Richard Wagner: Rostregen

Wagner-Rostregen

DEM LIEDERMACHER

Singst leise. Singst
leise vom Grauen der Welt.
Singst von dem, was
das Grauen zusammenhält.

Singst leise. Wir hören
den Schrei. In den
Zeitungen ists still.
Sie zählen bis drei.

Sie zählen und zielen
und halten inne. Auf uns
zählen sie, zielen sie.
Wir sitzen in der Rinne.

Wir sitzen in der Traufe. Wir
reden. Wir reden. Doch leise.
Die Augen stehn zu weit offen.
Der Staat ließ uns eine Schneise.

Sing leise. Ein Flüstern ist
um uns herum. Red mit. Red doch
mit. Sing leise. Sing für
uns dreißigjährige Greise.

 

 

„Als ich ein Kind war,

lebte meine Familie in einem Dorf im rumänischen Banat im Dreiländereck Rumänien, Jugoslawien, Ungarn“, heißt es in einem autobiographischen Text von Richard Wagner. „Wir gehörten zur deutschen Minderheit, den Banater Schwaben. Fleiß, Sauberkeit, Ordnung, Anstand. So das Selbstverständnis dieser Leute. Alles andere war Unglück und Schicksal.“
Die Herkunft aus einer europäischen Gegend, die verloren weitab zu liegen scheint, hat seine Gedichte doppelt geprägt. Fremd in der Heimat, der vertrauten Fremde – der „Kindheit schwarzes Bild“: das ist der Hintergrund, der sich immer wieder auf sich selbst zu bewegt. Im Gegenlicht aber, dieser „wirkungsvollsten Beleuchtung“, schärft sich der Blick auf das fremde Vertraute, wechseln auch die Wörter für Unglück und Schicksal die Farbe.
„Wahrlich, es herrscht kein Mangel an Wörtern. Es gibt bloß Augenblicke, in denen man von bestimmten Wörtern nicht mehr mit allzu großer Sicherheit was behaupten kann. Wir sind nicht im Besitz von Wörtern. Wir stoßen bloß auf sie. Die Situation, in der wir sie auffinden, ist ausschlaggebend für das, was wir mit ihnen anfangen können“ – und das heißt nichts anderes, als daß ein Wort erst wahr wird, wenn es einer aus den gewohnten Zusammenhängen hebt, wenn er es von der bloßen Brauchbarkeit löst, dem Zweck entfremdet und damit gegen jede verordnete Zuversicht stellt.
In Richard Wagners Gedichten stehen die Wörter an ihrem natürlichen Platz, im Ausnahmezustand also. Vielleicht kommt von daher die außerordentliche Klarheit und Durchlässigkeit seiner Gedichte: die Wörter sind vertraut und wirken doch fremd, näher am Geheimnis dessen, was Sprache ist.

Hermann Luchterhand Verlag, Klappentext, 1986

 

Heimat und Welt im Gegenlicht

Aus Rumänien, dem Geburtsland Paul Celans und Rose Ausländers, kommen die Gedichte des Banater Schwaben Richard Wagner. Er hat in Bukarest und Temeswar mehrere Gedichtbände in deutscher Sprache veröffentlicht. Der Luchterhand Verlag stellt Richard Wagner mit dem Band Rostregen dem deutschen Publikum vor.
Wagner war das Haupt einer jungen Banater Autorengruppe, überwiegend Studenten, die von der Geheimpolizei zerschlagen wurde. Die meisten dieser Autoren leben inzwischen in der Bundesrepublik. Auch Wagner, mehrere Jahre Deutschlehrer, übersiedelte jüngst. Nicht mehr – wie seine Vorfahren – bäuerlich verwurzelt, als intellektuell denkender Deutscher nicht integriert in die rumänische Nation, erfährt er Fremde, muß er „Heimat“ und Welt im Gegenlicht sehen – wie sein vorausgegangener Gedichtband hieß.
Leider wird im Band Rostregen nicht deutlich, ob wir es mit einer Gedichtauswahl oder mit Gedichten der letzten Jahre zu tun haben. Ein klärendes Nachwort wäre hilfreich gewesen.
Wagner kann noch in ländlichen Bildern sprechen. Er kennt sprachliche Reduktion und verfremdenden Zeilenbruch. Er setzt surreale Metaphern. Während der erste Teil, „Rostregen“, Kindheit, Jahrzeit und Dorfzeit, aber auch schon Fernsehzeit auf dem Land beschreibt, spricht im zweiten Teil, „Reise um den Kopf“, das Bewußtsein härter, kritischer:

Festgemacht.
Bin ich.
In meinen Gedanken.

Der Satz wird, ziemlich künstlich, in drei Verszeilen gebrochen und mit drei Satzpunkten versehen. Die Spannung zwischen Heimat und Fremde wird in dieser Kopf-Reiseüberdeutlich.
„Draußen im Land, wetterleuchten die Wörter. Die Wörter, mit denen der Mund das Hirn in die Enge treibt.“ „Wir haben Wörter, kein Zuhaus’“, steht ein paar Seiten später. „Wahrlich, es herrscht kein Mangel an Wörtern“, sagt Wagner in einem Statement.

