Richard Pietraß: Schattenwirtschaft

Pietraß-Schwattenwirtschaft

SCHATTENWIRTSCHAFT

Ich sah den Arbeiter des Todes, kühl
an einen Baum gelehnt. Zwischen seinen schmalen
Lippen die Ewigkeit einer Zigarette.

Unter seinen Klumpschuhen der Auswurf
eines Grabs, drin einer schon zu lang
gelegen, länger als bezahlt.

Noch war er nicht ganz Lehm geworden.
Doch drängte frisches Fleisch, eingekauft
ins Schattenreich, zu besserm Schwundstückspreis.

Schienbein, Wirbel, Schädelkapsel rollten
an die Resterampe. Ein Steinmetz trug das Mal davon
löscht und stellt es in die Reihe.

Der Gärtner rieb den schlimmen Finger. Nach Deckung
schrie der Sand. Der Pfaffe paraffiert
den Handel und macht das Kreuz mit fauler Hand.

Ich sah den Zuhälter des Todes. Er täufte
letzten Aufenthalt. Räumte die gekaufte Braut
und verschlug den Spalt.

 

 

 

In seinen Gedichten 1986–1999

tritt Richard Pietraß aus dem Kernschatten von Lebensmitte und Wendejahren. Schicksalsschläge markieren ein Dasein im Kontrast. Abseits der Flutlichtarenen wirtschaftet der Dichter: im Schatten. Wie die Sonnenuhr nutzt er die Kehrseite des Lichts. Und anders als Bestatter und Steinmetze erlebt er das Schattenreich nicht als Gewerbegebiet, sondern als Kraftquell, der auch im Dunkeln sprudelt: bei Sonnen- und Seelenfinsternis.

Verlag Faber & Faber, Klappentext, 2002

 

Mit Muschelohren

– Der Poet als Fährmann – Richard Pietraß’ neuer Gedicht band Schattenwirtschaft. –

„Schattenwirtschaft“ läßt an die Kunst der doppelten Buchführung denken, an Platos Höhlengleichnis, an die Odyssee und selbstredend an die kunstfertige Schrift als schattenhafte Begleiterin auf dem Lebenspfad. Das titelgebende Gedicht beschließt den Band wie ein Menetekel. Das Lied vom Tod, bei Pietraß wird es existentiell ausgewuchtet gerade durch die in allen Einzelheiten beschriebene Seelenlosigkeit pekuniärer Instrumentalisierung im Friedhofsunternehmertum. Die letzten Zeilen lauten:

Ich sah den Zuhälter des Todes. Er täufte
letzten Aufenthalt. Räumte die gekaufte Braut
und verschlug den Spalt.

Was davor auf knapp neunzig Seiten versammelt wird, stellt die Essenz aus vierzehn Jahren geduldiger Arbeit im Wort-Werk dar. Auch wenn Pietraß in der Zwischenzeit zwei Überblickssammlungen (Weltkind 1990, Die Gewichte. Hundert Gedichte 2001) und kleinere Broschurausgaben ausgewählter Gedichte der Öffentlichkeit übereignete, schließt der neue Band als der längst überfällige vierte Gedichtband an Notausgang (1980), Freiheitsmuseum (1982) und Spielball (1987) an. Dass wiederum ein assoziationsträchtiges Kompositum zum Titel erwählt wurde, unterstreicht diese exponierte Stellung in der Werkentwicklung. Zugleich wird ein groteskes Missverhältnis deutlich, wenn zwischen zwei ebenwertigen Veröffentlichungen so viele Jahre liegen. Die eigentümliche Ignoranz des Literaturbetriebes oberhalb von Kleinverlagen betrifft im übrigen auffällig viele Autorinnen und Autoren der Nachkriegsgeneration aus dem Osten Deutschlands. Über die freundliche Aufmerksamkeit einiger Experten ging nach 1990 das Interesse meinungsbildender Öffentlichkeit selten hinaus. Dabei hatten sich die Protagonisten dieser Zwischengeneration im Laufe der achtziger Jahre längst aus dem Schatten der seit den sechziger Jahren Standard setzenden „Sächsischen Dichterschule“ (Adolf Endler) herausgearbeitet. Woran sie sich aber orientieren konnten, war die Verbindung lyrischer Subjektivität und communer Gesittung sowie der hohe ästhetische Standard, den die von ihnen akzeptierten Lyrikerinnen und Lyriker vorlegten. Welche Ausstrahlungskraft etwa Karl Mickel auf Wilhelm Bartsch, Richard Pietraß und Thomas Rosenlöcher, welche Elke Erb auf Brigitte Struzyk oder Günter Kunert auf Hans Löffler ausübten, ist gewiß nicht zu unterschätzen.
„Meine Not meine Bewacherin / geht spazieren / Aber damit / ist sie nicht aus“ – so beginnt das Titelgedicht von Notausgang (1980). Die Allegorese begrenzt ihrer Natur gemäß das Feld spachspielerischer Möglichkeiten, besticht aber durch die Verweisstrenge auf außersprachliche Realität. Tatsächlich verleugnen die Gedichte von Pietraß nie ihre Erfahrungsgründe, um dann aber im präsent gehaltenen Spielraum die sprachlichen Verdichtungsmöglichkeiten auszutasten. Dieses Wechselspiel von Freiheitsgewinn und Ordnungssinn bildet gleichsam die Grundkonstituente der Pietraßschen Poetik. So erscheint der poetische Text als Notausgang und Notausgang zugleich.
Unter diesen Auspizien verwundert es wenig, dass im Laufe der Jahre wohl thematische Akzentverschiebungen zu registrieren waren, ein Zugewinn an artistischer Rafinesse und ein Reifen der Haltung zur Welt, die Modi aber der Spracharbeit auf eine ebenso originäre wie fest umrissene Subjektivität hinweisen. Für Pietraß ist das Wort „Tastende Hand / am Leib der Dinge“, um „den Raum des Sagbaren, letztlich Lebbaren, zu erweitern“. Gedichtanlässe, Themen und Motive werden gleichsam einem Sprachtest unterworfen, bei dem sich zeigt, welche Sinn- und Sinnlichkeitsweiterungen in ihnen stecken: Das Gedicht hat immer auch Entdeckung zu sein. Dass Pietraß die Formen lyrischen Sprechens vom Erzählgedicht über das Sonett bis zur Terzine virtuos beherrscht, ist in der Literaturkritik vielfach herausgestellt worden. Der Verhohlungsgefahr in dieser handwerklichen Perfektion – die Lyrikgeschichte von Platen bis Weinheber hält dafür genügend Beispiele parat – begegnet er zum Beispiel durch den „unregelmäßigen, über Strophenstock und -stein synkopisch springenden Wanderreim“ (Pietraß), der den Eindruck einer „geregelten Regellosigkeit“ (Jürgen Engler) phantasiereich zu erwecken vermag. Nicht zu vernachlässigen ist allerdings die Dringlichkeit des Mitzuteilenden; noch was als scheinbares Gelegenheitsgedicht anhebt, offenbart rasch eine existentielle Dimension: Stichworte für ein solches Interesse sind Herkunft und Generationslagerung, Freiheitsbegehren des Menschen und die ihn beengenden Verhältnisse, der Druck der Macht und die Kraft des Wortes, die Versehrbarkeit der Natur und die monströsen Eingriffe in sie im Namen des „Fortschritts“. Der Debütband machte diese Spannweite bereits sichtbar, die folgenden Bände brachten semantische Schärfung und stärkere Betonung des Spielerischen unter Zunahme monströser Momentaufnahmen erlebter Welt. Im „Laufpaß“, den der Lyriker in „Spielball“ auf sich ausgestellt hatte, beschreibt er sich als „Artist auf freier Wanderschaft / Mehr als das Ziel gibt Spiel mir Kraft“. Eine Wanderschaft, die ihn nun als gereiften Mann wieder auf den „Kinderpfad“, durch den „Vaterwald“ („Der Gartenweg“) geführt hat: Innehalten auch im Ahnen eigener Endlichkeit. Vielleicht einer der Gründe, warum der Autor seinen neuen Gedichtband ungemein sorgfältig komponiert hat, auch wenn er einer ungefähren chronologischen Ordnung der Gedichte folgt. Die berühmte Ausnahme, die der Regel Nachdruck verleiht, besteht in der Aufnahme des in der DDR ungedruckt gebliebenen Gedichts „Zwanzig“ aus dem Jahre 1978, das in einer Klimax der Beklemmung die Ohnmachts-, Erniedrigungs-, Zermürbungserfahrung der Geliebten verarbeitet, als diese in die Fänge der Staatssicherheit geriet.
Der erste Abschnitt „Vorabend“ versammelt 17 Texte aus den Jahren 1986 bis 1988, die zweite, dritte und vierte Gedichtgruppe jeweils elf Gedichte aus den Jahren 1992 bis 1996 („Randlage“), 1994 („Letzte Gestalt“) und 1996 bis 1999 („Wandelstern“), die abschließende Gruppe („Sandweg“, 1998/99) vereint wiederum 17 Gedichte. Damit ergibt sich eine symmetrische Gestalt des Bandes, die den Gedichtzyklus „Letzte Gestalt“ als Zentrum bestimmt.
Es waren die im „realsozialistischen“ Alltag gewachsenen Erfahrungen, die es Pietraß und seinen Altersgefährten verwehrten, den Willen zu einem intensiven Leben noch mit politischer Aktivitätseuphorie zu verkoppeln. Mickels „Friedensfeier“ aus dem Jahre 1962 schob noch die Emphase der Utopie in die Zweizeiler, Pietraß’ Palimpsest „Spielball“ aus dem Jahre 1984 verdeutlichte nur noch die entsetzlichen Konsequenzen eines Fortschrittsglaubens. Wie kaum ein zweiter hat Pietraß die Zwischensituation seiner Generation in bleierner Zeit ins Wort gebracht, deren Grunderfahrung nicht der erfolgreiche oder blessierte Aufruhr, sondern die Schwingung zwischen kümmernder Hoffnung und Resignationssog war: Das Eröffnungsgedicht des neuen Bandes „Die Gewichte“ gibt eine Ahnung, wie unentwirrbar das Knäuel von Existentialien in der Lebensmitte und dem allgegenwärtigen Stillstandsgefühl Mitte der achtziger Jahre war. In dem großartigen, sich auf Mandelstam beziehenden Gedicht „Stieglitz“ hat der Lyriker dafür das düstere Wort „Steinsamkeit“ gefunden. Immer wieder kommt der Sprecher auf die beengenden Zustände und Zuständlichkeiten in „verschneiender Welt“ („Schwarzer Fluß“) zurück. Endet „Stieglitz“ mit den Zeilen: „wie ich verreime meine Tage / im Rahmen, der so fein geleimt ist“, so hebt das darauffolgende Gedicht „Woche des Buches. Für Peter Huchel“ mit den Versen an:

Seit mir ein Stammler
den Mund verbot
studier ich
die Sprache der Tiere.
Mit einfachen Zeichen
sagen sie
sich das Nötigste.

Und weil die angeschlagene Tonart zwischen Melancholie und Sarkasmus changiert, mangelt es nicht an irrwitzigen Pointen. Ein Gedicht in diesem Abschnitt scheint mir allerdings von eigenartiger Blässe patiniert, weil es zu sehr auf Effekte baut, die ansonsten gar nicht in die Pietraßsche Rüstkammer gehören: „Die Tapeten“, entstanden 1988, bedürfen des damaligen tagespolitischen Kontextes, sich zu entrollen, nämlich des Stern-Interviews 1987 von „Tapeten-Kutte“ Kurt Hager. Sein Geschwätz von der Unnötigkeit des Tapetenwechsels, wenn der Nachbar seine Wohnung renoviert – Stichwort Perestroika –, muss man noch im Hinterkopf haben, um die Anspielungen auskosten zu können. Die schöne Chimäre vom menschengemäßen Umbau des Kryptosozialismus, fürchte ich, ist zu weit entrückt, um noch einmal jene aberwitzige Heiterkeit aus der Verdrängung zu rufen, die in den späten achtziger Jahren allemal spürbar war.
Richard Pietraß hat auf die Datierung seiner Texte stets großen Wert gelegt. Deshalb fällt um so mehr auf, dass Entstehungsangaben aus den Jahren 1989 bis 1991 fehlen – die Jahre des Umbruchs aller Bewohntheiten verschlugen vielleicht nicht die Sprache, ließen aber offenbar keine Texte abschließen, die für gültig erachtet wurden. Erst 1992 übereignete er einen Schock Gedichte, die der 1990er Landschaften-Lyrik des damaligen Bundeskanzlers eine Sichtung der Bestände entgegensetzte, die die luftigen Verheißungen als blühenden UnSinn in den Vers holte. Und mit dem Gedichttitel „Randlage“ traf er ahnungsvoll eine Ortsumschreibung, die seither die bevorzugte Sichtweise der Fremdbestimmer auf die Fremdbestimmten versinnbildlicht. Die letzten Zeilen dieses Gedichtes gehen:

Wohin ich Habnicht sehe
Sieht mich das Ende an.
Ich stehe und verstehe
Wende sich, wer kann.

Zweierlei finde ich hier hervorhebenswert: Zum ersten, dass Pietraß in der Zusammenziehung „Habnicht“ einer Sprecherhaltung treu bleibt, die sich an der Seite derer sieht, auf deren Rücken immer schon Geschichte gemacht wurde. Zum zweiten, dass er ein End-Szenario entwirft, das über das Ende des anderen deutschen Staates hinausweist. Der oft vernommene Vorwurf der Apokalyptik aus dem melancholischen Geist der verlorenen Utopie übersieht, dass die generell zivilisationskritische Haltung lange vor 1989 entwickelt wurde. Bei Pietraß machte sich diese grundsätzliche Skepsis gegenüber allen Fortschrittsversprechen vor allem am Verhältnis zur Natur – einschließlich der Natur des Menschen – fest. Da Staatssozialismus und Kapitalismus nur verschiedene Varianten eines Objekt-Verhältnisses der Ausbeutung der Natur anboten, das nach wie vor den Keim der Selbstvernichtung des Menschen in sich trägt, war es wenig überraschend, dass die Verheerung von Lebensumwelt nach wie vor die Aufmerksamkeit dieses Dichters fokussiert.
Parallel entstanden Bilanztexte der Lebensmitte, die inne(n)-halten, schon in der Vers-Gestalt: In anaphorischer Strenge und binnenreimverstärkt erwachsen ihnen Metaphern zweiter Ordnung aus konterkarierten Sprichwortsprengseln, die einmal mehr das Ineinander von dringlichem Anlaß und Spiel-Lust verdeutlichen. Geradezu verräterisch der Schluß des titelgewichtigen „Wie meine Tage vergehen“:

mit fliegenden Fahnen Pauken
Trompeten
mit Faust und Tisch und Leisetreten
mit dem Vergehen von Hören und Sehen
einem Bein im Grab einem im All
im Handumdrehen
im freien Fall

Was das Leben doch so oft verwehrt, verweht, im Vers werden noch Chaos und schimmernder Wahn tarierbar. Aber: „im Handumdrehen / im freien Fall“ – in den letzten Versen springt der Text aus seiner wohlkorsettierten Beruhigung. Es sind genau diese Sprünge aus dem Erwarteten, die mich berühren. Bleibt der Text, wie in „Die Wohltaten“, aufgefädelt auf der Artikelschnur, schleicht sich bei aller pfeffernüssiger Freude an sprachfinderischen Köstlichkeiten auch mal leichte Ermüdung ein. Wenn indes ein reimverschränkter Erinnerungsgang so schattierungskräftig ins Werk gesetzt wird wie in „Der Gartenweg“, verstricken Erinnertes, Betrachtendes und Sentenziöses sich fast zwanglos ineinander und mich Leser mit-fühlend ins „Poetlatein“, wie es im Text heißt.
Dass dieses Widerspiel zwischen Lebenserfahrung und Gedichtformung zuweilen schwer in der Contenance zu halten ist, davon geben die Gedichte des Zyklus „Letzte Gestalt“ Kunde: Was einem Menschen an Grausamem überhaupt widerfahren kann, das langsame Sterben der Geliebten und das eigene überleben, schnürt in der unprätentiösen Weise, wie der Dichter diese Erfahrung zu verarbeiten suchte, die Kehle zu. Im Kern des Zyklus’ sind die Gedichte gerade mal vier bis sieben Zeilen lang, doch von großer Intensität:

Das Dunkel heißt dich leuchten
Staub bringt dir mein Schuh.
Sand reicht dir die Hand
Nimmt ab, nimmt zu.

Diese wie hingetuschten Nach-Rufe fassen das Unfassbare des Verlustes, das bleibende Nahesein, „Gesichte / Zentnerschwer“.
Für die vierte Abteilung „Wandelstern“ hat der Autor vor allem Gedichte zusammengesehen, die das philosophierend-beobachtende, das lustvoll-agierende Naturell des sprechenden Ich hervorkehren. „Zwischen Nachtigall und Haubenlerche Rosenbettler / und Müllkutscher / Tagt meine Akademie / Einberufen sooft mir der Kamm schwillt und mich die Tinte / Nicht mehr hält.“, beginnt eine Delikatesse mit Kunst-Honig, die mit Palimpsesten (wie „Friktionszwang“ oder dem Gedichttitel „Meine Nackademie“) und mit metaphorischen Überweisungen aus dem Naturbereich überrascht. Spätestens seit „Liebesmüh“ aus dem Band Freiheitsmuseum gilt Pietraß als einer der wenigen deutschsprachigen Lyriker, die in der schwierigen Kunst des erotischen Gedichts bewandert sind; dankbar füge ich „Hohe Kante“ und „Meine Nackademie“ meiner Auswahlbibliothek hinzu. Insbesondere in den raumgreifenden Texten kommt eine weitere Neigung zum Tragen, die in der Kritik bisher merkwürdig wenig beachtet wurde. Er entwirft Szenarios, die man als parabolische Grotesken beschreiben kann. „Unter Holz“ führt in langen Satzgefügen winkelzügig in „ein Tiefenbauwerk, sandgesetzt“, den verlassenen Staatsbunker der DDR, der für „einen Mondlauf“ hätte überleben lassen nach dem „Pilz der Pilze“. Das groteske Moment erwächst hier wie oft bei diesem Dichter aus einer Re-Interpretation von Naturzeichen und -bildern durch die Kontexte desaströsen Versehrungsgeschehens der Natur, die schlimmstmöglichen Wendungen in Erinnerung rufend. In „Liegewagen“ – für das es ein frühes Pendant gibt: „Nachtfahrt“ in Notausgang – spielt Pietraß in fünfhebigen Vierzeilern die Konsequenzen durch, sich durch passiv-mediale Selbst-Fixierung scheinbar aus der Natur und dem menschlichen Verkehrsgetümmel zu nehmen: „Per Knopfdruck fahr ich um den Fernsehsee. / Die freien Hände ruhen fest am Mann. / Mein Fahren tut dem Wald nicht weh / Obgleich ich, liegend, alles sehen kann.“, lautet die Eingangsstrophe. Beeindruckend, wie die narzisstische Größenselbst-Täuschung über ein geschicktes Enjambement als fürchterliche Verlorenheit sichtbar wird:

Silbernen Blicks bin Freier ich und Hure
Dieser Stunde, und ich fahre, fahre

Mir durchs verklebte Haar, kissen-
Entrückt, ein Auge zu.

