René Char: Und der Schatten der Sanduhr begräbt die Nacht

Char/Michel-Und der Schatten der Sanduhr begräbt die Nacht

GESETZ VERPFLICHTET

Der Stern, der seinen unleugbaren Namen krächzte,
In diesem Sommer von Glanz,
Verblieb in der Dachziegel Spiegel.
Das reißende Tier wird gezähmt werden!

Sobald die Nacht, die kalte, mächtige emporsteigt,
In der die Augen bald die Klarheit des Utopischen verlieren,
Albatroswort, geb ich ihm wieder Wildheit.

Übersetzt von Klaus Möckel


René Char: Das Brot heilen

Ein Mann geht am Ufer eines Flusses hin, „einsiedlerisch“, wie er es von seinesgleichen im Gedicht gesagt hat, doch im inneren Dialog mit der Welt und den Menschen. Um ihn her die Natur in ihrer Vielfalt: Wiese, Feld, Wasser, Wald, die Berge, die aus der Ferne herüberschimmern, Vögel und Insekten, Sonne und Wind. Der Mann nimmt die Dinge in sich auf und verbindet sie in Gedanken mit den großen Begriffen von Werden und Vergehn, Schatten und Licht. Bilder, freundlich oder schmerzhaft, drängen heran, werden in mühevoller Arbeit aneinander gefügt. Im Widerspiel von Gut und Böse, Unterworfen sein und Auflehnung, Verzweiflung und Hoffen entsteht so René Chars Lyrik. Sie ist für ihn Notwendigkeit, Leben. „Was wäre die Wirklichkeit ohne die Spaltkraft der Poesie.“ Er verdichtet sie bis hin zum prägnanten Satz, zum elementaren Wort. Das blitzhaft aufleuchtet, aber nicht in leerem Glanz erstrahlt, kein Selbstzweck ist. Es schlägt vielmehr Breschen ins Dunkel, hallt lange nach. Es erhellt für Augenblicke Bereiche, die im Verborgenen ruhn.
Die Dichtung Chars ist ohne Zweifel von der Landschaft geprägt, in der er aufwuchs und den größten Teil seines Lebens verbrachte. Von der westlichen Provence, jener Gegend zwischen der Rhône und den Niederen Alpen, die, viele Monate des Jahres unter einer heißen Sonne liegend und von zahlreichen Wasserläufen durchzogen, als außerordentlich fruchtbar gilt. Hier, im Ort L’Isle-sur-Sorgue, wo sein Großvater Gipsarbeiter, sein Vater ein kleiner Geschäftsmann in der gleichen Branche und mehrere Jahre Bürgermeister war, wurde der Autor am 14. Juni 1907 geboren. Les Névons, das von einem Park umgebene Haus, das den Großeltern mütterlicherseits gehörte und wo er seine Kindheit verlebte, wird in den Versen mehrfach beschworen, „Im Park von Les Névons / Von Wiesen rings umraint…“. Erinnerung an die engere Heimat sind aber auch die Luberon-Berge, die „Felder voller Mimosen, die an den Hügelhängen des Dorfes biwakieren“, der Fluß Sorgue und nicht zuletzt die Menschen des Landstrichs: Louis Curel, „die Gefährtin des Korbmachers“.
René Char besuchte die Gemeindeschule im Ort und, nach dem zu frühen Tod des Vaters, ein Gymnasium im nahegelegenen Avignon. Die Familie hatte nun finanzielle Schwierigkeiten, der Junge lebte im Internat, ging später nach Marseille, wo er – offenbar wenig enthusiastisch – an der Handelsschule lernte.
Es war die Zeit nach dem ersten Weltkrieg mit ihren Wirren und Widersprüchen, dann die der zwanziger Jahre. Char versuchte sich sein Leben zu verdienen, er verkaufte Whisky und Chicorée an Barbesitzer oder kleine Geschäftsleute, arbeitete einige Monate für einen Händler in der Stadt Cavaillon. Doch er schrieb auch Gedichte, las Plutarch, Villon, Racine, die französischen und deutschen Romantiker, Baudelaire. Nach der Veröffentlichung eines ersten Gedichtbandes, den er aber selbst nicht gelten ließ und dessen Exemplare er zum größten Teil