Ralph Dutli: Zu Ossip Mandelstams Gedicht „Kalt strömen Lyren, überviel –…“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Ossip Mandelstams Gedicht „Kalt strömen Lyren, überviel –…“ erschienen in Ralph Dutli: Mandelstam, Heidelberg. –

 

 

 

 

OSSIP MANDELSTAM

Kalt strömen Lyren, überviel –
Was für ein Herbst, der nun verklingt!
Wie süß und unaushaltbar singt
Sein Klerus, goldnes Saitenspiel!

Er singt in Kirchen, auf Emporen
Und klösterlichem Spätgeläut,
Der Asche in die Urnen streut
Versiegelt Wein in den Amphoren.

Zur Ruhe kommt jetzt das Gefäß,
Schon ausgefällt liegt nun die Neige,
Das Geistige, dem Blick sich zeigend,
Macht Linien leben lichtgemäß.

Schon frisch gebunden sind die Ähren,
Sie liegen eng in gleichen Reihn;
Und schmale Finger zittern fein,
Als ob auch sie gepresst bald wären.

 

Gedichte aus Heidelberg

Noch nie hat ein Herbst so viel Musik gemacht. Kirche, Kloster und sakrale Musik bilden hier den Vorrat an Bildern und Vergleichen. Durch die Präsenz der Lyra, oder im Plural: der Lyren, wird die Verwandtschaftsbeziehung von Musik und Poesie schon im ersten Vers unterstrichen. Goldene Saiten, Gesang von Chören, stille Pracht – und doch liegt ein Vorgefühl des Endes in den Strophen. Der Herbst verklingt, streut Asche in die Urnen und verschließt den abgefüllten Wein.
In einem Gedicht des Bandes Tristia von April 1916 („O diese Luft, berauscht von Wirren“) auf die Kirchen des Moskauer Kreml – aus dem Umkreis der Marina Zwetajewa gewidmeten Gedichte, die dem jungen Dichter die Schönheit der orthodoxen Kirchenformen offenbart hatte – wird noch einmal der Vergleich einer Kirche mit einer Weinamphore auftauchen:

In tief verschlossenen Kathedralen
Wo Kühle herrscht und Dunkelheit
Wie in Amphoren, tönern-zarten
Prickelt herb der Russenwein.
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Als Kontrast zu den Bildern von Kirchenmusik und herbstlicher Natur erscheinen am Schluss einmal mehr menschliche Finger, deren Sprache den jungen Mandelstam in mehreren Gedichten beschäftigt. Ein beunruhigendes Bild: Geschnittene und gebundene Ähren liegen auf dem Feld – wie die Finger einer Hand. Ernte und Tod greifen ineinander, Ascheurnen und Weinamphoren bezeichnen verwandte Gefäße.

Ralph Dutli, aus Ralph Dutli: Mandelstam, Heidelberg, Gedichte und Briefe 1909–1910, Wallstein Verlag, 2016

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