An diesem Gedichttyp läßt sich gut zeigen, wie variabel Pietraß die Ich-Instanz handhabt. Sie wird mal als exemplarische Vorgangs-Figur eingesetzt, dann wieder als unumgängliche Größe im Kunstgefüge, dann aber auch in beglaubigter Nähe zur Person. Und weil Pietraß die Kommunikation mit dem Leser alles andere als unwichtig ist, gibt er stets Hinweise, wie sich der Leser mit der Sprecher-Figur ins Vernehmen setzen kann. Im letzten Abschnitt des Bandes tritt auffällig noch ein Aspekt hinzu: Von den siebzehn Gedichten der Abteilung „Sandweg“ sind zehn Freunden und Kollegen gewidmet. Hier sind es oft direkte Anreden, in denen Zuwendung, Beobachtung und Reflexion eine eigentümliche Verbindung eingehen. Es sind heimsuchende Ausfahrten in fremdes Terrain, das im Gedichtgang sondiert wird, um Nähergebrachtes löckend weiterzugeben. Es entsteht eine dialogische Struktur, die jenes seltene Gespräch versucht, das den Dritten einbeziehen kann. Hier spiegelt sich verdichtet ein Verfahren, das Richard Pietraß in kongenialer Weise als Gesprächspartner von vielen bedeutenden europäischen Lyrikern in seiner Reihe Dichterleben am Berliner Literaturforum im Brecht-Haus praktiziert, wenn er den Verquickungen von Leben und Poesie behutsam-forschend nachfragt. Und wie er als Fährmann zwischen Gesprächspartner und Publikum übersetzt, nutzt er die größere Eigenmächtigkeit des Gedichts, um die Spannung zwischen Eigenem und Fremden Bogen bauend auszubalancieren.
Balance scheint mir ein Schlüsselwort für den Gedichtband zu sein. Wenn Neugier und Unruhe Triebfedern sind, die die Lebensuhr am Laufen halten, bewirkt die Unruhe der Kunstuhr ihren gemessenen Lauf. In einem Mess-, in einem „Metzlied“  heißt es:

Wer sein Leben am Stein reibt
braucht eine warme Hand.
Wer am Ende im Stein bleibt
hat Hände und Hände gekannt.

In Gedichten zu bleiben, dafür hat die „Schattenwirtschaft“ vorgesorgt. Es sind, mit einem Wort von Rainer Kirsch, „hinterlassungsfähige Gebilde“, die Richard Pietraß der Mitwelt übereignet. Der wünsche ich viele „Muschelohren“ („Metzlied“), damit Fülle und Feinheiten nicht vorüberrauschen.

Peter Geist

Hochpoetische Wechselbäder

– Der Spagat des Dichters Pietraß. –

Dichter arbeiten u.a. an ihrer Exhibition. Bei Strafe poetischer Impotenz müssen sie erproben, wie dünn das Seil ist, auf dem sie überm Markt ihren Spagat vollführen. So liefern sie neben ihrer luftigen Weltschau immer auch Selbstoffenbarung; und ist der Autor ein wesentlicher Mensch, wird er uns dabei Dinge zuflüstern, wie wir sie zuvor so noch nie erfahren haben.
Die ersten Schreibsignale des Dichters Richard Pietraß empfing ich 1968. Da war er 22 und in Prag lohte ein „Frühling“. Der Jungpoet geriet sofort aufs Nachwuchsförderband. Bernd Jentzsch richtete ihm ein Poesiealbum aus. Das war für einen jungen Dichter ein Gütesiegel, und was da öffentlich wurde, unterschied sich vom übrigen Geförderten auf recht poetische Weise. Es waren die Verse eines „ertappten Vogels“, der mit „schrillen Schreien den ungeteilten Himmel befliegt“, vorerst in karger Sprache, die sofort aufs Ziel zuflog. Rede war ihm wichtig; das Wort war ihm „Tastende Hand / am Leib der Dinge“. Und jedes Bild war ein einprägsames Modell.
Im Biermannjahr 1976 – nach Bernd Jentzschs Entschluß, im Westen zu bleiben – holte Hans Bentzien hoffnungsvoll den inzwischen Dreißigjährigen als Lyriklektor an den Verlag Neues Leben, und Pietraß konnte nun Jentzschs Poesiealbum-Werk für kurze Zeit fortführen und selber Literaturakzente setzen, und er wollte – „Laus im DDR-Staatspelz“ – „Tabus durchlöchern“ helfen. Während dann die Biermann-Ausbürgerung wichtige DDR-Lyriker außer Landes trieb, holte Pietraß Autoren von Weltrang ins kleine, klamme Land. Doch war er sich seiner wackligen Position als eigenwilliger Lektor gewiß:

Meine Praxis. Ein wackliger Stuhl.

Am Haken der griffbereite Hut.

Richard Pietraß’ Herkunftsspur führt nach Masuren, Umsiedlerkind also, und im Stichjahr seiner Geburt (194)] „War die Welt nicht heil“. Aufgewachsen in „Notquartieren“, fühlte er sich wie ein „heimatloses Weltkind“. Es gibt viele intensive Erinnerungen an Vater („Vater, … was sind dir die Hände so schwer“) und Mutter („das Zweihügelland voll süßer Milch“). Doch das Flüchtlingselend hatte ihn früh Respekt gelehrt vor Bedürftigem und die Fähigkeit zu Mitgefühl und Anteilnahme.

So kam er zum Studium der klinischen Psychologie, zur Diagnostik seelischer Defizite und Defekte. Vielleicht könnten Gedichte Psychofakten und -indizen abbilden helfen („Das Leben trifft uns… daraus entstehen Gedichte“)? Dabei gerieten ihm die Worte jedoch immer auch zu heißen Eisen. Und er erfuhr, er war „ungerufen auf nacktem Feld, von keinem Menschen / hinbestellt“.
Indes leckte er an Alberti, Lorca und Enzensberger (und Widmungstexte verweisen auf Brinkmann, Chlebnikow, Huchel, Kalász, Kundera, Lichtenstein und Loerke). Und er bekannte sich zur Metapher als „Spürhund verborgener Wirklichkeiten“, sie war ihm Wassertropfen, der die Welt in überraschender Optik spiegelte.
1980 dann der Gedichtband Notausgang (da hatte er als Lektor bereits Valet gesagt), und er befragte sich bang, „durch die Hintertür welchen Gedichts / ich diesmal entkomme“. Notausgang implizierte im Kerkerland nahezu eindeutig auch Ausgangs-Not, denn geknüpft sei schon der Fallstrick. Aber:

Bin ich katzenleise
Bellen (vielleicht) die Hunde nicht.

Und spartanisch, asketisch arbeitete er an gegen die „Inflation der großen Wörter“.
Freilich überkamen ihn auch Skrupel: „Was noch schreiben, sprechen, schreien unter scheelen Gewehren“: „Darf ich noch schreien Nach so vielen Schreien? / Ist noch etwas zu sagen? Nach so viel Blei… // Jedes weitere Schlagwort härtet die Harten…“ Und: „Wir stottern und stammeln und wissen nicht was, nur daß uns was blüht.“
Und dennoch: schreiben, denn „Ich zeige den Druck, der auf euch lastet“, mein Lied: „Der Gesang unterm Galgen, der noch errichtet wird.“ Und exemplarisch stellte er sich selbst an den Pranger:

Seht mich verlorenen Sohn.
In freier Einzelhaft…

In seinem 1982 erschienenen Band Freiheitsmuseum bekannte er:

Die Kunst als ein Reich der Freiheit ist zugleich auch Museum, angefüllt mit unbegrabbaren Hoffungen… Für unsicheren Lohn beschäftigt es mich als einen Wahrsager und Nachlassverweser… Literatur begreife ich als Beitrag zur Selbstbefreiung: des einzelnen und der vielen.

Da glaubte er noch an die soziale Funktion der Poesie, und er nannte seine Texte „Träume, Traumen und andere Widerfahrungen“.
Doch Bitterworte rannen scheinbar unkontrolliert aus ihm:

Jemand haut mir in die Magengrube. Dann reicht er mir
ein Stück Pflaumenkuchen… Ein dritter redet mit mir Fraktur, daß mir
die Schienbeine schmerzen… Ein Unbekannter macht sich an meinem Briefkasten zu
schaffen… In der Wohnung Spuren…
Meine Speisen schmecken scharf, neuerdings. Ist das meine
herausgerissene Zunge…

Oder er stülpte Sprichwörter um, trieb Mummenschanz mit ihnen, spielte hintersinnig mit geflügeltem Geworte und denunzierte Zitate, trieb tückisches Wortgespiel: „den Worten den Ring durch die Nase drehen“: oder die Sprache krampfte sich, spreizte sich, versickerte und verstummte. Verzweiflung konnte zu Sarkasmen gerinnen. Dann spielte er bissig Wortschach.
Spielball hieß sein Gedichtband von 1987. Welimir Chlebnikow und Arno Holz hatten ihm Bestätigung geliefert für mancherlei Wortmagie und Bittersinn, und er sandte irritierende Liturgien aus. Die Wortsignale eines von Zeit Belasteten und mit Wort Begnadeten.
Der Gedichtband Gewichte – seit 2001 auf dem Tisch und wie alle Pietraßbücher der letzten Jahre (1994 Letzte Gestalt, 1996 Randlage) bibliophile Kostbarkeit, Bücher die auch optisch und haptisch Kleinodien sind –, macht deutlich, daß Pietraß mit subversivem Lustgespür Sprache wichtet, wendet, dreht, sie blinken, blitzen, blühen, sprühen läßt; wie er Sprache zertrümmert und wieder recycelt und verfremdend erneut inthronisiert. Wie da einem das Wort verhilft, nach schweren Schicksalsschlägen und trotz aller Abgründe das Leben weiter zu wagen. Dann wiederum kobolzt, ulkt, feuerwerkt ein Sprachschalk, zündelt mit Dynamit und hangelt sich reimbesessen und voller Neugier am Reimgeländer lang. Und mit nahezu selbstpeinigender Lustbegier zwängt er sich – „blank die Klangnerven“ und „Traumwandler im Reimewald“ – ins Paar- und/oder Kreuzgereim. Hundert Texte hält er da für zeigenswert. Im Nachwort-Gespräch, das eigentlich ein von Jürgen Engler klug herausgefragter Essay zum Schreiben geworden ist (Engler: jener Zöllner, der den Dichter bereits zu DDR-Zeiten mit viel Verständnis und Verve über manchen Pass zum Parnass begleitet hat), liefert Pietraß seine Konfession aus: Der Dichter sei lediglich eine Randfigur, die freilich auch mal gerne als „Flügelflitzer“ nach vorne presche, wenn eine Flanke offen sei. Oder wie die Gedichte in „Hirnhöhlenschwangerschaften“ zu Föten heranreiften, dem rhythmisch pochenden Herzmuskel untertan; wie da nach Ausschlupf und Steißgeburt jeder „Schönguck“ mit dem Skalpell sofort wieder abgesäbelt werde.
Und auf die Frage, was ihn am Leben halte, bekennt er:

Der mich täglich beutelnde Taumel.

So steht Richard Pietraß mit 56 bereits mit einem Dutzend Gedichtbänden auf dem Büchermarkt. Der letzte: Schattenwirtschaft. Dazu ein eigener Briefkommentar: Es sei „Eine Sammlung der Jahre 1986 bis 1999, also von den letzten DDR-Jahren bis zum Nachwendejahrzehnt, mit dem das Jahrhundert endet. Ein Viertel Leben auf sechsundneunzig Seiten. Da steh ich ziemlich nackt.“
Und in fünf Akten führt er dann jene Blöße vor, und er gibt den Akten die Titel „Vorabend“, „Randlage“, „Letzte Gestalt“, „Wandelstern“ und „Sandweg“. Und siehe, es sind die vorläufig fünf Seelen in Pietraß’ Dichterbrust, während sein Lebensschiff weiter auf und ab schlingert und über Sandbänken und Marianentiefs kreuzt.
Es sind zu fünf Kapiteln separierte Aufzüge aus etwa fünfzehn Jahren eines wach gelebten und poetisch verschrifteten Dichterlebens. Der älteste Text also von einem Vierzigjährigen. Wie er da so tut, als ob er von (Selbst-)Ironie nur so strotze, wohl um damit das jähe Gefälle zwischen Manie und Ressentiment zu kaschieren.
Da hält einer jambend und dithyrambend an sich herab Bio-Schau und steckts lustvoll in bündige Form:

vier Köpfe in einen Versbau gesteckt

Und er läßt, wie wirs von ihm ja schon kennen, die Ellipsen und Parataxen knallen, badet in Thesen und Antithesen, wirbelt geflügelte Worte ins Subversive, irritiert mit paradoxen Sprüchen, balanciert auf Anaphern, ist verliebt in Laut- und Klangmalerei, jongliert mit Stab-, Schlag- und reichen Reimen.
Und das alles nur in jeweils zehn bis zwölf Verszeilen. Ein Versefax, der mit Sprachwitz und Esprit feuerwerkt. Stilhedonisten und Stilistikseminaristen hätten da ihre helle Freude:

Nun bin ich vierzig und ein krummer Spund.
Im Ausweis steht, ich war gesund

Das steife Ding winkt schon hinab
Obwohl ich noch Verlangen hab.

Ein schein-trauriger Bajazzo lüftet da um die Lebensmitte Hemd und Lende.
Es gab also eine Zeit, da er mit Fez und Faxen Texte inszenierte, aber einer der sein (Tod-)Ernstzeug nur scheinbar mit Schnalzzunge zu Spaßzeug kalauerte. Als er fünfzig ist, schickt er – passionierter Wortegaukler – mit „Wie meine Tage vergehn“ eine Depesche über seine Befindlichkeit ab, (und das Worte-Gewerk eines Arno Holz sticht ihn da wie der Hafer: Der Dichter als „gesteigerter Menschheitstyp“, durch den alles hindurch müsse: alle Qual, alle Angst, alle Not, alle Wonnen, alle Verzückt-, Beglückt-, Verrückt- und Entrücktheiten, und er endet im „freien Fall“. Zuvor aber turnt er in purer Sprach- und Sprechlust und voller hintersinnigster Libido auf dem Hochseil, und er spielt dabei emphatisch mit der Wortflöte auf, und es ist sinngleiches, gleichwertiges oder sich ausschließendes Wortgetön, und er treibt so das Zwieträchtige seines Lebens auf den Gipfel. Er nennts „Neues ersinnen / Aus alten Fäden“, „die Sprache neu mischen“ und „Zeilenjäten“. Und „Poetlatein“.

Sinds Dichters Ausbruchsversuche aus seinem Zeit- und Ichgefängnis mittels geharnischter Selbstironie? Sich seiner eigenen Vogelperspektive aussetzen und sich mit spektralfarbiger Lupe wie einen Pickel beäugen? Doch der Tiefschlag kommt gewiß. Dieser Akt heißt „Letzte Gestalt. Für Erika“ (1994).
In einem Widmungsgedicht für Huchel zu dessen fünftem Todestag war er 1986 mittels Echolots bereits in gehörige Tiefe vorgedrungen. Von einem „Stammler den Mund verboten“, umlauert von Raub- und anderem Getier, während wieder einmal Wildgänse mit schrillem Schrei nach Norden zogen – was solch ein Text alles zu transportieren vermochte! Unmittelbar vor 1989 mischte sich oft eine Portion Trauer und Verzweiflung in die beengten Situationen in „vereistem Strom“, wo „Wachsamkeit kreißt“ und Leben in jenem „Land der Schlangen“ nur hinter „weltbestgewebten Maschen“ möglich war, das – so die Zuversicht – „nicht fernen Tags geschleift“ sein werde.
Dann – nach endlicher Ankunft in „Honigtagen“ – jener Tiefschlag in „Letzter Gestalt“. Schreiben ist jetzt Trauerarbeit, Nachdenken über die endliche Existenz: „Lächeln ins ewige Auge, siamesischer Schmerz“ und der „Essig // Des Niemehr“. Da lastet Melancholie zentnerschwer.
Doch zwei Jahre später sitzt die Ironie wieder obenauf. Deutschlands Widervereinigung währt und wird auf groteske Weise wahrgenommen. Spott und Tragikomik wachsen sich voll zur Satire aus. Vorübergehend zerflattert selbst der einst stabile Versbau scheinbar prosaisch zum Flattersatz und vermeldet gar Ankunft nahe Nonsens („Unter Holz“).
Dann wieder legt Pietraß „Worte wie Karten… stürzt den Sinnthron und sperrt ihn in Spalten“. Aus Spaß an Sprache und Provokation hantiert er wie ehedem lustvoll mit Rühr-, Stab-, Schlag- und Schüttelreim („Wie bitte“).
In Akt fünf dann vorwiegend Widmungsgedichte. Die Mauer ist da schon nur noch „Gerücht“. Wo einst der Drahtverhau, jetzt Stachelgesträuch. Manchmal kobolzt freilich auch hier noch ein Picaro querversein, stockt plötzlich vor „gebunkerter Angst“ oder überm „Abgrund der Gruft“, aber, gottlob, auch das wieder: Seele entfaltet sich und vermag wie ein Schmetterling zu schlüpfen.
Dann jener Finalsatz „Schattenwirtschaft“, der dem Gedichtband seinen Titel gibt: ein skurriler Nekrolog und Abgesang auf die Entsorgung der Leiche Vergangenheit…
Wer hochpoetisch angerichtete Wechselbäder mag, wird mit viel Genuß in Pietraß’ ambivalenten Versen baden.

Edwin Kratschmer, die horen, Heft 211, 3. Quartal 2003

 

Geschichten aus dem Schattenreich

– Richard Pietraß schreibt Gedichte wie Erzählungen. –

Wer die Buchpremiere des Gedichtbandes  Schattenwirtschaft  von Richard Pietraß am Freitag, dem 13.9.2002, im Haus des Buches besucht hat, lernte neben dem Lyriker vor allem den Geschichtenerzähler Pietraß kennen. Bevor der Autor ein Gedicht vortrug, erzählte er von seiner Entstehung, von Begegnungen mit Menschen und Orten. Die Hingabe des Steinmetzen Carlo Wloch, der mit großer Sorgfalt den passenden Grabstein für Pietraß’ verstorbene Frau aussuchte, findet ihren Dank im „Metzlied“. Der Stadt Sarajewo, deren Parks zu Friedhöfen umfunktioniert wurden, setzt Pietraß in dem Gedicht „Olympiastadion Sarajewo“ ein Denkmal. Dort könnte der Hürdenlauf nur noch über Grabsteine hinweg stattfinden.
Die Vergänglichkeit und der Tod werden insgeheim zum Zentrum der Gedichte. Umso wohltuender war der lebendige Vortrag von Pietraß, seine geradezu barocke Freudigkeit über die Welt, in der die Kontraste so nah beisammen liegen. Aus dem Autor spricht eine Gelassenheit, die den Verlag Faber & Faber vermuten lässt, der Gedichtband  Schattenwirtschaft  könnte das Alterswerk des Autors einläuten. Wenn man sich auf die Gedichte im letzten Kapitel des Bandes beschränkt, ist man versucht, dem Verlag in dieser Meinung zuzustimmen. Wohl mit Absicht rollte auch der Autor bei seiner Buchpremiere den Gedichtband von hinten auf und beschränkte sich mit wenigen Ausnahmen auf den letzten Teil. Das Buch in seiner Gesamtheit macht jedoch keinen durchgehend schlüssigen Eindruck, auch der rote Faden Vergänglichkeit scheint an manchen Stellen abzureißen.
Im ersten Kapitel  „Vorabend“  begegnen wir Gedichten aus der Zeit vor der Wende, in ihnen wird ein historischer wie auch privater Vorabend eines Mannes in seiner Midlife-Crisis beschrieben. Gerade das Titelgedicht  „Der Vorabend“  überrascht durch seinen flapsigen Inhalt:

Die Finger wollen nicht zum Boden.
Nach einem Ritt sind leer die Hoden.