vernichtete, erschien 1929 Arsenal (Arsenal), das am Anfang seines wahrhaft umfangreichen Werkes steht. Er schickte ein Exemplar an Eluard und wurde so mit den Surrealisten bekannt. In weiteren Publikationen – 1934 faßte er das bis dahin Entstandene unter dem Titel Le Marteau sans maître (Der herrenlose Hammer) zusammen −, insbesondere in Dehors la nuit est gouvernée (Draußen die Nacht wird regiert, 1938), wird der Einfluß dieser Bewegung sichtbar, an deren Auseinandersetzungen der Poet teilnahm. Unter anderem arbeitete er an surrealistischen Zeitschriften mit, wurde bei einem der von den Literaten heraufbeschworenen „Skandale“ durch einen Messerstich verletzt. Aber Char, mit Eluard befreundet, mit Aragon, Breton, Crevel und anderen bekannt, hat sich, wie Camus es später ausdrückte, „dem Surrealismus mehr geliehen als hingegeben“. Er ging auf der Suche nach der Wahrheit seinen eigenen Weg. Vielleicht verdankt er den zwanziger und dreißiger Jahren die Heftigkeit seiner Bilder, den Durst nach „unsäglichem Leben“, den Willen zum Aufruhr, der in vielen seiner Verse spürbar wird. Er hatte schon damals erkannt, daß „das Unmenschliche sich nicht sklavisch bekehrt zum Ladentisch der entzückten Worte“, stellte sich ihm entgegen, wo immer es möglich war, entschlossen, „der Dummheit ins Antlitz zu schlagen“.
Zu Beginn des zweiten Weltkrieges wurde Chat eingezogen, diente als Artillerist im Elsaß – aus diesen noch ruhigen Monaten stammen spätere Gedichterinnerungen. Nach dem Zusammenbruch der französischen Armee und der Demobilisierung kehrte der Poet dann in die Provence zurück und schloß sich dem Widerstand an. Als Linker denunziert und als entschiedener Feind des Faschismus bekannt, blieb ihm kaum eine andere Möglichkeit. Die Verhaftung drohte. Er hatte inzwischen geheiratet; es gelang ihm, seine Frau an einen sicheren Ort zu bringen. Er selbst wählte den Maquis, wurde auf Grund seiner Umsicht und seines Mutes bald Kommandeur einer Partisaneneinheit. Während der Okkupation hat Char nichts veröffentlicht, aber die Feuillets d’Hypnos (Hypnos, Aufzeichnungen aus dem Maquis, I946) geben Auskunft über jene Zeit. Hypnos war der Deckname des Dichters, seine Notizen, wirklichkeitsnah und poetisch akzentuiert, legen Zeugnis von der Tapferkeit und ungebrochenen Menschlichkeit der Partisanen ab. Durch ihren humanen Geist, ihre schlichte, konkrete und doch phantasievolle Sprache gehören diese Texte zum Eindrucksvollsten in seinem Werk. Sätze wie: „Wo Rauch ist, da ist Anderswerden“, „Das Brot heilen, den Wein auf den Tisch bringen“, „Zum Sprunge gehören, nicht zu seinem Epilog, dem Gelage“, haben Berühmtheit erlangt und werden von den Literaturkritikern oft zitiert. Die Gedichte und Aphorismen aus dem Sammelband Fureur et mystère (Glut und Mysterium, 1948), der neben Hypnos so wichtige Bände wie Seuls demeurent (Es bleiben aber, 1945), Les loyaux adversaires (Die aufrichtigen Gegner), 1946), Le Poème pulvérisé (Das pulverisierte Gedicht, 1947) und La Fontaine narrative (Der erzählende Quell, 1947) enthält, bestätigen diese Haltung und machten den Autor bekannt. Camus setzte sich für ihn ein, der angesehene französische Verlag Gallimard begann seine Bücher zu publizieren. Und obwohl sich bei dem Dichter nun Enttäuschung über die Abnutzung der Resistance-Idee, der Ideale von Brüderlichkeit und Gerechtigkeit in die Verse mischte: „Du hast gut getan, fortzugehn, Arthur Rimbaud!