Ralph Dutli: Nichts als Wunder

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Ralph Dutli: Nichts als Wunder

Dutli-Nichts als Wunder

DER ALLERÄRMSTE ORT

nachdem sie aufgrund einer tragischen Entscheidungskonstellation 1939 aus ihrem Pariser Exil ins stalinistische Sowjetrußland zurückgekehrt war, geriet Marina Zwetajewa einmal in eine Schriftstellerrunde, in der gefordert wurde, Poeme auf die Herstellung von synthetischem Kautschuk zu verfassen (eine stramm gehätschelte fixe Idee der damaligen Sowjetindustrie). Zwetajewa notierte dazu:

Mir scheint, Kautschuk braucht man nicht in Poemen, sondern in Fabriken. In der Lyrik braucht man nur Dinge, die niemand braucht. Es ist der allerärmste Ort in der ganzen Welt. Und dieser Ort ist heilig.

Doppelter Mut: zur Heiligkeit und zur Nutzlosigkeit, zu den Dingen, die „niemand braucht“. Wenn dir die Heiligsprechung der Poesie nicht geheuer ist, begnüg dich mit dem andern unheiligen Teil, dem allerärmsten Ort aus Nichts und Kargheit.

 

 

 

Inhalt

I
AUF DEM WASSER GEHEN

– Küsse und Kugeln (Louize Labé)
– Der Kannibale der Liebe (George Herbert und John Donne)
– Sänger im Wolfspelz (Peire Vidal)
– Ein Lied aus reinem Nichts (Guilhem IX.)
– Wie viele Wahrheiten? (François Villon)
– Delirierend und hellsichtig (Robert Desnos)
– Auf dem Wasser gehen (Paul Verlaine)

II
GOLDENER TAUBENSCHLAG DER ZEIT

– Der Himmel kalbt (Sergej Jessenin)
– Überfahrt nach Mexiko (Wladimir Majakowskij)
– Bittere Geographie (Anna Achmatowa)
– Was braucht es für ein Wunder? (Joseph Brodsky, I)
– Das Schicksal ist ein großer Affe (Alexander Puschkin)
– Geh nicht aus dem Zimmer! (Joseph Brodsky, II)
– Goldener Taubenschlag der Zeit (Russische Dichter in Venedig)

III
DIE FLIEGE IM BERNSTEIN

Lyrikübertragung als magischer Akt: Eine kleine Poetik

– Mich fahren Fremde
Magie, Wärme, Eros: das Unbekannte (Ossip Mandelstam)

– Kabel und Klagen
Das Gedicht im Exil, die Vorsilbe der Distanz (Marina Zwetajewa)

– Der Reim ist der Reiz
Ein Uhrwerk und Abbild des Exils: Lob des unreinen Reims (Joseph Brodsky)

– Laute lenken, Laute denken
Rosa Lehm: Jerusalem, sonores Sälmchen und Solominka, Leben und Lallen

– Der Laut bricht den Kokon
Über die Seele des Schmetterlings, die Erotik des Nüdelchens und den Meister der Laute (Kaiser Hadrians Sterbegedicht)

IV
DER ALLERÄRMSTE ORT:
50 Stufen (auf & ab) zur Poesie

Der allerärmste Ort – Seliges sinnloses Wort – Der Angstsinn – Anachronisten – Selig, mächtig – Anti-Utopie: Lachen, Poesie – Witz und Metapher – Unzähmbar – Schamlose Kunst – Verteidigung des Individuellen – Glückseligkeit, Utopia – Verlieren, gewinnen – Wahre Gedichte fliehen – Wozu warum? – Anti-Börse – Durchtriebene Ohnmacht – Möglichkeit – Heilkraft – Zwillingstürme – Trübe Tagesschau – Katastrophisch – Poesie muß nicht – Energiequelle – Wunsch und Weg – Defekt, Respekt – Bonsai-Schamane – Hellseherische Botschaften – Komik – Droge – Rausch – Weinbau, Poesie – Voll vom Gott – So viel geschneit – Das Leben stirbt nicht – Friedhof Montparnasse – Goldstück – Bitterer Luxus – Gedichte, Gerichte – Libelle – Untertreibung – Umsonst – Brüchige Epiphanien – Früheres Flüstern – Magischer Tod – Schlafender Dieb – Wenn er träumt – Etikett, Identität – Trennung – Das Andere – Ein Wort nur

