Reiner Kunze: auf eigene hoffnung & eines jeden einziges leben

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Reiner Kunze: auf eigene hoffnung & eines jeden einziges leben

Kunze-auf eigene hoffnung & eines jeden einziges leben

BEIM AUSPACKEN DER MITGEBRACHTEN BÜCHER
(nach übersiedlung von der Deutschen Demokratischen Republik in die Bundesrepublik Deutschland)

1
Hier dürfen sie existieren
unter ihrem namen
aaaMandelstam Nadeshda
aaaSolschenizyn

Den undurchsichten klebestreifen
von ihren rücken entfernend, entferne ich von meinem

den unsichtbaren sträflingsstreifen

2
Hier dürfen sie
existieren

Noch

 

 

auf eigene hoffnung

ist der erste Gedichtband, den Reiner Kunze 1981, vier Jahre nach seiner Ausreise aus der DDR, im Westen veröffentlichte. Hier spricht einer, der „des fahnenhissens“ müde geworden ist und sich Orientierung verschaffen muß in einem neuen Land, das er auch als sein Land erkennt. Da verschafft sich einer Gehör, der das Gewicht der Verse genau prüft, auf die Verläßlichkeit der Poesie vertrauend. Ein Vertrauen, das sich jenseits aller ideologischen Verzerrungen auf die eigene Wahrnehmung gründet. Nachdrücklich belegen auch die Gedichte des 1986 publizierten Bandes eines jeden einziges leben des Dichters Aufmerksamkeit für den einzelnen Menschen. Diese Gedichte sind ein Bekenntnis zum Leben und zu seinem Recht auf Entfaltung. Beide Bände ermöglichen einen eindrucksvollen Blick auf Kunzes zarte und behutsame Lyrik.
Auf einer CD-Hörprobe liest Reiner Kunze ausgewählte Gedichte aus dem vorliegenden Band.

Fischer Taschenbuch Verlag & der hörverlag, Klappentext, 2000

 

Wahrheit und Bitternis

– Laudatio für Reiner Kunze anläßlich seiner Ernennung zum Ehrenmitglied im Collegium Europaeum Jenense am 3.6.1992. –

Das Wort als Nahrung des Widerstands, geistigen, moralischen, politischen Widerstrebens, das Wort, das Gewissen weckt oder wachhält, wird in Zeiten quälender Wahrheitsentbehrung unverzichtbar, ist hochbegehrt, wird geschmuggelt, heimlich verschafft, weitergereicht. Dergleichen ist ein Stück unserer Erfahrung, unserer Geschichte, und eben dies war das Schicksal von Reiner Kunzes dichterischem Wort: Sein Wort ging ein in den Gedankenhaushalt hiesiger Menschen, hielt viele von ihnen bei Kräften, hinderte sie am Aufgeben, linderte ihren Schmerz, machte sie bereit zur Empörung, bestätigte sie in ihrer Abkehr, bestärkte sie in ihrer Beharrlichkeit, zerstörte Zustimmung, war ein Antitoxin in einer mit Toxinen übersättigten verdorbenen Atmosphäre. Reiner Kunzes Wort, lakonisch, pointiert, genau, ein geglückter Versuch, dem Ernst einer belastenden aussichtslosen Lage gerecht zu werden und lähmende Dunkelheit dennoch aufzuhellen – als Wegzeichen aufgerichtet in einem Areal der Leugnung und des furchtsamen Verstummens. Dieses Wort, hierzulande ein insgeheim weitergegebenes, gedämpft gesprochenes, vielleicht sogar weitergeflüstertes, abgeschriebenes, wahrhaftiges Wort, das Helligkeit über die Sache hinaus verbreitete, die es mit seinem Licht traf, als Leistung der subversiven, entlarvenden, schneidenden Gedankenkraft in einer Zeit arroganter politischer Einschüchterung der ausdrücklich Andersdenkenden.
Kaum ein Dichter jener von verbaler Entstellung und Unwahrheit verdüsterten Zeit hat so konsequent darauf hingearbeitet, Wahrheitsspuren mit seinen Texten zu setzen und ihre Unverlierbarkeit durch aphoristische Prägnanz und Kürze zu sichern. Beziehungsvoller Lakonismus und sparsamste, dennoch blitzende Metaphorik, ein nahezu asketischer Umgang mit der Sprache – unvergeßbar dieser in die Trauer hineinreichende entschlossene Ernst, fast einzige Waffe gegen die alltägliche kleine und große Barbarei einer Diktatur.
In Reiner Kunzes Werk ist nichts Zerstreuendes und Zerstreutes, hier ist alles Konzentration, als ginge es um die Bündelung der Kräfte der Schwachen, der Mundtoten oder die Erweckung der mundtot Gemachten, Totgeschwiegenen zum Wort. Kunzes Wort ließ sich rasch zueigen machen, und in wenigen Augenblicken mündlich weitergeben, seine entlarvende blitzende Vergegenwärtigungskraft sorgte auch für die Bewahrung im Gedächtnis. „Kurzer Lehrgang“ war so etwas zum Merken und Weitersagen.

