Reiner Kunze: gespräch mit der amsel

Kunze-gespräch mit der amsel

8. OKTOBER 1970
(verleihung des Nobelpreises an
Alexander Solschenizyn)

Ein Tag durchsichtig bis
Rjasan

Nicht verbannbar nach Sibirien

Die zensur kann ihn
nicht streichen

(In der ecke glänzt
das gesprungene böhmische glas)

Ein tag der die finsternis
lichtet

Der ans mögliche erinnert:

Immer wieder einen morgen
auf sein gewissen nehmen

 

 

Problematische Einfachheit

– Hermetik und Kommunikation in der Lyrik Reiner Kunzes. –

„Die Poesie muß einfach sein. Aber sie kann nicht einfacher sein, als es die Genauigkeit erlaubt.“
(Reiner Kunze)

Mit dem Titel „Monologe mit der Tochter“, den er der ersten Gedichtgruppe seines Bandes Zimmerlautstärke  gab, hat Kunze die Spannung auf eine treffende Formel gebracht, die wahrscheinlich jeder Lyrik, die diesen Namen verdient, innewohnt und die bei ihm durch seinen Willen, die Erfahrung eines Individuums mitzuteilen – unter Verzicht auf eine von kollektiven und ideologischen Maximen vorgeformte Sprache – noch verschärft wird. Die Entwicklung seiner Lyrik ist in dieser Hinsicht exemplarisch: der Band Widmungen, erschienen 1963, stellt in seinen Augen sein „Opus 1“ dar; seine ersten Produktionen ab 1953 scheinen ihm dagegen das Ergebnis einer dreifachen Verirrung zu sein, einer „poetologischen, philosophischen und ideologischen“. Von dem, was er in den zehn Jahren, die zwischen seinen allerersten Gedichten und seiner ersten Veröffentlichung im Westen liegen, geschrieben hat, verwirft er alles, was die Illustration ideologischer und politischer Thesen verrät, aber auch all das, was durch seine Form und seine Länge eine gewisse Emphase und Respekt für traditionelle Formen erkennen läßt. Die Zeit und die Formen, die er selber als die seiner poetischen Reife angibt, sind in verschieden starker Weise von nicht gerade zufälligen Begleitumständen umgeben: der Lakonismus und die formale Kürze entsprechen einer entschiedenen Emanzipation von den Modellen und der Rolle der Dichtung in der DDR, und diese Emanzipation, die 1959 beginnt, gelangt wiederum im ersten in Westdeutschland veröffentlichten Band zu ihrer Reife. Als ob sie Kunze in gewisser Weise der zeitgenössischen deutschen Lyrik nähergebracht hätte, die sich seit 1945 am Rande des Schweigens bewegt. Außer wenn man sich mit einem Urteil begnügen wollte, das in dieser Übereinstimmung den unvermeidlichen Rückfall eines Überläufers in den „Formalismus“ und den „Individualismus“ sähe – eines Überläufers, der dem Sozialismus zunächst intellektuell, dann auch physisch eine Absage erteilt hat –, verdient gerade diese Annäherung im Formalen unsere Aufmerksamkeit. Aus Gründen, die ihm eigen sind, führt sie Kunze dazu, an jenem Prozeß der Reduktion des poetischen Ausdrucks teilzunehmen, der im Westen die Poesie der Nachkriegszeit charakterisiert, und das daraus resultierende Dilemma zutiefst zu erleben, weil er aufgrund seines Willens, eine unverfälschte Erfahrung mitzuteilen, zum Rückzug in die lakonische Form gezwungen worden ist. Die Einfachheit und die Genauigkeit sind die zwei Maximen einer solchen Kommunikation, die sich indes widersprechen: die Gedichte Kunzes suchen den Balancepunkt dieser schwierigen Einfachheit.

Die Frage des Engagements
Wenn man die zwei Bände Sensible Wege und Zimmerlautstärke betrachtet, so ist die Poetik Kunzes nicht sehr weit von derjenigen Celans entfernt, die auf extreme und beispielhafte Weise das Schicksal der Lyrik nach Auschwitz erhellt, ihren Kampf gegen, mit und für die Sprache, für ihre eigene Existenz. Sicherlich hat man nicht ohne Grund sagen können, daß es bei Kunze kein Mißtrauen apriori gegenüber der Sprache gibt; aber in gewisser Weise scheinen Budapest und Prag auf die Lyrik Kunzes die gleichen Auswirkungen gehabt zu haben wie Auschwitz auf die Celans. Diese Auswirkungen zeigen sich in einer ganz ähnlichen Spannung zwischen Reduktion und Kommunikation; für Celan „ist das Gedicht einsam. Es ist einsam und unterwegs… Das Gedicht will zu einem Anderen, es braucht ein Gegenüber“, seine Daseinsberechtigung liegt im „Geheimnis der Begegnung“; für Kunze ist das Gedicht der „äußerste(r) punkt möglichen entgegengehens des dichters,… der punkt, in dem auf seiner seite die innere entfernung auf ein nichts zusammenschrumpft“. (Zimmerlautstärke, Nachbemerkung 2).
Mindestens bis zur zweiten Hälfte der sechziger Jahre ist in der westdeutschen Nachkriegslyrik die verbale Reduktion, die der Lyrik Celans eigen ist, gleichbedeutend gewesen mit dem Widerstand gegen jede Banalisierung der Sprache, wenn sie im Dienste einer Macht steht und durch die „Banalität des Bösen“ bedroht ist; die verbale Reduktion ist bei Eich, Fried, Enzensberger selbst zu einer neuen Form des Engagements geworden – und genau in diesem Sinne kann man Celan zu den „engagierten Dichtern“ zählen. An dem Punkt seiner Entwicklung, wo er nach eigener Einschätzung seine dichterische Reife erlangt hat, kann Kunzes Engagement genau in dieser Tradition wirklich begriffen werden. Sein eigentliches Engagement beginnt in dem Moment, wo in seiner Arbeit an der Sprache der Widerstand gegen jede Vereinnahmung des Wortes durch eine Macht zum Ausdruck kommt. „Gedichte sind mißbrauchbar. Wie die macht.“ Der Widerstand gegen die Abwertung des Wortes und der Kommunikation muß notwendigerweise in einem gewissen Rahmen eine gemeinsame Haltung einnehmen, ob diese Abwertung jetzt in der Nazi-Propaganda stattfindet (die so reich an linguistischen Schöpfungen war), im Wirtschaftswunder (das unter anderem die zwei so christlichen Rollen des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers hervorbrachte), in der Konsumgesellschaft und im Sozialstaat oder in der Propaganda des sozialistischen Staates. Ich höre schon beim Schreiben dieser Zeilen die Einwände: diese grundsätzliche (und abstrakte) Revolte gegen „die“ Macht sei typisch für den Westen, der nicht den universalen (konkreten) Charakter des Proletariats kenne; genau daher führt auch nach der Logik einer gewissen Argumentation eine solche Revolte zum „Formalismus“. Es bleibt indes noch zu beweisen, daß das Proletariat, wo es existiert, wirklich von der (kleingeschriebenen) Macht repräsentiert wird, die in seinem Namen spricht.
Was Kunze betrifft, so scheint er – und mit ihm die gesamte „dritte Generation“ von Dichtern in der DDR – die Erfahrung eines feinen Unterschiedes zwischen der „sozialistischen Wirklichkeit“ und der Wirklichkeit als solcher gemacht zu haben. Daher rührt vielleicht an einem gewissen Punkt seiner poetischen Entwicklung der Gebrauch von kleinen Anfangsbuchstaben, auch sie Zeichen jener verbalen Reduktion, die für den Westen so typisch ist. Er gibt jedenfalls weder dem Osten noch dem Westen recht: in Sensible Wege protestiert das Gedicht „Puschkins Michailowskoje“ („Wer immer / die angreifer wären hier jetzt zum gegner hätten sie / mich“) und in Auf eigene Hoffnung (1981) die Gedichtgruppe „Und ein wirklicher Leser wird sagen“ gegen jegliche Vereinnahmung, gleichgültig, ob sie durch den Staat oder durch den Markt erfolgt.
Übrigens verhält es sich ebenso mit allen Ideologien, und das Christentum wird nicht ausgenommen („Jugend in den Pfarrgarten“), („Geistlicher Würdenträger, Künstlern ins Gewissen“): „Auch an dieser Lehre kann etwas nicht stimmen.“

Kunze gehört zu einer Generation, deren Jugend und intellektueller Werdegang (und er leugnet es nicht) mit dem ostdeutschen Staat und seinen sozialen Leistungen verbunden sind; nun, für diese Generation sind die vorbehaltlose Identifikation und das „affirmative“ Engagement problematisch geworden, nachdem einmal die Phase der Vergangenheitsbewältigung und die der Affirmation der Eigenart und des Aufbaus der sozialistischen Gesellschaft überwunden waren. Es handelt sich so sehr um eine Erscheinung dieser Generation (anders gesagt, um eine Erscheinung des Bewußtseins, das sich im Bruch mit dem Unterbau befindet, während sie sich hätten annähern sollen – wer ist verantwortlich?), daß man selten soviel Solidarität findet, wie die Widmungen und Parteinahmen zugunsten von Kollegen beweisen, denen vom Staatsapparat hart zugesetzt wird (wie auch im einzelnen die Schattierungen sein mögen: vgl. die Beziehungen zwischen Biermann und Kunze). Diese Generation scheint der Stein des Anstoßes für die Kulturpolitik der DDR gewesen zu sein, eine Herausforderung an ihre zaghaften Anwandlungen von Liberalismus dargestellt und Dissonanzen enthüllt zu haben, die durchaus nicht nur die Intellektuellen und die Basis in Opposition zueinander bringen könnten, sondern die Gesellschaft und den Staat. In der Tat sind die Dichter dieser dritten Generation nicht nur Söhne des Sozialismus, Söhne von Arbeitern, die durch und im Sozialismus geformt wurden, sondern ihre Werke finden auch ein im Westen unvorstellbares Echo: die Auflagen sind nach einer sehr kurzen Zeitspanne vergriffen, die vergriffenen oder verbotenen Hefte werden kopiert und heimlich in Umlauf gebracht (daher vergleicht Kunze seine Gedichte mit Kassibern). Man wirft ihnen ihren Individualismus und ihren Subjektivismus vor, aber diese Rezeptionweise macht aus ihnen um so eher die Zeugen für ein Kollektivbewußtsein; und was ganz sicher die Lyrik des Ostens von der des Westens unterscheidet, ist die Tatsache, daß erstere trotz der Reduktion, oder vielleicht gerade wegen ihr, eine Kommunikation auf einer gesellschaftlich relevanten Ebene in Gang bringt.
Das erste konstitutive Element einer solchen Lyrik ist der Rückzug und der Widerstand; eine defensive Bewegung, ein Sich-Zusammenziehen, eine Verinnerlichung: das Gedicht ist Zuflucht, Suche nach einer „Zuflucht noch hinter der Zuflucht“. Der Titel Zimmerlautstärke läßt ans Radio denken, dessen Lautstärke man leiser stellt, um nicht erwischt zu werden, etwa beim Hören von Westsendungen; er evoziert aber auch den Rückzug in die Intimität des Ichs (das erste Gedicht der „Monologe mit der Tochter“ trägt den Titel „Meditieren“), der familiären Sphäre und des Kreises der Freunde, denen so viele Gedichte gewidmet sind.