Was Poesie vermag,

was sie kann und will, und vielleicht auch soll – dieser Frage geht Ralph Dutli in seinen Essays mit Intuition und Gespür, mit dem Wissen des Lyrikers, Gedichtübersetzers und Poesie-Kenners nach. Ob es um die provenzalischen Troubadours geht, eine französische Renaissance-Lyrikerin, die englischen „Metaphysical poets“, die Surrealisten oder die russischen Dichter der Moderne – immer steht der magische Akt der Poesie im Mittelpunkt, das Sprache gewordene Wunder.
Ein „Poesie-Tagebuch“ mit dem Titel „Der allerärmste Ort“ versammelt Fundstücke, Reflexionen, Einkreisungen der Poesie, die sich immer wieder dem rationalen Zugriff entzieht. „Wahre Gedichte fliehen“, schrieb die amerikanische Dichterin Emily Dickinson. Ein Buch der Bewegung, der ungewohnten Blicke, der Entdeckungen – der Wunder!

Ammann Verlag, Klappentext, 2007

 

Denn auch der übersetzte Vers will Ewigkeit

– Ein Meister der Übertragung im Labor der Poesie: In seinen Essays streift Ralph Dutli mit Mandelstam und Jessenin durch Stalins Sowjetunion und mit Brodsky durchs alte Rom. –