Dialektik
Unwissende, damit ihr
unwissend bleibt
werden wir euch
schulen.

Oder „Ethik“:

Im mittelpunkt steht
der mensch
Nicht
der einzelne

Pointen-Geschenke mit verlockender Zitierbarkeit, ohne sententiös zu wirken – wann hatten wir dergleichen schon in deutscher Dichtung bei solch hochgradiger Appetenz bedürftiger Hörer und Leser? Für viele hierzulande sind Kunzes Dichtungen ein Stück Lebensgeschichte geworden, so wie sie als kostbarer Besitz galten, literarisch faszinierend in ihrer Dichte und aufleuchtenden Evidenz.
Es war um 1970 ein verbreitetes Tun, Kunzegedichte in Empfang zu nehmen, sie abzuschreiben und weiterzugeben. Ich brauchte nicht lange nachzudenken, wo ich solche Blätter, leider nicht sehr viele, liegen hatte, nämlich in Schubfächern, wo jemand, der vielleicht einmal aus welchen Gründen auch immer – man rechnete ja durchaus damit – suchen würde, sie nicht gleich fand, dennoch griffbereit. Es waren Blätter, handgeschrieben oder getippt, Durchschläge und Originale, manches doppelt vielleicht hatte man sie noch weiterreichen wollen, oder man hatte sie als Reserve zurückbehalten, Gedichte also, die damals kursierten, unter den ersten, die ich erhielt, „Kurzer Lehrgang“, aus dem ich gerade zitierte, daneben auch „Die Antenne“:

1
Sie abzusägen, drohte
die straße

Die antenne fIüchtete
unter den first, hier

zeigte auf sie
das haus

Die antenne flüchtete
ins zimmer, hier

zeigten auf sie
die wände

Die antenne flüchtete
in den kopf, er

bot sicherheit

2
Vorerst

Die Antenne, fast bedarf es heute schon der Erläuterung, verschaffte jahrzehntelang jene Dosis Wahrheit, mit deren Hilfe kritische Abständigkeit und Verhinderung unbedenklicher politischer Zustimmung gewahrt wurden. Die gehässigen Treibjagden der sechziger Jahre auf „falsch orientierte“ Antennen blieben ohne Erfolg, Rundfunk- und Fernsehantennen hielten den Zugang nach Europa für Bewohner des Landes der öffentlichen Lüge frei. Oder:

AM BRIEFKASTEN

Die marke steht kopf
Der kopf steht kopf

Aus versehen
Aus versehen?