EINLADUNG ZU EINER TASSE JASMINTEE

Treten Sie ein, legen Sie Ihre
traurigkeit ab, hier
dürfen Sie schweigen

Dieser Rückzug führt an den Rand des Schweigens, aber vor allem gewährt er das Recht auf Schweigen, er entspricht der Ablehnung jeder engagierten Dichtung, die deklamatorisch und propagandistisch ist. Er erfüllt eine der Aufgaben, die Kunze dem Gedicht zuschreibt: „Gewinnung von freiheitsgraden nach innen und außen“ (Zimmerlautstärke, Nachbemerkung 1). Ein kleines Indiz weist darauf hin, daß dieser Rückzug nicht bloß negierenden Charakter hat, sondern vielmehr auch von taktischen Überlegungen geprägt ist: die „Einladung zu einer Tasse Jasmintee“ befindet sich in der Mitte des Kapitels „Hunger nach der Welt“. In Sensible Wege ist das Gedicht, das am besten diese Rückzugsbewegung beschreibt, „Die Antenne“: die Antenne (die eine Kommunikation herstellt) flieht unter das Dach, dann ins Zimmer, dann in den Kopf. Hier findet sie einen zumindest vorläufigen Zufluchtsort („Vorerst“) vor der Macht; in dem Gedicht „Macht und Geist“ (Sensible Wege) wird im Zusammenhang mit einem Verhör gesagt, daß die Reflektoren der Macht den Geist nicht mehr blenden, der sich in sich selbst zurückgezogen hat: „Nur die erinnerung in ihm / ist belichtet“. Und über die Zensur heißt es:

VON DER NOTWENDIGKEIT DER ZENSUR

Retuschierbar ist
alles

Nur
das negativ nicht
in uns

Dieser defensive Rückzug erlaubt, die Rechte des lyrischen Ausdrucks zu behaupten, d.h. die Rechte auf die Autonomie der Lyrik und auf die Autonomie des Ichs. Im Jahre 1966, zwei Jahre also nach der zweiten Bitterfelder Konferenz, die erneut die Notwendigkeit unterstrichen hatte, die Literatur und die Arbeitswelt enger miteinander zu verbinden, und im gleichen Jahr, in dem Ulbricht selber auf der 11. Plenumssitzung des Zentralkomitees der SED die „dritte Generation“ persönlich angreift, stellt die Germanistin Helga Herting fest:

In unserer Gesellschaft ist der Antagonismus zwischen Individuum und Gesellschaft beseitigt worden… Im Sozialismus kann eine nicht-antagonistische, aber konfliktgeladene Beziehung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft auftreten, und sie hat einen völlig neuen Charakter, denn sie setzt ja gerade sozialistische Beziehungen voraus.

Das Vokabular dieser Diagnostik bezieht sich auf die offizielle Unterscheidung zwischen „antagonistischen Widersprüchen“ und „nicht-antagonistischen Widersprüchen“, d.h. zwischen fundamentalen Widersprüchen, wie dem von Kapital und Arbeit, und Widersprüchen, die innerhalb der neuen Gesellschaft Spannungen bloßlegen, ohne sie aber grundsätzlich in Frage zu stellen. Ein Minimaleingeständnis über die Existenz einer ganzen Strömung, die in der Lyrik durch die Ablehnung des Konzeptes der Operativität („direkte und zielbewußte Einwirkung auf einen im Gang befindlichen Prozeß“ nach der Definition von Horst Haase) im Namen der lyrischen Autonomie zum Ausdruck kommt. In seiner „Rücksichtslosen Schimpferei“ (Die Drahtharfe) skandiert Biermann mit der ihm eigenen Heftigkeit die Affirmation des Ichs, die dreimal wie zum Angriff wiederholt wird und folgenden rücksichtslosen Vorwurf erhebt:

Ich bin der Einzelne
das Kollektiv hat sich von mir
isoliert

Das Gedicht „Antwort“ von Reiner Kunze ist, obwohl weniger grob, nicht weniger heftig:

Mein vater, sagt ihr,
mein vater im schacht
habe risse im rücken,
narben,
grindige spuren niedergegangenen gesteins,
ich aber, ich
sänge die liebe

Ich sage:
eben, deshalb

Die Debatte, die diese neue Strömung in der ostdeutschen Lyrik hervorgerufen hat, setzte unmittelbar nach der ersten Bitterfelder Konferenz im Jahre 1959 ein, sie sollte sich, mit Höhepunkten 1964 (zweite Konferenz), 1966 (Debatte in der Zeitschrift Forum), 1969 und 1972, während gut zehn Jahren fortsetzen und durch die Ausweisung oder Emigration mehrerer der betroffenen Dichter zu Ende gehen. Wenn man von nicht-antagonistischem Widerspruch sprechen kann, so deshalb, weil es sich tatsächlich um das handelt, was man auch als einen „dritten Weg“ bezeichnet hat; weder ideologische Treue gegenüber der Parteilinie noch politisch zum Ausdruck gebrachtes Dissidententum, sondern Bekräftigung des Rechts auf individuelle Autonomie, die auch eine Form des Engagements ist. Der „Ethik“ des Gedichts „Kurzer Lehrgang“ (Sensible Wege) entspricht in Zimmerlautstärke der „Erste Brief der Tamara A.“: für den Sozialismus zählt nur der Mensch, nicht das Individuum; das Individuum Tamara A. ist entindividualisiert. Was die Kanones der offiziellen Literatur ihr anzubieten haben, ist die Identifikation mit dem „positiven Helden“ und dem „Typus“, wie er von der Lukácsschen Konzeption des Realismus verkündet wird. Kunze dagegen definiert die Aufgabe des Gedichts, das sich im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft befindet (vgl. die Passage von Alexander und Margarete Mitscherlich, die im Anhang von Zimmerlautstärke zitiert wird), als „stabilisator, als orientierungspunkt eines ichs“.
Das offizielle literarische Engagement hintergeht das Individuum, indem es die Literatur mißbraucht; „Gedichte sind mißbrauchbar. Wie die macht“; darüber hinaus wird die Poesie in Dienst genommen, dem Machtmißbrauch unterworfen. Der Kampf für die Rechte des Ichs ist daher nicht vom Kampf für die Autonomie der Poesie zu trennen, und hierbei gibt es zwei Möglichkeiten, über die eine Interpretation der Gedichte Kunzes entscheiden soll: entweder wird die Befreiung der Literatur in den Dienst des Ichs gestellt und muß das „monologische Gedicht“, das Benn verkündet hat, wieder in seine Rechte einsetzen, oder aber die Affirmation der Rechte des Ichs, der taktische Rückzug in die Innerlichkeit muß es ermöglichen, die Literatur zu emanzipieren und wieder zu einer unverfälschten Kommunikation zu gelangen: „Das gedicht als akt der gewinnung von freiheitsgraden nach innen und außen“ (Hervorhebung d. Verf.). Hier ist noch alles darauf ausgerichtet, eine Kommunikation mit dem anderen, mit den anderen aufzubauen. Wenn man ihn in diesem Sinne versteht, zielt der defensive Rückzug darauf, die Möglichkeit für eine neue engagierte Literatur zu sichern, darauf, eine neue Konzeption des Engagements zu begründen.
Diese Form des Engagements trifft sich wieder mit derjenigen, die Adorno in seiner „Rede über Lyrik und Gesellschaft“ oder auch in „George und Hofmannsthal. Zum Briefwechsel“ als das eigentliche Wesen der Lyrik im allgemeinen und der modernen Lyrik im besonderen bezeichnet hat; in seinen Augen stellen die „Petites Vieilles“ von Baudelaire oder die Gedichte von George eindringlicher das Prinzip des Zusammensturzes dar, das die kapitalistische Modernisierung bedroht, als die mühselige Beschreibung der Vorstädte und der Grubenhalden bei den Naturalisten. Diese Konzeption des Engagements, genährt vom Mißtrauen gegen jede Funktionalisierung des Wortes, hat die deutsche Nachkriegslyrik beherrscht. Sie hat in ihr sowohl in jenem Kampf des Gedichts für seine eigene Existenz ihren Niederschlag gefunden, von dem wir weiter oben schon gesprochen haben, als auch im kritischen Umgang mit dem Gedicht zur Demaskierung der etablierten Sprache. Diese beiden Aspekte sind bei Kunze vorhanden: außer der bissigen Parodie des bereits zitierten Gedichts „Kurzer Lehrgang“ sind eine ganze Reihe von Gedichten zugleich Enthüllung wie Kampf für die Existenz der Lyrik. So der erste Zyklus der Sensiblen Wege, unter dem ironischen Titel „Und es war schön finster“. Die Dunkelheit und die dogmatische Massenverdummung entsprechen nämlich dem Kult um die Tradition des Schönen in den offiziellen Richtlinien. In „Die Bringer Beethovens“ zeigt Kunze, wie die Kunst als Machtmittel benutzt wird und schließlich das Individuum erdrückt: denn echte Kunst wird, ohne auch nur einen propagandistischen Inhalt zu befördern, zum Unterdrückungsinstrument, sobald sie zur offiziellen gemacht und auf Befehl verbreitet wird; selbst noch ohne jeden ideologischen Inhalt ist die Existenz einer offiziellen Richtlinie für das Individuum und die Kunst tödlich.

Der Lakonismus und die Esoterik
Diese neue Form des Engagements ist wesentlich ein Engagement durch die Form. Es ist kein Zufall, wenn im ersten Gedichtzyklus der Sensiblen Wege „Die Bringer Beethovens“ das einzige lange Gedicht ist: es bringt das Plattwalzen der individuellen und künstlerischen Freiheit durch die von oben vorgeschriebene Kultur zum Ausdruck, eine Kultur, die eben gerade im Namen des Heroischen und Epischen die lange Form verteidigt. Die Ablehnung dieser Form hat einen doppelten Effekt, im positiven und im negativen Sinne: das Schweigen zu erlauben und an den Rand des Schweigens zu führen. Sie setzt einen Prozeß der Reduktion in Gang, der auch zu einer gewissen Esoterik führt, in dem Maße, wie sie jede oberflächliche und verfälschte Kommunikation ablehnt. Gegen die „lautstarke(n) Mächte“, gegen die „Staatsorchester“ schlägt Kunze bewußt den „sensiblen Weg“ der äußersten Ökonomie der Mittel ein; seine Dankrede anläßlich der Verleihung des Büchner-Preises schließt sich an diejenige Paul Celans aus dem Jahre 1960 an:

Die Kunst erweitern? Nein. Sondern geh mit der Kunst in deine allereigenste Enge. Und setze dich frei.