Nun ja, um den roten Faden herbeizuzitieren, auch Manneskraft und Beweglichkeit sind eben vergänglich…

Weitaus stärker ist das nächste Kapitel „Randlage“ mit Gedichten Anfang der 90er. Hier spürt man Wut über die Ausnutzung menschlicher Naivität und Kritik an der Kommerzialisierung zwischenmenschlicher Beziehungen. „Ellenbogen / vermessen das Land“ heißt es da, „Wohin ich Habnicht sehe / Sieht mich das Ende an. / Ich stehe und verstehe. / Wende sich, wer kann.“ Das Land liegt brach, Gärten verwildern, „Schröpfköpfe allerorten“.
In die Mitte des Bandes hat Richard Pietraß ganz bewusst den Zyklus „Letzte Gestalt“ gebettet, den er seiner verstorbenen Frau Erika gewidmet hat. Hier zeigt sich der Autor von seiner zerbrechlichen Seite als Beobachter eines Verlöschens. Die Texte sind wenige Monate nach dem Tod seiner Frau entstanden, es war ihm unmöglich zu schreiben, während er die Todkranke pflegte. Die meisten dieser Gedichte tragen keine Überschrift, es sind kurze Abschiede in mehreren Schüben, häufig an einem Ding festgemacht, „Dein Schal“, „Die Briefe, die ich dir geschrieben“, „Die Fotos, die dich zeigen“.
Als Kontrast folgt das Kapitel „Wandelstern“, in dem ein witziger, ironischer Tonfall vorherrscht. Mit dem letzten Kapitel „Sandweg“ greift Pietraß wieder kraftvoll den roten Faden Vergänglichkeit auf. Die gesprengte Brücke von Mostar wird für Pietraß zu einem starken Symbol für einen Mann, „der die Brücke zum Leben / abgebrochen hat“. Wohltuend in diesem letzten Kapitel des Bandes ist auch, dass der Autor weitgehend auf Reime verzichtet. Ohne einen latenten Reimzwang, der in einigen Texten zu spüren ist, entstehen ausdrucksstarke Bilder wie in dem letzten Gedicht, das dem ganzen Band den Namen gab, „Schattenwirtschaft“. Pietraß prangert darin nicht nur die zunehmende Zerstörung der Lebens- sondern auch der Todesräume an:

Ich sah den Arbeiter des Todes, kühl
an einen Baum gelehnt. Zwischen seinen schmalen
Lippen die Ewigkeit einer Zigarette.

In den ungereimten Gedichten begegnen wir noch stärker dem Geschichtenerzähler Pietraß, der auf die Kraft der Bilder vertraut und bei seiner Lesung mindestens so sehr überzeugte wie der Lyriker. Man darf gespannt sein auf Pietraß’ nächste Veröffentlichung. Vielleicht ist es ja Prosa.

Babette Dieterich, leipzig-almanach.de, 30.9.2002

Gegen die Eingemeindung des Ichs

„Hirnhöhlenschwangerschaften“ bezeichnet der in Berlin lebende Dichter Richard Pietraß (geb. 1946) seine Gedichte, die meist nach ekzessiven und berauschenden Momenten und in einer euphorischen Müdigkeit zu einer ihn selbst erstaunenden Reimalchemie führen. Dies aus dem Unbewussten heraufbeschworene Gedicht wird meistens noch bearbeitet und erst dadurch zu dem was es ist. Für seine Gedichte braucht Pietraß immer ein Erlebnis und den damit verbundenen sinnlichen Impetus. Erleben, das heißt für ihn vor allem, wie auch schon in seinem 1990 erschienenen Gedichtband Weltkind manifest, die Welt bereisen und ganz Nomade sein. Die Frischluft der Fremde weht dem Dichter immer als Inspiration um die Ohren, denn das Flüchtlingskind von Eltern, die aus Ostpreußen kamen, hat es nicht anders gekannt. Schon in seiner Mauerthematik (Gedichtband Grenzfriedhof) klingen immer wieder Töne an, die das Eingeschlossensein und die „Eingemeindung des Ichs“ (Jürgen Engler, Gespräch mit dem Autor, Juli 2001) beklagen. Doch Pietraß ist einer von den in der DDR-Gebliebenen, der „dazugehören“ wollte, ohne Parteigänger des Regimes zu werden. Schließlich fühlte er sich seinem papierenen Habe verpflichtet und dem „Reich der Reibung“, das ihn zu immer neuen dichterischen Entdeckungen („jedes Gedicht hat eine Entdeckung zu sein“ R. P.) befeuerte.
Auch der neue Gedichtband Schattenwirtschaft von Richard Pietraß ist wortgewaltige Schöpfung, vielleicht in einigen Passagen etwas gewaltsam. Das betrifft aber nicht den Reim, den Pietraß wohl kultiviert, kaum bemerkbar anwendet, eher das einzelne Wort, das oft zur deftigen Metapher gerinnt. Ein Romantiker ist er nicht! Rhythmus und Melodie der Verse sind festgefügt und haben Charakter. Der studierte Soziologe nimmt, ohne politischer Dichter zu sein, Politik aufs Korn, die sich immer konkret im Leben wie in der eigenen Bewusstwerdung durch das Gedicht zeigt. Dieser beinahe proletarische Wortklang, der da stets wiederkehrt., ist durch das Leiden an der Welt geschärft, ohne Katzenjammer. Im neuen Band fanden mehrere Zyklen aus anderen Gedichtbänden, wie Randlage (1992) und Letzte Gestalt (1994) Aufnahme. Hier zeigt sich ein Dichter als „Wahrnehmungsorgan der Gattung“ (Ezra Pound), der seine „hochsensiblen Registriergeräte“ auf Dinge richtet, die noch unbemerkt sind. Mit großem Gespür für die gesellschaftlichen Einschnitte der Wendezeit spricht da ein Seher, der bereits damals in „Randlage“ durchschaute:

Die letzte Saat
Des Felds ist aufgegangen
Ellenbogen
Vermessen das Land…
Wohin ich Habnicht sehe
Sieht mich das Ende an.
Ich sehe und verstehe.
Wende sich, wer kann.

In „Letzte Gestalt“ entstanden Kurzgedichte von Abschied und Trauer zum Tode der Frau, die durch ihre Unmittelbarkeit berühren:

Die Briefe, die ich Dir geschrieben
In Kartons verwahrt. Als wäre in den Schüben
Schönes aufgespart.
Leben, ja
Getrenntes, das mir die Tinte trieb.
Und jedesmal die Wendung, entfernt
Hab ich dich lieb.

Hier tritt eine andere Tonart von Pietraß ans Licht, geläutert und trauerfähig auch in der Metapher zart. Eine Reihe von Gedichten entstammen dem Ende der 80er Jahre unter dem bezeichnenden Titel Vorabend, die das Profil des Bandes runden. Taufrische Gedichte gibt es leider nicht, aber die Brisanz von Thematik und Bildern ist bereits allgegenwärtig auch in den Arbeiten von 1999, sarkastisch vorgetragene Vanitasthemen, die hin zu Verschlingungen von Privatem und Allgemeinem tendieren:

… Unter seinen Klumpenschuhen der Auswurf
eines Grabs, drin einer schon zu lang
gelegen, länger als bezahlt…
Noch war er nicht ganz Lehm geworden
Doch drängte frisches Fleisch, eingekauft
ins Schattenreich, zu besserm Schwundstückspreis

Heinz Weissflog, Ostragehege, Heft 28, 2002

Schattenspiel

„Schattenwirtschaft“ – das Gedicht, das dem neuen Band des Lyrikers Richard Pietraß den Titel gab, ist das Schlußgedicht. Um Schwarzarbeit im ökonomischen Sinn geht es nicht, höchstens im metaphorischen Sinn. Denn es ist wahrhaftig ein Schlußgedicht, handelt es doch vom Tod. Das Bestattungswesen liefert die Metaphern.
Die erste und die letzte Strophe des Gedichts erinnern nicht von ungefähr an die Offenbarung des Johannes, die Apokalypse: „Und ich sahe…“ Was gesehen und gesagt wird, ist unwiderruflich und endgültig. Widerspruch ist nicht vorgesehen. Ein trostloses Gedicht, ein unbarmherziges Gedicht. Es schließt einen Band ab mit tröstenden und barmherzigen Gedichten, mit vergänglichkeitsbewußten, gerade deshalb aber auch lebens- und sinnenfrohen Gedichten. Dichtung lebt von solchen Widersprüchen. Sie ist Widerspruch gegen den Tod, sie bewahrt Erinnerung an menschliches Leben.
Der Zyklus „Letzte Gestalt“ entstand 1994 nach dem Tod der Frau. Er enthält elf Gedichte, vorwiegend kurze Texte inständiger Klage und Trauer, und ist von besonderem Gewicht in diesem Band. Das Gedicht „Poste restante“ ist eine eindringliche Litanei, ein Bittgebet
„Schattenwirtschaft“ erweist sich in Pietraß’ Gedichtband als vielschichtige Metapher, die vom existentiellen Aspekt der Verschränkung von Leben und Tod bis zur gesellschaftlich-zeitkritischen Dimension reicht (Kommerzialisierung menschlicher Beziehungen, Zerstörung menschlicher Lebensräume). Dennoch wäre es ganz und gar falsch, sie allein negativ zu fassen. Eine Erinnerung an Schillers Gedicht „Das Reich der Schatten“ mag weiterhelfen. Mit diesem Schattenreich war gerade nicht das Reich der Toten gemeint, wenn es heißt:

Fliehet aus dem engen dumpfen Leben
In der Schönheit Schattenreich!

Idealistisch wird hier die Kunst als gesteigertes Leben dem gewöhnlichen Dasein entgegengestellt, dem damit gleichsam unter der Hand eine nur schattenhafte Existenz bescheinigt wird. Auch ohne es so idealistisch auf die Spitze zu treiben, kann das „Schattenhafte“, kann die „Schattenwirtschaft“ im positiven Sinn als Metapher für das dichterische Wort gelten, das menschliches Wirtschaften „unwirklich“ und geisterhaft begleitet.
Pietraß’ Gedichte sind häufig ausgesprochene Erinnerungsgedichte, – Gedichte des Innehaltens, der – oft schmerzlichen – Besinnung und des Bewahrens. Beschworen von fast episch ruhiger Vorstellungskraft wird im Gedicht „Der Gartenweg“ Vergangenheit Gegenwart und Gegenwart Vergangenheit. Das lyrische Ich sinnt dem Vater nach und geht ihm nach, läßt vergangene und vergehende Zeit erlebbar werden. Dasein ist so immer auch Schattendasein, und Vergänglichkeit wird zum geheimen Zentrum der Gedichte, in Gehalt – und in Gestalt, in ihren Abläufen, den langsamen, oft aber auch atemlosen. Eingedenk dessen sind Pietraß’ Gedichte An-Sprüche, Anrufungen und Andachten im orphischen Geist: Der Dichter geht zu den Toten respektive kommt von ihnen, ihm ist aufgetragen, ihr Gedächtnis zu bewahren.
In Homers Odyssee gelangt der griechische Held, nachdem er von der Zauberin Kirke freigegeben wurde, an die Kluft am Ende der Welt, durch die der Weg in den Hades führt, in das Reich der Toten, der körper- und tatenlosen Schatten, eine auch von Franz Fühmann in seinem Hörspiel „Die Schatten“ verarbeitete Episode. Den Seelen der Toten muß ein Opfer gebracht werden, sie müssen Tierblut trinken, um sich den Lebenden mitteilen zu können. So erhält Odysseus vom Seher Tiresias Auskunft über seine Heimfahrt, und die Seelen der Mutter, der Freunde und Kampfgenossen offenbaren sich ihm. Dichterische Bilder sind Schattenbilder, sie bedürfen gleichsam unseres Blutes, unserer Gefühle, Gedanken, Erfahrungen, unseres Empfindens und unserer Phantasie, um lebendig zu werden. Dichtkunst ist Schattenwirtschaft.

Jürgen Engler

„Friß Vogel, aber stirb mir nicht“

– Zu Richard Pietraß’ neuem Gedichtband Schattenwirtschaft. –

In Jüterbog noch prasselten Hagelkörner herab, nun war Sonne. Ungewöhnlich, wenn ein Verlag (Faber & Faber) zur Lesung eines hauptstädtischen Dichters in den Wald lädt. Aber Ziel waren Wald und Schloss Wiepersdorf der Bettina von Arnim, die einstmals dort ihre Sympathie für die einfachen Leute, zugleich beherzten „Frauenstolz vor Königsthronen“ zu Papier gebracht hatte. Dort also las Richard Pietraß aus seinem druckfrischen Band Schattenwirtschaft, und dem hellwachen Publikum boten Geist und Zauber des Ortes in der Begegnung mit einem Dichter im Zenit seines Schaffens eine unvergessliche Stunde. Mag ihn der volle graue Bart älter erscheinen lassen als er in Wirklichkeit ist (Jahrgang 1946, im sächsischen Lichtenstein geboren), aber aus den Augenwinkeln blitzt es jung. Mit dem ist gut Kirschen essen, spürt man, niemals Fastfood. Der berührt die Jungen, die sich gemeinhin nicht rühren lassen, gar mit Gedichten, und erstaunt die Alten durch Reife, wie sie nur aus Verschwendung an dieses Leben gewonnen sein mag. Und durch Umgang mit dem Sterben, das nicht erlernbar ist. Von seiner Ausbildung her ist Pietraß Psychologe, kennt Lüste und Laster, die den Menschen peinigen, Sehnsüchte, die ihn beflügeln. So fühlt er sich eingebunden in die Natur, nicht als ihr Herr und Meister. Ist zugleich Kind der Zeit, verletzlich allzumal. Ein Dichter aus dem Vollen, offen, ohne Scham. Nimmt das Kreatürliche als gegeben, den nie versiegenden Quell der Dichtung. „Friß Vogel, aber stirb mir nicht.“ Kann zart sein, kann derb sein ohne zu verletzen. Jedes Gedicht eine Welt. Der Band umfasst 67 Gedichte, die – was für Zeiten! – zwischen 1986 und 1999 entstanden sind. Auch den schweren Verlust, der ihn 1993 mit dem Tod seiner Frau ereilt, Mutter der drei Kinder, spart er nicht aus. Was wäre Leben ohne Tod für einen, der zu den Wohltaten zählt:

Die verkürzte die vertriebene Zeit! Die entriegelte – Ewigkeit.

Pietraß nimmt beim Wort und will beim Wort genommen sein. Dabei Entdeckungen zu machen, in andere Dimensionen (oder auch nur einen Spaß) vorzudringen, ist jedem erlaubt. „Die Tapeten“ (1988!) sind eben nicht nur Tapeten; Iphigenie steht nicht hilflos am Gestade, wenn der Autor an der Seite des Freundes Ernst Paul Dörfler ans Elbufer stapft: „Die Burg des Bibers mit dem Stiefel suchend“ usw. Seelenverwandte, ob Puschkin, Volker Braun oder Peter Rühmkorf, bedenkt er liebevoll und genau. Der aufmerksame Leser wird nicht übersehen, dass in der „Schattenwirtschaft“ zwischen 1988 und 1992 eine Lücke klafft. Denkpause. Der Dichter, der in komplizierten Zeiten die vermeintlich Mächtigen mit seiner Wahrheit behelligte, nimmt, vereinfacht gesagt, eine Auszeit. Redet auch hinterher keinem zu Maule. Begleitet uns, wie er es immer getan, nachdenklich, kritisch, beherzt.

Erhard Scherner, Der Rabe Ralf, 10/11, 2002

 

Gespräch mit Richard Pietraß 1994

Cécile Millot: Was hat sich für dich als Dichter nach der Wende geändert? An den Schreibbedingungen, am Schreiben selbst?

