Rainer Malkowski: Was auch immer geschieht

Malkowski-Was auch immer geschieht

ZUKUNFT, IN DER VERGANGENHEITSFORM

Am Anfang war die Zukunft übersichtlich:
eine Schulglocke, eine aufgerissene Tür,
die lange, gerade Straße in der Sonne.

Eine Weile war die Zukunft ein Befehl.
Sie stand im Heft mit roter Tinte.

Eine Weile war sie ein gezücktes Schwert.

Eine Weile trug die Zukunft bunte Spangen
und hing am seidenen Haar.

Eine Weile war die Zukunft
ein leuchtendes Buch, ein Umsturz,
eine rettende Formel.

Später
verlor sie sich im Dunkel.

 

 

Misch dich nicht ein, / sage ich mir. / Was auch immer geschieht: / es gibt nichts / zu behüten.
Nicht die sich nächtlicherweise meldende Stimme, die einem anderen gilt, ist zu behüten. Nicht der rote Klappstuhl am Brunnen oder der beängstigende Ruf von irgendwoher, aus einer der tieferliegenden Gassen. Misch dich nicht ein. Was auch immer geschieht. Was könnte geschehen? Der verrückte, verrückte Sekundenzeiger – mittags im Süden auf einem Dorfplatz, ein Rolladen aus Blech vor dem einzigen Geschäft; ein roter Klappstuhl neben dem Brunnen, ein Ruf aus einer der tieferliegenden Gassen, und der Sekundenzeiger rast wie verrückt. Was könnte geschehen, beim Blick „auf die sinnlich erfahrbare Welt“, die sich – sie, die lebendige – für einen Augenblick als nature morte wahrnehmen läßt, die Melancholie verströmt, das Drama ahnen läßt, doch nicht freigibt; es sei denn in der angedeuteten und dem Leser anempfohlenen Reflexion. Nichts ist so still, wie es der Anschein eines Stillebens erweckt. Nach dem heiteren Getuschel der Blätter im Juniregen setzt „die Stille danach mit der Gewalt eines Schlags ein“.
„Zu den Meistern der ruhigen verhaltenen Sprache“ gehöre Malkowski; er spreche „aus der poetischen Selbstverständlichkeit heraus“ – dies trifft auch auf diese neuen Gedichte zu, in denen die „ Geschichte“ weitergegeben wird.

Die Geschichte, die ich bin −

aus der ich zitiere,
niemals genau.

In der du vorkommst,
zusammen mit Herbstlaub,
zerschossenen Häusern,
den Sternen

die aufgehört zu sein,
mit dem Verlust
meines Gedächtnisses.

Was auch immer geschieht. Selbst dann ist noch Ruhe und Gelassenheit zu bewahren, wenn es um das Erdenken einer letzten Zukunftsstation geht: Auf weißen Papierpfaden / bin ich unterwegs. / Die flüchtige Silbe da vorn: / ein täuschend / menschenähnlicher Laut.
Und die Liebe? Als ob ein Stern fällt / in einen schwarzen Fluß. Geräuschlos? Und schon verschlungen? Es gibt nichts zu behüten. Was auch immer geschieht.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1986

 

Rainer Malkowski: Was immer auch geschieht

Lyrik, wie sie Malkowski schreibt, kann man am besten als „minor poetry“ bezeichnen. Der Begriff sagt nichts über die Qualität aus, sondern alles über den Inhalt, die Thematik der Gedichte. In ihnen wird nicht eine poetische Gegenwelt entworfen, drückt sich nicht eine originelle Weltdeutung aus, sie haben nicht einmal den Anspruch einer Gesellschaftsbezogenheit. Sie enthalten kleine Einsichten, aus kleinen Erfahrungen gewonnen; Selbstbeobachtungen und Wahrnehmungen menschlicher Alltagsszenen. Die Grundstimmung, die den Ton der meist kurzen Gedichte bestimmt, ist der Schmerz um die Beiläufigkeit aller Dinge, die Unverbundenheit aller Erscheinungen. Eine Reisetasche, die im Wohnzimmer steht ohne daß der Dichter vorhat zu verreisen, führt ihn zur Erkenntnis, daß er sich ständig wehrt „gegen die Versuchung, zu glauben, / ich sei / schon angekommen – (…) von der Zukunft nichts anderes / zu erhoffen / als die schmerzlose / Fortdauer /der Gegenwart“. In einem Frühlingsgedicht, in dem sein Gesicht sich der ersten Sonnenwärme hingibt, irritieren den Dichter die Amseln, „die unverwandt / im vorjährigen Laub / wühlenden Amseln“. Die Doppeldeutigkeit des Wortes „unverwandt“ erklärt das Bild: die Beziehung zur Vergangenheit ist nicht nur fragwürdig, sie ist überhaupt keine, denn das Gedächtnis wird nur von beiläufigen Einzelheiten belastet. So stehen auch einige Liebesgedichte im Zeichen der Distanz, der Entfremdung. Wenig Mut, wenig Hoffnung spricht aus dieser Lyrik:

AUCH DARUM

Damit die Fünf oder Sechs,
denen an uns liegt,
nicht sehen, wie wir verzagen.