Genauso wie Celan von der Fuge zur Engführung überging, verzichtet Kunze im Gegensatz zur emphatischen Nutzbarmachung der Kunst auf die Lautsprecher der „Bringer Beethovens“ und „dreht“ die Lautstärke des Wortes so niedrig wie möglich. Auch hierbei ist das Gedicht dem Schweigen abgerungener Atem, „Dennochlied“ (vgl. „dennoch“ in „Die Brücken von Budapest“). Daher auch die Titel und viele der Untertitel seiner Bände; Auf eigene Hoffnung versteht man in bezug auf ähnliche Ausdrücke – auf eigene Gefahr, auf eigene Verantwortung –: eine minimale Umformung gängiger Redewendungen öffnet dem Subjekt eine Lebenshoffnung, einen Freiheitsbereich von „einer Haaresbreite“. Zwei Themen, die das ganze Werk Kunzes durchziehen, werden einander auf diese Weise zur Kehrseite: das der Beharrlichkeit und der Standhaftigkeit, das Kunze von der offiziellen Ideologie des Kämpfers und Helden für sich zurückgewinnt, und das der Sensibilität:

Ihrer standhaftigkeit
hörte ich sie sich
rühmen
(…)
Der standhaftigkeit, als einzige
verschwiegen zu haben
das buch eines standhaften

hörte ich sie sich
rühmen

Diese Thematik hat auch das Gedicht zum Inhalt, das dem Band Zimmerlautstärke seinen Titel gibt:

Dann die
zwölf jahre
durfte ich nicht publizieren sagt
der mann im radio

Ich denke an X
und beginne zu zählen

Und die Sensibilität ist auch das Thema des Gedichts, das dem Band Sensible Wege seinen Titel gibt:

Sensibel
ist die erde über den quellen: kein baum darf
gefällt, keine wurzel
gerodet werden

Die quellen könnten
versiegen

Wie viele bäume werden
gefällt, wie viele wurzeln
gerodet

in uns

Diese Koinzidenz zwischen den Titeln der Bände und dem eigentlichen Wesen dieser Lyrik – Zähigkeit und Sensibilität – zeigt im übrigen ihre beständige metapoetische Dimension an, was eine weitere Verwandtschaft mit der zeitgenössischen Poesie ist; Sensibilität, Zähigkeit und Nachdenken über sich selbst sind ihrem Wesen nach verbunden: nur die reflektierte Sensibilität, die Hinfälligkeit, die einen Augenblick bewußt im Gedicht aufgehoben wird, verleiht letzterem eine ausreichende Beständigkeit, um ihm einen „Freiheitsgrad“ zu sichern. Die metapoetische Dimension, das Bewußtsein des Gedichts über sich selbst, das Bewußtsein von seiner eigenen Existenz, ist letztlich die Triebfeder seines „Engagements“: indem es dem Schweigen Worte entreißt, leistet das Gedicht Widerstand.
Gegen einen Sinn, der von oben zugesichert wird, und namentlich einen Sinn der Geschichte, ist die Möglichkeit des Nichts der Horizont dieser Dichtung, die ihren eigenen Sinn konstituieren muß, in metaphysischer wie linguistischer Hinsicht; in dieser Beziehung fühlt sich Kunze mit Camus verwandt. Wir wollen uns hier eine detaillierte Bestandsaufnahme der Wirkungen der sprachlichen Reduktion und der verschiedenen Formen der Lakonie ersparen die Ellipse, wie z.B. in „Der Tabakdrache“, der nicht zu Ende geführte Satz, die Auslassung von Verben, die Vereinzelung bestimmter Worte…, und nur einige Beispiele festhalten, in denen diese Verdichtung, die konstitutiv für die Existenz des Gedichts und für seine spezifische Form des Widerstands und des Engagements ist, bis zur Esoterik getrieben wird. Im Gegensatz zu sofort verständlichen Aphorismen wie „Von der Notwendigkeit der Zensur“ ähnelt das Gedicht „Am Briefkasten“ auf den ersten Blick den Nonsense-Versen, die die meisten Vertreter der zeitgenössischen Lyrik geschrieben haben:

Die marke steht kopf
Der kopf seht kopf

Aus versehen
Aus versehen?

– – –

Am besten
ein neuer umschlag

Die Bewegung des Gedichts scheint einfach: eine harmlose Feststellung, gefolgt von einer Erklärung („Aus versehen“), die schon von einem Zweifel unterlegt ist („Aus versehen?“) und dann einen Moment des stillen Nachdenkens (drei Gedankenstriche) hervorruft, die schließlich in eine lakonische Entscheidung mündet. Beim Lesen dieser letzteren ahnt man sicherlich, daß eine Briefmarke, die verkehrt herum aufgeklebt ist, von der Zensur wie eine Majestätsbeleidigung interpretiert werden könnte: schon zeichnet sich ein politischer Sinn ab; aber dieser gewinnt seine ganze Tragweite erst durch das Wortspiel, das sich in einer einfachen Wiederholung versteckt: „Die marke steht kopf / Der kopf steht kopf“; kopfstehen hat einen doppelten Sinn: den Kopf unten haben und völlig durcheinander sein; man muß nur noch die Metonymie hinzufügen, die das Bild des Staatschefs zum Staatschef macht (der Kopf), so berechtigt die politische Tragweite um so mehr die Entscheidung, den Umschlag auszuwechseln. Die Bandbreite, die die Lakonie von der Esoterik trennt, reduziert sich genauso wie die zwischen nonsense, private joke und Kassiber auf „Haaresbreite“, auf einen „sensiblen Weg“. Das führt Peter Rühmkorf zu der Aussage, daß „die Grenzen solcher Privatpoesie (nicht)… übersehen“ werden dürfen: sie laufe immer Gefahr, Gewisper unter Eingeweihten, eine „Pss-Sprache“ zu werden. Aber es ist vor allem die Metaphorik, im Extremfall der Celanschen Form nahe, die in der Lyrik Kunzes das Hauptproblem darstellt, das im Westen auch ausgiebig debattiert wird, nämlich das Problem, daß die Verdichtung des Ausdrucks zum längsten Weg zwischen Sprecher und Empfänger wird. Jürgen Serke geht offenkundig a priori von einer positiven Bewertung aus, wenn er in den folgenden Worten die Arbeit des Schreibens bei Kunze beschreibt:

Eine Beobachtung, ein Einfall – wenige Zeilen… Der Einfall weitet sich aus. Doch noch in der Ausweitung hält der Autor seinen Gegenstand klein, indem er alles in einer winzigen Handschrift festhält. Dann beginnt das Reduzieren der Wörter. Ein Mann, der ganze Nächte durcharbeitet, ohne daß ihm in der Frühe vielleicht mehr als nur ein einziges Wort bleibt. Dann ist er glücklich. Was bleibt, ist die Chiffre, die jeder verstehen kann.

Tatsächlich aber hat Kunze selber schon 1965 in Mass-Stab und Meinung – Fünf Anmerkungen das Kriterium der Verständlichkeit abgelehnt, in dem er ein Mittel sieht, den Dichter im Namen einer von einem Individuum zum andern sehr unterschiedlichen Anforderung zu disziplinieren, und hat es durch ein in keiner Weise heteronomes, sondern dem poetischen Prozeß ganz inhärentes Kriterium ersetzt: das der Genauigkeit. Das Gedicht „Morgen in Marienbad“ (Sensible Wege) zeigt, bis zu welchem Grad sich diese Genauigkeit in einer chiffrierten und dem unmittelbaren Verständnis keineswegs zugänglichen Metaphorik verdichtet:

Parkrasen geschoren wie
gräberkissen

– – –

Am sanften seil des quells
läutet die galle

Diese Fassung respektiert, läßt man das letzte Wort – die Galle, auf das wir zurückkommen werden – beiseite, die metaphorische „Chiffrierung“: außer der Genitivmetapher „seil des quells“, die dem Leser moderner Poesie vertraut ist – so vertraut, daß sich in den sechziger Jahren eine heftige Reaktion abgezeichnet hat –, sind auch die ersten zwei Verse nur als Verschachtelung zweier Vergleiche verständlich; der eine wird mit „wie“ eingeleitet, und der zweite steht innerhalb dieses ersten Vergleichs nicht nur ohne das geringste Tertium Comparationis, sondern wird noch dazu in einem merkwürdigen Kompositum verdichtet: „gräberkissen“. Die Rasenflächen werden also mit jenen kleinen, sorgfältig geschorenen viereckigen Grasstücken verglichen, die Gräber bedecken und selber Kissen gleichen. Aber diese mühselige Rückübersetzung, die in der Tat ein Gedicht zerstört, dessen konstitutiver Bestandteil die Verdichtung ist, hat nicht einmal das Verdienst, seine volle Bedeutung auszuschöpfen: handelt es sich wirklich um ein Gedicht über die Natur? Der Ruf der Nachtigall erscheint beim zweiten Lesen viel zu deutlich für einen Autor und zu einer Zeit, wo die Naturlyrik ein sehr problematisches Genre geworden ist: ruft sie nicht, wie eine Glocke zur Kirche läutet, als ob die Natur noch der Tempel Gottes sei? Und vor allem, warum ersetzt Kunze es dort, wo sich das Wort Nachtigall befinden müßte, durch Galle? Die Interpretation muß sich in diesem Punkt auf sensible Wege wagen, ja, sich sogar auf Mutmaßungen stützen: Marienbad ist eine Kurstadt, Kunze hat ein Leberleiden (daher vielleicht die Verbindung zu Galle): aber tritt sie hier unbeschwert wie die Nachtigall auf oder entspricht sie eher der Stimmung des Melancholikers (Morbidität der Kurstadt, wie Gräber geschorene Rasenstücke)? Jedenfalls zerstört das Wort Galle, indem es Nachtigall ersetzt, ganz offenkundig die Möglichkeit, daß es sich nur um ein Gedicht über die Natur handelt. Eine detaillierte Untersuchung der Bände Kunzes seit 1959 könnte viele Beispiele gleicher Art zusammentragen. Die Vorliebe Kunzes für die moderne Chiffre erlaubt, bei ihm die gesamte Klassifikation anzuwenden, die Hugo Friedrich in Die Struktur der modernen Lyrik aufgestellt hat: Oxymora von Konkretem und Abstraktem, die metonymische Chiffre („und der himmel der schillernde vogel… / sein entzündetes auge“), das Adjektiv der Barockmetapher („der tausendschwänzige regen“), Genitivmetaphern, für die wir ja gerade ein Beispiel gefunden haben, prädikative Metaphern („ist der geist feiner Sand“), die Juxtaposition („der kirchturm eine schusterale“), („Briefe ihr weissen läuse“), ohne von dem zu reden, was ich als strukturierendes Symbol bezeichnen möchte, d.h. ein Begriff, dessen Erscheinen im gesamten Werk einen konstanten Wert und eine metaphysische Tragweite besitzt, die den eigentlichen Ausdruck für die dahinterstehende Vorstellung ersetzen („die wegwarte“ als Symbol der beharrlichen Wahrheit, die Quellen, die Wurzeln…). Kunze erkennt selber in seinem Werk die Wichtigkeit dessen an, was er die „moderne Metapher“ nennt, und bezieht sich dabei auf Apollinaire und auf Lorca, d.h. auf zwei Dichter, die repräsentativ für das von Hugo Friedrich festgehaltene Korpus sind; er gesteht auch seine Faszination durch die Metapher des Barock ein und bestätigt so die Ähnlichkeiten, die Friedrich zwischen der barocken und der modernen Metaphorik aufstellt.
Innerhalb der modernen Metaphorik selber erkennt er der Metapher zwei untrennbar miteinander verbundene Funktionen zu: die Kunst schafft eine neue Wirklichkeit, und die Metaphorik und der Symbolismus, weit entfernt davon, nur eine Verzierung zu sein, stellen ein Erkenntnismittel dar. Er greift ausdrücklich die Klischees und jeden Gebrauch der Metapher (oder des Symbols) an, der darauf zielt, willkürlich die Wirklichkeit zu verwandeln: in „Fischritt am Neujahrsmorgen“ wird die Angleichung der Stadt an einen Fisch, der das über die Stadt hinausragende Schloß wie eine Krone trägt und der selber ein vom Geschick verwandelter Prinz sein soll, zugleich mit ihrer Ausarbeitung auch schon zerstört. Aber das gleiche Bild wird, diesmal gezügelt von einer sparsameren Phantasie und vor allem emanzipiert von den literarischen Märchenvorlagen, in „Dezember“ wieder aufgenommen, und Kunze schreibt ihm in dem Kommentar, den er selber anläßlich des Büchner-Preises entwirft, eine Erkenntnisfunktion zu. Das poetische Bild besitzt durch den Bruch mit gewöhnlichen und bewährten Assoziationen hinter der äußeren Gestalt des Paradoxen ein Potential zur Entdeckung, das sich der Macht der überkommenen Vorstellungen widersetzt und damit der Macht überhaupt. Das Gedicht ist eine nichtrationale Form der Erkenntnis, eine Möglichkeit zur Bewußtwerdung, die, indem sie über unterbewußte Verbindungen vorgeht, unter der Oberfläche der Dinge wirkt und Kunze führt hier wieder die Vorstellung der Botschaft, des Kassibers ein, d.h. eine Konzeption der „Chiffre“, die durch die Bezüge, die sie in sich selber erschafft, ein anderes Kommunikationsnetz herstellt.
Durch diese Art, das Problem anhand eines besonders stark chiffrierten Gedichts (andere lassen insgeheim eine deutlichere Mitteilung erkennen) darzustellen, zeigt Kunze unleugbar, daß er sich bewußt ist über die doppelte Natur der Lyrik und über das Dilemma, in dem sich die Lyrik im Osten und Westen gleichermaßen befindet – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen; das Paradoxon einer Kommunikation, die sich eines esoterischen Codes bedient, dessen Authentizität gerade Wert auf seine Esoterik legt und der seine Authentizität verlöre, wenn sie auf das verzichten würde, was ihr erlaubt, sich zu behaupten – ihren Rückzug. Als eine Art Provokation wählt Kunze eines der Gedichte, die der Celanschen Praxis am nächsten kommen, und stellt es als Archetypus für alle anderen hin, einschließlich all jener, die deutlicher zu jener politischen Chiffrierung gehören, die von Hans Mayer und Ernst Bloch als „Sklavensprache“ bezeichnet wird.
Eine solche Annäherung an das Problem läßt Kunze geradewegs in die Debatte eintreten, die, ausgehend von anderen Voraussetzungen und von einer völlig anderen Geschichte, ab 1966 im Westen das „kurze Gedicht“ und das „lange Gedicht“ gegeneinanderstellt. Der Angelpunkt dieser Debatte ist die Metapher, oder besser gesagt, die Chiffre, aber genauer betrachtet geht es um den Gegensatz zwischen der Gefahr des Elitären, das durch die Esoterik der kurzen Form befördert wird, und andererseits dem demokratischen Willen zur Kommunikation. Für Karl Krolow ist die Metapher der kürzeste Weg zwischen Autor und Leser; dennoch weckt sie auch bei den Autoren, die sich ihrer bedienen, unablässig Vorbehalte: Hilde Domin hält sie für zu leicht „konsumierbar“, wie unnachgiebig sie auch sein mag. Walter Höllerer und danach Horst Bienek machen ihr unermüdlich den Prozeß. Um in dieser Debatte klarzusehen, muß man ohne jeden Zweifel Metapher und Chiffre unterscheiden: erstere läuft immer Gefahr, wie ihr Bienek vorwirft, aus einer nicht zutage tretenden Tradition zu leben und ungezügelte ideologische Assoziationen zu befördern, die zweite setzt sicherlich – unter der Annahme, daß sie sich wirklich von der Metapher unterscheidet – eine Erkenntnisfunktion gegen einen vorher festgesetzten Sinn, aber sie ist unzureichend gegen zwei andere Gefahren gewappnet: die Esoterik und die „Sprachmagie“. Infolgedessen widerstrebt sie jener „republikanischen“ Mission, die Walter Höllerer der Poesie zuweist und die offenkundig nichts mit der Verteidigung und Illustration einer herrschenden Ideologie zu tun hat, sondern eine Form verlangt, die dem Dichter erlaubt, aus seiner Isolierung herauszugelangen, zu der ihn zunächst sein Wunsch verdammt hat, gegenüber den etablierten Sprachen zu überleben. Es ist offensichtlich, daß Kunze sich sehr genau in diese Kategorie einordnen läßt und daß seine Lyrik in gewisser Weise die exemplarische Illustration dieser Debatte ist.