Richard Pietraß: Zunächst ändern sich die Bedingungen. Daß sich das Schreiben ändert, merke ich erst allmählich. Auf einmal war vieles so anders, daß ich erstmal zu tun hatte, Zeuge zu sein. Meine Kraft habe ich dafür gebraucht, zu registrieren. Und das war schon so erschöpfend und auslastend, nahezu eine Vollzeit-Aufgabe, daß Fabulieren gar nicht anstand. Mir ging es darum, wenigstens Zeuge zu sein. Die Umstände haben sich so stark verändert, daß das ganze Verlagsgefüge zusammengebrochen ist. Aus großen Verlagen wurden mittlere, aus mittleren winzige, oder sie verschwanden ganz. Verschoben hat sich auch das Lesegefüge. Die Leser haben aus verständlichem Reflex nun erst nach dem gegriffen, was ihnen lange vorenthalten wurde: den ganz anderen Büchern, den westlichen Autoren, den Westdeutschen oder auch anderem Westlichen, das die Ostverlage, welche Internationales druckten, aus verschiedenen Gründen nicht bringen konnten oder einfach nicht gebracht haben. Zunächst ereignete sich eine schroffe Abkehr von den ostdeutschen Autoren. Das hielt eine Weile an und führte dazu, daß auch die Buchläden ihren neuen Inhabern oft besenrein übergeben wurden; nicht judenfrei, aber ostfrei. Man glaubte einfach nicht, daß die Bücher, die man am Tag der Währungsunion noch im Regal hatte, einen Tag danach noch verkäuflich wären. Da sind schlimme Sachen passiert: daß Bücher auf Müllkippen gefahren wurden. So daß ein beherzter Pfarrer aus Niedersachsen vor den Toren Leipzigs containerweise Bücher unter verschimmelten Kartoffeln hervorholte. Sie, soweit es ging, säuberte und in seiner Katlenburger Scheune aufstellte, verschenkte oder gegen Spenden für Brot für die Welt wohlfeilst weitergab. Das war, sechzig Jahre nach der Bücherverbrennung, die Bücherverscharrung, ein genauso barbarischer Frevel. Der aus genannten Gründen herrührte, aber auch aus vorauseilendem Gehorsam vor dem neuen Geld der alten Kunden. Dies Pendel ist zurückgeschwungen. Ein Teil der ostdeutschen Leser merkte, daß er seine Sorgen, seine Konflikte, sein ,in der Welt sein‘, sein Lebensgefühl bei den westdeutschen Autoren nur ausnahmsweise finden kann, weil ein anderes Leben gelebt wird. Das heißt, sie finden sich nicht wieder. Finden das andere, aber nicht sich. Und darum kehren peu à peu doch einige der untreuen, ,fremdgegangenen‘ Leser zu ihren vertrauten Autoren zurück. Diese Zuversicht teile ich, auch für mich und meinesgleichen: daß wir unsere Leserschaft zurückgewinnen werden, nicht vollständig, aber zum großen Teil. Ein Teil wird an andere Zerstreuungen oder eben an Menschen verlorengehen, die augenblicklich von ihrem Existenzkampf so in Anspruch genommen sind, daß in ihrem Leben für Literatur kein Platz mehr ist. Das ist vielen so gegangen. Manche überwinden das wieder. Sie merken, daß sie nicht vom Brot, nicht vom Geld allein leben. Und manche sind noch nicht soweit. Aber ich denke auch, daß das wie ein Kartenhaus zusammengefallene Kulturbedürfnis Ostdeutschlands allmählich wieder auf die Beine kommen wird. Nie auf den alten Stand, aber einiges wird sich regenerieren und normalisieren. Das Pendel ist schroff in jene Richtung ausgeschlagen. Es schwingt langsam zurück und wird sich neu einpendeln. In der DDR erschienen pro Jahr 6.000 Bücher. In der um uns erweiterten Bundesrepublik sind es 60.000, das Zehnfache. Und Bücher gehen einfach unter. Wenn man vom Werbekram und Repräsentationsgerangel absieht, ist es so: im Osten, zu DDR-Zeiten, konnte ein gutes Buch eigentlich nicht übersehen werden. Und jetzt gehen auch wertvolle Bücher, nicht nur von ostdeutschen Autoren, sang- und klanglos unter. Viele Autoren haben ihre Verlage verloren, weil es denen nun schlecht ging. Der Aufbau-Verlag hat in seinen besten Zeiten, Erstveröffentlichungen und Nachauflagen, jährlich fünfzehn Gedichtbände gebracht. Nach der Wende hat es ein Jahr gegeben, wo von keinem seiner Autoren auch nur ein einziger Gedichtband herauskam. So haben sich manche Verleger von Autoren getrennt, weil sie keine Chance sahen, sie weiter zu betreuen. Einigen ist der Stuhl vor die Tür gestellt worden. Bei anderen kommt die Stunde der Wahrheit erst dann, wenn sie ein druckreifes Manuskript haben. Dann erst merkt man, ob man einen Verlag hat. Bis dahin ist es für den Verlag leicht, mich als seinen Autor zu bezeichnen. Die Gretchenfrage stellt sich mit dem Manuskript. Ich mach mir jetzt keine Sorgen. Erst muß ja ein Manuskript vorliegen. Also bin ich noch beim Aufbau-Verlag aber auch er, der sich mein Verlag nennt, oder mich zu seinen Autoren zählen läßt, beginnt ein Gebaren an den Tag zu legen, das befremdlich ist in dem Sinne, daß er sich jetzt dies westliche Verwertungsprinzip, und -tempo zu eigen macht. Das heißt, daß nach einer bestimmten Zeit ein Buch radikal vom Verlag gelöst, verramscht wird. „Der Ladenpreis ist aufgehoben“, lautet der Euphemismus. Da wird dem Autor angeboten, es aufzukaufen, zu einem Zehntel des Ladenpreises, wenn es ihm nicht egal ist, was draus wird. Ich habe auf diese Weise von einem meiner drei Bücher, die bei Aufbau erschienen, Spielball1 heißt das jüngste, einen Restbestand von etwa 100 Exemplaren aufgekauft. Ich frage mich, was macht dieses Stapelchen von der Höhe eines Tisches und der Fläche zweier Postkarten? Was beansprucht es an Lagerraum? Im Standardbrief heißt es, es sei in letzter Zeit zu wenig verkauft worden, mache folglich zu hohe Lager- und Verwaltungskosten. Ich finde, ein Verlag sollte jedem seiner Autoren wenigstens ein Buch lieferbar halten, eins, ich verlange nicht alle. Meine anderen beiden2 sind vergriffen, aber eines vorzuhalten fände ich angezeigt. Muß man sich von diesem Stapelchen trennen? Das sind schnöde Muster, die verletzen. Ich kaufte diese 95 Bücher. Das Geld hatte ich. Aber ärgerlich ist, daß, wenn jetzt ein Kunde in einer Buchhandlung nach mir fragt, mein Name im Computer nicht mehr erscheint. Daß ich nicht lieferbar bin, beim Buchhandel, der Auslieferung, nicht vorhanden. Ich bin jetzt der Monopolist des Restes. Ich kann mich meiner Marktmacht nicht freuen (lacht). Es gibt natürlich Verlage, die es nicht so kraß halten. Ich hatte z.B. in meiner Weißenseer Lesereihe eine Dichterin eingeladen und ihren Verlag, Suhrkamp, gebeten, mir ihre Bücher zu schicken. Und da schickten sie mir drei Bücher. Und das waren nicht Titel aus den letzten beiden, sondern aus den letzten zehn Jahren. Dies kann Aufbau für mich nicht. Das schwächt das Gefühl der Verbundenheit. Ich habe heute bei der Auflösung eines Redakteursbüros in der Neuen Zeit ein neues Buch von Aufbau gesehen. Es hat mir die Schuhe ausgezogen. Knallig bunt wie ein Pop-T-Shirt: Urwaldmuster als Umschlag. Da wird der Aufbau-Verlag bald nicht mehr mein Verlag sein. Sie streben mit Macht nach dem sich in großer Zahl verkaufenden Unterhaltungsbuch. Der Verlag wird in wenigen Jahren sein Profil so verändert haben, daß er nicht wiederzuerkennen sein wird. Alle Neueinstellungen kommen aus dem Westen. Der Vertriebsleiter ist schon ein Westler. Selbst beim fünfzigsten Geburtstag von Christoph Hein hat sich der Verleger nicht entblödet, sich auch von ihm das gehobene Unterhaltungsbuch zu wünschen. Das ist die Situation der Verlage, die noch überleben. Trotz dieser jüngsten Schritte und trotz der Entlassung von über hundert Mitarbeitern ist Aufbau immer noch nicht in der Gewinnzone. Der Verleger erfüllt sich einen Traum. Er hatte geschwankt, ob er Verleger werden sollte oder etwas anderes. So hat er sich erst ins Immobiliengeschäft geworfen. Jetzt, als Millionär, kann er sich einen Verlag leisten und auch, die Zeitschrift Neue Deutsche Literatur jährlich mit 100.000 DM zu unterstützen, was in zehn Jahren eine Million wäre. Das ist nobel. Trotzdem bin ich skeptisch, ob es mit dem Verlag gutgehen wird. Was sich für mich geändert hat? Einmal: die Verlage können sich die Genres, die nur in kleiner Auflage verkäuflich sind, nur noch begrenzt leisten. So werden Autoren wie ich bald heimatlos. Ich habe da drei Bücher veröffentlicht. Ob das vierte kommt, wird sich zeigen. Das ist eine entscheidende Veränderung. Die andere: mein Standbein war das literarische Übersetzen, das Nachdichten. Die Hälfte meiner Existenz habe ich damit verdient. Das hat sich sozusagen in Luft aufgelöst. Westverlage zahlen für das literarische Übersetzen miserabel.
Das heißt, auch der Übersetzer muß es sich leisten können. Das funktioniert eher für die philologisch begabte Frau eines gut verdienenden Mannes als für einen freien Autor. Ich habe mich schon lange gewundert, daß die westdeutschen Dichter so wenig übersetzen. Für uns war es das Leben, und sie würde es ruinieren. Ich tue es inzwischen nur noch aus alter Liebe, aber eben in schmalem Umfang, denn es ist ein Luxus geworden. Geblieben ist die Möglichkeit, in Zeitschriften zu veröffentlichen. Die ndl hat überlebt, bis jetzt. Da habe ich augenblicklich einen guten Stand.

Millot: Das sind jetzt die Veröffentlichungsbedingungen, von denen du erzählt hast. Und die Schreibbedingungen? Du sagtest, die politische Atmosphäre sei nicht so wichtig. Vielleicht kannst du trotzdem ein bißchen darauf zurückkommen.

Pietraß: Schreibbedingungen sind natürlich die Bedingungen, die mein Lebensgefühl ausmachen oder entscheidend mitbestimmen. Da hat sich schon was geändert. Es macht schon einen Unterschied, ob ich in einer Plan- oder in einer Marktwirtschaft lebe. Es macht etwas aus, ob ich ein Zutrauen habe, daß es die nächsten Jahre klappt oder nicht klappt, also die Zukunft berechenbar ist. Ob der engagierte Teil des Schreibens einen klaren Gegner hat: worauf will ich meine Kraft richten, gegen wen? Wo ist die Macht, die ihre Macht mißbraucht? Das herauszufinden ist in der pluralen Gesellschaft schwieriger. Alles ist relativierter und dadurch verschwommener; verfilzter, nicht durchschaubar und darum weniger herausfordernd. Ich erlitt einen Feindverlust. Bin „auf der Suche nach dem verlorenen Feind“ (lacht). Das heißt aber nicht, daß alles Schreiben aus Gegnerschaft kommt. Da ist noch das Bedürfnis, Tabus zu brechen, das Themenfeld zu vergrößern, es nicht zuwachsen, eingrenzen zu lassen. Der engagierte Teil meines Schreibens ist irritiert, verunsichert. Und das bedeutet auch Kompetenzverlust. Ich bin das Greenhorn unter Eingesessenen.

Millot: Die Tabus, die du jetzt brechen möchtest, hast du noch nicht gefunden…

Pietraß: Ich habe auch einen Einsichtsrückstand. Aber es gibt andere Felder des Schreibens, aus anderen Quellen gespeist und weniger von den Zeitbrüchen betroffen. Diese Felder bleiben mir, wenn ich zur Ruhe komme und wieder zu mir finde. Ich habe nach der Wende zwei Jahre nichts geschrieben. Das erste Nachwendegedicht ist erst im Frühjahr 1992 entstanden und heißt „Randlage“3. Das ist ein Gedicht, mit dem ich ein neues Thema gefunden habe. Es war der Schmerz über die nun verschwendete Natur, vergeudete Landschaft, diese Siedlungen und Gewerbegebiete am Rand der Städte oder auch auf freiem Acker. Es geschieht eine unglaubliche Landschaftspreisgabe, mittels der die Bauern dieser Äcker rasch reich werden und mit einem Schlag eine Million verdienen wollen, indem sie ihren Grund und Boden verkaufen. Für Gewerbesiedlungen, die auf vorhandenen Industrie- oder Gewerbeflächen Platz gefunden hätten. Aber die langwierige Klärung der Eigentumsverhältnisse macht es einfacher, aufs brache Feld zu gehen, wo jüngst noch Korn wuchs. Aus diesem Schmerz habe ich wieder geschrieben. Im Herbst ’92 habe ich das erste Gedicht nach der Wende veröffentlicht, drei Jahre nach dem Herbst ’89. Und zwei Gedichte von fünfzehn, sechzehn Jahren früher, in denen ich ein Ende orakelt habe, ohne an es zu glauben. Aber das Gedicht ist manchmal klüger als der Autor. Es schreibt sich, und ich wundere mich, was ich da geschrieben habe. Da ist ein Gefühl, das sich ausspricht und durchspielt, ohne daß der Verstand es ernstnimmt. Zu festgefügt schien mir alles. Imperien sind für Jahrhunderte gegründet, nicht für Jahrzehnte. Da war das eigentlich ausgeschlossen. Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen, habe aber den Text nicht weggeworfen. Überschrieben habe ich das Ganze mit Gezeiten; als wäre die Geschichte ein Hin- und Herwogen. Als Wahlberlinerin kennst du die Linden und Schinkels Neue Wache, wo die Soldaten reglos standen und sozialistisches Preußentum demonstrierten. Für mich Studenten war das eine Herausforderung, etwas, was mir nicht in die Zeit zu passen schien. Zugleich spürte ich, daß das sakrosankt tabuisiert war. Diese Gedichte zu drucken wurde nicht erlaubt. Weil der Ort zugleich ein Heiligtum war, Staatsgäste Kränze niederlegten und er „Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus“ genannt wurde. So war er geweiht und das Preußentum die nur rituelle Zugabe. Meine Wahrnehmung des Ganzen – ich habe darüber dreimal geschrieben, dreimal bin ich dagegen angerannt – lebt davon, daß die Neue Wache sich direkt neben dem Museum für Deutsche Geschichte befindet.

BERLIN NEUE WACHE4

Noch einmal öffnet sich die Tür
Auf die volle Sekunde
Noch einmal treten die Wachen herfür
Zu soldatischer Runde

Noch einmal schneidet Säbelschritt
Das historische Pflaster
Und wieder zieht die Menge mit
Ins nochmals schönste der Laster

Noch einmal schlagen Hacken hart
In geschrieene Fetzen
Nichts geschehen gründlich verscharrt
Liegen die blutig Gehetzten

Noch einmal übern Strich radiert
Im Spalier der Gesichte
Noch einmal öffnet sich die Tür
Des Museums für Deutsche Geschichte

Das waren 1974 Ahnungen, die ich selbst nicht ernst nahm. Aber sie sprachen sich aus. Dieses Gedicht habe ich erst 1992 veröffentlicht, achtzehn Jahre nach seiner Entstehung. Weder habe ich es literarisch geschätzt, noch beflissen in den Westen geschleppt. Ich habe es einfach liegenlassen.

Millot: Bevor du es anders hättest ausdrücken können, hast du eben dieses Gedicht geschrieben.

Pietraß: Ja, und noch so eins, von 1973, noch ein Jahr früher. Es heißt „Im Sozialismus, schon spät“. Es knüpft an ein Gedicht von Günter Kunert an:

IM SOZIALISMUS SCHON SPÄT5

Der die volkseigene Maschine anhielt
der Handgepäck aufgab
der auf die anderen losfuhr

der sein Leihzelt aufschlug, die Haut
zum Strand brachte
der ins fischreiche Wasser ging

der englischen Boden unter den Füßen
verlor, der viere
von sich streckte, der sich treiben ließ

der sich treiben ließ
der auf und davon schlief
der mit dem Hebel in der Hand erwacht

Einerseits ein Gedicht des Weggehens und zugleich Nur-geträumt-Habens, daß einer wegging. Er erwacht, und das Problem bleibt. Er hat die Hand am Hebel. Und was macht er mit der Hand und dem Hebel? Er kriegt sein Problem zurück, sein Dilemma. Jetzt dies vom Frühjahr ’92 über diese Situation an den Rändern. Da fing auch der Sprachsinn an, sich wieder zu regen. Natürlich bringt jedes System sein eigenes Vokabular mit. Auf uns kommt jetzt die Immobiliensprache. Darum heißt es ja Randlage. Ausdruck für den Wert eines Stück Lands, eines Hauses, was immer.

RANDLAGE6

Die letzte Saat
Des Felds ist aufgegangen.
Ellenbogen
Vermessen das Land.

Pflöcke stückeln
Roggenschläge.
Zins- und Pferdefuß
Gehen zur Hand.

Am Rapsrain
Trapst die Nachtigall.
Die Säge singt
Im Holunder.

Die Bauern motten
Pflüge ein.
Dem Schafstall
Blüht ein Quellewunder.

Wohin ich Habnicht sehe
Sieht mich das Ende an.
Ich stehe und verstehe.
Wende sich, wer kann.

Je länger du nichts geschrieben hast, desto wichtiger wird das erste, das du wieder schreibst. Nach so langer Pause wollte ich nicht irgendwas schreiben. Dafür entstand, aus demselben Gefühl, ein ganz ähnliches. Daran siehst du, daß dieses Gefühl kein flüchtiges, nur vorübergehendes war.

BRACHE7

Die Landschaft blüht.
Das unbestellte Feld.
Das Vorjahrskorn
Durchsetzt mit Mohn.

Der Grundzins steigt.
Der Doppelzentner fällt.
Die alte Last
Verpraßt den Lohn.

Der Frühaufsteher
Ist nun frei
Den lieben Tag
Am Schank zu stehn.

Wirt, ein Bier.
Schreibe zwei.
Keinem soll
Es schlechter gehn.

Millot: Ich finde, das ist ein böses Gedicht.

Pietraß: Ich weiß nicht. Es gibt dazu eine schöne Begebenheit. Im August 1992, wenige Tage vor Strittmatters achtzigstem Geburtstag, besuchte ich ihn zum ersten Mal, zusammen mit einer Redakteurin der Neuen Zeit, einer Freundin, die erzählte, sie solle da was machen. Da schlug ich vor, sie zu chauffieren. So hatte auch ich einen Anlaß, Strittmatter aufzusuchen. Wir fuhren zusammen hin, und sie stellte sich vor. Ich, als ihr Fahrer, sah keinen Grund, mich auch vorzustellen. So saßen wir zu dritt am Tisch. Weil ich munter mitredete, wurde ich nach einer Weile gefragt, ob ich auch bei der Zeitung sei. Da erst stellte ich mich vor. Das wurde heiter, weil ihm mein Name etwas sagte. Ich war unsicher, ob ein alter Meister einen 35 Jahre Jüngeren zur Kenntnis genommen haben würde. Als wir über dies und das geredet hatten, kam es dazu, daß ich ihm diese beiden Wendegedichte vorlas. Ich mag es, wenn sich Autoren einander vorlesen. Es braucht ja nicht viel zu sein. Strittmatter war ein aufmerksamer und kritischer Zuhörer und bemängelte eines der beiden Gedichte wegen seines Schlusses. Du sagst, es sei frech oder böse. Er fand es tendenziös. Sonst aber gefielen sie ihm. Was schön war, ich kriegte nach seinem Geburtstag Post. Da hat er, der 80jährige, nachdem die Gedichte erschienen waren, mir mit einer Karte gedankt. So beim Nachlesen in der Zeitschrift finde er das doch in Ordnung. Mich rührte, daß es ihn beschäftigte und er darauf zurückkam. Diese Sorgfalt nahm mich für ihn ein und sein Ernstnehmen eines Jüngeren.

Millot: So daß man sagen könnte, daß deine erste Reaktion auf die Wende diese beiden Gedichte waren.

Pietraß: Ich beginne mit der Bodenreform (lacht), mit der Bodenwende. Das schmerzt mich bei diesem Komplex.

Millot: Und wird sonst irgendwie die Wende thematisiert, ich meine, die politischen oder die gesellschaftlichen Veränderungen?

Pietraß: Nicht so direkt. Ich kann dir noch eins zum besten geben, wo auch zumindest eine neue Wirklichkeit wahrgenommen wird, nicht an meinem Beispiel, sondern aus dem Erschrecken über die Lage, in die ein Westberliner Freund geraten ist. Ein guter Dichter, ein Rundfunkredakteur, ich nenne den Namen, weil es ihm gewidmet ist: Rolf Haufs, Jahrgang 35, so alt wie Sarah Kirsch oder Karl Mickel. Der lebte in Westberlin, in Zehlendorf in der Mansarde eines schönen, eher kleinen Hauses auf großem Grundstück. Das könnte man anders verwerten, wenn man das Haus abreißen würde und dort eine Wohnanlage mit Eigentumswohnungen hochzöge. Zu jener Zeit war alles noch im Vorfeld dieser Entwicklung. Der Hauswirt mit der Mentalität eines Blockwarts ignorierte seinen Mieter tagsüber, oder es gab, im nüchternen Zustand, keine Kommunikation, im betrunkenen aber hat er ihn mit scharfen Worten unter Druck gesetzt:

Wenn du mir nächsten Monat nicht 1.500 Mark bezahlst, fliegst du raus.

Den Garten beherrschten die Hunde. Der Mieter sah sich in die Mansarde gesperrt. Die Situation eines im Suff Aggressiven, der den Intellektuellen haßt: ein Blockwarthirn. Rolf Haufs, krank, ein Lazarus. Erschrocken, besuchte ich ihn, mit meinem weichen Ostherzen, und erbot mich, für ihn einzukaufen. Er kam mit, und er kaufte wie alle Westler en detail und nicht en gros. Ostler kaufen en gros. Und er wollte nur 100 Gramm Butter und drei Äpfel. Ich sagte, Mensch, Rolf, du bist so schwach, kauf doch ein bißchen auf Vorrat. Erwarb er nun drei Äpfel oder einen? Ich weiß es nicht mehr, es war grotesk. Von der Mangelgesellschaft geprägt, lange ich mit Lust zu und kleckere nicht im 100-Gramm-Bereich. Damit endete mein Krankenbesuch. Ich konnte ihm mit meinen starken Armen nichts ins Haus tragen. All das ging mir nach. So ist das folgende Gedicht entstanden. Das hat jetzt nichts mit DDR oder Westen zu tun, sondern mit drohender Zukunft. In der DDR war man davor geschützt, wenn man nicht Umsiedlungsaktionen der Stasi in Grenzgebieten anheimfiel. Da wurden, in Nacht-und-Nebel-Aktionen ganze Haushalte aufgeladen. Das geschah vor allem in den ’50er und ’60er Jahren.

Millot: Und das hier ist eine Westberliner Situation, die du kennengelernt hast, an Ort und Stelle.

Pietraß: ja. Dann entstand dies makabre Gedicht.

FRISTENLÖSUNG8
Für Rolf Haufs

Schröpfköpfe allerorten
Sie schnalzen und schmatzen
Dein Blut, dein Blut.
Spannwälte und Bader
Statuieren Hexempel.
Was bange währt
Kommt in den Sud.

Blutspiegel, Mietspiegel
Welch Vetterleuchten
In der beugenden Mansarde.
Aufs angstgedüngte Lager geworfen
Lazarus, der Lingobarde.

Charon, der Blockwart
Holt aus und holt über.
Die Hunde bellen im Souterrain.
In die Decke bohrt sich
Der eiserne Besen.
Gift bringt den Schlaf
À demain, à demain.

Millot: Schrecklich. Das andere war frech, und das hier ist schrecklich.