_ _

Am besten
ein neuer umschlag

Man klebte die Briefmarke mit Ulbricht gern verkehrt herum, wenn man ihn schon gelegentlich in der Dauerserie nicht umgehen konnte – ein anscheinend winziges Signal politischer Abneigung. Welch Ausmaß von Einschüchterung, darin schon ein Wagnis zu empfinden, so als ob man sich damit riskant enttarnte, – man tat es ja auch, so daß im letzten Augenblick, am Briefkasten, zu erwägen war, ob man nicht doch zuviel riskierte und damit sicherheitspolitische Aufmerksamkeit erregte. Erschreckende Ausmaße von Befürchtung, Einschüchterung, Verstellung, sich verbergen, nicht offenbaren, sich tarnen, in die ehrenrührige Anonymie zurückziehen, die auch dem Denunzianten dient, welche Demütigung: letztlich die Akzeptanz der Verschleierung… Oder:

RÜCKKEHR AUS PRAG
Dresden frühjahr 1968

Eine lehre liegt mir auf der zunge, doch
zwischen den zähnen sucht der zoll

Zum Glück suchten die professionellen Schnüffler nur allzu oft an Stellen, wo sich das Gesuchte nicht befand, sie erkannten das Gesuchte nicht. „Das Ende der Kunst“ war ferner unter meinen Blättern und „Von der Notwendigkeit der Zensur“, auch „DEUTSCHLAND DEUTSCHLAND (für Alexander Solschenizyn)“ – Blätter, die ich hüten werde, die ich behutsam entfaltete, als ich sie fand, Texte, von denen ich damals selbst Abschriften machte und weitergab, darunter Blätter, die ich dazumal – um 1970 – aus der Hand ungarischer Studenten erhalten hatte, – so groß konnte immerhin das Vertrauen zwischen Studenten und Lehrer sein, obwohl man ja wußte, hier droht Gefahr, und dies ist gedanklicher Sprengstoff. Es war, aus dem Lyrikfeuer der frühen 60er Jahre heraus in Schwung gehalten, eine gute Zeit der Empfänglichkeit für Gedichte, das dichterische Wort wurde gebraucht, es gab einen Sog, es wurde behütet, notiert, es war Gegenstand der Bewahrung, aber auch der Recherche, der detektivischen Verfolgung, der Erfassung und des lauernden Mißtrauens. Die diese Texte weitergaben, spürten: hier ging es um die Verteidigung des Poetischen schlechthin mitten in restriktiver, öder Alltäglichkeit als Element des Menschlichen und des Lebendigseins, in das freilich Wahrhaftigkeit, gerechtes, hartes, vernichtendes Urteil über politisches Elend eingeschlossen ist. Aber indem Reiner Kunze das Poetische als Prinzip, auch dessen, der es erlebt, schützte, hatte er für das Individuum und seine unantastbare, zu achtende Sensibilität plädiert. Weil dies zugleich ein Plädoyer für Menschenwürde und Gerechtigkeit bedeutete, war die störende politische Brisanz gegeben, damit zugleich die potentielle Gefährlichkeit eines abweichlerischen Anspruchs gegenüber der normierten Kollektivität und erzwungenen politischen Zustimmung.
Das Wort, das mitten im Schweigen steht, das dem Schweigen gewidmete Wort – und zugleich das Wort, das Schweigen, erzwungenes, quälendes, bricht. Man vergleiche diese zwei Dimensionen des Schweigens: In Goethes „Wanderers Nachtlied“ – „Die Vögelein schweigen im Walde“ – das kreatürliche still- und stumm-Werden in abendlicher Ruhe und Friedlichkeit und das gestattete Schweigen – wie ein Erbarmen – in Reiner Kunzes Gedicht „Einladung zu einer Tasse Jasmintee“:

Treten Sie ein, legen Sie Ihre
traurigkeit ab, hier
dürfen Sie schweigen.