Die Dialektik zwischen Reduktion und Kommunikation
Wenn er auch dem „kurzen Gedicht“ treu bleibt, so löst Kunze doch auf seine Weise den Gegensatz zwischen Reduktion und „republikanischem Gedicht“. Eine Untersuchung seines Metapherngebrauchs zeigt, daß in den meisten Fällen der Einsatz der Chiffre oder des „strukturierenden Symbols“ in gewisser Weise „dosiert“ wird und daß die zwei zuvor zitierten Beispiele Extremfälle sind, die nicht wirklich repräsentativ für die Intention sind, die die Lyrik Kunzes beherrscht: die Suche nach einem Gleichgewicht zwischen der Tendenz zur Esoterik und der Einfachheit. Zunächst einmal kommt es selten vor, daß eine Chiffre oder ein Gerüst von Symbolen allein den Gehalt und die Form eines Gedichts ausmachen; Kunze benutzt auch sehr oft eine Technik der Vorbereitung, des Übergangs oder der Vermittlung, indem er eine Brücke (das Thema der Brücke selbst ist bei ihm synonym für Kommunikation) zwischen der primären Bedeutung und der Metapher oder dem Symbol schlägt: in „Der Apfelesser“ (Sensible Wege) ist es ein Satz in Großbuchstaben, der zur Alltagssprache gehört („FÄLLT MIR ’NE HÜBSCHE / GESCHICHTE EIN“), der ausdrücklich den Übergang zur übertragenen Bedeutung anzeigt; in „Radfahren“ wird die prädikative Chiffre „ist der geist feiner sand“ durch einen zwar gewagten, doch der Form nach klassischen Vergleich vorbereitet:

Wenn wir absteigen
wie von einem schüttelsieb, ist der geist
feiner sand

und lockt zum spielen

Man kann schließlich von einem Band zum andern eine Pendelbewegung zwischen einem Metaphernreichtum und einem Gebrauch der primären sprachlichen Bedeutung feststellen: in Zimmerlautstärke weicht die Metaphorik deutlich zurück zugunsten des aphoristischen Stils und der nüchternen Wiedergabe eines Ereignisses oder einer Situation in einer Sprache, die der der kleinen Prosatexte der Wunderbaren Jahre nahekommt. Auf eigene Hoffnung räumt indessen aufs neue den Chiffren einen wichtigen Platz ein; es handelt sich also bei Kunze hierin nicht um eine geradlinige Entwicklung, sondern um ein Spannungsverhältnis.
Man kann beim Versuch, Reduktion und Kommunikation zu verbinden, drei dialektische Prozesse unterscheiden: die „negative Redundanz“, das Voraussetzen eines spezifischen soziologischen Charakters von Kommunikation und Rezeption und schließlich eine doppelte Verwurzelung des Wortes, im alltäglichen und im sinnlich wahrnehmbaren Bereich. Die erste Methode ist nicht für Kunze allein kennzeichnend, sondern prägt – übrigens ausgiebig von einigen Dichtern wie Heissenbüttel oder Max Bense theoretisch begründet – die gesamte westdeutsche Nachkriegslyrik; hierbei geht es um die Isolierung des Wortes und um jenes Phänomen, das Kunze selber die „Paradoxie“ der Metapher nennt. Aus dem Kontrast zwischen der normalen syntaktischen Struktur und der Isolierung der Worte im ersten Fall, aus den unerwarteten Kombinationen im zweiten Fall resultiert eine negative Redundanz, die die Kommunikations- und Informationstheorien mathematisch durch folgenden Logarithmus ausdrücken können:
H = Ne1 p. i. log. / 2 p. i. Die Stilistik selber unterscheidet schon sehr lange Worte „mit schwacher Spannung“ und Worte „mit starker Spannung“; was sie Spannung nennt, entspricht in der Informationstheorie der „Wahrscheinlichkeit“ einer Information: je schwächer diese Wahrscheinlichkeit ist, desto größer ist der Informationswert, in dem oben zitierten Logarithmus bezeichnet Ne1 die Anzahl der mutmaßlichen Inhalte, p. i. die Wahrscheinlichkeit dieser Informationen und H den Informationswert. Max Bense hat versucht, auf diese Weise die Interpretation seines Gedichts „Mein Standpunkt“ zu formalisieren. Das im übrigen recht einfache Paradoxon der negativen Redundanz läßt sich in der Feststellung zusammenfassen, daß die Auflösung der normalen Kommunikationsstrukturen, entweder hervorgerufen durch den Überraschungseffekt, den die Metaphern auslösen, oder durch den „isolierenden Stil“ (Bense), im Prinzip die Kommunikationsfähigkeit steigert und vor allem – und das ist genau die Funktion, die Kunze seinen Metaphern zuschreibt – aus der Sprache ein Instrument der Erkenntnis, der Entdeckung macht. Es ist klar, daß indessen dieses Verfahren allein nicht die Esoterik überwinden kann, die der ganzen modernen Lyrik eigen ist, aber Kunze erreicht unbestreitbar starke Kommunikationseffekte, wenn er z.B. in „Die Antenne“ den zweiten Teil des Gedichts auf das einzige Wort „Vorerst“ reduziert.
Das Verständnis des zweiten Verfahrens – das Ausgehen von einem soziologischen Charakter der Rezeption – kann sich auf die angelsächsische Sprechakt-Theorie stützen, nach der jede Mitteilung aus einem propositionalen Gehalt (der Schnee ist weiß) und aus einer illokutionären Komponente (ich sage, daß; ich behaupte, daß; ich glaube, daß…), die eventuell auch implizit vorhanden ist, besteht und die Existenz eines kollektiven Umfeldes von Kommunikation voraussetzt. Genau in diesem kollektiven Kontext stellt sich zwischen Sprecher und Angesprochenem eine Übereinstimmung bezüglich dessen her, was mitgeteilt wird. Die Praxis von Kunze besteht darin, mit seinem Leser Verbindungen herzustellen, die von denen verschieden sind, die der herrschende (Pseudo-) Konsens zuläßt; dies ist das Thema vom Gedicht als Kassiber, der „unter der Oberfläche“ einer zensierten Kommunikation zirkuliert. Die Chiffre entspricht sicherlich den Bedingungen einer solchen unterirdischen Zirkulation; gleichwohl kann sie als solche, gerade aufgrund ihrer negativen Redundanz, nicht eine neue Sprachgemeinschaft schaffen oder in direkter Verbindung mit einer solchen Gemeinschaft stehen, außer wenn die Chiffrierung einem innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft gängigen Code folgt und wenn sie einer gewissen Geisteshaltung in einer Gruppe einzelner Menschen entspricht; man kann also urteilen, daß das Gedicht „Am Briefkasten“ hinter seinem harmlosen Erscheinungsbild aufhört, ein private joke zu sein, dadurch, daß es auf die schon vorhandene kollektive Gewohnheit einer bestimmten Form von kritischem Humor trifft. Eine sehr große Zahl von Kunzes Gedichten fußt auf der Möglichkeit von mehreren Ebenen der Lektüre; sehr oft zielen die Einfachheit und der familiäre Ton weniger darauf ab, einen ersten unmittelbaren und möglichen Sinn zu vermitteln, als darauf, mit dem Leser Kontakt aufzunehmen und so eine gewisse Komplizenschaft herzustellen, die ihn dazu bringt, nach dem verborgenen Sinn zu suchen. Gerade in seinen Gedichten über die Natur scheint es Kunze am besten zu gelingen, nicht nur einen unmittelbaren und einen verborgenen Sinn miteinander zu verbinden, sondern auch Metaphern, Chiffren und Symbole in dieses Kommunikationsspiel zu integrieren, und nur, wenn diese Integration gelungen ist, ist wirklich der Balancepunkt zwischen Esoterik und Kommunikation erreicht. Das Gedicht, mit dem der Band Sensible Wege beginnt, ist in besonderer Weise typisch für dieses Vorgehen: schon im dritten Vers legt das Wort „kronen“ einen doppelten Sinn nahe, im vierten Vers wird die Natur durch „Die fähigkeit“ behutsam personifiziert, und im sechsten legt der Ausdruck „das talent“, indem er diese Personifizierung bekräftigt, eine politische Interpretation nahe. Es ist ein Gedicht über die Natur, und es ist auch ein politisches Gedicht: der Hochwald wird zur Chiffre für die Gesellschaft. Die letzte Strophe zeigt deutlich diese zwei Ebenen der Lektüre durch den bewußten Parallelismus zwischen zwei Gruppen von je zwei Versen, die durch einen Doppelpunkt getrennt werden, der die letzten zwei Zeilen zum Kommentar der ersten beiden macht:

Er läßt die bäume größer werden
wipfel an wipfel
Keiner sieht mehr als der andere,
dem wind sagen alle das gleiche

Schließlich findet man in diesem Gedicht mehrere der „strukturierenden Symbole“ wieder, die bei Kunze einen konstanten Sinn besitzen (das Licht, der Durst, das Grün).
Welcher Art auch die zweite, politische Lektüre sein mag, die man daraus machen kann und die zu bestätigen scheint, daß Kunze wie die meisten seiner Zeitgenossen Naturlyrik nur noch für möglich hält, wenn sie zugleich sozial und politisch ist, so hätte man doch unrecht, die Natur nur für eine Art Maskerade zu halten. Sie gehört vielmehr bei Kunze zur Suche nach einer Verwurzelung, die – und das ist der Sinn des dritten Verfahrens, das wir untersuchen wollen – die Kommunikation grundlegend ermöglicht und sicherstellt. Die Gleichsetzung der Gesellschaft mit einem Wald und der einzelnen Menschen mit Bäumen ist nicht nur Sklavensprache: sie beruht auf einer stillschweigend vorausgesetzten Philosophie, die an organische Verbindungen zwischen dem Menschen und der Natur glaubt; Kunze versucht, mit den Menschen und den Dingen eine Kommunikation herzustellen, die dem Bild dieser Verbindungen entspricht, jenseits (oder vielmehr unter der Oberfläche) einer rationalen Sprache. Durst und Hunger sind ursprüngliche Träger dieser organischen Kommunikation; „Hunger nach der Welt“ haben besitzt bei ihm einen physischen Sinn. Die Lyrik hat seit Loerke die Erfahrung der Auflösung der metaphysischen Bindungen gemacht, die innerhalb der Natur zwischen Mensch und Transzendenz bestanden. Wenn er auch nicht an letztere glaubt, so folgt Kunze nichtsdestoweniger in umgekehrter Richtung dem Weg, der über die Natur zu einem Sinn der Existenz und zu einer Begegnung mit dem andern führt. Der Baum ist zugleich der Mensch, oder besser gesagt, das Individuum, und das Gedicht, in dem dieses Individuum selber enthalten ist; seine Existenz besteht in der Spannung zwischen seiner Bewegung zum Licht und seiner Bewegung zu den Wurzeln: sie ist die Folge, das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Sehnsüchten, ganz wie das gelungene Gedicht im Gleichgewicht zwischen der Welt verborgener Verknüpfungen und dem Bemühen um Klarheit besteht. Ein Gleichgewicht das immer gefährdet ist (vgl. das Gedicht „Sensible Wege“). Ein Gleichgewicht, das nur das Ergebnis eines organischen Wachstums sein kann! der letzte Zyklus des Bandes Auf eigene Hoffnung wehrt sich gegen die Vereinnahmung durch Ideologien oder den Kunstmarkt und erwidert Marcel Reich-Ranicki, dem Chefredakteur des Feuilletons der FAZ:

Höchste zeit kommt von innen

Höchste zeit ist, wenn die kerne
schön schwarz sind

Und das weiß zuerst
der baum

Wenn Kunze von Wurzeln oder von Heimat spricht, jenem so mißbrauchten Begriff, versteht er darunter eine organische Verbindung, und eine solche Verbindung sucht seine Lyrik jenseits der konventionellen syntaktischen Zusammenhänge der Alltagssprache und jenseits der Tiraden, die im Namen einer von oberer Stelle verordneten „Solidarität“ pathetisch angestimmt werden. In einem Aufsatz aus dem Jahre 1959 stellt er Überlegungen an, welche Verbindungen die Poesie mit ihren Adressaten herstellen kann, und sieht nur einen möglichen Modus: daß der Dichter dem Leser erlaubt, in sein eigenes Wort hineinzuschlüpfen und es sofort als das seine zu empfinden. Diese Idee findet sich in seinen künstlerisch ausgereifteren Bänden in der Form der Metamorphose wieder: sich in die Lebewesen und Dinge, in ihre Intimität hineinbegeben bis zu dem Punkt, wo man sie mit jener Verinnerlichung zusammenfallen läßt, aus der das Gedicht selbst hervorgeht; in Sensible Wege illustriert eine Folge von drei Gedichten, die aus spontanen Äußerungen seines Sohnes und seiner Adoptivtochter hervorgegangen sind, dieses Phänomen der Metamorphose: „Der Tabakdrache“, „Namensänderung“ („Du stachelst du / bist ein igel“ – wieder eine moderne prädikative Metapher!) und „Das Plakat“. Dieses letzte Gedicht setzt übrigens eine Grenze fest: die Metamorphose wird zum „Kraftakt“, wenn sie vom autonomen Ich verlangt, sich in einen Zirkuslöwen zu verwandeln, der dem Peitschenknallen gehorcht, anders ausgedrückt: man kann sich nicht in einen literarischen Clown der Macht verwandeln. Die Metamorphose besteht auch darin, über die Vertrautheit der Menschen mit ihrem eigenen alltäglichen Lebensbereich vertraute Beziehungen zu ihnen zu finden: „Wie die Dinge aus Ton“ (Zimmerlautstärke).
Diese Kommunikation, die sich über das sinnlich Wahrnehmbare herstellt (und es ist kein Zufall, wenn das Gedicht „Wie die Dinge aus Ton“ eine optische Strophenkomposition mit dem Gestus des Gedichts verbindet: hier gestaltet der Dichter die Kommunikation, wie die Hände des Töpfers in ein Gespräch mit dem Material für sein Werk treten) – diese Kommunikation ist im eigentlichen Sinne der Schlüssel zum Rückgriff auf die Alltagssprache und den familiären Ton, der die manchmal esoterische Lakonie der Gedichte unterlegt, diese Lakonie transformiert und die Gedichte einer menschlichen Gemeinschaft wiedergibt. Gerade durch dieses Mittel lassen sich Lakonie und Demokratie verbinden, und gerade hierin besteht die eigentliche Grundlage des heimlichen Einverständnisses, das wir in der Sklavensprache entdeckt haben. Diese hört dann auf, ein allzu intellektuelles Versteckspiel zu sein, und erreicht die Dichtheit eines deutlich spürbaren Kontaktes. In dieser Hinsicht scheint es berechtigt, die Lyrik Kunzes in die Nähe jener Richtung zu stellen, die man in der Entwicklung der westlichen Lyrik als „Neue Sensibilität“ oder „Neue Subjektivität“ bezeichnet hat. Diese Bezeichnung entspräche bei ihm völlig der Vorstellung von einer Kommunikation, die sich über die sinnlich wahrnehmbare stoffliche Welt des Alltags herstellt. Kunze trifft sich nicht nur mit ihr, sondern er hat diese neue Richtung vorweggenommen, die in der zeitgenössischen westdeutschen Lyrik in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre zum Tragen kommt. Die Vertreter dieser „Neuen Subjektivität“ (Herburger, Brinkmann, Theobaldy) versuchen, in einer sehr alltäglichen Sprache über das Leben und die Probleme des Alltags zu berichten. Diese unvermittelte Darstellung der Tatsachen und Realitäten verleiht nicht nur den Gedichten einen dokumentarischen Charakter, sondern zielt auch darauf, eine Art „Kommunismus der Sprache“ einzuführen, wobei sie in einer Weise, die die offiziellen Richtlinien nicht vorgesehen hatten, das Gebot der Volkstümlichkeit verwirklicht; infolgedessen sind Lakonie und Demokratie nicht mehr unvereinbar, wie schon Karl Krolow in seinem Beitrag von 1966 zur Debatte über das kurze Gedicht, das lange Gedicht und die Metapher bekräftigte. Krolow führt Günter Eich als Beispiel an, und man kann, besonders wegen der Rolle, die die Naturlyrik im Lakonismus Kunzes spielt, unbestreitbar Verwandtschaften zwischen seinen Gedichten und denen von Eich aufzeigen. Eine andere Verbindung hat offenkundig auch einen entscheidenden Einfluß ausgeübt, übrigens nicht nur auf Kunze, sondern auch auf andere Vertreter seiner Generation, wie z.B. Günter Kunert. Der Lakonismus scheint bei Kunze durch den gleichzeitigen Rückgriff auf die familiäre Sprache in geglückter Weise den „Rückzug zum Widerstand“, der sich in der Sprache manifestiert, mit der Einfachheit zu verbinden, die der Brecht der „Lösung“, des „Radwechsels“ und der Buckower Elegien (in „Gedichte III“) erstrebt. Bei Brecht widerspricht das Bemühen um eine elementare Sprache („…, aber beim Schreiben und Korrigieren widerstrebt mir jedes ungewöhnliche Wort.“ in keiner Weise der formalen Freiheit des Künstlers, und seit dem Ende der dreißiger Jahre hat Brecht die Opposition zwischen „Formalismus“ und volkstümlicher Literatur zurückgewiesen:

Ob ein literarisches Werk volkstümlich ist oder nicht, das ist keine formale Frage. Es ist keineswegs so, als ob man, um vom Volk verstanden zu werden, ungewohnte Ausdrucksweisen vermeiden, nur gewohnte Standpunkte einnehmen müßte… Das Volk versteht kühne Ausdrucksweise, billigt neue Standpunkte, überwindet formale Schwierigkeiten, wenn seine Interessen sprechen.