Pietraß: Die Sprache kommt hier, im Geisterkreis, gespenstisch, als Alptraum. Auch Wortneuschöpfungen sind nötig, um den Schrecken, das Verwirrende, Verstörende, auszudrücken. Das sind die exemplarischen Gedichte, die danach erschienen. Um das abzurunden, habe ich in jenem Jahr nochmals einige Gedichte veröffentlicht, von denen ich dir drei vorlesen will. Damit haben wir meinen Nachwendepfad abgesteckt. Ich beginne mit einem Gedicht, in dem wieder das Souterrain eine Rolle spielt. Es ist wohl die Ebene, auf der ich mich ansiedeln werde. Wo ich meinen Platz finde, mein spezifisches Gewicht mich plaziert. Ein frappierendes Erlebnis war für mich, in welchem Tempo im Westen Häuser gebaut werden. Das nun Übliche ist, daß man im Frühjahr in die Hände spuckt und im Herbst einzieht. Wer im Sommer baut, ist Weihnachten im neuen Haus. Das kannte ich nicht. In der DDR dauerte der Bau eines Eigenheims mitunter Jahre, weil immer Materialien fehlten oder andere Hindernisse auftraten. Nun war ich nahe Fulda zu Besuch bei der Tochter meiner Patentante. Ihr Mann ist Manager und hatte bei einer Firma in München gearbeitet. Dann gab es den Firmenwechsel. Sie fanden in Fulda keine passende Wohnung. Also baute man. Selbst wenn man nicht dreißig Jahre drinnen lebt, macht das nichts. Man kann ja wieder verkaufen oder vermieten. Das war so ein Beispiel: im Frühjahr gebaut, im Herbst bezogen. Und ich komme zum Geburtstag der Patentante und bestaune das Wunder. Gehe in und um das Doppelhaus, in das man die Mutter geholt hat. Nun übernachte ich dort, und wo bette ich mein müdes Haupt? Im Souterrain, neben der Sauna… Einem Dichter kann nichts Schlimmes passieren. Alles ist für etwas gut. Aus dieser Erfahrung ist das Gedicht entstanden. Hätte man mich besser gebettet, hätte ich es nicht geschrieben.

SOUTERRAIN9

Im Rauschen der Autobahn
Das Ohr am Estrich
Des nachtüber
Errichteten Hauses
Lieg ich im Schlemmerschlaf
Während das Blut die Schläfen wechselt.

Glocken, vorm Aufstehn
Was schlagt ihr
Mir vor. Sind meine Stunden
Schon zerronnen?

Ich hätte, Himmlische
So viele
Termine
In meinem Fledermauskalender.

Ein kleines Gedicht, aber aus einem Erlebnis. Mit „nachtüber errichtet“ habe ich zuspitzend übertrieben. Ich gehe schlafen. Erwache, und um mich ist ein Haus gebaut. Lag auf dem Erdboden und erwache, im neuen Haus… Dann ist ein anderes entstanden, auch 1993, nach einer – ich sag immer noch deutsch-deutschen Autoren- und Kritikerbegegnung auf Hiddensee. Sie war die zweite ihrer Art, veranstaltet von Bertelsmann: zur Imagepflege und wohl auch Gewinnung neuer Hausautoren. Sowas geht durch die Feuilletons. Die bringen es ins Gespräch und steigern das Ansehen. Mein Gedicht ist mein Extrakt dieser Tage. Das für mich Besondere war, daß ich, weil noch Raum war, ermuntert wurde, auch meine Frau mitzubringen. Und dann hat die gute Mutter gefragt: und die Kinder? Sie könne nur, wenn wir die Kinder mitbringen können. Da war auch das möglich. Diesen Umstand, daß neben den verkämpften Akteuren noch ein paar lächelnde Andere dazwischen waren, die sich in keiner Konfrontation fühlten, habe ich genossen. Die Kinder wuselten durch die Reihen und haben das Spektakel vermenschlicht. Das spielt eine Rolle bis in die Formulierungen. Neben anderem und dem bizarren Erlebnis, daß ein sehr wichtiger Autor mit sehr vielen Terminen per Hubschrauber ein- und ausgeflogen wurde: Morgens München, mittags Hiddensee, abends Paris.

HIDDENSEE10
Für Konrad Franke

Stimmen über der Insel
Geschifft, geflogen
Mit Helikoptern
Unters verschilfte Dach.

Stimmen aufs Schlimme
Aufs karge Gute. Balz
Auf windiger Lichtung
Gelächterverworfen.

Familien, ja, mit hellen
Kindern, aber keine Familie.
Salzaffen
Die kalten Wunden.

Sprich weiter, Sandzunge.
Entkrampfe den Kampfhahn
Erlöse das grindige
Wort.

Es ist schon wichtig, hin und wieder etwas auf den Punkt zu bringen. Ich verlange mir das zu selten ab. Ganze Reisen bleiben ohne eine Zeile. Aber manchmal tu ichs. Und dann bin ich froh, mich in die Pflicht genommen zu haben. Es mag wohliger sein, nichts zu tun. Doch dazu sind wir nicht auf der Welt. Schließlich ein Gedicht, das, ähnlich, unter anderem ein Aussöhnungs-, ein Gedicht für Friedfertigkeit ist, für Toleranz.

Millot: Ist das ein Nachwendegedicht?

Pietraß: Ja, von 1992. Du darfst den Begriff der Wende nicht zu eng fassen. Ich bin in neuen Zusammenhängen, zwischen neuen Fronten und möchte erreichen, daß diese sich befrieden. Daß die forcierte Konfrontation, die viel vergiftet und zu wenig Gutem führt, nicht zu lange anhält. Wenn du erlebst, mit welcher Schärfe man sich Vorwürfe macht und bemißtraut, ist dies, in seiner Hysterie, von Übel. Dieses Gedicht ist aber aus ganz anderem Grund entstanden: auch nach der Wende, durch die Einladung zu einer Lesung, die mich in eine fatale Lage brachte. Ich sollte wenige Tage vor Weihnachten lesen, unter dem Motto „Dichtung einmal anders“, spürte aber „Dichtung unterm Weihnachtsbaum“. Der Baum stand dann tatsächlich auf der Bühne, mit Kerzen. Die geahnte Situation dieser Gemütlichkeit, eigentlich aber auch Unmöglichkeit einer normalen Lesung brachte mich in die gefühlte Zwangslage, ein Weihnachtsgedicht mitzubringen: wenigstens eine Brücke zu bauen. Not macht erfinderisch. Dies Notbrot verkrümle ich jetzt als letztes. Es heißt „Honigrute“. Kannst du dir eine Honigrute vorstellen? Die alten Vogelfänger hatten Leimruten, mit denen sie ihre Opfer überlisteten. Ich stellte mir eine in Honig getauchte Rute vor. Ein süßes Strafinstrument. Wenn man sich dann die Striemen leckt, schmeckt es gut (lacht). Der Weihnachtsmann kommt mit ihr: als Erzieher des Volkes samt seinen bösen Buben.

HONIGRUTE11

Weihnacht, komm zu uns mit duftenden Flammen
Und ruf meine Tauben und Toten zusammen.

Meinem Vater hilf, vom Altenverlies
Seine Knochen zu sammeln vom blutigen Kies.

Der Mutter, im Hirnschlag aufgegeben
Hilf, die bleiernen Decken zu heben.

Dem Wichtelbruder, im Typhus verscharrt
Öffne den Hügel nach Maulwurfsart.

Der Puttenschwester, in blauem Schmerz
Kleb ein Pflaster aufs klaffende Herz.

Unter der zapfenkopfigen Fichte
Behauche den Neffen, bauche die Nichte.

Erlöse den Erlanger Leib aus dem Koma.
Behause den Sinti, behüte die Roma.

Zeig Bruder Rauch und Bruder Schall
Den Königsweg aus Wucherers Stall.

Und Bruder Abel und Bruder Kain.
Wiege den Juden, den Muselmann ein.

Hilf dem Serben im Kroaten.
Begrün das Gewehr, golde den Spaten.

Gebier die Liebe aus wieherndem Haß.
In Honig ertränke den schlechten Spaß.

Weihnacht bleib bei uns, daß Graun uns nicht pack.
Pfeif Katze und Knüppel zurück in den Sack.

Es zieht weitere Kreise, und ist nicht aufs Deutsch-Deutsche fixiert. Poesie ist nicht dazu da, ständig die Politik zu inhalieren und zu transpirieren. Dazu ist die Zeitgeschichte zu nichtig, und flüchtig. Sie überlasse ich den Journalisten.

Millot: Du schreibst nie direkt über politische Zusammenhänge oder über politische Ereignisse.

Pietraß: Das habe ich meist so gehalten. Es müßte schon ein außergewöhnliches Ereignis sein, das mir unter alle Häute geht.

Millot: Ist das mal in deinem Schriftstellerleben passiert, entweder, daß du was über politische Ereignisse geschrieben hast oder – ich würde die Frage ein bißchen erweitern –, daß irgendwelche politischen Ereignisse für dich eine Wende oder einen Schnitt bedeutet haben?

Pietraß: Es gab solche politischen Ereignisse, aber ich habe über sie nicht geschrieben. Das hing auch damit zusammen, daß ich zu jung war. Meine beiden, gut, drei, politischen Zäsuren im Leben waren: 1961: der Bau der Mauer. Aber da war ich fünfzehn, Schüler, und in Sachsen, d.h. weit von der Grenze. Ich hörte das nur im Radio. Konnte mir das nicht vorstellen. War nie im Westen. Doch, ich war gerade im Westen, eine Woche vorher kam ich zurück… Dann 1968: 1968 war für Osteuropa ein ganz anderes Ereignis als für Westeuropa. Selten bekam ein Jahr einen so unterschiedlichen Symbolwert. Im Westen waren es die Studentenunruhen, bei euch in Frankreich die Streiks in der Automobilindustrie mit ihren Erschütterungen des Systems, und im Osten war es, ist es für meine ganze Generation die massive Desillusionierung über die Möglichkeit eines demokratischen Sozialismus. Was bei euch war, haben wir in seiner Bedeutsamkeit nicht begriffen. Das schien mir nicht um Leben und Tod zu gehen, nicht um das Versinken in Erstarrung und Repression. Es schien im Westen spielerischer, ging um mehr Demokratie. Aber hier ging es um das Schicksal ganzer Völker für Jahrzehnte. Daß das ganze System bei euch auf der Kippe stand, haben wir eben nie geglaubt. Und ich hielt es für eine kämpferische Illusion der Studenten. Für viele ein Grunderlebnis, weil sie versucht haben, die Demokratie bis zum Rand auszureizen. Die tiefere Zäsur, mein eigentliches politisches Grunderlebnis war 1968, in seiner östlichen Version. Da war ich zweiundzwanzig und hatte im Frühjahr gerade meine ersten naiven Gedichtzeilen geschrieben: Tändeleien, fern vom Zeitgeschehen. Und dann, jetzt 1989: Das ist die erste Zäsur, die mich, wenn ich das sagen darf; als gereiften Autor erreicht hat. Und du hast gesehen, es hat zu zweijährigem Schweigen geführt. Ich bin kein Autor rascher Reaktion, sondern gehe in mich und versuche, mit mir und allem auch so zurande zu kommen. Es muß sich akkumulieren. Es ist auch eine Frage des Temperamentes. Ich bin, ganz im Gegensatz zu meiner Sprechweise, ein langsames. Obwohl ich situativ schreibe. Bei mir ist es häufig ein Anlaß. Sind es Situationen, in die ich geraten bin oder die andere mir aufdrücken. Auch bei einer Einladung, sich an einer Anthologie zu beteiligen, kommt man in eine Lage, die Verlegenheit, nichts Derartiges zu haben. Ich kann mich an mehrere Anthologien erinnern, die ich mit Texten bediente, die es vorm Eintreffen des Briefes nicht gab. Ich habe für eine Anthologie mit Liebesgedichten ein Gedicht des Überdrusses geschrieben. Und genauso für eine Anthologie mit Reisegedichten. Da wurde es, statt einer Reise in ein anderes Land, eine Reise in die Geschichte, eine Traumreise, bis zum siebzehnten Jahrhundert rückwärts abgespult: gegen den Strich. Das habe ich gern gemacht. Die Einladung als Herausforderung angenommen und sie nicht vordergründig bedient. Bei einer Anthologie mit literarischen Selbstportraits habe ich in zwölf Zeilen Dimensionen summiert. Nicht mich habe ich benannt, sondern die Gewichte, die Anteile des Erbes oder Lebensvorbilds der Eltern, von denen ich denke, sie machen mich aus. Zwölferlei habe ich aufgereiht. So kann ich auf ein Ereignis reagieren. In dem Sinne war ich oft ein guter Adressat, weil der Hinterkopf mich rasch aus dem Dilemma erlöst hat. Die Gedichte kamen dann, ohne langes Nachdenken, spontan aus dem Bauch.

Millot: Als du vorhin dieses Gedicht vorgelesen hast, „Randlage“, hast du davon gesprochen, daß jedes System oder jede Welt ein eigenes Vokabular hat und daß du eben als Lyriker darauf reagierst. Und da möchte ich gern wissen, wie du auf diesem Gebiet die Wende erlebt hast. Ob sich die Sprache, die Sprache der Leute oder die offizielle, die öffentliche Sprache geändert hat und wie du als Dichter darauf reagiert hast.

Pietraß: Die Sprache der Leute verändert sich in dem Maße, wie sie dem Veränderten ausgesetzt sind. Ich kann mir vorstellen, daß alte Leute auf dem Land, die keinen Fernseher und keine Zeitung haben, sich sprachlich nicht ändern. Aber wer in einer gewendeten Behörde arbeitet und jetzt nach Westrecht Kindergeld verteilt oder Rechtsprozesse aufzuarbeiten und in Gang zu setzen hat, dem drängt sich das neue Vokabular massiv auf. Er ist geradezu verpflichtet, sich die neue Sprachregelung zu eigen zu machen, wenn er nicht als lernunfähig gelten will. Das ist der Sprachwandel durch veränderte Tätigkeit und Rahmen. Dann gibt es den Sprachwandel durch veränderte Medien. Jetzt gibt es nicht mehr nur DDR 1 und DDR 2 und West 1 und West 2, sondern auch Kabelkanäle oder die Satellitenschüssel. Auch über die Werbung, die ich für einen starken Einfluß halte, wird der Sprachschatz kontaminiert und infiltriert. Es dringen neue Worte in die Umgangssprache ein. Die wird so aufgenommen, wie Kinder Sprache lernen: durch Hören, Nachplappern, Witzeln. Schon hat man sie selbst im Kopf. Dann die Zeitungen: sie sind mittlerweile großteils westlich geführt. Die Chefposten sind, wie in einem Kolonialgebiet, westbesetzt. – Westler sind unsere neue SED: mit Herrschafts- und Führungsanspruch. Die alles besser wissen und allen alles zeigen müssen.

Millot: Die eben auch die Sprache prägen.

Pietraß: Sprachregeln lassen sich qua Position, sprich Macht bestimmen. Das ist halt so. Aber wir sollten es wenigstens wissen. Dann sickert mit den Westdeutschen ihre Widerstandslosigkeit gegen Amerikanismen ein. Wovon auch Frankreich ein Lied singen kann. Und da zeigt sich ja, daß, weil die Systeme sich weniger fremd waren, die Westdeutschen viel weniger Widerstand gegen Amerikanismen geleistet haben als die Ostdeutschen gegen Russizismen. Die haben uns kaum überwältigt. Ich würde Schwierigkeiten haben, mehr als zehn Begriffe zu finden, die wir aufgenommen haben.

Millot: Paradebeispiele waren immer Bungalow und Datscha – aber ein drittes Beispiel gibt es nicht.

Pietraß: Schon, aber viele wirst du nicht finden. Das nehme ich allergisch wahr, und es verstört mich sehr. Weil ich gegen eine beckmesserische Sprachreinigung per Verordnungen bin, sollte sich jeder bemühen, solch unnötige Worte bewußt zu meiden, damit weniger Kauderwelsch entsteht. Ich erlebe das als sprachliche Verluderung. Das ist keine Fremdsprachenfeindlichkeit. Ich brauche wirklich nicht zu sagen, XY hat sich ein neues „Outfit“ zugelegt. „Haarschnitt“ geändert, reicht. Auch „Outing“ oder „Coming-out“ halte ich für einen Verlust an Sprachkraft. Wenn ich auch einsehe, daß in gemäßigtem Umfang natürlich immer neue Worte gekommen sind. Aber es sollte ein langsamer Prozeß sein und kein so gedankenlos aufschnappender. Sehr bin ich gegen die modischen Anglizismen, mit denen manche ihre Halbbildung ausstellen. Da kann ich die Franzosen verstehen. Nur wenn man es so drakonisch macht, bekommt dieser pathetische Impuls leicht etwas Lächerliches. Das Problem ist wirklich mißlich. Aber: „Keine Gewalt!“ Jeder einzelne sollte es begreifen. Was muß ein Deutscher „okay“ sagen? Bei „Bist du wieder fit?“, merk ich schon gar nicht mehr, daß das ein englisches Wort ist. Wie „Hair Studio“, „Hair Center“. Geschäft oder Laden scheinen schon nicht mehr schick genug. Also gehen sie shoppen: in den Shop. Der Prozeß ist unabwendbar. Aber je privater die Leute sind, desto eher werden sie ihre eigene Sprache sprechen und je öffentlicher, desto mehr werden sie sie verlieren. Das war zu DDR-Zeiten dasselbe. Die Leute hatten auch das Parteichinesisch für die Parteiversammlung und für Dienstbesprechungen. Und hatten ihre ureigene Sprache, die sie freihielten vom Vokabular der Ideologie, wenn sie in ihren Gärten saßen, grillten und Skat spielten. So gehts auch jetzt. Es gibt wieder und weiter eine Nachrichtensprache und viele private.

Millot: Und schreibst du darüber oder wendest du dich dagegen oder thematisierst du das?

Pietraß: Ich habe mich an einer Debatte „Umgangsdeutsch – Deutsch im Umgang“ in Berlin beteiligt. Da waren drei Linguisten und drei Schriftsteller. Im Rahmen der Tagung sollten Deutsche im Umgang miteinander über Deutsch reden. Da habe ich mich etwas ereifert, und Rainer Kirsch war dabei und Dieter Hildebrandt, ein Westberliner, aber nicht der Kabarettist. Und drei Professoren der Linguistik, die furchtbar ängstlich, handzahm waren, als hätten sie etwas zu verlieren. Es war makaber. Die haben keinen Konflikt gesehen und alles geglättet, wie in schönsten DDR-Zeiten. Sie waren zwei Professoren der Humboldt-Universität und einer von einer West-Universität. Auch der Westdeutsche war vorsichtig. Die Autoren haben zugespitzt und Öl auf die Wogen gegossen. Ich wunderte mich, dachte, wenn Professoren berufen sind, säßen sie sicher. Es war der pure Objektivismus, aber auch mangelnde Courage und Problembekenntnis. Sie behaupteten, es bestehe kein Ost-West-Sprachproblem. Leugneten es einfach. Ich finde schon, daß wir ein Sprachproblem miteinander haben. Zum Beispiel traut sich der Durchschnitts-Ostdeutsche, wie wahrscheinlich auch der Westdeutsche, zu, den anderen nach wenigstens drei Sätzen zu erkennen: ob er ,ost‘ oder ,west‘ ist. Es ist nicht nur das Vokabular, es ist die Redeweise, auch die Art der Satzbildung, der rhetorischen Wendungen. Die Ostdeutschen, mein Eindruck, reden sachlicher. Westdeutsche reden umständlicher, weitschweifiger, im Allgemeinen, kaum auf den Kern zu. Sie nutzen die Gelegenheit, ein bißchen länger zu reden, sich länger selbst darzustellen. Das ist ja auch im Fernsehen, bei der Talkshow wichtig, nicht bloß einen Satz zu sagen, nur damit dann schon der nächste redet. Wenn man das Wort erst mal hat, wird gehäkelt und gestrickt und gestrickt, bis der Moderator den Faden kappt. Man gibt seine eigene Redezeit nicht freiwillig her. Wer das Wort hat, ist auf Sender. Das ist auch im Alltag so: um sein Profil zu schärfen, seinen Marktwert zu erhöhen, seine Position zu stärken… Das hängt mit Schein und Sein zusammen. Sprache als Selbstdarstellungsbühne, als Platzhirschlichtung.