Nicht mehr zum Reden genötigt sein, so daß die Erlaubnis zum Schweigen wie eine Gnade, ein Schweige-Asyl anmutet, läßt die schlimme Art abgenötigter Rede und Antwort vermuten. Oder hätte der zum Schweigen Gekommene Schlimmstes zu sagen gehabt, so daß die Freiheit des Verschweigens, die man ihm ausdrücklich gestattet, statt in ihn zu dringen, in der Voraussicht, er möchte sich nicht noch einmal erinnern müssen, ihm als Akt der Menschlichkeit gewährt wird? Der Blick ist auf eine Welt gerichtet, wo schon Schweigen dürfen Traurigkeit beenden kann und Sprechenmüssen Trauer erzeugt. Dieses Gedicht steht als Wortwerk vom Schweigen umgeben, so wie es das Schweigen in sich trägt. Rundum sprachlose Räume, die sich auftun – an einem Ort, wo jedes Sprechen fast ein Verbrechen ist, nicht nur, weil es vielleicht ein Schweigen über Unrecht einschließt, sondern weil ihm die Wahrheit verwehrt ist oder weil es jederzeit zum Straftatbestand werden kann. „Wälder wälder, auszuschweigen / das wort“ heißt es in „Erinnerung an Greiz“ – und es ist der Ausdruck der Landschaft, vogtländischer, thüringischer und vor allem in den sechziger Jahren böhmischer Landschaft, die Bedeutung und Maßstab erweckt, somit die Findung des erlösenden Wortes für Totgeschwiegenes in Aussicht stellt. Wo wäre in deutscher Literatur beziehungsvolleres Schweigen gegenwärtig – als Möglichkeit bedeutungsvoller menschlicher Begegnung? Das vom Schweigen und Verschweigen umstellte Wort, das als Punkt ein Netz der Denkbarkeiten aufstrahlen läßt, verschafft Erlösung und Genugtuung wie kaum eine andere Erscheinung in Zeiten der Verhinderung ehrlicher, kritischer Öffentlichkeit.
Das Wort und sein Autor, beide waren des Leidensweges teilhaftig, der suspekter kritischer Eigenwilligkeit im Denken und Sprechen damals hierzulande zugedacht war, und der 1977, ein Jahr nach dem Erscheinen des Buches Die wunderbaren Jahre und mit der abgenötigten Aussiedlung noch keineswegs zu Ende war – noch nicht einmal im Jahre 1991. Ein Lebensweg, der schon vor 1968, vor der Invasion in die Tschechoslowakei und der Strangulierung des Prager Frühlings, erst recht aber danach ein Leidensweg war, aus der Sympathie eines schwer Verwundeten für das tschechische und slowakische Volk, dem die Gedichtsammlung Sensible Wege gewidmet ist. Es ist ein beklemmender Gedanke, der hier und jetzt besonders schwer wiegt, in dieser Aula der Friedrich-Schiller-Universität, die ihren Namenspatron immerhin in einer Zeit, nämlich 1934, unter Umständen und aus Absichten zugedacht bekam, die heute erst recht wieder nachdenklich stimmen sollten, – es ist, will ich sagen, ein besonders schwerwiegender und peinigender Gedanke, daß Menschen, die an dieser Hochschule tätig waren, politische Verdammungsurteile über Autoren und ihre Texte, auch über Gedichte Reiner Kunzes und Die wunderbaren Jahre äußerten und dem damaligen Ministerium für Staatssicherheit als Gutachter mit Datum und Unterschrift übermittelten, Menschen, die somit wissentlich und willentlich dazu beitrugen, den Leidensdruck gegen einen Dichter in jener über Jahre geübten Zermürbungstaktik bis an die Erträglichkeitsgrenze und bis zu einem Zerrüttungsgrad zu steigern, den die