Entsprechend diesem Prinzip versucht Kunzes Poetik, die Interessen eines Volkes zu Wort kommen zu lassen – nicht trotz der formalen Schwierigkeiten, sondern mit ihrer Hilfe, indem er sie benutzt, um eine neue Form der Kommunikation zu begründen. Alles hängt infolgedessen, wie wir zu zeigen versucht haben, davon ab, wie es dem Gedicht gelingt, die Unnachgiebigkeit seines Engagements gegen eine verfälschte Kommunikation – eine Unnachgiebigkeit, die zwangsläufig zur Hermetik neigt – und die Elemente, die eine spontane Rezeption durch die Gemeinschaft garantieren, an die es sich richtet und deren Fürsprecher es sein will – das ist der zweite, eher traditionelle Aspekt seines Engagements – miteinander zu verbinden und vor allem zu vermitteln. Dieses Engagement und das Engagement in der Sprache, durch die Sprache sind untrennbar miteinander verbunden: es kam hier darauf an, zu verstehen, daß in der Praxis des Schreibens kein Gegensatz zwischen scheinbar divergierenden Prinzipien besteht. In der Tat gibt es nicht einerseits den Hang zur Chiffrierung und andererseits den demokratischen Willen zur Einfachheit, auf der einen Seite die hermetische und lakonische Tendenz der zeitgenössischen Lyrik und auf der anderen eine Form des Lakonismus, die erstere durch eine familiäre Sprache ausgliche und korrigierte. Ihre dialektische Vereinigung läßt sich vielmehr, gemäß Kunzes eigener Philosophie, durch die Vorstellung einer organischen Verbindung zusammenfassen, von der die Empathie mit den Dingen und den Lebewesen und die Kommunikation mit der Natur Zeugnis geben. Diese Kryptogramme sind zugleich Kryptogamen, bedecktsamige, blütenlose Pflanzen, in dem Sinne, daß Kunze von Früchten spricht, die im Inneren und Verborgenen reifen.

Gerard Raulet, aus: Heiner Feldkamp (Hrsg.): Reiner Kunze. Materialien zu Leben und Werk, Fischer Taschenbuch Verlag, 1987
Aus dem Französischen von Cornelia Meyer

Ein Poet des Trostes und des Glücks

– Augsburger Erinnerungen: ein Gruß an Reiner Kunze. –

In seiner Dankrede bei der Verleihung des Büchner-Preises (1977) erzählte Reiner Kunze von einer Lesung aus seinen Gedichten in London im Mai 1975. Er „war damals noch Bürger des anderen deutschen Staates, und was dieser Lesereise an dreijährigen Bemühungen der Universität Cambridge und dann an monatelangen Belastungen bis kurz vor Start des Flugzeugs voranging“, schien ihm „wohl der Rede, nicht aber einer Rede wert“. Nach der Lesung, berichtet er, habe sich eine Dame bei ihm bedankt, und dieser Dank war sowohl der Rede als auch einer Rede wert. „Ich kann es nicht glauben, und ich will es nicht glauben [sagte diese Zuhörerin], denn alle meine Erfahrungen sprechen dagegen. Aber nach diesem Abend habe ich das Gefühl, es gibt noch menschliches Glück.“
So ist Reiner Kunze auch mir zuerst begegnet, als ein Poet des Trostes und des Glücks, der selbst den unheilvollen Momenten des Lebens einen Schimmer der Hoffnung abzugewinnen vermag, der demütigenden Entkleidung einer Frau vor dem Verhör, dem Entschluss eines Verzweifelten zum Suizid. Vor allem auf junge Menschen übt diese poetische Geste eine fast unheimliche Faszination aus. Reiner Kunze probiert sie hin und wieder noch heute, da ihn längst ein weltweiter Ruhm der Übersetzung in 30 Sprachen begleitet, an heranwachsenden Schülerinnen und Schülern der Gymnasien aus und siehe da, die Gedichte haben an Frische und Anziehungskraft nichts verloren. Dabei ist es klüger, diesem Autor zunächst zuzuhören als ihn meditativ still für sich zu lesen, ihn zu sehen und zu hören, wie er eine Stunde lang, stehend, deutlich artikulierend, eine Auswahl seiner Gedichte liest, nie aus dem gedruckten Buch, immer aus den Typoskripten, dabei seiner Einladung zu folgen, das eine oder andere Gedicht noch einmal zu verlangen.
Hin und wieder sagt er auch, dieses und genau dieses Gedicht wolle er nun gerne ein zweites Mal lesen, weil es ihm wichtig sei und ihm der eine Augenblick des Lesens zu flüchtig erscheine, um die genaue Wahl und die nur scheinbar leichte Fügung der Worte zu erkennen. Es ist, als habe Reiner Kunze in der Lyrik des kroatischen Dichters Marian Nakitsch, der sich die deutsche Sprache selbst erschlossen hat und so zu einem deutsch schreibenden Lyriker geworden ist, Ähnlichkeiten mit dem eigenen Verfahren gefunden:

Rilke, Huchel – von ihren gedichten, steilen
worthängen, habe
einzeln er die wörter abgeschlagen
für
seine sprache

In ihr sei er entkommen den erniedrigern.

Wie wichtig Reiner Kunze der Vortrag seiner und der von ihm aus fremden Sprachen übersetzten Gedichte ist, wird an den gewaltigen Mühen seiner Lesereisen deutlich, die ihn quer durch Deutschland und in viele Länder der Erde führten, oftmals zu mehr als 100 Veranstaltungen im Jahr. Doch kaum nachhause gekommen, verwandelt er sein Auto sogleich wieder in eine Art von Kleiderschrank, um zu einer neuen Rundreise aufzubrechen und in den Atempausen, im Schatten der inzwischen angehäuften Postberge, gewissenhaft die Briefschulden abzuarbeiten.
Reiner Kunze bin ich zuerst 1981 bei einer Lesung in Augsburg begegnet, die ich auch deshalb nicht vergessen werde, weil die freundschaftliche Korrespondenz darüber Elisabeth Kunze in Vertretung ihres erkrankten Mannes geführt hat, und der Saal, erstmals bei den Augsburger literarischen Abenden, die Menge der – meist jungen – Zuhörerinnen und Zuhörer kaum fassen konnte. Dass dieser Abend des 14. Dezember 1981 auch Reiner Kunze im Gedächtnis geblieben ist, meine ich nicht nur dem Dankesbrief von Elisabeth Kunze (vom 20. Dezember dieses Jahres) entnehmen zu dürfen, sondern auch Reiner Kunzes Gedicht „Lesereisenacht“ (in dem Band ein tag auf dieser erde, 1998), das sich nicht speziell auf diesen Abend bezieht, aber sich doch auf diesen Abend beziehen könnte:

Du suchst in der erinnerung
das augenpaar, in das
das gedicht fortging,

und die vieltürmige stadt, die in des fremden schlaf
glockennägel treibt,
hört auf zu schmerzen.

Noch waren damals seine Gedichte nicht sprichwortartig verbreitet wie heute, da ihn manche zitieren, als sei in drei kurzen Verszeilen die ganze Überlieferung menschlicher Sehnsucht nach Schönheit und Wahrhaftigkeit enthalten. Mir scheinen Reiner Kunzes Gedichte, mit denen ich nun mehr als drei Jahrzehnte in großer Nähe lebe, eine Art von experimentum humanitatis, ein Experiment in Menschlichkeit zu sein, indem sie versuchen, das Herz des je individuellen Hörers oder der Hörerin zu berühren, ihm oder ihr bis in den Traum hinein die Gewissheit mitzugeben: „… es gibt noch menschliches Glück.“
Es ist vielleicht nur ein Atemzug, in dem diese Gewissheit lebt, dass aber solche Gedichte in ihrer starken und schnörkellosen Bildhaftigkeit Hoffnung erwecken und „die erde um die winzigkeit dieser annäherung“ bewohnbarer machen, darauf deutet ihre Verbreitung, ihr Ton, der in sprachvergessenen Zeiten die Kostbarkeit des einzelnen Wortes bewusst zu machen versteht.
Natürlich ist nach drei Jahrzehnten auch das Publikum älter geworden, das Reiner Kunzes Gedichte liest und hört und liebt. Und doch gehört es zu den überraschenden Wendungen in diesem Werk, dass in dem Band lindennacht (2007) nun das Alter zum Thema wird, mit ihm zugleich die Erinnerung der Kindheit wiederkehrt, die Nachrufe auf die toten Freunde und die Grabschriften häufiger werden. Das nämlich ist vermutlich die stärkste Erfahrung des Alters, dass so viele, denen zu begegnen wir hofften und hoffen, nicht mehr am Leben sind und die Hand, die die ihre zu fassen meint, ins Leere greift. Den Spuren ihres Lebens in uns nachzugehen, von den Erinnerungen zu sprechen, die sie in uns hinterlassen haben, ist nicht nur ein Privileg der Überlebenden, sondern ein Freundschaftsdienst an denen, die uns lange begleitet haben, und zugleich Vergewisserung dessen, was in uns ohne sie nicht existierte.
So ist auch die Linde, die in einem dieser Gedichte das alte Paar einst gemeinsam gepflanzt hat und die nun, hochgewachsen, „den himmel uns mit blüten“ füllt ein starkes Zeichen des Lebens, das dahinfährt, als „flögen wir davon“, der Anblick eines leeren Schuhs könnte uns dazu verleiten, dass „das universum / über uns zusammenstürzt // Dann laß uns denken an den fuß, / zu dem der schuh gehörte“ und die Vorstellung der einsamen Zugfahrt, „zwischen Zielen / ohne liebe“, ist fast unerträglich und bedrückend.
Reiner Kunze, der Dichter der ehelichen Liebe, einer der wenigen Großen unter ihnen, stößt so unvermeidlich auf das mythische Bild der Altersliebe, auf Philemon und Baucis, jene „greisen Eheleute, die nach einer von Ovid übermittelten phrygischen Sage als einzige die Götter Jupiter und Merkur bewirten, wofür ihnen gewährt wird, zur selben Stunde sterben zu dürfen. Am Ende ihres Lebens verwandeln die Götter Philemon in eine Eiche, Baucis in eine Linde, die beieinanderstehen“. Zwei „Variationen über das Thema ,Philemon und Baucis‘“ hat Reiner Kunze geschrieben und in beiden Gedichten den antiken Mythos dem Leben des Einzelnen nahegestellt. Er hat weder Goethes düstere Vision der Gewalttat von Mephistos Helfern an Philemon und Baucis als Brücke in die Moderne verwendet, noch jene Orgie der Eifersucht, die Max Frisch zur Aktualisierung der antiken Erzählung gebraucht hat, sondern den widerständigen, zu allen Zeiten gleich wirksamen Hoffnungskern des antiken Mythos bloßgelegt, das Bild der Altersliebe, das Trauer und Hoffnung zugleich in sich birgt:

Variation über das Thema ,Philemon und Baucis‘
Tröstlich wär’s, jahrhunderte noch
einander mit den zweigen
berühren zu dürfen,

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaund die linde
stünde dir

Am wesen der eiche jedoch
würde ich leiden, das mark des holunders
spür ich in mir.

Lieber Reiner Kunze, am 16. August schließe ich mich dankbar der langen Gratulantenreihe an und wünsche Ihnen und Ihrer Frau, dass auch auf steiler werdenden Lebenspfaden der Atem der Hoffnung nicht erlischt, dass Ihnen Lebenskraft und Arbeitsfreude lange erhalten bleiben.

Wolfgang Frühwald, europäische ideen, Heft 155, 2013

Auch dies ist mein Land

– Gespräch in Zimmerlautstärke – Bei Reiner Kunze zu Gast. –

Wegen der großen entfernungen…
Wegen der entfernungen
von einem wort zum andern…

Der Weg ist weit zu Reiner Kunze – wegen der „Randlage“. Später werde ich wissen: Reiner Kunzes Leben in Erlau war kein Rückzug. Berlin – Greiz (am Wegrand) – Passau – dann entlang der Donau – Erlau. Eine Fahrt durch den goldnen Herbstüberfluß der Welt. Eine Fahrt fast durch ganz Deutschland bis an seine Grenze zu Österreich. Sehe ich zu den Bäumen und zum Himmel, ist es fast ein Land.