Millot: Glaubst du, daß du z.B. anders schreibst, als ein westlicher Autor deiner Generation?

Pietraß: Ich denke schon. Das kommt von meiner anderen Sozialisation, meinen anderen Erfahrungen und Traditionen. Hängt ab von dem, was ich gelesen habe, meinem Welt- und Lebensverhältnis, das ganz anders ist. Da bin ich sicher. Würde das gleich sein, es wäre ein Wunder. Auch Nord- und Süddeutsche sind mentalitätsverschieden. Aber wo die gesamten Lebensbedingungen kraß unterschiedlich waren, muß der gewachsene Unterschied größer sein als der bloß regionale. Der Systemunterschied hat die Dimension eines Zeit- und Zivilisationsunterschieds. ln puncto Zeit- und Sprachgeist ist er ein Epochenunterschied.

Millot: Schreibst du jetzt z.B. für andere Leute, als du früher geschrieben hast? Und schreibst du überhaupt für Leute?

Pietraß: Für Leute schon, in der schlichten Hoffnung, daß meine Texte nicht nur für mich von Interesse sind. Daß ich etwas Besonderes von allgemeinem Belang finde. Aber ich schreibe nicht für andere Leute als vorher. In erster Linie für meine Generation, in zweiter für die Ostdeutschen, und das nicht, weil sie mir lieber wären. Sie haben eher die Chance, mich zu verstehen und sich durch mich vertreten zu sehen, weil ich einer der ihren bin. Alles andere wäre vermessen. Für die Westdeutschen? Ich würde mich freuen, wenn dem einen oder anderen etwas gefällt, aber den Anspruch kann ich nur bedingt haben.

Millot: Und deine Beziehung zu deinem ostdeutschen Publikum hat sich nicht geändert, hat sich nicht verschlechtert oder ist nicht gestört worden. Ich meine jetzt von deinem Gefühl her, abgesehen von, was weiß ich, dem Verkauf deiner Bücher.

Pietraß: In manchen Orten, an denen ich früher gelesen habe, findet heute nichts mehr statt. Ich kann also meinem bisherigen Publikum nicht beliebig wiederbegegnen. Aber einem Teil zu begegnen, bedeutet mir viel. Ich kenne ohnehin nur die wenigsten meiner Leser. Und ob ich ihnen begegne oder nicht, es sind mehr, als ich weiß. Ich habe aber auch im Westen sehr gute Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel war ich jetzt in Aachen. Anläßlich des VS-Kongresses12 las ich in einer Randgemeinde: Aachen-Brand. So sehr Rand, daß sie sich zusammengeschlossen und ein eigenes Kulturforum gegründet haben. Dort hatte ich mehr als dreißig höchst interessierte Zuhörer, aufgeschlossen, ohne Vorurteile, die wirklich froh waren, jemandem von der östlichen Seite zu begegnen. Sie sind so weit weg von Ostdeutschland, daß manche noch nie hier waren. Ich hatte also den Exotenbonus des verlorenen Bruders, zugleich aber eine tolerante, freundliche Interessiertheit. Und anschließend haben von diesen dreißig mehr als zwanzig mein Buch Was mir zum Glück fehlt13 gekauft. Das zeigt, daß es nicht bloß mein Eindruck war, sondern, daß das Gehörte sie berührt hat und sie das Flüchtige ins Nachlesbare verwandeln wollten. Nie habe ich bei einer Lesung so viele Bücher verkauft. Also sollte ich nicht zu sehr glauben, daß ich mein Publikum nur im Osten habe. Ich kann, selbst im tiefen Westen, durchaus so etwas sein wie ein Ostdeutscher zum Anfassen, Anhören und Nachhaken. Ich meine, daß jeder solch ein Erlebnis braucht. Die dortigen, daß einer kommt, den sie annehmen können, der anders, differenzierter ist als das Klischee von einem Ostdeutschen, und ich, daß ich ein Publikum gewinne, das aufgeschlossen ist, in einer Region, wo ich es nicht erwarten konnte. Nur so kann so etwas wie Vereinigung gelingen: durch positive Erlebnisse auf unterer, lebendiger Ebene. Mir ist nicht bange.

Millot: Aber so in deiner Vorstellung, jetzt abgesehen davon, wer dich tatsächlich kauft oder wer tatsächlich zuhört, schreibst du nicht für jemanden?

Pietraß: Ja und nein. Zunächst geht es mir um das vollkommene, gelungene Gedicht. Dann werde ich schon sehen, wem es gefällt. Es ist so, daß ich nach dem Krebstod meiner Frau auch ein Gedicht geschrieben habe, das von gefühlter Schuld ausgeht. Mein zerknirschtes Ich kann ein anderes Ich stützen. Vielleicht kann ich ihm helfen, sich zu bekennen und dadurch zu befreien. Das hat nichts mit Ost-West zu tun, sondern mit einer Lebenslage. Ist das Gedicht geschrieben, spüre ich, für wen es sein könnte. Ich bin ein Stellvertreterwesen. Auch darin besteht eine Möglichkeit von Literatur, daß sie etwas exemplarisch formuliert und so erlebbar, aushaltbar, genießbar macht. Benennbar, indem ich eine Zunge habe, manches erstmals, neu oder wieder zu benennen. Besser als es der Alltag mit seinem Hasenherz und seiner Hamsterhast erlaubt. Letztlich bin ich ein Vor-, Doppel- und Nachgänger, der als Double oder Antitypus interessant ist. Ich hoffe, daß man in mir einen anderen und sich selbst findet.

Gespräch mit Richard Pietraß 10. Februar 2010

Richard Pietraß: Freigang14 ist ein wichtiges Buch. Es gehört schon in die Zeit, da ich als Wendeverstummter meine Stimme wiedergefunden hatte. Erschienen 2006 bei Faber & Faber in Leipzig, ist es das Schwesterbuch zu Schattenwirtschaft15, dem vorigen gewachsenen Band, der 2002 herauskam und die Gedichte der Jahre 1986 bis 1999 enthält. Die neuen Gedichte sind weniger politisch, dafür schöner.

Sibylle Goepper: Gibt es in Ihren Augen eine direkte Verbindung zwischen „weniger politisch“ und „dafür schöner“? Zeichnet sich damit eine Entwicklung aus, die allgemein für Ihre Lyrik gültig ist, in dem Sinne, dass die politische Situation und der Kontext heute keine so große Rolle mehr spielen?

Pietraß: Beide, die politische Situation und der Kontext, verfestigen sich heute, werden starrer und einförmiger, das nun Gegebene, nicht mehr das Werdende. Umfeld und Schönheit können durchaus zusammengehen. Apollinaires Kriegsgedichte aus dem Ersten Weltkrieg entstammen einer angespannten Zeit und sind trotzdem wunderbare Liebesgedichte. Ich habe keinen Krieg erlebt, nur einen Zusammenbruch, eine Revolution ohne einen einzigen Toten, was wiederum wunderbar ist.

Goepper: Als Sie 1994 mit Cécile Millot gesprochen haben, waren die Verlage im Umbruch. Inzwischen sind Sie nicht mehr beim Aufbau Verlag. Was ist passiert?

Pietraß: Aufbau hat sich von mir getrennt. Ich hatte dort in den 80er Jahren drei Bücher16 veröffentlicht. Um die Wende war ich verstummt. Drei Jahre habe ich kein Gedicht geschrieben. Das begann aber schon vorher. 1989 schrieb ich kein Gedicht, 1990 und 1991 auch nicht, 1992 habe ich meine Stimme wiedererlangt und seitdem fortwährend geschrieben. 1998 hatte ich ein fertiges Manuskript: Schattenwirtschaft. Das brachte ich zu Aufbau. Obwohl wir keinen Kontakt gehalten hatten, lebte ich im Vertrauen, dort mein nächstes Buch bringen zu können. Doch hatte sich inzwischen einiges geändert. Die Wende hat diesen Verlag nicht vernichtet, aber wirtschaftlich bedrängt. Man musste plötzlich marktwirtschaftlich funktionieren. Die Lektorin, die mich aus den 80er Jahren gut kannte, verdrehte die Augen:

O Gedichte, das wird wohl nichts werden. Mach dir keine großen Hoffnungen.

Darauf bekam ich einen Brief, in dem sinngemäß stand:

Wir haben Ihre Arbeit stets zu schätzen gewusst, und auch den neuen Band, aber unter den veränderten Bedingungen müssen wir alles daransetzen, keine Verluste zu machen und schwarze Zahlen zu schreiben. Gedichte sind nicht gewinnbringend zu publizieren. Wir können Ihr Buch leider nicht veröffentlichen.

Einen ähnlichen Bescheid erhielten die meisten Dichter des Verlags, z.B. auch Elke Erb. Auf diese Weise wurde fast allen der Stuhl vor die Tür gestellt, außer vieren: Heinz Kahlau und Eva Strittmatter, die hohe Auflagen erreichten, Mario Wirz, der spektakulär, weil HIV-positiv war, und Harald Gerlach, weil er auch Prosa veröffentlichte. Ein reiner Dichter aber war das pure Verlustgeschäft. Acht oder neun Jahre nach der Wende seinen Verlag zu verlieren, war bitter. Ich hatte gedacht, dass drei Bände auch in schwierigen Zeiten genug Verbundenheit sein könnten. Ich stand mit einem fertigen Manuskript und habe dann Kontakt zu zwei oder drei Verlagen aufgenommen. Zuerst mit Langewiesche-Brandt in Ebenhausen, südlich von München. Das ist ein seit Langem bestehender Familienverlag. Der Verleger feierte unlängst sein fünfzigjähriges Verlagsjubiläum. Ihm schrieb ich einen schönen Brief, der meine Situation darlegte und in dem ich mich darauf bezog, dass ihm ein Autor gestorben sei, in dessen Nähe ich mich wohlgefühlt hätte, und immer noch wohlfühlen würde, wenn mein Werk neben seinem erschiene: Ob sie wieder einen Richard brauchen könnten. Der Verlag hatte Richard Leising veröffentlicht. Der Brief gefiel dem Verleger. Er lud mich nach Ebenhausen zu einem Gespräch und erbat sich Bedenkzeit. Ihm wurde klar, es bräuchte zwei Pietraß-Bücher. Obwohl 1989 in der Frankfurter Verlagsanstalt schon ein Auswahlband17 erschienen war, meinte er:

Im Westen kennt man Sie noch nicht.

Wir wollte, sozusagen als ,Basis‘ eine Auswahl aus meinen bisherigen Gedichten und erst später die neuen:

Wir sind ein kleiner Verlag, wir können nur eines von beiden machen und werden Ihnen Bescheid geben, ob wir uns für eine Auswahl oder für den neuen Band entschieden haben.

Bald kam die Nachricht:

Wir haben uns für die Auswahl aus den drei Aufbau-Büchern entschieden. Für den neuen Band suchen Sie sich bitte einen anderen kleinen Verlag. Sollen wir Ihnen behilflich sein?

Ich antwortete:

Danke, darum kümmere ich mich selbst.

Da wandte ich mich an Faber & Faber in Leipzig. Elmar Faber war in den 80er Jahren Verleger des Aufbau-Verlags, also vor der Wende, und durch die Treuhand bereits 1992 entlassen worden, als Lunkewitz den Verlag als Mehrheitseigner übernahm. Nach seinem Ausscheiden hatte er mit seinem Sohn Michael den Verlag Faber & Faber gegründet, den es, namensgleich, in England gibt. Ich hatte in den 80ern ein Gespräch mit ihm gehabt, als ich mich um ein bibliophiles Buch mit Liebesgedichten und Grafiken bemühte und versuchte, meinen großen Verlag dafür zu interessieren, künftig auch das bibliophile Segment illustrierter, sorgsam gedruckter Künstlerbücher mit Originalgrafiken zu pflegen. Obwohl er mir abschlägig antwortete, wusste ich, dass er ein Verleger ist, der das schöne Buch liebt. In gepflegtem, breitem Sächsisch hatte er mich noch wissen lassen:

Herr Pietraß, ich bin ein Fan von Ihnen.

Diesen Satz hatte ich mir gemerkt. Als ich nun schrieb, fragte ich, ob er noch Gültigkeit besitze. „Bringen Sie meine Schattenwirtschaft“. Sie sagten schnell zu. Nur Tage später rief Wachinger an und sagte:

Zwar habe ich Ihnen gesagt, Sie sollten sich für Ihre neuen Texte einen anderen Verlag suchen. Doch wenn Sie es nicht schon getan haben, warten Sie noch. Wir würden auch das neue Buch drucken. Ich habe meiner Frau Ihre Gedichte vorgelesen, und sie gefallen uns so, dass wir ein Jahr später auch Schattenwirtschaft bringen würden. Überlegen Sie sichs.

Da konnte ich ihm nur mitteilen, dass ich mich mit Faber & Faber bereits verbindlich geeinigt habe und der Band dort komme. Ich glaubte auch nicht so ganz, dass es bei Wachinger derart klappen würde, zunächst die ausgewählten Gedichte zu bringen und ein Jahr später den neuen Band. Ich hatte Sorge, dass er sagen könnte:

Der erste Band ist noch nicht ausreichend verkauft. Wir sollten mit dem neuen ein, zwei Jahre warten.

Mein letztes Buch war 1987 herausgekommen. Ich fürchtete die lange Bank. Seither waren vierzehn Jahre vergangen, eine lange Zeit. Eigentlich wünschte ich mir alle fünf, sechs Jahre ein neues Buch, zwei im Jahrzehnt. So brachte Langewiesche-Brandt 2001 den Auswahlband Die Gewichte18, mit einem schönen, langen Gespräch, und Faber & Faber ein Jahr später die Schattenwirtschaft. Wachinger war allerdings verschnupft, dass es ihm nicht gelungen ist, mich ungeteilt zu bekommen. Das minderte ihm die Freude. Er argwöhnte: Wenn der Autor jetzt zwei Verlage hat, wird er wahrscheinlich mit dem jüngeren Verlag mehr und weitermachen, und sein Buch hinge in der Luft. So hat er es zwar verkauft, aber mir irgendwann die Rechte zurückgegeben und erklärt, dass er kein weiteres Buch machen werde, weil ich mich so entschieden hätte. Gleichwie: 2001/2002 erschienen zwei Gedichtbände. Nach vierzehn, fünfzehn Jahren war ich wieder anwesend – nach Zwischenbüchlein wie Letzte Gestalt19 oder Randlage20. Was für mich zählt, ist das – wie Jahresringe eines Baums – gewachsene Werk. Das sind Bände wie Schattenwirtschaft (1986–1999) und Freigang (2000–2006).

Goepper: Können Sie im Nachhinein genauer erklären, warum Sie verstummt sind?

Pietraß: Das weiß man nie genau. Ich habe nicht richtig gemerkt, dass ich 1989 kein Gedicht geschrieben hatte. Ich wurde mir dessen erst bewusst, als ich die Gedichte zusammenstellte. Dass ich 1990/91 kein Gedicht geschrieben hatte, war mir bald aufgefallen. Warum vor dem Mauerfall nichts mehr kam, weiß ich nicht. Das war ein unruhiges Jahr mit all den Flüchtlingen in Ungarn, mit der Besetzung der Prager Botschaft… Vielleicht ist es wie im Vorfeld eines Tsunamis. Wenn ein solcher naht, schweigen auch die Vögel, und die Tiere im Zoo werden ganz still. Es ist wie ein uraltes Instinktschweigen… Ich konnte mir natürlich nicht vorstellen, dass die DDR einfach aufhören würde zu existieren. Auch kannte ich nicht, dass eine Siegermacht wie die Sowjetunion ein großes, erbeutetes Gebiet los- und seinen Weg gehen lässt. Das widersprach jeglicher historischen Erfahrung. Sonst wurden solche Faustpfande nur nach neuen Kämpfen und Kriegen abgetreten. Gorbatschow ist in diesem Sinne eine völlig atypische historische Figur, die, sehenden Auges, nicht mit Absicht, aber doch aus einem gewissen Gleichmut, handelte. Er glaubte so sehr an die Kraft seines reformierten Sozialismus, dass er meinte, das könne stabil bleiben.
Nach der Wende habe ich nicht aus Vorsatz geschwiegen, sondern aus Unruhe. Ich kann nur in der Situation einer gewissen Souveränität schreiben und in der Klarheit, dass sich etwas mir wirklich eröffnet, so dass ich auf etwas hinweisen kann, das ich erkenne oder das mich bewegt. Wenn alles wie ein Gebirgsbach ist, der ins Tal schießt, kann ich nicht schreiben. Wenn mich eine Lawine mitreißt und gegen einen Felsen schleudert oder verschüttet, ringe ich um Luft. Es gibt allerdings Autoren, die auf der Welle surfen können. Für mich war es die Zeit des Journalismus, in der es um die Fakten ging. Alles war rasant: Jede halbe Stunde kamen völlig neue Nachrichten. Da habe ich, was ich nie getan habe und wohl nie wieder tun werde, Nachrichten auf Tonband aufgezeichnet. Es war die Zeit der Zeugenschaft, der aufgerissenen Augen, Ohren und des sprachlosen Munds. Hinzu kam ein Verlust an Souveränität. Für uns Ostdeutsche war alles neu. Wir wussten nicht, wie der Hase läuft. Wir kamen uns vor wie Schüler, die an eine andere Schule kommen, in der eine andere Sprache gesprochen wird, Stundenplan und Fächer anders sind. Auch wenn ich schon älter war, ging ich wieder in die erste Klasse. Ich dachte:

Das, was jetzt ist, können die westdeutschen Kollegen gültig beschreiben. Was soll ich mich dazu äußern?

Ich könnte das nur aus mangelnder Einsicht, vielleicht auch falsch verstanden und daneben, womöglich gar blamabel. So habe ich geschwiegen. Es dauerte, bis ich erkannte, dass die Westdeutschen, auch die angesehenen Autoren, nicht dauerhaft für die Ostdeutschen sprechen können. Weil sie deren Biografie nicht geteilt haben, nicht das Wendetrauma, nicht das Gewinnglück und den Verlustschmerz. Wenn sich etwas so radikal ändert, finden sich beide, Gewinn und Verlust, in jedem Leben. Da gibts die Wendeverlierer, die den Verlust der Arbeit, des Hauses erlebten. Manche mussten raus, weil alte Besitzer kamen. Andererseits gab es auch die Wendegewinner, die auf die Füße fielen und plötzlich Karriere machten, reich wurden. Die es verstanden, sich in diesem neuen Milieu rasch zurechtzufinden und beherzt zu handeln, die Chancen zu ergreifen, in die Politik zu gehen, in eine Partei einzutreten und an deren Spitze zu gelangen. Aber das ist weniger eine Sache für Künstler. Auch die Leser merkten es. Sie stürzten sich auf die westdeutsche Literatur. Dann erlahmte das wieder, denn der Leser ist ein Du, das darauf wartet, in Texten angesprochen und enthalten zu sein. Der Autor ist sein stellvertretendes Ich, Wenn er „Ich“ sagt, kann ich in dieses Ich schlüpfen. Das fehlte. Diese westdeutschen Ichs waren nicht osttauglich. Die Leser blieben außen vor, sie fühlten sich nicht angenommen. So gesehen führte die vorübergehende Abwendung von den ostdeutschen Autoren zu einer neuen Zuwendung. Wir Autoren spürten das, auch ich. Das ermutigte mich, von meinem neuen Glück und meiner neuen Trauer zu sprechen. So ging mein Schreiben 1992 weiter.

Goepper: Haben Sie inzwischen die materiellen Schwierigkeiten, die nach der Wende entstanden sind, bewältigt?