Staatssicherheit für sogenannte Feinde des Staates und des Sozialismus wie Reiner Kunze vorsah, welche sie nicht hinter Schloß und Riegel zu bringen gedachte oder wagte. Im makabren Jargon der Staatssicherheit hieß dieser Vorgang „Zersetzung“. Im verlagsinternen Sprachgebrauch der DDR wurde die gemäßigtere Form, Autoren zu zermürben, euphemistisch als „Ermüdung“ bezeichnet, eine zuweilen auf Dauer höchst wirksame Form der psychischen Zerstörung zur Verhinderung von unerwünschter, suspekter, der Subversion verdächtigter Literatur. Dichter, Schriftsteller zum Schweigen zu bringen, ihr Schweigen zu garantieren, ihre Kreativität durch Entmutigung zu paralysieren, läßt die Frage nach der auf solche Weise verhinderten Literatur stellen. In diesem würdelosen Spiel hatte die Literaturwissenschaft der DDR neben den Lektoraten der Verlage eine wichtige Stopperfunktion. Kaum je dürften wir wohl erfahren, wie groß die Zahl der verhinderten literarischen Werke und der zurückgewiesenen, ermüdeten Autoren war, die sich nicht bereit erklärten, auf Kompromißzumutungen einzugehen.
Wir sind uns des Unrechts, das sich neben uns vollzog und das wir – wenn wir es schon zuweilen vermuteten oder sogar bemerkten, dennoch nicht zu verhindern wußten, somit durch Inkaufnahme in allzu vielen Fällen billigten – wir sind uns des Unrechts wie unserer Inkaufnahme mit Trauer und Scham bewußt, wir wollen und können unseren Verzicht auf heftigen Protest – Verzicht aus Bequemlichkeit, Ängstlichkeit, Müdigkeit – nicht leugnen, und dieses unser Eingestehen sollte nicht als Versuch mißverstanden werden, uns Absolution oder Amnestie, die es nicht geben kann, zu erwirken. Doch glauben wir, dennoch berechtigt zu sein, Sie, hochverehrter Reiner Kunze, für Unrecht, das von dieser  Universität gegen Sie gezielt war, um Verzeihung zu bitten. Wir fühlen uns dafür in die Pflicht und in die Verantwortung genommen, und wir wollen versprechen, weder heute noch in Zukunft pflichtvergessen zu sein. Zwar haben die meisten von denen, die an dieser Universität Macht ausübten und anderen zum Schaden mißbrauchten, inzwischen das Weite gesucht, trotz ihrer teils unverfrorenen, teils listigen Bemühungen, beim geistigen Neuaufbau dennoch einen vorderen Platz einnehmen zu können. Jener Prof. Dr. W. aus Deckname Lyrik – der Slawist Prof. Dr. Michael Wegner –, der Reiner Kunze in einem Gutachten genannten Text für das Ministerium für Staatssicherheit von 1976 eindeutige ideologische „Stoßrichtung gegen den realen Sozialismus“ und „massive Kritik an dem ganzen sozialistischen System“ bescheinigte, empörte sich noch über den Vorwurf, daß mit solchen politischen Verdikten nach damals geltendem Recht der DDR Straftatbestände formuliert waren, zudem wollte er nicht gewußt haben, an wen er solche Gutachten – und nicht nur dieses eine – geliefert hatte. Vorher schon – 1971 – hatte der Redakteur der Sozialistischen Universität und dann noch einige Zeit der Alma mater Jenensis, Wolfgang Jähnig, in einer politischen Expertise über Sensible Wege Reiner Kunze eine antisozialistische Position und DDR-Feindlichkeit zum Vorwurf gemacht, auch daß er – man beachte die kläglichen Klischees – „den Feinden des Friedens und der Entspannung politische Schützenhilfe“ gebe. Als konsequenter Leugner versicherte er, nie eine Zeile von Kunze gelesen zu haben.