Damit Sorge getragen wird
wenigstens für ihren allernötigsten
Vorrat an Mut

auch darum
dürfen wir nicht aufgeben.

Schön sind einige längere Gedichte, in denen Menschen porträtiert werden: ein altes Ehepaar in der Wartehalle eines Flughafens, oder die redselige Witwe eines berühmten Mannes. Nicht in der beschränkten Thematik, sondern in der Schärfe der Bilder, in der einfach-genauen Sprache steckt die Qualität dieser Lyrik. Mit dem Fehlen der Leidenschaft, des Glaubens und der Idee bleibt auch das große, verführende Wort aus. Es ist eine schüchterne Lyrik, in der man sich selbst ohne Überraschung wiedererkennen kann. Eine Anzahl von Gedichten bleibt im schüchternen Ansatz stecken, wie „Melodie im Kopf“, oder „Liebe“, das aus nur zwei Zeilen besteht:

Als ob ein Stern fällt
in einen schwarzen Fluß

Das ist doch wirklich zu wenig; eine strengere Selbstkritik hätte einen schmaleren, aber niveauhaltigeren Band ergeben. Wenn aber jene Schüchternheit sich mit Verwunderung paart, entstehen Gedichte, die an die Lyrik Kunerts erinnern, wie „Schön zu sehen“, oder „Zunehmendes Licht“:

Eben noch Nacht.
Die Bäume im Park
eine undeutliche Masse.
Nun hervortretend
als Pinie, Zeder, Steineiche.
Später, in einem Brief,
werde ich schreiben:
ich war heute Zeuge
der täglichen Erschaffung
der Welt.

Die Kunst der freien Form ist eine Kunst an sich. Celan und Bobrowski z.B. waren Meister in der rhythmisch oder inhaltlich sinnvollen Verteilung der Wörter über die Zeilen. Bei Lyrikern wie Malkowski frage ich mich manchmal: warum so und nicht anders. So drückt sich vielleicht auch in der Form das Beiläufigkeitsbewußtsein aus, als sei auch das Gedicht der Unverbundenheit der Erscheinungen ausgeliefert. In dem Sinne also wirklich „minor poetry“. Wohl kein Zufall, daß eins der schönen Porträts das eines Dichters ist, der sich an die eignen Gedichte kaum noch erinnert, nur noch im Garten arbeitet, und den Amseln zuschaut.

C.O. Jellema, Deutsche Bücher, Heft 3, 1986

Aushalten „die Geschichte, die ich bin“

Der in Brannenburg lebende Rainer Malkowski hat seinen fünften Gedichtband veröffentlicht. Die Titelzeile Was auch immer geschieht bekennt Gefaßtheit gegenüber den Ereignissen, die uns treffen, geschehen, fordern. „Was auch geschieht“, sang Ingeborg Bachmann mit poetischem Pathos, „die verheerte Welt / sinkt in die Dämmerung zurück.“ Bei Rainer Malkowski heißt es unpathetisch abwehrend:

Misch dich nicht ein
sage ich mir.
Was auch immer geschieht
es gibt nichts
zu behüten.

Der da spricht, kennt Orte, Zeiten, unser tägliches Mißverhältnis, Erfahrungen intensiver Gegenwart, Augenblicke des Glücks. Er behauptet „im Jahrzehnt vor der Genmanipulation“ seine „letztwillige Verfügung“, daß „Fühlen und Sehen“ eines Menschen nicht austauschbar sind. Mit sanfter Ironie notiert der Sprecher seine „Freiheiten“. Dazu gehört „die Aufgabe falscher Freunde“, aber auch „die Treue zu einer Arbeit, / nach der niemand fragt.“
Da schaut einer dem alten Sieger ins Gesicht, dem Tod, der uns zusieht, nicht fragt:

Er, der Geduldige, der es leicht hat.

Das Adverb „leicht“ liest der Leser auf der ersten und der letzten Seite. Zu den „Freiheiten“ des frei Werdenden gehören „Erdberührungen, leichthin, / im Gehen.“
Malkowskis Verse argumentieren nur selten. Sie notieren Befindlichkeiten. Sie üben Gelassenheit. Sie kommen aus dem Schweigen. Dramatisches verbergend schreiben sie vom „zunehmenden Licht“ im Dunkel. Ein tapferer Sprecher, der diese „Geschichte, die ich bin“ aushält.

Paul Konrad Kurz, Bayerischer Rundfunk, 31.12.1986

 

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