eine große Ehre für mich und zugleich eine Art Strafe.

Alberti erinnert sich an seine Lesungen mit Nurcia Espert. An die Reisen, die ihn von London nach Managua, von Sevilla nach Italien führen.

In die Schweiz auch und nach Holland. Dreihundert Lesungen im Jahr. Die letzte hielt ich zum Gedenken an Miguel Hernández, der vor vierzig Jahren im Gefängnis von Alicante starb. Überallhin ruft man uns, aber nie begegne ich einem Akademiemitglied. Diese Lesungen sind Volksfeste, und zwar politische, wenn ich es recht bedenke. Sogar politische Gegner sind anwesend. Ich verwirkliche auf diese Weise eine Art Kultur-Einheitsfront.

Fernández-Recatala: Es wäre schön, wenn Sie von García Lorca erzählten. Sie sind beide aus Andalusien. García Lorca wird als der Dichter aus Granada bezeichnet, er war der Zigeunerdichter, und Sie nennen ihn manchmal Gaditano, den Dichter aus Cádiz. Wie sind Sie ihm begegnet?

Alberti: Ich war Maler, ich glaubte nicht, daß ich zum Schreiben berufen sei. Im Jesuitenkolleg habe ich nur wenig studiert, nur was mich interessierte: Geographie, spanische Geschichte und, etwas wißbegieriger, Latein; Arithmetik und Literatur mochte ich überhaupt nicht. Oft ging ich, statt ins Kolleg, an den Strand und zeichnete Schiffe, Landschaften; ich kopierte die Werbeplakate der Transatlantik-Gesellschaft. Auf den Gedanken, Schriftsteller zu werden, kam ich nicht. Dann ging ich nach Madrid, um Maler zu werden. Im Museum malte und zeichnete ich Kopien, im Casón, wo sich künftig Guernica befindet, und im Prado. Mein Leben verlief zwischen den Museen, der frischen Luft und der Real Academia de San Fernando, wo ich Privatstudent war. Ich gestaltete eine Ausstellung und war zu einem sehr anschaulichen avantgardistischen Maler geworden, etwas Seltenes damals. Ein befreundeter Maler, Gregorio Prieto, der auch mit Federico befreundet war, stellte mich diesem vor. Federico wohnte im Studentenheim, zusammen mit Dalí, mit dem ihn enge Freundschaft verband. Von da an waren wir zusammen. Ich begann zu schreiben. Mir wurde klar, daß die Malerei mich nicht befriedigte. Federico war vier Jahre älter als ich. Ich widmete ihm ein Gedicht, das später in Zu Lande, zu Wasser aufgenommen wurde und aus vier Sonetten besteht: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Manchmal sahen wir uns nicht. Federico hatte einen großen Freundeskreis. Er strahlte eine außergewöhnliche Sympathie aus. Er rezitierte seine Gedichte hervorragend. Wie gesagt, besuchte ich oft auch das Studentenheim, wo ich Pedro Salinas begegnete, Altolaguirre und JuanRamón Jiménez, der ehemals dort gewohnt hatte. Das Haus war voller Maler und Dichter. Das waren schöne Jahre. So wuchs meine Freundschaft mit García Lorca. Jeden Sommer verbrachte er in Granada. Ich kann sagen, García Lorca arbeitete den Sommer über sehr hart. Im Winter in Madrid hatte er so viele Freunde, daß er sich seiner Arbeit nicht voll widmen konnte. Die Familie besaß, und besitzt noch, einen Garten am Rande Granadas. Da sich die Stadt inzwischen ausgedehnt hat, liegt er jetzt mittendrin. Federico lud mich stets nach Granada ein, damit wir den Sommer über zusammen arbeiten könnten. Ich versprach ihm, zu kommen, doch als der Krieg ausbrach, war ich noch nie in Granada gewesen. 1936 war es in Madrid bereits, wie soll ich sagen, sehr unruhig. Mehrere politische Verbrechen waren verübt worden, und Federico, der den Tod fürchtete, der, wie sein ganzes Werk bezeugt, in steter Angst vor ihm lebte, Federico dachte, in Granada könne ihm nichts geschehen. Und gerade weil er den Tod floh, fand er ihn in seinem Granada. Vor kurzem bin ich das erste Mal dort gewesen.