An der Donau unterhalb von Passau
Die grenze, über die ich blicke
auf Österreichs burg und buchten, ist
nichts als fluß.

Wegen der Entfernungen: Reiner Kunze ist dreizehn Jahre sehr weit weg gewesen von hier. „Er wußte, was brücken wissen… Doch das eine ufer war sumpf, / das andere feuer“ (aus Kunzes Gedicht: ERASMUS VON ROTTERDAM). Wegen der großen Entfernungen zwischen denen, die gingen, und denen, die blieben; und wegen der Post, die es zwischen ihnen nicht gab. Wegen der Mauern zwischen denen in der Burg und den Ausgebürgerten.
Unterwegs kommen die Erinnerungen und die Zeilen mancher Gedichte. Erinnerungen an eine Fahrt nach Greiz im Jahre 1977 kurz vor Kunzes Weggang. Aber da waren schon die Entfernungen. Jetzt, im Herbst 1990, in einer großen Westberliner Buchhandlung ein Zettel am Regal unter K, nach Kunert: „Wunderbare Jahre ausverkauft“. Darüber kann man lange nachdenken. – Drei schmale blaue Bändchen im eigenen Bücherregal, eines mit der Botschaft: „Ich bin angekommen… Auch dies ist mein land.“ Im Auto liegt der Brief mit Reiner Kunzes Adresse und: „Sie werden uns willkommen sein.“
In Passau beginnt es zu regnen. „Die Donau zieht im tal / und am himmel hin.“
Das Haus liegt am Ende der kleinen Straße oberhalb von Erlau. Auch hier die Randlage. „Unhörbar liegt der Hang am Haus.“ Das kleine Gartentor ist angelehnt. Ein Willkommen dem Gast. „Treten Sie ein, legen Sie / Ihre traurigkeit ab.“ Aber das schrieb Kunze schon viel früher. Im großen weiten Raum herrscht die Stille. Die Freundlichkeit der Gastgeber erlebe ich als Kontrast zur kühlen Sachlichkeit des Hauses. Viel Blau. Ein großer schwarz-weißer Teppich. („Zwischen den großen farben Schwarz und Weiß aber / ist eine große lücke / Durch diese lücke floh ich…“) Vom polierten schwarzen Klavier geht der Blick weg, hin zu den großen Fenstern, hinter denen der Regen ins herbstliche Laub fällt. Es muß schön sein, wenn die Sonne gegenüber aus den Höhenzügen des anderen Landes steigt. Keine Grenze zwischen drinnen und draußen. In unserem Land, aus dem Kunze wegging, war selbst die Nische überwacht, war kein Rückzug möglich.
Wir sitzen zu dritt. Ich werde gastfreundlich bewirtet und denke dabei, daß Reiner Kunzes Frau Elisabeth die ganze Woche als Kieferorthopädin im Passauer Krankenhaus schwer gearbeitet hat. Er hat ihr sehr schöne Gedichte geschrieben.
Wir haben hier Heimat. Wir sind zuhaus, sagt Reiner Kunze. Man hat es ihm abgesprochen, als er gegangen war, bis er es deutlich vernehmbar gesagt hat. Schwer errungen gewiß. Nun aber: Das Leben ist hier unvergleichlich reicher. Noch kann ich das schwer prüfen, muß es ihm abnehmen wie damals, als er gegangen war, das unverstandene Zitat eines Gedichtes von Gottfried Keller: „Trinkt ihr Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluß der Welt.“
„Wir haben hier ein Maximum an Freiheit. Ich kann alles tun, was ich will, und das wenige tun, was ich kann.“ Da bleiben Grenzen bewußt.
Eines der Gedichte von Kunze (FAST EIN FRÜHLINGSGEDICHT) schließt so: „Nichts! währt / ewig.“ Und nun auf die Frage nach seiner Arbeit: Ich arbeite zur Zeit an der Einheit Deutschlands. Hat er das nicht schon immer getan? Nicht schon mit diesem Vers. Zur Zeit gibt es sehr viele Einladungen zu Lesungen. Reiner Kunze kehrt nicht laut oder spektakulär zurück, sondern still, in seiner Art. Die Säle sind voll. Greiz, so sagt er, war besonders ergreifend für uns, die Wiederbegegnung, die Lesungen in der Kirche und im ausverkauften Schauspielhaus. „Das Herz konnte sich zusammenkrampfen bei der Begegnung mit Menschen, die vierzig Jahre isoliert waren… ein verhaltenes Publikum, ein zurückhaltendes.“ Begegnungen ohne Spektakel auch in Leipzig, Dresden und Jena.
Die obligatorische Frage nach der Debatte um die DDR-Literatur. Reiner Kunze hat sich mit Äußerungen zurückgehalten. Die Entwicklung hat ihn in vielem bestätigt. Aber was er vor zehn Jahren im Westen sagte, war damals auch dort nicht opportun. Kunze nennt keine Namen. Wie leicht können vorschnelle Urteile diffamieren, eine altbewährte Methode. Er legt mir einen Artikel aus der Zeit (26. Oktober) auf den Tisch. Antwort für Wolf Biermann, eine Antwort in Kunzes Art, sachlich, eine Dokumentation über Bespitzelungen in der Zeit, als er wissenschaftlicher Assistent in Leipzig war; „Vernehmungsprotokolle“. Mir läuft es kalt den Rücken runter. Das erklärt den einen lapidaren Satz in den kurzen Daten der Bücher vom S. Fischer Verlag: „Nach Entlassung aus dem Universitätsdienst Hilfsschlosser.“ Biermann hat jetzt den „jungen, ehrgeizigen Studenten“ als „brutalen stalinistischen Einpeitscher“ bezeichnet. Die Antwort spricht für sich.
Vor Jahren war der Dialog zwischen Kunze und Biermann ein anderer:

Es ist schön finster und schön licht
Gut leben und gut sterben
Wir lassen uns die Laune nicht
Und auch kein Leid verderben

(Biermann, 1977).

Da gab es die Unterschiede, aber es war fair. Jeder sieht die Welt mit anderen Augen.
Die Welt ist so viel reicher hier, sagt Reiner Kunze, wir müssen viel mehr in Bildern denken. Und ich ertappe mich, wie mein Blick wieder zu den Fenstern geht.

Das Fenster deines Hauses soll Wimpern haben
… die schwelle ins haus
eine züngelnde schlange (keines menschen
tod noch wunde, nur
erinnerung an eines jeden
einziges Leben).

Kunzes Lebensweg ist in den Klappentexten der Fischer-Bücher nachzulesen, stichwortartig. „1977 Übersiedlung von der DDR in die Bundesrepublik“. Warum der Rückzug in die Idylle fernab des großen Literaturbetriebes? Stück für Stück begreife ich: Vielleicht sind das die sensiblen Wege des Reiner Kunze mit dem – jedem Menschen – einzigen Leben, müde der Fahnenappelle, hin zu Gesprächen in Zimmerlautstärke – zum Selbstgespräch für andere (Titel des kleinen Reclam-Heftes).
Aber gerade von hier aus läßt es sich Brücken bauen. Deshalb noch einmal die rückwärts gewandte Frage: Wie war das mit den Freunden im Osten? (hier Feuer, dort Sumpf) Die frühen geistigen Verwandten waren schon sehr zeitig weg: Huchel, Bobrowski, Wiens, Fühmann. Es gibt eine Reihe von Gedichten Kunzes für Peter Huchel. Eins hat die Originalität, daß es die DDR literarisch verewigt:

GEBILDETE NATION

aaaaaPeter Huchel verließ die
aaaaaDeutsche Demokratische Republik
aaaaa(nachricht aus Frankreich)

Er ging

Die zeitungen meldeten
keinen verlust.

Später gab es nur wenige Brücken nach dem Osten, um die Freunde nicht zu gefährden. Sie wurden enorm überwacht, sagt er. Kollegiales Zusammentreffen manchmal in der Akademie der Künste, unter den wenigen Freunden blieb vor allem die Freundschaft zum Weimarer Schriftsteller Wulf Kirsten. Der Riß hat Wunden in den Gedichten hinterlassen. Nicht anders war es mit Verwandten, mit den Freunden in der Tschechoslowakei, wohin Kunze durch seine Übersetzungen die Brücken schlug (Jan Skácel, Jaroslav Seifert). Auch Die wunderbaren Jahre schlugen Brücken, stärker als von Kunze je vermutet. Der Verlag kam mit Drucken kaum nach. Das Buch wurde bekannt in aller Welt bis nach Japan und in die USA, in zwölf Sprachen übersetzt. Das war nicht nur politische Tagessensation, die wäre schnell vergessen worden. Es traf einen Nerv. Vielleicht dies, was Heinrich Böll in seiner Darmstädter Laudatio gesagt hat, daß Kunze „in einem ,beinahe‘ eine ganze Schreckenswelt unterbringt und ausdrückt“.
Brücken, so möchte man hinzufügen, sind auch Ehrungen, Widmungen, Preise, die Reiner Kunze reichlich zuteil wurden, u.a. der Deutsche Jugendpreis (1971) und der Georg-Büchner-Preis (1977). Brücken sind Briefe, täglich, kaum zu bewältigen, die Beantwortung erfordert viel Zeit, manchmal mehr als einen halben Tag. Aber, so sagt er, unter tausend Texten findet man einen Dichter. Einer ist vielleicht der Jugoslawe Marian Nakič, den er am Abend nach unserem Gespräch erwartet, mit dem er spricht, arbeitet. Brücken gibt es zu Freunden in der Umgebung, beispielsweise zum leitenden Pfleger der Intensivstation in Passau, Toni Pongratz, ein Literaturfreund, ja -narr. Vor zehn Jahren kam er mit der irrational scheinenden Vorstellung, eine Editionsreihe mit Erstveröffentlichungen zu gründen. Er schaffte es. Das erste Heft enthält einen Text von Reiner Kunze, es folgten viele, u.a. von Siegfried Lenz, Sarah Kirsch. Jetzt werden die Hefte, auch in Frankreich, antiquarisch teuer gehandelt.
Die letzte Frage nach Neuem. Im nächsten Jahr wird es ein Kinderbuch von Reiner Kunze geben mit Illustrationen von Karel Franta, der schon den Löwen Leopold so unübertrefflich heiter bebildert hat. Er brauche etwa fünf Jahre für ein neues Buch, sagt Reiner Kunze. In einem seiner Gedichte heißt es, „daß ein gutes gedicht warten kann“.
Eine Zeit ohne Extreme wäre gut, sagt der Dichter Kunze. Auch ein Satz auf eigene Hoffnung? Mir wird bewußt, daß er früher als wir einer bedrückenden „Beglückungsideologie“ (so im Gespräch) entronnen ist. Ein kleines Stück Glück nehme ich mit: Mit offenen Augen sehen. Ich habe noch einen sonnigen Herbsttag in Passau.

