Richard Pietraß: Zu Paul Flemings Gedicht „An Deutschland.“

Im Kern

Im Kern

– Zu Paul Flemings Gedicht „An Deutschland.“ aus dem Band Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen. –

 

 

 

 

PAUL FLEMING

An Deutschland.

Ja Mutter es ist war. Ich habe diese Zeit /
die Jugend mehr als faul und übel angewendet.
Ich hab es nicht gethan / wie ich mich dir verpfändet.
So lange bin ich aus / und dencke noch so weit.
Ach Mutter zürne nicht; es ist mir mehr als leid /
der Vorwitz dieser Muth hat mich zu sehr verblendet.
Nun hab ich allzu weit von dir / Trost / abgeländet /
und kan es endern nicht / wie hoch es mir auch reut.
Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen /
muß folgen / wie / und wenn / und wo man denckt hinaus.
Ich will gleich / oder nicht. Es wird nichts anders draus.
Indessen meyne nicht / O du mein schweer Verlangen /
Ich dencke nicht auff dich / und was mir frommen bringt.
Der wohnet überall / der nach der Tugend ringt.

 

Schwaches Boot an großem Schiff

Als Paul Fleming am 9. November 1633 in Travemünde im Range eines Truchseß und Hofjunkers als Mitglied der holsteinischen Gesandtschaft des Herzogs Friedrich von Gottorp an Bord eines seetüchtigen Seglers nach Riga ging, ahnte er nicht annähernd, was ihm in den nächsten sechs Jahren bevorstand. Dank der Fürsprache seines Leipziger Professors und Förderers Adam Olearius in dieses Abenteuer der Erkundung von Handelswegen nach Persien einbezogen und so Krieg und Pest entkommen, folgten Ernüchterung und Desillusionierung bald auf dem Fuße. Hatte er blauäugig angenommen, man werde sich seiner dichterischen Gaben für die Rolle eines Reisehofpoeten bedienen, sah er sich bald vor Aufgaben gestellt, die Gemüt und Gaben überstiegen. So wurde Magister Fleming kurzerhand zum Leiter eines Vortrupps bestimmt, der unter Ausnutzung noch günstiger Witterung das schwere Gepäck der Gesandtschaft auf dem Landweg im voraus nach Nowgorod am Ilmensee befördern sollte. Sein von Kindheit an eher der Anlehnung bedürftiger denn nach Anführertum strebender Charakter litt unter diesem Ruf nach Autorität, Entschlußkraft und Wagemut. Außer der Hoffnung auf Rettung des nackten Lebens hatte er sich auf die Unwägbarkeiten dieser abenteuerlichen Reise vor allem deshalb eingelassen, weil er hoffte, sie werde seiner Dichtung förderlich sein. Daß sich diese nur eingeschränkt erfüllten, man ihn außer für Gelegenheitsgedichte zu Geburts- und Namenstagen, Hochzeiten und Sterbefällen, Begrüßungen und Verabschiedungen kaum zu suchen schien, nagte an seinem dichterischen Stolz. Spätestens, als er sich nach den Moskauer Wochen in den Revaler Wartemonaten auf die Weiterreise gen Wolga, Kaspischem Meer und Persien in eine von drei Töchtern eines ansässigen deutschen Kaufmanns verliebte, in deren Armen sein Glück zu finden er zu träumen begann, spürte er mit einmal deutlich und schmerzlich, welch Rädchen eines Getriebes er war, das sich folgerichtig weiterdrehte und ihn unfühlend mit sich fortriß. Elsabe, seine nach längerem Werben errungene Liebste, hatte wenig Verständnis für seinen Aufbruch ins Ungefähre und Ungewisse und setzte ihn unter Druck. Sein halbherziger Versuch, nach dem zweiten Moskauaufenthalt, vor der Weiterreise nach Persien noch von Bord zu gehen und nach Reval in sein baltisches Idyll zurückzukehren, wird abgeschmettert. Niedergeschlagen fügt sich der kampfunerprobte Dichter in sein Schicksal, das er, damals weniger bedeutungsschwer, ,Verhängnüß‘ nennt. Mit jedem zurückgelegten Flußstück auf Moskwa, Oka und Wolga steigert sich seine Zerrissenheit zwischen Weltneugier samt Pflichtgefühl gegenüber dem übernommenen Auftrag einerseits und dem romantischen Wunsch, ins Liebesboot umzusteigen auf der anderen. Dornen oder Daunen, Räuberpistolen oder Kußkapriolen, Passionsweg oder privates Elysium. Reue greift Platz und erfährt ihre Ohnmacht. Das Bild des schon drei Jahre nicht mehr wiedergesehenen alten Vaters, des Pastors, steigt auf und das der herzguten, die früh verlorene leibliche Mutter liebevoll ersetzenden Stiefmutter, von deren Tod er verspätet in den Weiten Rußlands erfährt.
Auch wenn das Gedicht „An Deutschland“ gerichtet ist, aus der östlichen Ferne sieht der in fernem Frieden Abwesende das zerklüftete, zerfetzte, gebrandschatzte Meißner und Leipziger Land mit der visionären Klarheit eines Gesichts, trägt das mit Mutter Angesprochene unweigerlich auch familiär menschliche Züge, die sich überlagern und verschmelzen:

Ja Mutter es ist war. Ich habe diese Zeit /
die Jugend mehr als faul und übel angewendet.
Ich hab es nicht gethan / wie ich mich dir verpfändet
So lange bin ich aus / und dencke noch so weit.

Solch Eingeständnis öffnet unser pendelwundes Herz und läßt, eigener Neugiertritte und Unterlassungen eingedenk, die Seele weiter mitschwingen:

Ach Mutter zürne nicht; es ist mir mehr als leid
Der Vorwitz dieser Muth hat mich zu sehr verblendet.
Nun hab ich allzu weit von dir / Trost / abgeländet
Und kann es endern nicht / wie hoch es mir auch reut.

Da, beim ruhigen Einsehen des schicksalhaft Unabänderlichen haben wir den ganzen Fleming, den, wenn schon nicht Stoiker, so doch Stoizisten, der die aus der Balance geratene Lebenswaage wieder zum Einstand bringt. Und er untermauert es geradezu mit einem großen Sinnbild, einem Gleichnis, gültig für sein ganzes strebendes, sich drein- und drangebendes, zu- und unterordnendes Leben:

Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen
Muß folgen / wie / und / wenn / und wo man denckt hinaus.
Ich will gleich / oder nicht. / Es wird nichts anders draus.

Soviel zum Schlepptau der Einsicht in die Unfreiheit. Fleming wäre nicht Fleming, hätte er nicht noch einen letzten Pfeil im Köcher: den der Aufhebung des Ortes. Sie läßt einen Menschen, der das Los anderer und ihr Wohl wenigstens bedenkt, sei er auch fern, immer am richtigen Platz sein. Zum Richtigem im Falschen. In Flemings gemeißelten Worten:

Indessen meyne nicht / o du mein schwer Verlangen
Ich dencke nicht auff dich / und was dir frommen bringt.
Der wohnet überall / der nach der Tugend ringt.

Der das, im Jahre 1636, als Siebenundzwanzigjähriger auf einem der mächtigen russischen Flüsse schrieb, hatte da die größten Prüfungen seines kurzen Lebens noch vor sich: den Schiffbruch auf dem Kaspischen Meer, den Verlust der nicht wartenden Geliebten an den Revaler Hauslehrer, das Usbekenscharmützel im persischen Isphahan, aus dem er sich in eine armenische Kirche rettete, den Landrückweg durch die Hunger- und Salzsteppen Dagestans und schließlich das tödliche Fieber das ihn, den frisch gebackenen Doktor der Medizin, auf dem Weg von seiner Promotion im niederländischen Leyden zu seiner in Reval fast schon ausgerichteten Hochzeit mit Anna, der jüngeren Schwester Elsabes, in Hamburg ereilt. Und das er mit einem weiteren, seinem ultimativen, Bilanzgedicht besiegt, seiner Grabschrift, drei Tage vor seinem seeligen Absterben, die ihn, er hat es zu seinem Trost gewußt, endgültig in die Liste der Unsterblichen schrieb.

Richard Pietraß, aus Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen. Die Lebensreise des Paul Fleming in seinen schönsten Gedichten. Herausgegeben von Richard Pietraß unter Mitarbeit von Peter Gosse, Projekte-Verlag Cornelius, 2009

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