Fernández-Recatala: Was Sie in Ihrem Gedicht „Ich bin nie in Granada gewesen“ sagen, ist Wirklichkeit?

Alberti: Freilich ist es wahr. Das ist keine Literatur. „Ich bin nie in Granada gewesen“ schrieb ich in Argentinien, im Exil, lange bevor ich mich erinnerte, daß er mich etliche Male dorthin eingeladen hatte. Ich bin hingereist, aber erst vor einem Jahr. Dort bat ich einen Freund, mit mir im Auto den Weg zu fahren, den Lorca ging, ehe er erschossen wurde. Traurigkeit überkam mich. Es war viel gebaut worden. Früher, ich sage früher, war hier ein hübscher Weg, eingerahmt von Olivenhainen und Bäumen, sehr einsam, er führte von Granada zu einem Ort namens Colonia. Dort stellte man die Leute zum Erschießen auf. Federico hat da anscheinend eine ganze Nacht zugebracht. Eine Stelle nennt sich Viznar. Das ist arabisch und heißt Tränenquelle. An dieser Stelle, ein wenig seitlich, zwischen den Oliven, ist er vermutlich getötet worden. Jetzt soll der Platz unter Denkmalschutz gestellt werden. Eine Mauer wird errichtet, um die das Wasser fließt. Man hat mich gebeten, etwas zu schreiben. Ich habe vorgeschlagen, Verse von Federico abzubilden, die man in den äußeren Beckenrand meißeln könnte, so wie die arabischen Dichter es auf den Mauern der Alhambra machten. Für mich, der ich ihm schon soviel gehuldigt habe, ist das die beste Huldigung an ihn. In Spanien sagt man, Dichter kommen paarweise wie die Toreros! Pedro Salinas und Jorge Guillén. Vicente Aleixandre und Luis Cernuda, Altolaguirre und Prat, und García Lorca und Alberti. So kapriziös diese Verbindungen scheinen mochten, sie waren es nicht. Ich fühle mich an Federicos Namen gebunden, fest gebunden.

Fernández-Recatala: Der Spanienkrieg begann mit dem Tod Federicos und endete mit dem Machados.

Alberti: Ja, das stimmt. Machado starb einige Tage, bevor er die französische Grenze überschreiten sollte, in dem Hotel, wo er mit seiner schon dreiundachtzigjährigen Mutter untergekommen war. Die Mutter starb zwei Tage nach ihrem Sohn. Sie wurden gemeinsam begraben. Einige von uns meinen, Machados Körper müsse bleiben, wo er ist, in dieser Erde, die ihn empfing und wo Machade seine wahre Universalität fand.

Fernández-Recatala: Die französischen und die spanischen Surrealisten unterscheiden sich grundlegend voneinander. Worauf ist das Ihrer Meinung nach zurückzuführen?

Alberti: Ganz sicher. Ich glaube nicht, daß Breton, von einem orthodoxen Standpunkt aus, den erstbesten als spanischen Surrealisten anerkannt hätte. Diese Bezeichnung wurde einigen unter uns im nachhinein gegeben. Wir kannten die Bewegung; wir hatten Verbindung zu ihr. Nicht zuletzt durch Buñuel, wir bekamen Zeitschriften, Cernuda übertrug einige Gedichte von Paul Eluard für Litoral, unsere von Altolaguirre gegründete Zeitschrift. Aber der spanische Surrealismus ist eher eine Poesie mit surrealistischer Atmosphäre.

Fernández-Recatala: Aragon hat Ende der zwanziger Jahre in Madrid einen Vortrag über den Surrealismus gehalten. Sie haben ihn bei dieser Gelegenheit kennengelernt?

Alberti: Nein, obwohl ich die Vorträge im Studentenheim regelmäßig besuchte, war ich damals nicht zugegen. Ich weiß nicht mehr, ob ich Pariser Landleben gelesen hatte. Vielleicht war Aragon etwas spät gekommen. Beinahe im Moment seiner Trennung von der Gruppe, in dem Moment, da er sich stärker der Politik zuwandte.

Fernández-Recatala: Unter welchen Umständen sind Sie ihm begegnet?