“, resignierte er nicht, strebte vielmehr nach neuen Anläufen und Dimensionen. Während seiner surrealistischen Phase hatte Char einige Jahre in Paris gelebt, nun richtete er sich wieder in L’Isle-sur-Sorgue ein, nicht ohne auf Aufenthalte in der Hauptstadt und auf Reisen ins Ausland zu verzichten, wenn es der Beruf erforderte. Er war mit vielen Künstlern seines Landes im Gespräch, besonders mit Malern und Dichtern. Die Malerei hat seine Verse immer beeinflußt; mit Corot, Courbet, Georges de La Tour vor allem, von dem er sogar im Maquis eine Farbreproduktion besaß, die des „Gefangenen“, stand er im stetigen inneren Austausch. Er betrachtete diese Maler als Vertreter der gleichen Sache, fand in ihren Bildern „eine Reihe von Blitzen und von langen Schatten, die der Reflexion Zeit lassen… Manchmal“, sagt er, „sind die Visionen ungenau; aber die Überraschung ist solcherart, daß sie die Dunkelheit überleben.“
Das Werk wuchs, Char lotete die Klüfte zwischen Nacht und Tag, der Trauer und den Augenblicken des Glücks aus. Er begriff all das als ein Wechselspiel, das sich ergänzte; schon in früherer Zeit hatte er geschrieben: „Meine Liebe ist traurig… Denn es liegt im ruhlosen Wesen der Liebe, traurig zu sein. / So auch ist traurig das Licht / Traurig das Glück.“ Das Ruhelose aber ist Bewegung und schließt Rebellion ein. In einer markanten Spruchdichtung aus dem Jahre 1947, „Auf das Wohl der Schlange“, heißt es: „Was zur Welt kommt, um nichts in Aufruhr zu bringen, verdient weder Rücksicht noch Geduld.“
So wird die Auseinandersetzung zum Gebot, die Poesie schwingt, wie das Leben, zwischen den Polen dessen, was niederdrückt und dessen, was Hoffnung gibt. Der finstere Pol: Falschheit, Menschenverachtung, Versklavung; der helle: Liebe, Freiheit, Aufrichtigkeit. „Ich liebe dich, wiederholt der Wind allem, was er belebt“, lautet eine Verszeile und eine andere: „Die Freiheit kam auf diesem weißen Streifen daher… und die Entsagung mit dem Gesicht eines Feiglings, die Heiligkeit der Lüge, der Alkohol des Henkers – sie alle nahmen ein Ende.“ In „Heuernte“, einem von vielen poetischen Texten über die Nacht, die aber nicht etwa das Finstere verkörpert, sondern freundlich und schöpferisch ist, Ort für die „Lampe“ und die Vorbereitung auf neue Geburt, schreibt Char: „Ich grüße den, der in Sicherheit neben mir schreitet… Morgen geht er AUFRECHT unter dem Wind hin.“ Die Hervorhebung des Wortes „aufrecht“, aber auch die Erwähnung des Windes – mitunter als Sturm, Orkan wiederkehrend und einer der wichtigsten Begriffe in dieser Poesie – verweisen auf das fortdauernde Brennen, die Streitbarkeit des Dichters. Weitere Titel von Gedichtbänden drängen sich als Zeugnis auf: Les Matinaux (Wanderer in den Morgen, 1950), La Parole en archipel (Das Wort als Archipel, 1962), darin unter anderem La Bibliothèque est en feu (Die Bibliothek steht in Flammen, 1956) und Au-dessus du vent (Hoch überm Wind, 1962).
Auf Grund der Bewegung, der Bewußtheit des Widerspruchs in Chars Poesie haben die Kritiker seine Verwandtschaft mit Heraklit hervorgehoben. Tatsächlich gibt es hier enge Bezüge, denn dieser Dialektiker unter den vorsokratischen Philosophen hatte ja nicht nur das Werden zur Wahrheit von Sein und Nichtsein erklärt, die Gesamtheit der Dinge im ewigen Fluß und in der Wandlung gesehen, sondern auch den Satz vom „Streit als dem Vater aller Dinge“ ausgesprochen. In einem 1948 verfaßten Artikel über Heraklit nennt der Dichter ihn ein „stolzes, festes