Ralph Dutli ist ein reicher Mann. Der Schweizer Lyriker und Lyrikübersetzer aus dem Russischen, Französischen, Englischen, Altprovenzalischen und Lateinischen weiß, wie ein Paradox, die Umarmung eines Reims, eine Lautassoziation die Gefängnismauern von Diktaturen, die Grenzen der Vereinsamung oder soziale Zwänge überwinden und durchdringen können. Mit der Feinsteuerung seiner philologischen Beschlagenheit und dichterischen Intuition bereist Dutli die stalinistische Sowjetunion, das Okzitanien der Troubadours, das spätrömische Reich, und er scheint sich, zumindest wortschöpferisch, überall zu Hause zu fühlen.
Als poetischen Schamanismus bezeichnet der Sprachzauberer seine Verwandlungs- und Anverwandlungsfähigkeit. Doch im Gegensatz zum echten Schamanen führt Dutli gern Besucher durch seine Werkstatt. Unter der Beschwörungsformel Nichts als Wunder hat der Amman-Verlag soeben einen Sammelband von Dutlis Essays und Notizen zur Poesie mitsamt vielfältigen Textproben herausgebracht. Als Wortkunstreisebegleiter hilft dieses Buch, ferne Quellen der Inspiration anzuzapfen.
Für Dutli spendet der Eros auch Gedichten das Leben. Programmatisch beginnt der Autor seine Blütenlese mit dem Kuss-Sonett Nummer 18 der französischen Lyrikerin Louize Labé (1525 bis 1566). Das orale Liebes-Pingpongspiel, das sich im Original anmutig ins strenge Verskorsett schmiegt, wird in Dutlis deutscher Nachdichtung unweigerlich schwerfälliger, germanisch überexplizit und quillt aus dem Reimschema. Das kann man natürlich allenfalls zu kleinen Teilen dem Übersetzer ankreiden. An anderer Stelle entschuldigt sich Dutli regelrecht für die karge Reimpalette seiner Muttersprache, die auch den Vergleich mit dem Russischen nicht aushält. Der Essayist hilft dem Lyrikleser durch seine Analyse der Verse und der erotischen Biochemie überhaupt. Als Dichter-Dolmetscher beruft Dutli das französische Kleinod, wie auch den Liebeshymnus des religiösen Ekstatikers George Herbert, zu Kronzeugen für sein Credo, alle Lyrik brauche Grenzüberschreitung und sinnliche Lust.
Das ästhetische Vergnügen trägt Dutli auch durch die Höllenkreise des Totalitarismus. Einfühlsam und analytisch erschließt er die Denkwelt des russischen Dorfdichters Sergej Jessenin, der sich an der Revolution entzündete und verbrannte. Jessenin, der in die Großstadt gespülte Chthoniker, kleidet seine apokalyptischen Visionen in Bildfetzen von Birkenharztränen und Roggenfeldflammen. Die Konvulsionen der Historie, so zeigt Dutli mit ergreifenden Textbeispielen, wirkten auf diesen russischen Antäus wie das Naturereignis einer kalbenden Kuh.
Anna Achmatowa, die moderne Klassizistin, würdigt das Säuberungsjahr 1937 mit einem Katalog-Gedicht über GULag-Geographie. Straflager-Ortsnamen wie Jenissejsk, Irgis, Ischim knüpfen eine poetische Reiseroute in jene Unterwelt, in der bald darauf Achmatowas großer Kollege Mandelstam zugrunde ging – als Strafe für sein Stalin-Schmähgedicht. Den Tausende Quadratkilometer messenden Menschenverdauungstrakt möbliert die Dichterin mit „fauligen Pritschen, Seuchengestank“. Das „goldene“ Venedig hingegen, dessen Verherrlichung in der russischen Lyrik Dutli ein eigenes Kapitel widmet, wurde von Achmatowa auch für eine Enge und Schwüle gepriesen, die nicht beengt und drückt.
Von Joseph Brodsky, dem weltliterarischen Enzyklopädisten, kann man mit Dutli lernen, in feindlicher Umwelt autark zu werden. Brodskys Gesellschaftsboykottaufruf „Geh nicht aus dem Zimmer“, seine Weihnachtshommagen an die Kleinstfamilie, vom Autor sensibel übertragen und kommentiert, erinnern auch daran, dass die wichtigen Dinge eigentlich keinen Platz brauchen.
Die Dichtung ist für Dutli das gelobte Land. In einem Bukett aus fünfzig sie umkreisenden Sentenzen, die den Autor als poesiesüchtig ausweisen, singt er das Loblied ihres Daseins, das frei von Zwecken und Autoritäten ist. Sein sprachmusikalisches Gehör erlaubt ihm kühne deutsche Variationen des berückenden kurzen Sterbegedichts von Kaiser Hadrian. Hadrians „kleine Seele“ (animula), die beim Abschied starr und nackt (rigida nudula) ward, wird in Dutlis Schamanenlabor zum Schmetterling, der ja für die Alten die Seele symbolisierte. Ihre „Nacktheit“ in der zärtlichen Verkleinerungsform verwandelt sich per Lautassoziation zum „Nüdelchen“.
Auch der Übersetzungsmeisterkoch, so zeigt der Rundgang durch Dutlis Gourmetparadies, darf und muss experimentieren. Die Vollwertlebensmittel freilich, die er braucht, wachsen nur außerhalb der Orangerie.

Kerstin Holm, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.2007

 

Hinweise vom Autor zu diesem Buch.

 

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2006 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für Ralph Dutli mit der Laudatio von Jochen-Ulrich Peters, der Dankrede von Ralph Dutli und dem Urkundentext.

Preis der LiteraTour Nord 2014 für Ralph Dutli mit der Laudatio von Martin Rector und der Dankrede von Ralph Dutli.

Erich Fried Preis 2018. Dankesrede von Ralph Dutli: Poesie, eine Verwandte des Exils.

Fakten und Vermutungen zum Autor
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Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne Schleyer +
Autorenarchiv Isolde Ohlbaum

 

Ralph Dutli liest aus dem Buch Fatrasien.

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