Pietraß: Das kann ich nicht sagen. Dass ich wieder einen Verlag habe, der meine Gedichte druckt, würde ich nicht ,materielle Sicherheit‘ nennen, sondern einfach, dass ich wieder eine verlegerische Heimat habe. Deswegen besteht noch keine gute finanzielle Situation. Betrüge das Honorar für einen Gedichtband 1.000 Euro, wäre dies gerade das Anderthalbfache einer einzigen Monatsmiete, in Teilbeträgen kleckernd ausbezahlt. Mehr gibts nicht, obwohl es mit Gedichten für die nächsten fünf Jahre vorbei ist und ich Bücher zum Rabattpreis kaufe, um sie zu verschenken oder bei Lesungen anzubieten. Gedichtbände sind für den Autor keine nennenswerte Lebenshilfe. Sicher gibt es ein paar Lesungen, aber viel weniger als für Prosaautoren: ein Zehntel. Ich kenne Autoren, die gute Gedichte schrieben, aber kaum wahrgenommen wurden. Auf einmal kommt ein Roman von ihnen, und alle sind des Lobes voll. Auf einmal gibt es Lesereisen. Üblicherweise hat ein Dichter eine Lesung, dann wieder Wochen und Monate nichts. Ein Prosaautor hat öfter eine Lesereise von vierzehn Tagen, wo er zwei Wochen lang jeden oder jeden zweiten Tag liest und in dieser Zeit entsprechend verdient. Davon kann er eine Zeit leben. Das kann ein Dichter nie. Die materielle Situation bleibt, wenn man keinen bürgerlichen Beruf hat, zumeist schwierig. Man muss sehen, wie man die Existenz zusammenbringt: durch Bescheidenheit, Bewerbung um ein Stipendium, das Glück, einen Literaturpreis zu bekommen oder einen großzügigen Partner zu haben. Darauf sind Dichter angewiesen. Ich bin dazu bereit, weil die Poesie mein Leben ist. Ich werde jetzt nicht, nur um besser zu leben, einen Roman versuchen. Aus Prinzip und Instinkt nicht. Ich bin lieber ein guter Dichter als ein mäßiger Prosaautor. Natürlich gibt es Pseudoromane, die trotzdem gekauft werden. Ich will nichts pfuschen.

Goepper: 1994 erwähnten Sie im Zusammenhang mit der Wende den Verlust des Feinds. Wer genau war dieser Feind?

Pietraß: In DDR-Zeiten wusste ich: Das sind die, welche die Macht haben und sie missbrauchen. Unter dem Deckmantel, Kommunisten zu sein und die gerechte Gesellschaft zu errichten, haben sie ihre eigenen materiellen Interessen verfolgt. Sie waren korrupt, verlogen und undemokratisch. Sie haben das Volk verachtet, sich Privilegien verschafft und geglaubt, sie könnten es im Status eines Arbeitslagers halten. Da war so viel Negatives, dass ich sie nur verachten konnte. Mich erfüllte nicht Stumpfheit, sondern an Hass grenzende Verachtung. Die Resignation trat erst später ein, das Emanzipative aber war immer noch am Werk, als Teil der Befreiung und Selbstbefreiung, wenigstens im geistigen Raum. Indem man sich emanzipiert und Tabus angeht, indem wir versuchen, sie zu unterlaufen oder zu überwinden, indem wir Missstände benennen und den Finger wenigstens auf einige der wunden Punkte legen.

Goepper: Empfinden Sie das Verschwinden dieses Feinds im Nachhinein als Verlust oder eher als Befreiung?

Pietraß: Es ist beides, Verlust, aber noch mehr Erleichterung. Ich will nicht ein Leben lang kämpfen. Jetzt sollen die Jungen auf die Barrikade gehen. Ältere erinnern sich ihrer Kämpfe und werden beschaulicher und platonischer, kontemplativer, philosophischer. Ich bin dankbar, dass ich mich in meinen späteren Jahren mehr der Schönheit zuwenden kann und nicht nur ihrer Verwundetheit, obwohl die verwundete Natur mich nicht loslässt und weiter bedrückt. Sie beschäftigt mich heute tiefer als Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, die Vollkommenheit oder Unvollkommenheit eines Staates. Dazu trägt bei, dass es jetzt einen Journalismus gibt, der diesen Namen verdient. In der DDR hatten wir keinen unverkrüppelten Journalismus, sondern fast nur Staatsjournalismus als Sprachrohr. Jetzt gibt es emanzipative Beiträge, Sendungen, in denen Misswirtschaft und Korruption aufgedeckt werden. Darin ist der investigative Journalismus der Literatur überlegen. Er ist aktuell und mitunter Institution. Literatur kann dies mühsam integrieren und auch Ort der Wahrheit sein. Das war ein Teil ihres Werts.

Goepper: Um zu schreiben, braucht man aber Spannung. Wo finden Sie heute diese Spannung? In der Natur?

Pietraß: Ja, und in der Liebe. Schauen Sie in meine Kippfigur21. Das ist eine Auswahl meiner schönsten Gedichte von den 70er Jahren bis heute.

Goepper: Damit befinden wir uns wirklich in der Privatsphäre. Heißt es, dass Sie heute kein Tabu mehr brechen wollen?

Pietraß: Diese Sphäre ist genauso wichtig und kostbar wie jede andere. Es braucht immer Mut, das Private öffentlich zu machen. So was ersehnt sich der Leser, weil er es mit zu vielen Menschen zu tun hat, die gern viel sehen, aber sich nicht zeigen. Diese Haltung, durch die Gardine zu schauen, verachte ich. Ich muss auch bereit sein, mich zu zeigen. Das danken mir die Leser. lch mache mich zwar verletzlich, aber ich gewinne auch Freunde, die mich behüten.

Goepper: Mit solchen Gedichten kann man auch jedermann erreichen – egal ob in West oder Ost. Ist dieser Aspekt auch wichtig?

Pietraß: Das Intime ist auch das Allgemeine. Adam und Eva sind heute nicht anders als im Paradies. Lese ich die Ars amatoria von Ovid, erkenne ich die Alten und finde mich in ihnen. Diese Konstanz der Menschheit ist schön.

Goepper: Sie haben gerade Lesungen erwähnt. Stellen Sie immer noch einen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschen fest – bei den Diskussionen oder bei den Reaktionen?

Pietraß: Natürlich. Die Menschen fragen aus ihrer Biografie heraus, nicht nur aus ihrem historischen Moment. Wenn ich vor Ostdeutschen lese, habe ich, wenn sie meiner Generation angehören, sechzig Jahre lang ähnliche Erfahrungen gemacht: vierzig Jahre in der DDR, zwanzig Jahre im wiedervereinigten Deutschland. Das ist die erste Gemeinsamkeit. Man versteht sich leichter; weiß, was man erlebt haben kann. wenn ich zu Westdeutschen komme, bin ich natürlich ein Mensch wie sie auch, andererseits aber bin ich einer aus dem Osten: ein bisschen exotisch, anders. Gleichzeitig heißt es, weil sie gezielt kommen, um einen Stellvertretermenschen aus dem anderen Teil Deutschlands zu treffen, dass ich mit ihnen auf derselben Frequenz senden und empfangen kann… Weil sie aufgeschlossen kommen. Die Nichtaufgeschlossenen bleiben weg. Sie denken:

Das ist einer aus dem Osten, was wird der mir schon sagen können?

Ich denke, Autoren können Botschafter ihrer Region, ihrer Generation, ihrer Erfahrung sein. Sie können Stellvertreter-Ich sein, das Exemplarisches erlebt hat und aus dem man ein bisschen auf andere in ähnlicher Zeit, ähnlichem Raum, ähnlichem Alter schließen kann. Orientierungsfigur zu sein, an die man sich halten kann, sich zurechtzufinden, ist ein Teil meiner literarischen Rolle. Für sie bin ich gern da.

Goepper: Wenn ich Sie richtig verstehe, fühlen Sie sich immer noch als Ostdeutscher?

Pietraß: Ich bin noch Ostdeutscher. Ich habe mal gesagt: Wenn ich achtzig Jahre alt werde, könnte meine Biografie ausgewogen sein: vierzig Jahre planwirtschaftliche Demokratur und vierzig Jahre Marktwirtschaft. Noch bin ich aber ein Ostdeutscher, weil ich vierzig Jahre ostdeutsche Erfahrung habe und erst zwanzig gesamt-, sprich: westdeutsche. Andererseits sind die letzten zwanzig Jahre wie nichts verflogen. So wird aufgestockt. Immerhin bin ich dankbar, dass ich diese beiden Erfahrungen machen kann. Sie sind ein Teil meines Reichtums. Ich bin materiell schlechter gestellt als der Durchschnittswestdeutsche – sogar als der Durchschnittsostdeutsche –, aber ich habe dem Westdeutschen die Erfahrung zweier Systeme voraus. Ich kann durch meine zwei Kuhhäute und meine Doppeloptik die Bedingungen des vergangenen Systems schärfer sehen. Ich kann besser erkennen, was etwas wert und was nichts, was weder eine Aufwertung noch eine Entwertung der zurückliegenden Erfahrung ist. Wie soll ich das Übliche, das Tagtägliche scharf sehen? Das Selbstverständliche ist immer schwer zu hinterfragen. Aber verglichen mit meinen Erfahrungen: dem jung beim DDR-Militär-Gewesensein, meinem Studium, kann ich das, was jetzt auf mich zukommt, sicherer bewerten. Sehen, was mir wohl oder weh tut, vergleichen. Das ist ein großer Schatz. Wir sind den Westdeutschen in der Erfahrung des Scheiterns voraus. Wissen, wie wir am am Boden lagen und wieder aufstanden, die Wunden leckten und die Narben strichen, dass sie weniger schmerzen.

Goepper: Was lernt man besonders dabei?

Pietraß: Skepsis, Gelassenheit. Wer einen Systemwechsel überstanden hat, wovor soll der sich fürchten? Man lernt die Ruhe. Und das Herunterspielen. Vielleicht wird man sogar gerechter, gegenüber sich selbst und den anderen. Das ist für mich ein Gewinn. Ich habe auch mein Studium so gewählt – Klinische Psychologie –, um schon in jungen Jahren einigermaßen über ,den Menschen‘ Bescheid zu wissen. Der Laie sammelt Jahrzehnte Mosaiksteine für sein Menschenbild. Der Student rafft es in wenigen Jahren. Ich habe das als eine große Verlockung empfunden. Dass ich gelernt habe, wissenschaftlich, aber auch ganzheitlich zu denken, halte ich für einen Gewinn. Ich bin vermutlich gar kein großer Menschenkenner, aber doch einer, der mehr weiß als der Alltagsmensch in der Regel. Sind Sie jetzt eine typische Französin? Bin ich ein typischer Deutscher? Der größte Wert, liegt, glaube ich, in unserer Verschiedenheit, im Reichtum der Charaktere, der Naturelle, der Schreibarten und Dichtungsweisen.

Goepper: Wichtig bei der Fragestellung über Ost- und Westunterschiede ist natürlich auch die Sprache. Klingt sie ebenfalls immer noch anders?

Pietraß: Auf jeden Fall! Wenn sich zwei am Nachbartisch unterhalten, kann ich ziemlich schnell sagen, ob das Ostdeutsche sind oder nicht. Westdeutsche uni erhalten sich anders als Ostdeutsche, sie haben eine andere Denk- und Redeweise. Dieses Wolkige, das mich manchmal nervt, diese Art und Weise ein bisschen umständlich, ein bisschen zu theoretisch drüber weg zu reden, scheint mir ganz typisch. Es ist mehr wie ein Schweifen, das gern in der Metaebene landet. Ich mag Meta nicht. Ich möchte Antäus sein, der mit beiden Füßen auf dem Boden bleibt und es nicht in den Wolken treibt. Wissenschaftler müssen abstrahieren, um Erkenntnisse zu gewinnen, aber meine Sprache will Originalsprache und sinnliche Erfahrung sein. Ich versuche, in meinem Alltag ohne Fremdwörter auszukommen. Oft höre ich:

Ich bin in etwas ,involviert‘.

Das macht mir Gänsehaut. Ich kann doch sagen:

Ich bin in eine Sache verwickelt.

Muss ich hervorkehren, dass ich Latein hatte und eine Intelligenzbestie bin? Ich habe Wissenschaft studiert, benutze aber ihren Jargon nicht. Sage auch nicht: „Ich habe unklare Emotionen.“ „Gefühle“ sind spürbarer. Nebelzangen und Knebelstangen, wie ich euch hasse…

Goepper: Aus welchem Grund verteidigen Sie die deutsche Sprache?

Pietraß: Aus Liebe. Nicht im Sinne eines Fremdenhasses. Mit mangelndem Stilgefühl werden Sprachebenen zu einem Jargon vermengt. Manche betreiben damit Selbstdarstellung, aber ihnen fehlt das Gefühl für das Organische der Sprache. Sprache ist ein pulsierender Leib, wenn sie in ein Abstraktum verwandelt wird, stirbt sie an Auszehrung. Es gibt den Hasen, der zappelt und hoppelt, und es gibt den geschossenen Hasen. So sind Fremdwörter für mich Leichen. Sprache mit Leichen zu vergiften, Organisches mit Anorganischem zusammenzuflicken, ist leichtfertig. Das fällt mir bei Studenten auf die dazu neigen, zu intellektualisieren. Sie bilden sich in der Sphäre der Wissenschaftlichkeit, aber darunter sollte ihre Umgangssprache nicht leiden. Es reicht doch, wenn sie wissenschaftlich schreiben. „Diskurs“ hasse ich ebenfalls. Ich reagiere allergisch. Natürlich spielt auch die Ansteckung mit Anglizismen und Amerikanismen eine Rolle.

Goepper: Ich würde dennoch die Ansicht vertreten, dass sich in den letzten Jahren die deutsche Sprache wieder behauptet hat. Ich denke z.B. an die zahlreichen Musikbands, die inzwischen wieder auf Deutsch singen.

Pietraß: Das ist auch so eine Geschichte. Lange sangen von zwanzig Bands mindestens neunzehn englisch. In Frankreich wäre so was undenkbar! Das Deutsche schien es nur noch im Schlager zu geben. Das Chanson hatte schon immer schwächere Karten. Leute wie Barbara Thalheim oder Hans-Eckardt Wenzel haben ihr Denken und Fühlen in deutschen Liedern zur Sprache gebracht. Die Anderen glauben, sie müssten englisch daherkommen, um zeitgemäß zu sein. Fürchteten, man könne sie mit einem Schlagerfuzzi verwechseln. Sie haben eine fast neurotische Angst vor der eigenen Sprache. Angst, sie könnten durchfallen. Wir können einen englischen Text nicht bewerten: Ist er leicht oder seicht? Im Deutschen merken wir’s schnell. Es hat mich genervt und verstört, wie die jungen Leute im Fernsehen auftreten. Dass es so wenig Selbstbewusstsein und Beisichbleiben gibt. Es geht nicht mal ums Bekennen, sondern dass man seiner eigenen Sprache nicht traut. Sie wissen nicht, wer sie sind, schlüpfen in jeden fremden Dottersack und denken, da sei ihr Stammelplatz.

Goepper: Hängt ein solches Verhalten nicht eher mit Jugend zusammen als mit Deutschland?

Pietraß: Mit Jugend, aber auch stark mit Deutschland. Die Deutschen haben in der Musik ihre eigene Sprache verraten oder verloren. Überdauert hat nur das Volkslied, das jetzt für alte Leute ist. Sicher hat Jugend Sehnsucht nach dem Anderen. Will raus aus dem Alltag, aus der Entmündigung. Das ist wie Flucht, Aufbruch, Träumen ins Weite. Aber es macht mich traurig, wie sie mit ihrer Sprache sich selbst verlieren.

Pietraß: Bleiben wir beim Thema Sprache. Würden Sie sagen, dass Sie Ihre lyrische Sprache immer noch als Gegensprache auffassen, zum Beispiel als alternative Sprache zur Mediensprache?

Pietraß: Ich schreibe keine Aufsätze, keine Pamphlete oder Lehrgedichte. Ich gebe einfach das Gegenbeispiel, indem ich darauf achte, dass ich mich nicht verderben, vergiften, anstecken lasse, dass ich nicht gedankenlos dieser Tendenz, diesem Hang nachgebe. Sehen Sie, „Hang“ ist schöner, denn es ist ein sinnliches Wort. Bei „Tendenz“ spüre ich nichts. Ich hatte Latein, lernte Englisch und ein bisschen Französisch, sodass ich die schönen Fremden schon spüre, aber „Hang“ spüre ich stärker. Ihm nachgeben, einer Neigung oder einer Versuchung erliegen, das gefällt mir besser, weil ich es auf der Zunge schmecke und in den Eingeweiden spüre.

Goepper: Sie erfinden auch Wörter. Ich denke z.B. an den Titel des Buches Meine Nackademie. Können Sie diesen Begriff genauer erläutern?

Pietraß: „Nackademie“ ist eine Akademie, deren Mitglieder nackt sind. Dieses Wort machte mir Freude, denn mit ihm ist sofort gute Stimmung da. Meine Nackademie22 ist eigentlich eine Spottgeburt. Die Berlin-Brandenburgische Akademie schickte sich an, ihr 300-jähriges Bestehen zu feiern. 300 Jahre Akademie der Künste! Sie druckte sich ein goldbronziertes Festprogramm mit zahlreichen Veranstaltungen, in denen sie sich selbst feierte… Nun gibt es diejenigen, die drin sind und die, die nicht drin sind. Durch so viel Gewese wurden alle daran erinnert. Im Deutschen sagt man:

Wenn dem Fuchs die Trauben zu hoch hängen, schilt er sie sauer!

MEINE NACKADEMIE

Zwischen Nachtigall und Haubenlerche Rosenbettler und Müllkutscher
Tagt meine Akademie
Einberufen sooft mir der Kamm schwillt und mich die Tinte
Nicht mehr hält. Meine Füchsin läßt ihre schön geäderten Trauben hüpfen
Und ich springe doch immer zu kurz und schelte sie sauer
Eingetragen ins Register ihrer Arme und Beine
Bin ich ihr Mitglied solange ich und sei es mit Hilfe
Einen Finger zu rühren vermag
Aufgenommen wurde ich zitternackt und ich brauchte
Keinen Bauch veröffentlicht zu haben noch morschen Bürgen
Oder anderen Nachweis öffentlichen Nabels
Ich obliege allein dem Ratschluß ihrer madenlosen Glieder

Entspannt ruhen wir in unserm sich ständig erneuernden Gebäude
Mit seiner Front ganz aus gläserner Luft
Während wir der Liebe erliegen
Fiedelt zu unseren Füßen die Klasse der Grillen auf ihren filigranen Flügeln
Und die Ameisen errichten emsig ihre erstaunliche Architektur
Derweil die Akazien blühend voller Kunst-Honig stehen
Daß man ihn aus der Luft saugen könnte der durchsüßten
Wären wir auch ohne Friktionszwang nicht schon ermüdet
Nach so lieblicher Legislatur

Der Gedanke als Mittel der Distanzierung: Die sind ja schon morsch und überaltert. Wir gründen eine neue Akademie, mit zwei Mitgliedern, nackt, und beginnen von vorn. Aus solchen Situationen entstehen Gedichte, aus einer Spannung: positiven oder negativen.

Goepper: In Schattenwirtschaft habe ich viel Selbstironie und Selbstdistanzierung gefunden. Ich habe das Gefühl, diese Entwicklung kam erst nach 1989 bei Ihnen, denn in Notausgang ist es mir nicht besonders aufgefallen.

