Reinhold Grimm: Zu Hans Magnus Enzensbergers Gedicht „Sterne“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Hans Magnus Enzensbergers Gedicht „Sterne“ aus Hans Magnus Enzensberger: Die Geschichte der Wolken. 99 Meditationen. 

 

 

 

 

HANS MAGNUS ENZENSBERGER

Sterne
für Adam Zagajewski

Jedes Jahr, astronomisch pünktlich, gehen sie wieder auf.
Was da kriecht, heißt, glaube ich, Pfennigkraut,
und das Winzige dort ist der Mauerpfeffer.
So viel, was gelb ist und bald vergeht.
Von denen, die sehr weit entfernt sind von uns,
in der Kälte, heißt es, sie brennen ab
wie am Geburtstag die Wunderkerzen.
Wenn es windstill ist, hangen manche matt
auf den Flaggen. Einer kommt in der Bibel vor.

Als ich klein war, gab es noch andere,
krumm und zerdrückt, und es muß sie jemand
genäht haben an abgetragene, graue Mäntel.
Meine Tante Therese war es nicht,
andere Tanten saßen da, den Faden im Mund,
weitsichtig das Nadelöhr suchend.
So viele Sterne. Sprich nicht davon.
Nur daß sie gelb waren, gelb.
Und dann waren sie verschwunden.

 

Mancherlei Sterngebilde

Wenn Hans Magnus Enzensberger jemals erschütternde Verse veröffentlicht hat, so sind es diese. Denn was geschieht in dem lapidar einfach „Sterne“ überschriebenen und zudem nicht umsonst einem polnischen Schriftsteller zugeeigneten Gedicht? Es beginnt fast idyllisch: nämlich mit einem flüchtigen, doch für den wissenschaftskundigen Lyriker Enzensberger sehr bezeichnenden Seitenblick auf die Astronomie; es benennt und schildert sodann, erst recht idyllisch, das Aufblühen und schnelle Verwelken von leuchtend gelben Blütensternen, wie sie das „Pfennigkraut“ und der „Mauerpfeffer“ hervorbringen, um schließlich in eine kurze Betrachtung anderer, bald naher und vertrauter, bald unendlich ferner Sterngebilde zu münden.
Was wir über diese erfahren, verknüpft sich nahtlos mit dem, was uns der Dichter über jene so gestirnhaft „pünktlich“ wiederkehrenden Sternblumen mitgeteilt hat, nur daß derlei nunmehr nicht länger als Bild erscheint, sondern in seiner astrophysikalischen Realität, als wirkliche Gestirne, die sehr weit entfernt in der Kälte des Weltraums rasch, ja rasend aufleuchten und sich in ihrer eigenen Glut verzehren. Indes, gerade solche kosmischen Vorgänge werden von Enzensberger ohne Verzug in den allernächsten Ablauf der Dinge zurückgeholt und sogar, jetzt abermals („Wunderkerzen“) bildlich, in die Wärme des Familienlebens mit seinen kleinen Festen („Geburtstag“) eingebettet. Und Ähnliches vollzieht sich mit den „matt“ herabhangenden (!) „Flaggen“, deren Sterne, nicht minder vertraut, an die Stars and Stripes oder verwandte Fahnen erinnern. Auch sie wirken, wie alles in dieser ersten Strophe, gleichsam geschichtslos und jedenfalls ruhig geregelt. Selbst ein universal-, ja heilsgeschichtlich so bedeutungsschwerer Stern wie der von Bethlehem macht davon keine Ausnahme. „Einer“, wird uns beinahe achselzuckend von ihm eröffnet, „kommt in der Bibel vor.“
Dann freilich, in der zweiten Strophe, befinden wir uns mit einem Schlage mitten im reißenden Strom der Geschichte. „Als ich klein war“, berichtet Enzensberger ja, „gab es noch andere“: nämlich andere gelbe Sterne, „krumm und zerdrückt“ und „genäht […] an abgetragene, graue Mantel“.
In der Tat, als der im November 1929 geborene Dichter noch keine zwölf Jahre zählte, war – am 19. September 1941, um genau zu sein – der sogenannte „Judenstern“ (ein gelber Davidstern mit der Aufschrift Jude, „sichtbar zu tragen“) verordnet und eingeführt worden. Erschütternder und zugleich verhaltener, als es hier geschieht, kann man diesen Vorgang und vollends dessen Folgen wohl schwerlich zum Ausdruck bringen. Denn wie hieß es doch anfangs von den Blütensternen und heißt es zuletzt nun von jenen ominösen „anderen“? Mit einer unerhörten Verschmelzung von Natur und Geschichte sinnt der Dichter, beide Strophen unlösbar miteinander verknüpfend:

So viel, was gelb ist und bald vergeht.
Und:
So viele Sterne. Sprich nicht davon.
Nur daß sie gelb waren, gelb.
Und dann waren sie verschwunden.

Jedwede Erläuterung hierzu erübrigt sich. Vielleicht aber sollte man dafür die Zeile „Meine Tante Therese war es nicht“ zum Schluß noch etwas näher ins Auge fassen. Was in ihr nämlich anklingt, sind zum einen, in kühner poetischer Mimikry, die bekannten Abwehrreaktionen (man sei „es“ ja nicht gewesen, habe „davon“ ja nichts gewußt) und ist zum andern der Name Theresienstadt und damit die ganze schauerliche Wirklichkeit der Konzentrations- und Vernichtungslager… auch, nein vor allem eben in Polen, woran die Enzensbergersche Widmung ja vorwegnehmend schon gemahnt.

Reinhold Grimmaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Einunddreißigster Band, Insel Verlag, 2007

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