Alberti: Zum erstenmal 1932 in Moskau. Er war mit Elsa Triolet dort. Wir wohnten in demselben Hotel, und eines Nachmittags, es schneite fürchterlich, sind wir zu Lili Brik, Elsas Schwester und Majakowskis großer Liebe, gegangen. Er und Ossip Brik, Lilis Mann, schätzten sich als echte Freunde. Ich kam in die Sowjetunion, nachdem Majakowski etwa zwei Jahre zuvor Selbstmord begangen hatte. Die Wirkung, die dieses Ereignis gehabt hatte, blieb latent bestehen; man redete viel darüber. Im Haus von Lili Brik, das auch seins gewesen war, war die Erinnerung an ihn noch immer lebendig. An dem Tag waren Freunde da, Dichter, unter ihnen Kirsanow, Pasternak. Und an jenem Tag in jenem Haus, im Haus von Majakowski und Brik, traf ich auch Aragon zum ersten Mal. Wir wurden Freunde, enge Freunde. Er war gekommen, um Commune zu gründen, und ich arbeitete mit. Aragon übertrug meine Gedichte. 1934 nahmen wir gemeinsam mit Malraux am sowjetischen Schriftstellerkongreß teil. Er stand immer in der ersten Reihe, obwohl er kein Kommunist war oder weil er keiner war. Aus politischen Gründen hat die Sowjetunion seine Person übermäßig gewürdigt. Als ich nach Frankreich kam, war Aragon sanft und freundlich, herzlich, wie er zu Neruda gewesen ist. Neruda, der nach dem Spanienkrieg – ich hielt mich gerade in Frankreich auf – 3.000 Facharbeiter und spanische Fischer aus Konzentrationslagern rettete, indem er ihren Transport mit der Winnipeg organisierte, dem Schiff, das er zu diesem Zweck vorbereitet hatte. Diese spanischen Fischer halfen mit, die chilenische Fischerei zu begründen. Dann kam es zum deutsch-sowjetischen Pakt. Aragon leitete den Ce Soir. Er war so diszipliniert, wie man es in solchen Momenten sein konnte. Der Pakt war überraschend zustande gekommen, und Aragon hatte ihn in einem seiner Artikel verteidigt. Sein Leben, verständlich, daß sogar sein Leben bedroht war. Damals gewährte ihm Neruda Asyl in der chilenischen Botschaft. Wir holten Aragon im Auto ab und brachten ihn in die Botschaft. Aragon ist so sehr Schriftsteller, ein Schriftsteller, der soviel geschrieben hat, daß er in der Botschaft die Arbeit an ich weiß nicht welchem Roman fortsetzte, vielleicht der Reisenden der Oberklasse. Als wir in der Botschaft ankamen, holte Aragon aus seiner Aktenmappe ein Manuskript, und an einer Ecke des Tisches schrieb er weiter. Er blieb ein paar Tage, bis sich alles beruhigt hatte, und ging dann nach Hause, in die Rue de la Sourdière. Damals verhinderte Neruda, daß er gelyncht wurde.

Fernández-Recatala: Aragon begab sich am Anfang des Krieges nach Spanien?

Alberti: Ja, 1936, kurz vor Beginn der Verteidigung von Madrid. Er bot der Allianz antifaschistischer Intellektueller eine Art Lastwagen an, der für die Kulturpropaganda genutzt werden sollte. Am Kongreß antifaschistischer Schriftsteller in Valencia nahm er nicht teil. Aber seine Treue gegenüber Spanien geriet nie ins Wanken, Er war unserer Sache stets verbunden. In Barcelona sah ich ihn zum letzten Mal. Er kam mir ein wenig zerstreut vor, gealtert, aber immer geistvoll und irgendwie liebenswürdig, lustig, zum Spaß aufgelegt. Das ist das letzte Bild, das ich von ihm habe, denn ich sah ihn nicht mehr wieder.

Aus dem Französischen von Christel Dobenecker

Sinn und Form, Heft 5, September/Oktober 1984

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
Nachrufe auf Rafael Alberti: Der Spiegel ✝ 
Berliner Zeitung ✝ Tagesspiegel


Rafael Alberti und Paco Ibáñez lesen und singen A galopar im Theater Alcalá von Madrid im Mai 1991.

 

RAFAEL ALBERTI – Ein Dichter seiner Zeit, Teil 1/2.

 

RAFAEL ALBERTI – Ein Dichter seiner Zeit, Teil 2/2.

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