und angstvolles Genie, das die beweglichen Zeiten durchquert, die es in Worte gefaßt, bestätigt und sogleich wieder vergessen hat, um ihnen vorauszueilen“. Und an anderer Stelle sagt er: „Unsere Geschmäcker, unsere Begeisterung, unsere Befriedigungen sind vielfältig, so daß sophistisches Teilwerk uns wohl blitzartig erobern und unseren Hunger anrühren kann. Aber bald nimmt die Wahrheit vor uns schon wieder ihren Platz als Anführerin des Absoluten ein, und wir brechen, ihr folgend, erneut auf, ganz eingehüllt in Sturm und Leere, Zweifel und erhabene Überlegenheit. Wie einfallsreich zeigt sich doch die Hoffnung!“
Vor allen anderen aber ist es der Poet, der, von Zweifeln zerrissen, immer wieder der Hoffnung nachjagt. Ihn, den redlichen, mit der Welt verbundenen, ihre Konflikte in sich tragenden Streiter, hebt René Char aufs Schild. Der Dichter, „große Karre der Sümpfe“, ist „für ungewöhnliche Augenblicke geschaffen“. Er „verwandelt das Leiden in Brot“, er „bewahrt die unendlichen Gesichter des Lebendigen“. Er „facht auf des Sommers Zinnen den Aufruhr an“. Er „belebt, dann eilt er zur Lösung des Knotens… am Abend… eilig beim Abschied, um da zu sein, wenn das Brot aus dem Ofen kommt“. Diesem Ideal vom Poeten, dem die Tragik gewohnt, der aber in seiner Skepsis ein Tätiger ist, blieb Char auch in seinem späteren Werk treu. Die Sammelbände Le Nu perdu (Das verlorene Nackte, 1971), La Nuit talismanique qui brillait dans son cercle (Die zaubrische Nacht, die in ihrem Kreis geglänzt, 1972), Aromates chasseurs (Düfte, diese Jäger, 1975), Chants de la Balandrane (Balandranlieder, 1977) und Fenêtres dormantes et porte sur le toit (Schlafende Fenster und Tür aufs Dach, 1979), beweisen seine ungebrochene Schaffenskraft. Wohl bedrängte ihn nun „das zermürbende Alter“ stärker, 1968 erkrankte er schwer, der Tod entriß ihm langjährige Bekannte. 1952 bereits war Paul Eluard gestorben, 1963 der Maler Georges Braque, mit dem er oft zusammengearbeitet hatte. Verwandte – seine Schwester Julia, andere ihm nahestehende Menschen folgten. So Picasso, der, wie viele berühmte Künstler, Illustrationen zu seinen Büchern schuf, und der Philosoph Heidegger. Doch es blieb die Poesie, das geschriebene Wort. Und nach wie vor war der Dichter vom gleichen drängenden Geist erfüllt, so enthält eines seiner letzten Bändchen Les Voisinages de Van Gogh (Die Nachbarschaften Van Goghs, 1985) neue alte Bezüge auf die Berge, Flüsse und Menschen seiner südlichen Heimat ebenso wie auf das zwischen Winter und Frühling ungestüm sich bäumende Leben.
René Char, der heute zu den bedeutendsten Poeten des zeitgenössischen Frankreich gezählt wird (auch Artikel über Dichter, Maler, Philosophen hat er zu unterschiedlichen Anlässen verfaßt und einige Theaterstücke), starb achtzigjährig am 19. Februar 1988 in Paris. Sein dichtes und zugleich überströmendes Werk öffnet sich gewiß nicht dem ersten Zugriff. Doch wer sich ihm mit Geduld nähert, wird von seiner Ungeduld erfaßt werden. Er wird die Warnung hören, die einer sich selbst bedrohenden Menschheit gilt und lautet: „Wir haben nicht Tote mehr noch Raum / Wir haben nicht Meere noch Inseln mehr / Und der Schatten der Sanduhr begräbt die Nacht.“ Oder: „Alles ergreifen und wenig begreifen verbietet sich gegenseitig.“ Er wird aber auch das Lob der Schönheit vernehmen: „Immer von neuem, Schönheit… Meine Geliebte bist du“, und den Aufruf: „Gehen wir überall hin / Das Lachen in unseren Händen.“

