ZYNISMUS, DER DU DAS PFLASTER
auf den Wunden verfaulen läßt,
um deine widersprüchlichen,
mißverstandenen Spiegel
nicht zu sehen,
du, der du im Dunkeln wohnst,
die Sinnflut erwartend
und das Kreuz deiner Sicherheit
kreuzt so beständig deinen Weg,
den du hättest einschlagen können,
hättest du dich nicht erwartet.
Wird es nicht Zeit, dich endlich
selbst auf den Arm zu nehmen?
Um den äußeren und inneren Bedrängnissen zu entkommen, die ihr Leben kennzeichnen und brandmarken, sucht Raja Lubinetzki beharrlich nach dem befreienden Wort. Verse, die dem entsprechen sollen, was sie unmittelbar betrifft und empfindet auf der Suche, dafür die nur ihr eigene Sprache zu finden. Sprache, die sich den Konventionen verweigern will, mit ihnen bricht und sich doch zugleich ihrer bedienen muß.
Ein wahrhaft zerreißender Prozeß, der dieses Gedichte kennzeichnet und ihre widersetzliche poetische Brisanz ausmacht, die zu überraschenden Wort- und Versbildungen führt, wie sie schockierende Abstürze dabei in Kauf nimmt, sie geradezu vor unseren Augen in Szene setzt.
Raja Lubinetzkis Verse eines wie sich fortschreibenden Tagebuchs entziehen sich oft landläufiger Logik wohlkalkulierter Lyrik, sie erhalten aber durch diesen waghalsigen Umgang mit der Sprache – paradox – ihren poetischen Sinn für eine zwiespältige Wirklichkeit, die uns so noch nicht offenbart wurde.
Unerhörte Verse als Befreiungsversuche eines verstörten Lebens „fremd im eigenen Land“ –
wer nicht leidet, liebt nicht,
und wer nicht liebt, lacht nicht…
Klappentext, 2001
− „Ein Tag ein Funke“: Zu den Gedichten Raja Lubinetzkis. −
„Das Hauptproblem des 20. Jahrhunderts ist die Trennung der Menschen nach ihrer Hautfarbe.“ Als W.E.B. DuBois diesen Satz seines für die afro-amerikanische Bürgerbewegung grundlegenden Prosawerkes The Souls of Black Folk formulierte, das 1903 erschien, ahnte er womöglich, dass er auch im darauf folgenden Jahrhundert kaum an Gültigkeit verlieren würde. Der Zwiespalt, in dem sich DuBois befand – in Amerika und mit der amerikanischen Kultur aufgewachsen zu sein und zugleich aufgrund seiner Hautfarbe das Stigma des Fremden von der Gesellschaft aufgedrückt zu bekommen – existiert für viele Menschen noch immer, und das nicht nur in den Vereinigten Staaten.
So beschreibt sich die 1962 als Tochter einer deutschen Mutter und eines afrikanischen Vaters in Sachsen-Anhalt geborenen Lyrikerin Raja Lubinetzki in ihrem Gedicht Also sprach Mulatto als „Stiefkind des Blues / wie klassischer Hymnen / eisbeinfressend so deutsch / weißer Mutter verleugneter Rassenkomplex / wie Vaters plötzlich vergessne Zunft“. Ein Gutteil ihrer Texte sind denn auch Annäherungen an „das Zentrum / dieses traurigen Konflikts / zwischen Schwarz und Weiß“. Doch selbst die Gedichte, die sich nicht vordergründig mit dieser Thematik befassen, sind geprägt von innerer Zerrissenheit, vom oft genannten aufgewühlten „Ich“, das die Autorin umkreist.
Das Problem einer solchen intimen Lyrik ist es, den offensichtlich stark erfahrenen, schmerzvollen Konflikt so zu gestalten, dass er sich auch dem Leser mitteilt. Wie ist das anzustellen? Sicherlich weniger mit reflektierenden Passagen wie „Seltsam, dass gerade ich in der deutschen Sprache / stehe, grad ich, die alles andere als deutsch / zu sein sich bekennt. / So kranke ich als deutsche Existenz vor meinem Recht / undeutsch sein zu müssen“. Eher mit einem Satz, der sich im Anschluss an diese Zeilen findet und unmittelbar, weil lyrisch, beeindrucken kann: „Meine Jugend ist ein durchbrochner Mund.“ Solche Formulierungen wünscht man sich häufiger. Allzu oft wird der Konflikt mit entleerten Begriffen wie „Herz“, „Seele“, „Leiden“ und „Schmerz“ nur bis zur Unkenntlichkeit etikettiert, statt dass ihm Ausdruck verliehen würde.
Lubinetzkis Technik besteht dabei – neben dem Veräußern des Inneren und dem gleichzeitigen Verinnerlichen der äußeren Welt („Auf dem Weg / zum Stimmhaus / verhallen die Schritte“) – aus einem Spielen und Gegeneinander-Ausspielen von Stilen und Tonlagen, in denen einige Jahrhunderte deutschsprachiger Dichtungstradition anklingen. Storms Lied des Harfenmädchens („morgen ja morgen“) meint man ebenso herauszuhören wie die frühexpressionistische Lyrik eines Stramm („Mit dir Todschwarz / Träne heult Verlustangst“). Äußerst sentimentale, fast süßliche Verse treffen auf einen expressiv-zertrümmernden Duktus, archaisch anmutende Wendungen wie „verschmähtes Begehr“ auf Alltagssprachliches – gerne auch mit Fäkaleinschlag – und gewagte Neologismen wie „verlangwütend“, „Pisswehmütchen“ oder das schöne „ringsummer“. Nicht selten bewegt sich ein Gedicht von einer ersten Strophe, die mit Wendungen à la „endlich weinst du unter deinem Schweigen“ und „wie sollt ich Mohnlippen küssen“ schon fast hemmungslos nah am Kitsch ist, über einen gelungenen, ganz eigenen Mittelteil zum derb-furiosen Schluss mit „geschissenen Händen“ und einem „blühenden Kassettenhaftschädel“ – eine Mischung, die am besten mit Zeilen von Lubinetzki selbst zu beschreiben ist: „Ein Rehkitz schlägt dem Panther / die Zähne in den Nacken“.
Dieses Spiel gelingt nicht immer. Wenn aber doch, so macht man gerne mit und verzeiht alle „Silberblicke“, alle Genitivmetaphern, in denen Abstraktes mit Konkretem gekreuzt wird und das „Schiff der Fantasie“ zwangsläufig leckschlägt. In ihren besten Gedichten findet Raja Lubinetzki mit einer Spur Selbstironie, mit sprachlicher Finesse und gelungenen Bildern zu einer ganz eigenen lyrischen Sprache, und heraus kommen Texte wie Augustens kalter Sommer: „Augustens kalter Sommer hat den Kühlschrank satt. / Hat ihn satt, das weiß er pur. // Rot fallen den Türen die Gesichter aus der Angel. / Hände verblättern den weißen Atem der Bücher. // Erinnerungen schlafen in metallnen Särgen. / Dschungel sind gespannt wie die Erde in Lust. // Der Wind hält seine Finger in Blumenköpfe. / Träume vibrieren im leeren, im gähnenden Briefkasten. // Ein Mensch, streng wie beißender Tau am Morgen, / reißt sich endlich die Haare von der Stirn“.
Jan Wagner, Frankfurter Rundschau, 28.4.2001
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