Das Erneuerungswerk an dieser Universität trägt eben die ersten Früchte, aber der geistige Anschub, gerade mittels eigener, genuiner Kräfte, die durch die Erfahrung von Widerstreben, Widerstand und Freiheitsentbehrung als Gegenkräfte geweckt wurden, läßt zu wünschen übrig, geistige Importe können, dürfen bei aller Notwendigkeit autochthone Erfahrung nicht restlos ersetzen. Hier kündigen sich mit dem Verdrängen von Erinnerung schmerzliche und gefährliche Verluste an, und wir wissen kaum, wie wir ihnen vorbeugen können.
Oder wissen wir es doch? – eingedenk der Erfahrungsgewinne, die wir für uns sichern, wenn wir dem Werk des Dichters Reiner Kunze jene unverzichtbare subversive Kraft abgewinnen, die uns rüstet, einerseits gegen jede verführerische Vertrauensseligkeit gegenüber der Zukunft, andererseits gegen die Versuchung, resignativer Wehleidigkeit nachzugeben, dem Problemdruck der Gegenwart zu erliegen oder unsere fragwürdige Vergangenheit für ungültig zu erklären, statt ihrer Fragwürdigkeit mit Fragen, ehrlichen, bohrenden, gerecht zu werden.
An unserem Weg in die Zukunft – mehr schwierig als schwer, doch beschwerlicher als zunächst gedacht – lauert angesichts radikal veränderter Lebensprinzipien und -orientierungen die Gefahr, den Marktwert, eine neue, die Lebensqualität bestimmende Größe, als Wertmaßstab schlechthin zu akzeptieren und somit den notwendigen Zerfall von Pseudowerten der Vergangenheit in einen Totalitarismus der Vermarktung ausarten zu lassen. Gefragt sind nun erst recht Mahner von Rang, Verteidiger von Format, Wahrheitsbesessene vom Schlage eines Reiner Kunze, hochwillkommen und unentbehrlich ist in Zeiten des gestörten Gleichgewichtes die Zentrifugalkraft des unbestechlichen Wortes, sie kommt dem Kreiselkompaß zugute, der auch bei rauher See das bewegte Schiff auf Kurs halten läßt.
Die Verteidigung von Erfahrung und Sensibilität ist nicht pur defensiv; im Entwickeln gemeinsamer Verteidigungsstrategien entsteht neues Wissen, wenn man die rechten Bundesgenossen und Kombattanten gewinnt für gemeinsame Wegstrecken, zu wechselseitiger Ermutigung. Nunmehr, wo nach dem Ende der immensen Pseudokonflikte einer wahnhaften Ost-West-Aversion, die jahrzehntelang Kräfte und Ressourcen vergeudete, die wahren Probleme und Nöte der Menschheit immer deutlicher hervortreten, sind wir neuer aufmunternder Orientierung bedürftig, wie bisher noch kaum in diesem gewaltträchtigen 20. Jahrhundert. Nur in einem Teil der Welt scheint jene vorgebliche „Historische Notwendigkeit“ ausgedient zu haben, deren letztes Argument die schweren Waffen sind, so wie in dem knappsten Fazit dieses Jahrhunderts der politischen Gewalttätigkeit unter diesem Thema – „Historische Notwendigkeit“ – von Reiner Kunze in elf Wörtern zu drei Ellipsen gruppiert und verdichtet, in denen der stumme Schmerz schwerer historischer Traumatisierungen nicht nur der fünfziger und sechziger Jahre – Budapest oder Prag – klafft. Da heißt es in zwei Prämissen und einer aus einem Wort bestehenden, wie der Volltreffer eines Geschosses sitzenden Conclusio:

Fünf wahrheiten
rehabilitiert

Das ansehen von
fünfhundert lügen
katastrophal

Also
panzer

Der dogmatische Spuk despotischer Partei-Ochlokratien des Panzerkommunismus ist in Europa hoffentlich demnächst so gut wie vorbei, ein Nebel wich, nun liegen die harten, kantigen Konturen dieser Welt frei, allerdings nicht zur allgemeinen Erfreulichkeit, doch mit vorher kaum erreichter Bildschärfe. Immer noch wird allerdings Wahn und Lüge mit schweren Waffen Nachdruck verliehen, der europäische Gedanke verkommt angesichts einer sich vor unserer Tür, mitten in Europa vollziehenden militärischen Barbarei – es erweist sich: politische Gewissenhaftigkeit ist nicht einklagbar, diplomatische Abmahnungen bleiben wirkungslos, Vernunft wird zuschanden, Blut fließt, Mord und Totschlag regieren. Entrückt die Schmach, Tag für Tag die Mißachtung humaner Werte, wie schon mehrfach in diesem Jahrhundert, lediglich etwas enger lokalisiert, als entsetzter Zeuge erleben zu müssen, nicht die Idee Europa angesichts solchen Kulturdefizits an die Grenze der Utopie? Was tut Europa not in dieser Zeit? Gewiß auch neue Instrumente eines politischen, sozialen, ökonomischen Krisenmanagements. Aber die Kultur des Unterschieds – und dies ist europäische Kultur im Kern – beruht auf der angemessenen Achtung und Sympathie angesichts der Verschiedenheit von Sprachen, Kultur, Geist, Mentalität, Temperament. Von diesem Ethos ist Kunzes Werk mit der Präsenz europäischer Provinzen und Regionen – von Thüringen, Böhmen und Mähren oder der Provence bis Rußland, Skandinavien und Ungarn zurück zum Vogtland – erhellt. Wir gewinnen in Reiner Kunze einen streitbaren Europäer, einen, der in verschiedenen geistigen wie geographischen Provinzen zu Hause ist und den wir nicht darum bitten müssen, er möge sich auch bei uns zu Hause fühlen, denn er ist bei uns daheim.
Wer für die tröstliche Anwesenheit von Sprache und Idee in trostarmer, trostloser Zeit sorgte, wer zudem in einer Zeit der durch die Nötigung zur Lüge in Frage gestellten Authentizität um die authentische literarische Äußerung ringt, bleibt auch ein verläßlicher Weggenosse in jenen Dämmerungszonen zwischen Untergang und Auferstehung von Ideen und Gesellschaften, in denen der Mensch des klärenden Wortes bedürftiger ist, als er selbst es vielleicht wahrhaben möchte, Besonders im Anfang sei das Wort in all seiner Vielfalt: Als Stifter von Gemeinsamkeit und Zuwendung, Trost und Kräftigung, Gedächtnis und Hoffnung, als Element verinnerlichter Welt.
Das Collegium Europaeum Jenense erhält mit Reiner Kunze ein Ehrenmitglied als verläßlichen Bundesgenossen auf dem Weg in eine Zukunft, die dem Ringen um Wahrheit und Wahrhaftigkeit aussichtsreiche Chancen eröffnet, doch äußerste Bemühung abverlangt. Auch können wir nicht auf den Rechtsbeistand der Literatur verzichten. Wir sollten neue Ansprüche an Dichtung und Dichter gerade in einer Zeit stellen, wo sich auf Schritt und Tritt erweist, wie wenig Kunst – marktwirtschaftlich gesprochen – sich rechnet. Doch sehen wir, daß wir – in einer Zeit der Umschuldungen – geistiger Guthaben oder auch wohlmeinender Gläubiger bedürftig sind, selbst wenn es nicht unbedingt um unsere geistige Kreditwürdigkeit gehen muß. Was ich hier unverhohlen in Aussicht stelle, sind – mit einem profanen Wort – neue Alltagsanforderungen an die dichterische Äußerung. Weil neue geistige Gemeinschaftlichkeit zur Erringung von Gedankenkraft nottut. Reiner Kunzes Bereitschaft, uns als Ehrenmitglied des Collegium Europaeum Jenense beizustehen, erfreut uns und bestärkt uns in der Hoffnung auf seine Mithilfe bei unserem Bemühen, aus vergangener historischer Erfahrung Kräfte und Mut, Besonnenheit und Beharrlichkeit für eine schwierige Zukunft zu gewinnen.

Gottfried Meinhold, aus: Ulrich Zwiener und Gottfried Meinhold (Hrsg.): Reiner Kunze „… und nie mehr der lüge den ring küssen müssen“, Collegium Europaeum Jenense, 1992

 

Für Reiner Kunze 1977
GREIZER
TUNNEL-
BAU

den tag
durch den felsen
schlagen

die steine
das schwimmen
lehren

den tunnel
verschließen mit
licht

Günter Ullmann

 

Michael Wolffsohn: REINER KUNZE – der stille Deutsche

In Lesung und Gespräch: Reiner Kunze (Autor, Obernzell-Erlau), Moderation: Christian Eger (Kulturredakteur der Mitteldeutschen Zeitung, Halle). Aufnahme vom 17.01.2012, Literaturwerkstatt Berlin. Klassiker der Gegenwartslyrik: Reiner Kunze. Wenn die post hinters fenster fährt blühn die eisblumen gelb.