Klaus Möckel, Nachwort, März 1987/Mai 1988

Als „die größte und schönste Stimme seit Petrarca“

bezeichnete ein Kritiker René Char, und Albert Camus hielt ihn für den bedeutendsten zeitgenössischen Lyriker Frankreichs. Bekannt, anerkannt, in viele Sprachen übersetzt, harrte die Dichtung Chars dennoch weitgehend der Entdeckung. Eine Dichtung, die, oftmals aphoristisch verknappt oder in Prosaform gefasst, zutiefst geprägt ist von den Dingen und den Menschen des südfranzösischen Landstrichs, wo Char aufwuchs und bis zu seinem Tode lebte. Doch ist seine Lyrik weder kontemplativ noch von zeitlicher Begrenztheit oder lokaler Enge. Vielmehr ist Char ein „Dichter des Aufruhrs und der Freiheit“, der in „Hypnos“ schrieb: „Zum Sprunge gehören. Nicht zu dessen Epilog, dem Gelage.“ Und er ist ein Dichter, der inmitten von Schmerz und Verzweiflung, umgeben von Bedrohung und Zerstörung, Hoffnung verheißt: „In unserem Dunkel, nicht einem Platz hat die Schönheit darin. Der ganze Platz ist ihr, der Schönheit zugedacht.“…
Die vorliegende zweisprachige Auswahl versucht Chars poetischen Entwicklungsweg mit Beispielen aus allen Schaffensperioden – von den frühen Gedichten aus dem Jahre 1929 bis hin zur letzten Veröffentlichung von 1983 – nachzuzeichnen und somit eine erste Annäherung an das Gesamtwerk zu ermöglichen.

Verlag Volk und Welt, Begleitzettel, 1988

René Char 1907–1988

Das Wort, das sein Name ist, ist hart und kurz. Im Widerstand hatte er einen anderen, klangvolleren Namen: Capitaine Alexandre. Maquis hieß die französische Untergrundorganisation, der er angehörte, nach dem undurchdringlichen Buschwald, der die Provence an manchen Stellen bedeckt. Einmal durfte ich dort jemanden begleiten, der auf Trüffelsuche ging, in der Gegend von Chars Heimatort L’lsle-sur-la-Sorgue. Allein hätte ich mich in der herbstlichen Landschaft verirrt. Man konnte sich gut vorstellen, daß die Widerstandskämpfer sich während des Krieges dort versteckt hielten. Vielleicht war es Einbildung, aber mir kam es so vor, als ginge noch immer ein Fluidum der Gefahr von diesem Strauchlabyrinth und seinen Sandwegen aus, die sich alle gleichen. Im Untergrundkampf war Char Soldat. Etwas Archaisches ist an dieser Verbindung von Krieger und Dichter, man denkt an Owen und Jünger und Cervantes und an die Gedichte der Samurai – der Dichter als mythischer Held, warum nicht? In seinem Fall empfinde ich das Mythische daran noch stärker, weil seine Poesie so viel Geheimnis birgt, eine Poesie, die sich einem niemals gleich ausliefert, die einen herausfordert und auf die Probe stellt. Nicht immer bin ich mir sicher, daß man bei ihr ohne weiteres willkommen ist, vielleicht weil in dieser modernen Poesie etwas sehr Altes mitschwingt, eine verborgene Antike, die ihre eigenen Gesetze erläßt und ihre eigene Geschichte hat; ich könnte mir gut vorstellen, daß Peter Handke, wie er gesagt hat, Char eigentlich nur verstand, wenn er ihn übersetzte. Ich selbst kann ihn am besten lesen, wenn ich das Unverstandene akzeptiere, wenn ich mir seine französischen Wörter laut vorspreche, bis eine Art Zauber zu wirken beginnt und ganz allmählich ein Sinn auftaucht, der sich nicht mit der Bedeutung der Wörter deckt, mich aber einspinnt, bis ich mich innerhalb des Prosagedichtes wiederfinde.