Sabine Neubert, Neue Zeit, 10.11.1990

Erzgebirgler ob der Donau. Seefahrt

Ja, Reiner. 80 Lebensjahre sind ein Fundament, um sich umzuschauen:
Acht Lebensjahrzehnte gemeistert, gemeistert innerhalb unserer befremdlichen Lebensjahrzehnte. Respekt.
Eine alte Redensart spricht von dem, was uns an der Wiege gesungen worden ist oder eben nicht. Dir ist nicht alles, was später kam, an der Wiege gesungen. Und der heimatliche Vogelbeerbaum ist nun bei Passau herangewachsen, ein Zuhause. Wenn wir zurückblicken, erinnernd und unbefangen: diese Scheiterungen aller Arten und Spielarten. Vielleicht sagen Spätere einmal, diese Zeitalter hat vor allem Schicksale hervorgebracht, was werden die Werke dann lehren? Auf welche Art und Weise überlebt wurde? Damals. Oder oftmals wurde eben versucht zu überleben. Und Gnade, geboren worden zu sein ein paar Jahre vor dem großen Krieg. Ein paar Jahre früher geboren und alles, alles wäre wieder ganz andere Wege gegangen im Leben. Wir aber sind in diese Jahrzehnte des Kalten Krieges geraten. Wie viele Jahrzehnte sind es denn? Einst habe ich Dir geschrieben in einem Brief:

Manchmal gehe ich spät abends alte Zeiten durch, mein Lieber, wir waren in einem Kriege, großem Kriege, Bürgerkrieg, wenn wir Bürger gewesen wären. Menschenkrieg aber dürfen wir es wohl nennen.

Geschrieben vor mehr als zwanzig Jahren. Man könnte den Brief heute schreiben. Ja, dieser große Kalte Krieg in unserem geteilten Deutschland; so viel von ihm auch geredet worden ist oder geredet wird, von seinen Opfern wird immer nur sehr eingeschränkt geredet. Den Menschen unserer Generation war für so vieles der Mund verschlossen und bis heute. Dabei wurde doch zu diesem Thema so viel geredet; über Opfer wurde immer überaus gewählt geredet. Der mutige „gesamtdeutsche“ Schriftsteller Uwe Johnson ist 49 Jahre alt geworden. Er hat viel erreicht, ist aber auch elend gestorben und im Exil. Nun könnte man leicht fragen: Wie kommen Sie denn auf diesen Namen? Nun, das Opfer Johnson war exemplarisch. Ich habe meine Gründe, diesen tapferen und starken Autor hier zu erwähnen, weil ich an seine testamentarisch letzten Worte gedacht habe. Ja, Reiner, 80 Jahre alt zu werden, ist eine Gnade. Und aus Deinem Tagebuch Am Sonnenhang sei hinzugesetzt:

Die Wirklichkeit muss erst durch den Menschen hindurch, ehe in der Kunst Gültiges entsteht. Wir stecken zur Zeit tief in der Wirklichkeit, die nicht nur Gegenwart ist, sondern eine zum Teil übermächtige Vergangenheit.

Schicksalssätze unserer Epoche. Sätze aus einem Buch, das ein Befreiungsschlag war und mit großer Kraft geführt, um nicht zu ersticken. Es gingen ja bittere Jahre voraus. Isolation, Isolationen aller Härten. Übrigens werden Spätere unsere Literatur vermutlich ganz anders lesen, als wir uns dies heute träumen lassen. Vermutlich mit großem Respekt, denn diese friedlicheren Menschen sehen ja dann, auf welchem Feld diese Literatur entstanden ist, auf welchem Terrain, Territorium, terroir auch, Gelände eben. Uns zu großen Teilen terra incognita. Sich dort zu bewegen und in aller Öffentlichkeit, das hat Mut verlangt. Vermintes Gelände, denn es ist ja nicht so gewesen wie es war, unsere Generation weiß: es war nicht so, wie es gewesen ist.
In einer anderen Zeit hat ein Glücklicherer das Gedicht ,,Seefahrt“ geschrieben. Die Vision vom Aufbruch in ein anderes, unbekanntes Leben. Der Ausbruch ist gefährlich, heraus aus der frühen Lebenshälfte, die man sich nicht auszusuchen vermag.

Und an jenem Ufer drüben stehen Freund und Lieben, beben auf dem Festen. Ach, warum ist es nicht hier geblieben! Ach der Sturm! Soll der Gute so zu Grunde gehen? Ach, er sollte, ach er könnte! Götter!

Nun, man lese selber. Wäre unser Verhältnis zu diesem großen Dichter aus anderen Zeiten inniger, das Gedicht stünde in jedem Lesebuch. Zur Ermutigung!
Ja, Du hast die Seereise gemacht, des Scheitern eingedenk. Wie viele Couragierte sind gescheitert! Und was heißt gescheitert und was heißt: Seereise glücklich gemeistert? Das Altersgesicht erzählt. Und Heinrich Heines Wort vom Lehm des Vaterlandes, den man an den Schulsohlen mitnimmt, willens oder ungewollt: schwer abzuschütteln. Die Crux. Jedes eigenständige Leben, es hatte seinen Preis in diesem zweigeteilten Deutschland, in diesem zwiegeteilten nach diesem großen Kriege. Die herrschenden Medien aber lieben klare Verhältnisse: richtig und falsch, Sieger und Verlierer, wahr und falsch: Geglättete Verhältnisse. Die Poesie aber weiß mehr, wie zusammengesetzt das Menschenleben auch ist und wie vielfältig. Die Seefahrt auf den Wogen des Großen Kalten Krieges. Acht Jahrzehnte. Gratulation. Aber auch ich bin nicht mehr gesund genug für einen angemessenen liebenswürdigen Gratulationstext, bin zudem ja auch der ältere. Ja, Reiner, ein solcher Traumblick aus dem Hause Am Sonnenhang ob der Donau. Ja, die Götter schenken und nehmen. Nehmen die alte vertraute Heimat und schenken. Ein merkwürdiges Nehmen und Geben. Dir und den Deinen noch ein paar gute friedliche Jahre als Dank für Bemühungen.
Sei zum Schluss noch der Sprache gedacht, dem wunderbaren Segel auf dieser Lebens-Seereise. Von Anbeginn an hat der künftige Lyriker auf die Sprache vertraut, unsere reiche deutsche Sprache, die Frau Muttersprache. Lebensinhalt und Trost und Stecken. Von Anfang an, aber da hat sie nicht geherrscht, die Sprache. Geherrscht werden sollte mit der Sprache.
Ideologie. – Ein weiter Weg. Aber früh hast Du begriffen, was Du ihr verdankst und wie sie beschützt werden muss. Wie Du Dich aufgebäumt hast, als Hand an sie gelegt wurde, beamtischerseits und machtvoll. Du hast Dich um die Sprache verdient gemacht. Dank sei Dir. Ja, für Reiner Kunze ist die Sprache – wie Matthias Buth und Günter Kunert im Einladungsbrief an die Autoren dieses Buches schreiben – der Ort, um Halt zu finden, Mut zu mobilisieren, Dichtung das innere Vaterland. Wie richtig.
Schreiben in Bedrängnis ein Leben lang. Freilich muss bedacht werden, wozu unsere Sprache dienen muss, Tag für Tag. Wozu sie verwendet wird, verwendet zu Zwecken. Aber Sprache hält viel aus. Aber sie muss geschützt werden mit der Sorgfalt der Berufenen. Gewaschene Sprache, eine feine Fügung. Unsere Muttersprache, die Sprache der Dichter. Ein mir gewidmetes Gedicht, ein sanfter Schulterschlag, endet mit den Worten:

und sonst: poesie ist außer wahrheit vor allem poesie.

Das letzte Wort.

Horst Drescher, aus Matthias Buth und Günter Kunert (Hrsg.): Dichter dulden keine Diktatoren neben sich, Verlag Ralf Liebe, 2013

 

Von einem gebrannten Kind
und seinem widersinnigen Feuer

Wo noch ein Rauchfaden
aus der Asche
verräterisch scheint,

wo man das Wort Gefahrenzone
verschluckt, nur hinter der Hand
den Feuerstein anschlägt

auf grün gezeichneten,
genau abgesuchten Bergen:

unterhält es mit Versen
ein kleines hellwaches,
lichtwerfendes Feuer-

als tappten wir unter der
humanistischen Sonne
im Dunkeln.

für Reiner Kunze (1973)

Heinz Piontek

 

Michael Wolffsohn: REINER KUNZE – der stille Deutsche

In Lesung und Gespräch: Reiner Kunze (Autor, Obernzell-Erlau), Moderation: Christian Eger (Kulturredakteur der Mitteldeutschen Zeitung, Halle). Aufnahme vom 17.01.2012, Literaturwerkstatt Berlin. Klassiker der Gegenwartslyrik: Reiner Kunze. Wenn die post hinters fenster fährt blühn die eisblumen gelb.

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Zum 60. Geburtstag des Autors:

Harald Hartung: Auf eigene Hoffnung
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.8.1993

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Katrin Hillgruber: Im Herzen barfuß
Der Tagesspiegel, Berlin, 16.8.2003

Lothar Schmidt-Mühlisch: Eine Stille, die den Kopf oben trägt
Die Welt, 16.8.2003

Beatrix Langner: Verbrüderung mit den Fischen
Neue Zürcher Zeitung, 16./17.8.2003

Sabine Rohlf: Am Rande des Schweigens
Berliner Zeitung, 16./17.8.2003

Hans-Dieter Schütt: So leis so stark
Neues Deutschland, 16./17.8.2003

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Michael Braun: Poesie mit großen Kinderaugen
Badische Zeitung, 16.8.2008

Christian Eger: Der Dichter errichtet ein Haus der Politik und Poesie
Mitteldeutsche Zeitung, 16.8.2008

Jörg Magenau: Deckname Lyrik
Der Tagesspiegel, 16.8.2008

Hans-Dieter Schütt: Blühen, abseits jedes Blicks
Neues Deutschland, 16./17.8.2008

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Jörg Bernhard Bilke: Der Mann mit dem klaren Blick: Begegnungen mit Reiner Kunze: Zum 80. Geburtstag am 16. August
Tabularasa, 18.7.2013

artour: Reiner Kunze wird 80
MDR Fernsehen, 8.8.2013

André Jahnke: Reiner Kunze wird 80 – Bespitzelter Lyriker sieht sich als Weltbürger
Osterländer Volkszeitung, 10.8.2013

Josef Bichler: Nachmittag am Sonnenhang
der standart, 9.8.2013

Thomas Bickelhaupt: Auf sensiblen Wegen
Sonntagsblatt, 11.8.2013

Günter Kunert: Dichter lesen hören ein Erlebnis
Nordwest Zeitung, 13.8.2013

Marko Martin: In Zimmerlautstärke
Die Welt, 15.8.2013

Peter Mohr: Die Aura der Wörter
lokalkompass.de, 15.8.2013

Arnold Vaatz: Der Einzelne und das Kartell
Der Tagesspiegel, 15.8.2013

Cornelia Geissler: Das Gedicht ist der Blindenstock des Dichters
Berliner Zeitung, 15.8.2013

Johannes Loy und André Jahnke: Eine Lebensader führt nach Münster
Westfälische Nachrichten, 15.8.2013

Michael Braun: Süchtig nach Schönem
Badische Zeitung, 16.8.2013

Jochen Kürten: Ein mutiger Dichter: Reiner Kunze
Deutsche Welle, 15.8.2013

Marcel Hilbert: Greiz: Ehrenbürger Reiner Kunze feiert heute 80. Geburtstag
Ostthüringer Zeitung, 16.8.13

Hans-Dieter Schütt: Rot in Weiß, Weiß in Rot
neues deutschland, 16.8.2013

Jörg Magenau:  Der Blindenstock als Wünschelrute
Süddeutsche Zeitung, 16.8.2013

Friedrich Schorlemmer: Zimmerlautstärke
europäische ideen, Heft 155, 2013

 

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Richard Pietraß: Dichterleben – Reiner Kunze

 

Reiner Kunze – Befragt von Peter Voss am 15.7.2013.

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