Pietraß: Damit hatte ich zu kämpfen. Ich spürte einen hohen Druck. Mir fehlte oft der Mut, aber vor allem der Übermut. Ironie ist eine Art Übermut, ein Drüberstehen. Sie finden sie durchaus auch früh, schon im Poesiealbum. Sie ist mir über die Jahre zugewachsen. Ich zeige Ihnen ein Gedicht, das wichtig ist. Es heißt „Halbzeit“23. Das Gedicht habe ich 2000 auf Einladung nach Trient/Trento zu einer Germanisten-Tagung geschrieben:

Die Wende in der deutschen Literatur

Als ich den Hörer aufgelegt hatte, stellte ich erschrocken fest:

Du hast ja fast nichts über die Wende!

So habe ich aus dieser Verlegenheit, dieser Angst, mich zu blamieren, die Flucht nach vorn angetreten.

HALBZEIT

Da bin ich mit allen Wassern gewaschen
Kommunarde ohne Kommune, Revoluzzer ohne Reich:
Die Hände in den Hamstertaschen.
Regen spült mir die Saumseele weich
.

Sonne wärmt mir dem Nackenschlagbuckel.
Ich fahre hin im Trabitrab.
Noch laß ich nicht vom Honignuckel
Spar ich auf kein Reihengrab.

Verglichen mit meinen rheinischen Brüdern
Hab ich mehr Schwärze unterm Nagel
Und Staub auf holzgedruckten Büchern.
Mein Adelspatent ein Ochsenzagel.

Auch habe ich keine lippische Braut
Obwohl mirs in den Fingern juckte.
Doch sind sie so verkistet gebaut
Daß ich mich Rolle rückwärts verdruckste.

Ich bin das Volk und fahr seinen Wagen.
Den hat schon Vater dem Führer bezahlt.
Die Probefahrt ging in den Schützengraben.
So hat er nie auf dem Dorfplatz geprahlt.

Ich sitze in Frieden, ein Ladenhüter
Und meine Canossaaktien fallen
In den Bilanzenkeller. Die Pokergemüter
Haben längst andres in Onlinekrallen.

Meine Verfallszeit ist noch nicht ran.
Bäuchlings gelingt mir das Expandieren.
Was ist mit Suppe und Selters getan
Gegen Grappa und Grand mit Bieren?

Der Westen will gefressen sein
Schrieb ein entwichener Schachfreund.
Wir Lemminge folgten hinterdrein.
Da wars nicht halb so gemeint.

Da bin ich mit allen Himmeln gewaschen.
Landregen spült mir den Schalkschädel weich.
Die Löcher wachsen in den Taschen.
Ich singe, also bin ich reich.

Descartes „Cogito ergo sum“ wird oft abgewandelt. Das ist mein wichtigstes Wende-Gedicht. Das erste ist in Schattenwirtschaft enthalten. Sein Titel lautet „Randlage“. Da stehen die beiden ersten Gedichte, die ich nach 1989 geschrieben habe. In Schattenwirtschaft wird die Landschaft ein Ort der Liebe und der Trauer. Nach der Wende wurde sehr viel Landschaft für Gewerbegebiete vergeudet. In den Städten war nicht klar, was gehört wem. So drängten die Investoren an den Rand der Städte, und die Bauern verkauften ihre Felder, kriegten eine Million und waren ihr Land los. Zersiedlungen wuchsen, öde Gewerbegebiete überall. Das machte mich traurig. Ich wusste sonst, wo die Stadt endet, wo Berlin endet und die Felder begannen. Auf einmal waren da, wo früher die Felder begannen, keine Furchen mehr, sondern gesichtslose Architektur. Sie kennen diese fensterlosen Supermarkthallen. Solch Zeug wuchs wie die Pest in ganz Ostdeutschland. Die Trauer des Ausverkaufs ist diesen Gedichten gemeinsam. Es ist meine Teilnahme am Schicksal der Landschaft, die Freude an ihrer Schönheit und der Schmerz über ihre Bedrängnis, ihr Bedrohtsein. Großstädter leiden einen Mangel an Natur. Ich stamme aus der Kleinstadt und fühle mich von Stein umzingelt. Da gibt es Fluchttage, an denen ich mich ins Auto setze und einen ganzen Tag im Wald verbringe. Das ist ein anderer Raum, der auch leidet. Dass die Natur uns Menschen zum Opfer fällt, ist mein größter Schmerz. Wenn die Menschheit zugrunde geht, muss es nicht durch Waffen sein. Es reicht, dass die Erde kippt, fruchtbare Landschaften Wüsten werden.

Goepper: War diese Beschäftigung mit der Natur in Ihrem Werk immer präsent?

Pietraß: Anfangs kaum. Sie kam erst richtig in den 80er Jahren mit Spielball 24. Erst mit mitte dreißig habe ich nicht nur die Bedrohtheit der Natur begriffen. Wenn die Luft nicht mehr atembar ist, das Wasser nicht mehr trinkbar, wenn der Boden nichts mehr trägt, sind wir am Ende. „Nach uns die Sintflut!“ Diese fehlende Bereitschaft, unsre Erde in einem möglichst guten Zustand zu erhalten, ist meine größte Trauer. Ich wünsche mir, der Umweltkommissar der UNO wäre der mächtigste Mann der Welt. Er sollte mächtiger sein als der amerikanische Präsident, päpstlicher als der Papst. Er müsste jede großflächige Abholzung, jeden Megaraubbau verbieten können. Aber es gibt zu viele Profiteure, denen es egal ist, ob in hundert Jahren alles vorbei ist. Sie sind meine Feinde. Da würgen mich derselbe Hass, derselbe ohnmächtige Zorn, wie sie mir in der Wutschachtel DDR aufstiegen.

Goepper: Werden Sie diese neuen Feinde in Ihren späteren Gedichten bekämpfen?

Pietraß: Was weiß ich? Nicht mit verzerrtem Gesicht, mit Schaum vorm Mund. Das ist nicht meine Art. Es empört mich, dass ich auf die Straße gehen muss, um gehört zu werden. Dass ich mich zusammenrotten, verklumpen muss. Ich bin nicht gemacht für Demonstrationen. Das liegt noch daran, dass wir in der DDR staatstragend demonstrieren mussten. Als Schriftsteller versuche ich, mich mit meinem Wort einzubringen. Sehen Sie mein Buch Totentänze25. Es ist mein Abschied von der Natur.

Goepper: Ich entdecke ein Fledermaus-Gedicht. In Notausgang war schon eines.

Pietraß: Es gibt drei. Der Totentanz hat in Deutschland eine große Tradition. Der unzeitige Tod kommt und überrascht die Menschen: den Apotheker, der gerade Gift mischt, ein Heilmittel zu finden, den Bauern, der seinen Acker pflügt, den Wucherer, der seine Zinsen zählt. Nimmt sie beim Kragen. Ich wurde eingeladen, einen heutigen Totentanz zu schreiben. Sechs Autoren, jeder sieben Gedichte. Da habe ich einen „Totentanz der Tiere“ versucht, an dessen Beginn die Fledermaus erscheint:

FLEDERMAUS

Maus mit Drachenhäuterflügeln
Flughund mit Insektenbiß.
Wie willst du mich Saurier zügeln
Der die Erde neu vermißt.

Nistende im Herz des Dunkels
Jäger in der Engel Gruft.
Ist die Welt so aus der Fuge
Daß du nach dem Anfang rufst?

Laß ich dir nicht die Turmdachritze
Die du samt Schlummerbalken brauchst
Wirst Radar du toten Witzes.
Die Luft ein Spiegel, unbehaucht.

Oder der Mistkäfer, der seine Eier in Äpfel legt:

MISTKÄFER

In einer Reitwegkuhle
Rollst du das Elend der Welt.
Philosoph nomadischer Schule
Räumst die Spur, nicht das Feld.

Sisyphos des Mistbeets
Wälzt im Apfel das Ei.
Solang noch ein Pferd im Stall steht
Besteht deine Dynastei.

Lackgepanzerter Ritter
Von der Bauerngestalt
Kreuz ich deine Zirkelschritte
Rädert dich Asphalt.

Goepper: Warum haben Sie sich in diesem Zyklus für Tiere entschieden?

Pietraß: Weil ich von dem homozentrischen Weltbild, das den Menschen zur Norm macht und nicht auf die Mitgeschöpfe achtet, wegwollte. Nicht nur wir sind bedroht. Auch andere haben ihre Bedrängnis und ihren vorzeitigen Tod. Wir befinden uns in der Rolle des Terminators, des Schicksals, des Todes, der entscheidet, wer leben darf. Wir vernichten ihre Lebensräume, töten, essen, knallen sie ab.

Goepper: Sie haben sich für Tiere entschieden, gleichgültig, ob man sich vor ihnen fürchtet oder nicht.

Pietraß: Jedes Tier wurde wegen seiner Schönheit gewählt. Ich hatte freie Wahl. Ich nahm die Tiere, die mich faszinieren und zu denen ich eine Vision hatte. Beim Geparden wusste ich: Er ist das schnellste Landtier, hat aber einen ziemlich kleinen Kopf. Er hat Krallen und kann sie nicht einziehen. Er jagt Gazellen, aber nicht mich:

GEPARD

Da schnellst du hin, ein Pfeil aus Sonnenflecken
Schattenfänger mit dem Zug ins Blut.
Dein Schweif schleift die Savannenhecken
Bodenadler, jagend in der Mittagsglut.

Kein Balg streift rascher diese Erde
Dank deines Muskelturbos, Brennstoff: Licht.
Pflückst deine Opfer aus der Grazienherde
Wie die Gazelle ihr Vergißmeinnicht.

Trophäentanz macht Hamsterherz verwegen.
Der Fahnenspruch: genug ist nicht genug.
Ich werd dich, Steppengott, auf meine Art anbeten.
Kühl sucht eine Kugel dich im Flug.

Das war die Freude beim Schreiben: die Gedichte sind gleichlang auf zwölf Zeilen angelegt. Sie zeigen Wesen und Schönheit, und am Schluss trete ich zu nahe. Ich tue das als Vertretermensch. Ich sage nicht: „Die anderen machen das“, sondern ich Mensch.
Schließlich der Blauwal. Um seine ausweglose Bedrohtheit zu steigern, gibt es nur zwei Endungen. Das Verhältnis ist antagonistisch, bipolar. Es gibt nur ihn und mich:

BLAUWAL

Atemnot trieb dich vom Land ins Meer.
Trotzdem bist du kein Fisch geworden.
Echolot lenkt mich dir hinterher
In der Blutspur deiner sanften Horden.

Du findest Zuflucht nicht am Grund, in Fjorden.
Ich Mücke will des Elefanten Schmer
Und harpuniere dich im Süden wie im Norden
Herdentier, verfolgt von einem Heer.

Abendrot kehrt gegen mich den Speer.
In dir beginne ich mich selbst zu morden.
Ich Tropfen trink die Ozeane leer
Und fahre hin, im Schuppenpanzer meiner Orden.

Goepper: Glauben Sie immer noch an das geschriebene Wort?

Pietraß: Ich vertraue seiner Kraft. Lese fast nur Gedichte. Bei den Franzosen liebe ich Apollinaire, Baudelaire, René Char… Meine liebste Generation ist die Generation, die vor 120 Jahren geboren wurde: die der Expressionisten und Surrealisten. Diese Generation, die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts geboren wurde und im 20. Jahrhundert gelebt und gezaubert hat. Sie ist für mich die stärkste Generation. Zu ihr gehören Lorca, Neruda, Vallejo, Mandelstam, die Achmatowa und die Zwetajewa…

Goepper: Lesen Sie auch Zeitgenossen?

Pietraß: Neulich war die 100. Veranstaltung meiner Reihe Dichterleben. Ich wünschte mir, dass Volker Braun kommt. Er ist mir wichtig, weil er es schafft, besser als ich zeitbegleitend politisch wach und sensibel zu sein. In dem Maße, wie er es tut, kann und will ich es gar nicht. Aber ich habe bewundernden Respekt und bin dankbar für das, was er leistet.

Goepper: Schreiben Sie für die Posterität?

Pietraß: Das weiß ich nicht. Für mich ist das schon etwas, was meinem schwer als ganz und gar sinnvoll zu begreifenden Leben ein Stückchen Sinn gibt: dass ich für mehr Menschen da sein kann als mich selbst. Bereits zu Lebzeiten schreibe ich über mich hinaus. Meine Leser sind meine Familie. Die meisten Menschen, die ich kenne, sind für ihre Familie da, der sie beistehen und von der sie ihrerseits geliebt und getragen werden. Meine Familie ist die Leserschaft meiner Bücher. Das sind nicht fünf vielleicht 500 Menschen. Das gibt mir meinen Lebenssinn. Wenn mich Exemplare in Bibliotheken, Archiven oder Haushalten überleben, wird mir das zum Trost, dass ich nicht gleich ganz verschwinde. Ich weiß, dass 90 Prozent der Autoren schnell vergessen werden. Aber Hoffnung braucht nicht viel. Das ist das Element meines Daseinssinns, etwas zu hinterlassen, das lesenswert ist. Familie und Kinder sind wichtig. Da meine Frau schon 1993 gestorben ist und meine Liebste in Paris lebt, bin ich viel allein. Ich kann mir aber nicht vorstellen, woanders als hier, wenigstens aber in Deutschland zu leben.

Goepper: Wir haben vorhin die Landschaften erwähnt. Das Berliner Stadtbild hat sich in den letzten Jahren auch sehr verändert. Fühlen Sie sich wohl in dem neuen Berlin?

Pietraß: Der Osten Berlins hat sehr gewonnen – um den Preis großer Mietsteigerungen – weil der blatternarbige Verfall abgewendet ist und die Häuser wieder ein Gesicht haben. Es gibt duftende Cafés, verlockende Restaurants. Berlin ist entspannt, ist freundlicher geworden. Ostberlin war eine verbissene Stadt. Die DDR war mehr Diktatur als Demokratie. Es gab viele Ordnungshüter und die Allgegenwart des Militärs. Das ist vorbei. Berlin ist jetzt eine Baustelle. Das war die ersten zehn Jahre belastend, weil überall Baustellen waren. Es wurde nur gebaut. Daher wollten die Berliner nicht auch noch Olympische Spiele. Die Wende reichte ihnen. Sie hatten kein Verlangen nach noch mehr Rummel und Turbulenzen.

Goepper: Der Titel des Gesamtprojekts lautet Lyrik nach der Wende. Im letzten November stellte ich allerdings fest, dass die Autoren, die ich getroffen habe, sich gar nicht so sehr für das 20. Jubiläum des Mauerfalls interessierten. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Pietraß: Diese Feierlichkeiten waren die Enteignung der Akteure der Wende. Die Politik, samt Frau Merkel, hat sich gefeiert. Jetzt baute sogar sie sich als Wende-Ikone auf. Dieses ganze politische Theater war nur peinlich. Daran habe ich nicht teilgenommen. Ich bin kein Spalierobst. Stelle mich nicht an die Straße, wenn die jetzigen Politiker so tun, als seien sie die Aktivisten gewesen. Sie waren damals unbedeutend und im Hintergrund. Akteure der Wende waren die, welche wie im Herbst in Leipzig und in Berlin am 4. November auf die Straße gingen. Das war eine große Demonstration mit 500.000 Menschen. Das waren die Sternstunden. Die Politiker, die heute in der Regierung sind, waren nicht dabei.

Goepper: Wir haben die Unterschiede, die zwischen Ost- und Westdeutschen weiterbestehen, bereits angesprochen. Haben Sie nicht den Eindruck, dass sich inzwischen trotzdem eine Art gesamtdeutsche Identität entwickelt hat?

Pietraß: Dafür braucht es neue Generationen. Die Generationen, die Ostdeutsche waren und weiterleben, können nicht dieselbe Identität haben wie diejenigen, die Westdeutsche waren und weiter Westdeutsche sind. Für Letztere hat sich fast nichts geändert, während sich für uns fast alles geändert hat. Da kann man keine gemeinsame Identität haben. Das wird erst mit der Generation möglich, die nach der Wende geboren wurde, in die Schule ging, studiert hat und einen Beruf ausübt. Es beginnt mit denen, die nur noch das gesamt(west)deutsche System kennen. Erst sie könnten eine gesamtdeutsche Identität haben. Wir anderen sind Brückenfiguren. Was wir können, was ich leisten kann, ist, beizutragen, Brücken zu schlagen, mich auch für andere zu interessieren und andere für mich zu interessieren. Salz, aber nicht Schmalz! Mein Standort ist der Osten. Es ist mir lieber, Eigenmaß als nur die Erinnerung daran zu haben. Andrerseits bin ich gern für ein paar Wochen oder Monate an einem anderen Ort, z.B. als Stipendiat. Das habe ich schon hinter mir. Ich war im Fürstentum Liechtenstein, im Wendland und habe mich jetzt, das wäre im Münsterland, um ein Stipendium in Schöppingen beworben. lch weiß nicht, ob was draus wird, aber meinen Hut in den Ring geworfen habe ich. Weil ich das mag, mir andere deutsche ,Deutschländer‘ und ihr Gemüt zu erschließen und die dortigen Dinge durch die Brille eigener Erfahrung zu beäugen. Meine Monate in Schreyahn, einem Rundlingsdorf in der Nähe von Lüchow-Dannenberg an der Elbe, waren eine glückliche Zeit. Dort habe ich Kurzgeschorenes geschrieben. Ich habe diese Haikus im Bändchen Wendekreis26 und im bibliophilen Sternenstaub27 zusammengefasst. Augenblicklich bin ich ein Autor kurzen Atems, des Konzentrierten, Kleinen, Feinen. Auch wenn ich in meinen Gastwochen keine Pfahlwurzel geschlagen habe, bleiben Aufenthalte in anderen Regionen mein Königsweg in den Flickenteppich. Kaum weniger liebe ich die betürmte Retourkutsche zu meinem blinden preußischen Fleck.

Aus Sibylle Goepper und Cécile Millot (Hrsg.): Lyrik nach 1989 – Gewendete Lyrik?. Gespräche mit deutschen Dichtern aus der DDR. Mitteldeutscher Verlag, 2016

 

KLIMAMILCHSERUM

Klima
Stunde um Kunde der Griff nach dem Fenster
Und einen Pfiff aus der Gruft.
Spiegle ich mich, krieg ich Gespenster
tanzende, ranzende Luft.

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaRichard Pietraß

 

was bringt der wind und was bringst du ins haus?
es herrscht, heißt es, ein drückender applaus
dort überm sitzungssaal, wo niemand weiß,
wie spät es wird und ob nicht auch zu heiß…
im spiegel raunt der herr der erbgezeiten,
das lüftchen ginge lau, und angesichts sich breiten-
der wolkenfelder sei die federwolke
der eigentliche rahm, das abgas molke
der käserei ums klima. in den spiegel
gesprochen, mag das stimmen, doch entsiegelt
der quark das manna der verkaufsgespenster,
beschlägt den spiegel, klatscht ans blumenfenster,
dann zeigt sich, was in wahrheit rechts, was links haust.
das manna lediglich sekret der schildlaus!
und wer hier was verkauft, steht festgeschrieben
im währungskatalog… so gegen sieben
kommst du dann. es ist nicht spät geworden
im sitzungssal. applaus zog rasch nach norden,
wo das ozonloch lockt. du bringst zu essen,
zu trinken mit. und fragst du dann noch, wessen
der klimakäse sei, der in der küche
herumfliegt, laß dir sagen: die gerüche
sind frei. du kannst sie sicher schnell erraten,
doch sind sie wind. das deine ist: das braten.

Kathrin Schmidt

 

Richard Pietraß Lesung und Gespräch mit Sebastian Kleinschmidt am 27.3.2018 im Haus für Poesie

Richard Pietraß zum 70. Geburtstag:

Jan Wagner: Lob des Spreewals
Der Tagesspiegel, 11.6.2016

Stefan Sprenger: Dass der Mensch der Stil sein möge
Sprache im technischen Zeitalter, Heft 218, Juni 2016

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG 1 & 2
Porträtgalerie:  Galerie Foto Gezett
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Das Pietraß _______ Aus einem Bestiarium Literaricum, aufgefunden im Archiv des Museo Rhinum; übersetzt von Peter Böthig

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.