Vorgänger

In einem Felsen erkannte ich den entlaufenen, den ermeßlichen Tod, unter der Ruhestatt eines Feigenbaums das aufgeschlagene Bett seiner Komparserie. Keinerlei Spur von Zurecht-Stutzen: ein jeder irdische Morgen breitete tief drunten bei den Nachtmärschen seine Schwingen aus.
Ohne mich zu wiederholen, erleichtert von der Angst der Menschen, hebe ich im Luftraum mein Grab aus, und meine Heimkehr.

Die Heidegger-Nummer des Magazins Littéraire (März/April 2006) enthält einen Beitrag über das Verhältnis zwischen Heidegger und Char. Zwischen 1966 und 1969 kam Heidegger auf Chars Einladung nicht weniger als dreimal nach Thor im Vaucluse, nahe Chars Heimatort L’lsle-sur-la-Sorgue. Char hatte 1959 ein kurzes Gedicht für Heidegger geschrieben, und die beiden waren sich auch vor den Treffen in Thor schon begegnet. Eine wichtige Rolle hat bei diesen Gesprächen Jean Beaufret gespielt, der Heideggers Worte für Char übersetzte, denn Char verstand kein Deutsch. Diese Gespräche fanden in den Landschaften von Cézanne statt, man wanderte entlang eines Flusses, qui était la fraicheur même (der die Frische selbst war). Char fragte Heidegger, ob er solche Spaziergänge auch mit Husserl gemacht habe. Heidegger lächelte, schaute Char in die Augen und sagte: „Husserl war nie in der Natur, er war immer nur in der Phänomenologie.“
Von Beaufret stammt auch eine Äußerung über die Beziehung zwischen Poesie und Philosophie, die sich auf den Dialog Chars und Heideggers anwenden läßt: „Der wichtigste Unterschied zwischen der Poesie und dem Denken ist vielleicht der, daß es die Poesie schon gibt und das Denken noch nicht. Oder besser gesagt, kaum kommt das Denken zum Vorschein, da entartet es schon zu Philosophie, das heißt Metaphysik. Der Dialog mit der Poesie kann nur aus einem Denken heraus beginnen, das kaum möglich ist. Das ist auch, was Heidegger selbst in Gegenwart Chars gesagt hat.“
Und gleichzeitig liest man dann bei George Steiner in Der Meister und seine Schüler, daß Wittgenstein meinte, Philosophisches könne man am besten in Poesie ausdrücken.

*

Verhängnis für das Morgenrot ist der anbrechende Tag; für die Abenddämmerung die allverschlingende Nacht. Einst gab es Menschen des Morgenrots. Nun, da die Dunkelheit einbricht, ist vielleicht unsere Stunde. Aber warum tragen wir Hauben wie Lerchen?
René Char für Martin Heidegger, 26. Mai 1959

Cees Nooteboom, in Cees Nooteboom: Gesammelte Werke Band 9, Suhrkamp Verlag, 2008

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zum Autor

 

René Char: Prometheus und Steinbrech zugleich gelesen von Bruno Ganz.

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