 

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Harald Hartung: Auf eigene Hoffnung
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.8.1993

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Katrin Hillgruber: Im Herzen barfuß
Der Tagesspiegel, Berlin, 16.8.2003

Lothar Schmidt-Mühlisch: Eine Stille, die den Kopf oben trägt
Die Welt, 16.8.2003

Beatrix Langner: Verbrüderung mit den Fischen
Neue Zürcher Zeitung, 16./17.8.2003

Sabine Rohlf: Am Rande des Schweigens
Berliner Zeitung, 16./17.8.2003

Hans-Dieter Schütt: So leis so stark
Neues Deutschland, 16./17.8.2003

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Michael Braun: Poesie mit großen Kinderaugen
Badische Zeitung, 16.8.2008

Christian Eger: Der Dichter errichtet ein Haus der Politik und Poesie
Mitteldeutsche Zeitung, 16.8.2008

Jörg Magenau: Deckname Lyrik
Der Tagesspiegel, 16.8.2008

Hans-Dieter Schütt: Blühen, abseits jedes Blicks
Neues Deutschland, 16./17.8.2008

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Jörg Bernhard Bilke: Der Mann mit dem klaren Blick: Begegnungen mit Reiner Kunze: Zum 80. Geburtstag am 16. August
Tabularasa, 18.7.2013

artour: Reiner Kunze wird 80
MDR Fernsehen, 8.8.2013

André Jahnke: Reiner Kunze wird 80 – Bespitzelter Lyriker sieht sich als Weltbürger
Osterländer Volkszeitung, 10.8.2013

Josef Bichler: Nachmittag am Sonnenhang
der standart, 9.8.2013

Thomas Bickelhaupt: Auf sensiblen Wegen
Sonntagsblatt, 11.8.2013

Günter Kunert: Dichter lesen hören ein Erlebnis
Nordwest Zeitung, 13.8.2013

Marko Martin: In Zimmerlautstärke
Die Welt, 15.8.2013

Peter Mohr: Die Aura der Wörter
lokalkompass.de, 15.8.2013

Arnold Vaatz: Der Einzelne und das Kartell
Der Tagesspiegel, 15.8.2013

Cornelia Geissler: Das Gedicht ist der Blindenstock des Dichters
Berliner Zeitung, 15.8.2013

Johannes Loy und André Jahnke: Eine Lebensader führt nach Münster
Westfälische Nachrichten, 15.8.2013

Michael Braun: Süchtig nach Schönem
Badische Zeitung, 16.8.2013

Jochen Kürten: Ein mutiger Dichter: Reiner Kunze
Deutsche Welle, 15.8.2013

Marcel Hilbert: Greiz: Ehrenbürger Reiner Kunze feiert heute 80. Geburtstag
Ostthüringer Zeitung, 16.8.13

Hans-Dieter Schütt: Rot in Weiß, Weiß in Rot
neues deutschland, 16.8.2013

Jörg Magenau:  Der Blindenstock als Wünschelrute
Süddeutsche Zeitung, 16.8.2013

Friedrich Schorlemmer: Zimmerlautstärke
europäische ideen, Heft 155, 2013

Zum 85. Geburtstag des Autors:

LN: Sensible Zeitzeugenschaft
Lübecker nachrichten, 15.8.2018

Barbara Stühlmeyer: Die Aura der Worte wahrnehmen
Die Tagespost, 14.8.2018

Peter Mohr: Die Erlösung des Planeten
titel-kulturmagazin.de, 16.8.2018

Udo Scheer: Reiner Kunze wird 85
Thüringer Allgemeine, 16.8.2018

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG +
Rede + Interview 1 + 2 + 3
DAS&D + Georg-Büchner-Preis
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Dirk Skiba Autorenporträts
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Reiner Kunze

 

Reiner Kunze – Befragt von Peter Voss am 15.7.2013.

1 Antwort : Reiner Kunze: auf eigene hoffnung & eines jeden einziges leben”

  1. Gert Höller sagt:

    sehr geehrtes Ehepaar Herr und Frau Kunze, es hat mich heute sehr gefreut, Euch im Zug Kennenlernen zu dürfen. Ich sagte dies auch meinem Sohn Herwig, der mir mitteilte, dass er sich erinnern kann, dass Sie Herr Kunze einmal im Bundesrealgymnasium in Stainach referiert hätten. Stimmt dies? Danke für die Rückantwort und liebe Grüsse an Sie und Ihre Frau – Gert Höller, Rottenmann

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