Ralph Dutli: Zu Anna Achmatowas Gedicht „Ein wenig Geographie“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Anna Achmatowas Gedicht „Ein wenig Geographie“ erschienen in Ulrich Schmidt (Hrsg.): Sternensalz. –

 

 

 

ANNA ACHMATOWA

Ein wenig Geographie
Für O. M.

Nicht als Hauptstadt, europäisches Ziel
voller Schönheit von erstem Rang –
als Jenissejsk, als gräßliches Exil,
als Etappe nach Tschita, und dann
nach Ischim, zum Irgis-Fluß, vertrocknet,
zum berühmten Atbassar geht der Weg,
als Transit zur Stadt „Freiheit“, verlockend,
vom Seuchengestank fauliger Pritschen umweht
erschien mir heute die Stadt im Lichte
dieser blauen Mitternacht vor der Tür –
Sie, besungen vom Ersten der Dichter
und uns andern, von mir und von dir.

 

Bittere Geographie

– Höllenorte und eine ungenannt bleibende Stadt: Anna Achmatowas Gedicht „Ein wenig Geographie“. –

Keiner hat die Wirkung geographischer Namen, ihre magische Macht über uns und unser Verlangen nach der Ferne so beharrlich erkundet wie Marcel Proust in Die Suche nach der verlorenen Zeit, im dritten Teil von „Unterwegs zu Swann“, der den Namen und Orten gewidmet ist.

Ich brauchte, um sie ins Leben zu rufen, nur die Namen auszusprechen: Balbec, Venedig, Florenz, in denen das Verlangen nach den durch sie bezeichneten Orten im voraus aufgespeichert lag. (…) Sie gaben mir von gewissen Stätten der Erde eine übersteigerte Vorstellung, indem sie sie einzigartiger und folglich wirklicher machten.

Es gibt im Werk der russischen Lyrikerin Anna Achmatowa (1889 bis 1966), der Autorin von Requiem und Poem ohne Held, ein kurzes Gedicht aus dem Jahr 1937, das sich von geographischen Namen nährt, von scheinbar lockenden Namen voll östlicher Exotik: Jenissejsk, Tschita, Ischim, Irgis, Atbassar. Schöne Reiseziele müßiger Touristen? Wer kennt sie wohl, diese Namen? Und kann man das Gedicht verstehen, wenn man nicht weiß, was sie bedeuten? Das Gedicht ist zu Lebzeiten Achmatowas unveröffentlicht geblieben. Es war in sowjetischen Zeiten vor Gorbatschows Glasnost ganz und gar undenkbar, daß es in Rußland je gedruckt würde.
Schon das Entstehungsjahr 1937 muß den Leser warnen. Es konnte für die russische Dichterin keine Zeit touristischer Eskapaden sein. Das Jahr 1937 liegt unheilvoll eingebettet in die Jahre der Stalinschen „Tschistka“, der großen Säuberungen von 1936 bis 1938, mit ihren Schauprozessen, dem Terror, den Verhaftungs- und Deportationswellen. Im Jahr 1935 war Anna Achmatowas Sohn, Lew Gumiljow, zum erstenmal verhaftet worden (sein Vater, der Dichter Nikolaj Gumiljow, wurde schon 1921 als angeblicher Konterrevolutionär in Petrograd erschossen). Um die unbotmäßige Dichterin tief zu treffen, verschickte man ihren Sohn mehrmals, hielt ihn nach den Verhaftungen von 1938 und 1948 jahrelang im Gulag fest.
Auch die Widmung „Für O. M.“ kann nichts touristisch Heiteres verheißen. Gemeint war Ossip Mandelstam, der 1935 bis 1937 in Woronesch seine Verbannungszeit absaß und im Jahr darauf in einem Transitlager bei Wladiwostok umkommen sollte – als einer von vielen, die in der eisigen Hölle des Gulag verschwanden. Er mußte sein Gedicht gegen Stalin vom November 1933, in dem der Diktator als „Seelenverderber“ entlarvt wurde, mit dem Leben bezahlen.
Die erwähnten geographischen Namen bezeichnen Deportationsziele, Schreckensinseln in jener „Welt außerhalb der Welt“, die Alexander Solschenizyn vierzig Jahre später in seinem Buch Der Archipel Gulag (1973) der Weltöffentlichkeit enthüllen sollte. Alle Namen verweisen auf Orte, in deren Nähe sich Straflager befanden. Ein wenig Geographie: Jenissejsk, eine westsibirische Stadt unweit von Krasnojarsk, eintausendfünfhundert Kilometer hinter dem Ural am Fluß Jenissej gelegen, der für Ossip Mandelstam schon 1931 im Gedicht „Für den pochenden Mut einer künftigen Zeit“ die sibirische Nacht bedeutet hatte: „Hin zum Fluß Jenissej führ mich weg, in die Nacht“. Tschita ist eine Gebietshauptstadt hinter dem Baikal-See, am Zusammenfluß von Tschita und Ingoda. Ischim ist eine Stadt am gleichnamigen Fluß, einem Nebenfluß des Irtysch, der durch die Steppen Kasachstans fließt. Der Irgis fließt in den Ural-Fluß; das Straflager befand sich bei der gleichnamigen Stadt. Atbassar liegt im Gebiet von Akmolinsk in Kasachstan, und „berühmt“ war es aus denselben traurigen Gründen wie die vorgenannten Namen. Der zynische Höhepunkt in der Liste klingender Städte- oder Flußnamen ist die Stadt Swobodnyj – im Russischen heißt das „frei“, also „Freie Stadt“ –, die bis 1924 Aleksejewsk hieß und bald zum Administrationszentrum der Straflager des fernöstlichen Amur-Gebietes wurde. Der Inbegriff der Unfreiheit wurde von der Stadt „Freiheit“ aus verwaltet.
Der ganze Benennungszauber, die Fülle wohlklingender geographischer Namen für Orte, wo Menschen gequält wurden, wird kontrastiert durch das in diesem politischen Gedicht Ungenannte. Ungenannt bleibt die Stadt, in der die Dichterin lebte und 1937 das Gedicht schrieb. Es ist die Stadt mit den vielen Namen, den wechselnden Namen: Sankt Petersburg, Petrograd, Leningrad, die inoffiziellen wie „Venedig des Nordens“ und „Fenster nach Europa“ gehören ebenfalls dazu. Seitdem sie von Peter dem Großen zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit wahnwitzigem Aufwand und ungezählten Menschenopfern aus den Newa-Sümpfen hervorgepreßt wurde, beschäftigte sie immer wieder die Dichterköpfe. Puschkin, Gogol, Dostojewskij verherrlichten, phantasierten, dämonisierten sie, und die russischen Symbolisten, etwa Andrej Belyj in seinem Roman Petersburg (1912/1916), steigerten die Vorstellung von Dämonie und fataler Herrlichkeit noch.
Hier nun, im Gedicht der Achmatowa, hat sie ihren Namen verloren, und damit ihre Identität. Sie ist einzig Anknüpfungspunkt für die Assoziation mit sibirischen Höllenorten, die das Gedicht überwuchern. Sie ist 1937 nur noch der anonyme Ausgangspunkt für die Reisen im Viehwagen in die sibirische Nacht, nur noch Etappe auf dem Weg in den Gulag. Petersburg gibt es nicht mehr, oder: Es liegt in Sibirien. Die von französischen und italienischen Architekten mit Bauwerken geschmückte Stadt Petersburg, einst Inbegriff der Begegnung Rußlands mit europäischer Kultur, ist eine Stadt des Exils, der Verbannung, der Deportation wie so viele andere. Auch die in ihr versammelte Schönheit hat damit ihren Glanz verloren. Anna Achmatowa weigert sich, weiter am Nimbus dieser Stadt mitzuwirken, getreu ihrem politisch motivierten Vierzeiler aus den dreißiger Jahren:

Eine Prophetin – ich? Das kann nicht stimmen.
Mein Leben ist hell wie die Flüsse.
Ich weigere mich schlicht zu singen
Zum Geklirr von Gefängnisschlüsseln.

Ungenannt bleibt die Stadt, ungenannt alles, was die russische Kultur verkörpert: Der „Erste der Dichter“ ist zweifellos Alexander Puschkin, der mit seinem Verspoem „Der eherne Reiter“ (1833) der Petersburger Stadtdichtung ihren ersten Höhepunkt schenkte. Ungenannt, durch Initialen und Pronomen ersetzt, bleiben auch die anderen Verkörperungen russischer Kultur, die Dichterin selbst und das Du, das sie anspricht im letzten Vers und das in der Widmung nur in den Initialen o. M. aufgetaucht war. Ossip Mandelstam: seit seinen „Petersburger Strophen“ im Gedichtband Der Stein (1913), seit seiner Erinnerungsprosa „Das Rauschen der Zeit“ (1925) und der phantastisch-bizarren Prosa „Die ägyptische Briefmarke“ (1928) ebenfalls ein Petersburger Dichter par excellence. Auch er bleibt ungenannt, muß ungenannt bleiben: Der Name eines Verfemten, eines „Klassenfeindes“ und „Volksfeindes“ hätte 1937 ohnehin nicht mehr erklingen dürfen, mußte totgeschwiegen werden. Achmatowa nennt ihn in ihrem über Jahrzehnte verborgen gebliebenen Gedicht trotzdem, wenn auch gebrochen in den Initialen, im angesprochenen Du. Er ist der ungenannt bleibende Dichter einer namenlos gewordenen, von sibirischen Namen überwucherten Stadt. „Ein wenig Geographie“: ein bescheidener Titel für ein kurzes, hartes, bitteres Stück russischer Poesie des 20. Jahrhunderts.

Ralph Dutli, aus Ralph Dutli: Nichts als Wunder, Ammann Verlag, 2007

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