Es gibt bloß Augenblicke, in denen man von bestimmten Wörtern nicht mehr mit allzu großer Sicherheit was behaupten kann. Wir sind nicht im Besitz von Wörtern. Wir stoßen bloß auf sie.

Die stärkste, wahrscheinlich jüngste Versgruppe, heißt „Der Ort des Baumes“. War die erste Versgruppe mehr anschauend, die zweite mehr reflektierend, so werden hier Bild und Denken, Anschauung und Reflexion auf eindrucksvolle Weise zusammengeführt: Surreale Metaphern verdichten die Verse. Aus diesem Zyklus zwei Baum-Gedichte.

Nein.
Nicht die glühende Akazie.
Der Lindentraum nicht.
Und nicht die kalte Nuß.
Auch drei gleißende Birken nicht.
Nein.
Nur der Baum.
Du lehnst an seinem Stamm.
Und dein Kopf geht so weit von dir weg.
Daß du mit einem Mal die Gedanken spüren kannst.

Aber der Baum redet.
Der Baum schreit.
Der Baum blutet.
Der Baum flüstert.
Der Baum schweigt.
Und plötzlich sieht sich der Baum an
wie einen Baum.

Paul Konrad Kurz, Bayerischer Rundfunk, 31.12.1986

Guten Tag: Gedicht

(…)

Richard Wagner
Darf man einem Lyriker wünschen, daß seine Verse aus Not entstehen? Ich weiß es nicht. Doch den Gedichten des Rumäniendeutschen Richard Wagner kommt zugute, daß ihm seine Biographie den Lebensstoff eher aufdrängt als vorenthält. Rostregen, Wagners erster Band in der Bundesrepublik, enthält nur karge Angaben: daß der Autor 1952 in Lowrin (Kreis Temesch) geboren wurde, bis 1978 Deutschlehrer war und nun in Temeswar lebt; und daß er zwischen 1973 und 1984 in Bukarest sieben Titel Lyrik und Prosa veröffentlichte. Um so mehr verraten die Gedichte selbst. Sie sprechen von den politischen Verhältnissen wie von den Bedingungen, unter denen geschrieben wird.
Am besten ist Wagner, wo er ganz allgemein oder ganz persönlich schreibt. Was so allgemein „Gegend“ genannt wird, wird zur Chiffre einer Welt:

Flach. Und darüber Eisen.
Ganz flach. Und darüber sehr viel Eisen.
Als seis ein Himmel. Ein Himmel aus Eisen.
Gegend. Und darin nichts. Als diese Schlote.
Und diese Leute. Und diese Straßen, Und diese
Autos. Und diese Häuser. Und diese Fotos.
Diese nichtssagenden, mickrigen Fotos.
Diese Familien. Diese Familienfotos.
Diese Zeitungen. Dieses Leben. Diese
Sprache. Dieser Staat.
Eisen. Flach. Ganz flach.
Darunter. Wir.

Ein primitives Bild, eine simple Struktur. Doch im Summarischen, Pauschalen setzt sich ein persönlicher Gestus durch, haßerfüllt und verzweifelt, aufbegehrend und resignativ-ambivalent, aber kraftvoll. Man spürt, hier ist keine Distanz – außer in der Form, im Gedicht. Wo Wagner mehr Abstand hat oder – aus welchen Gründen immer – die direkte Benennung scheut, kommt er zu billigen Allegorien. So in „Park am Morgen“:

Die eisernen Bänke sind leer.
Drüben, hinter nachtgrüner Wand,
die Villen. Treppen zur Macht.
In den Türen das herrschende Nichts.

Der politische Gedanke wird auf eine pseudometaphysische Pointe reduziert.
Sicher fühlt er sich im Biographisch-Konkreten, im Rückgriff auf Kindheitserinnerungen, in der Rekapitulation von Familiengeschichte und im Ausdruck der momentanen Lebens- und Schreibsituation. So gelingt ihm „Die Unterredung“ (mit einem Funktionär) oder die Schilderung einer Situation, in der der Schreibende in Depression und Angst versinkt („Es gibt Tage wie Schlamm“) und auf das Läuten der Türglocke wartet und auf die Männer in den „Wagen mit den zwei Antennen“:

Irgendwann kommen sie.
Und sie sind so höflich, daß ihre Höflichkeit nichts als Ironie ist.
Und wenn sie kommen, kennen sie die Gedichte,
die du im Freundeskreis gelesen hast.

In diesen Texten kommt Wagner ohne modernistische Tricks und Mätzchen aus, die er Brinkmann und andern abgeguckt hat, ohne funktionslose Wort- und Zeilenbrüche, ohne Zitierung von Popsongs und falschen Bedeutsamkeiten („Talkin’ ’bout my generation“). In anderen Texten, insbesondere einigen Langgedichten, wirkt die Adaption modernistischer Muster forciert. Wagners Gedicht ist nicht provinziell, es wäre es noch weniger, wenn es seine Weltläufigkeit nicht zur Schau stellen müßte. Jemand schrieb, man merke Wagners Gedichten ihre Entstehung in der kulturellen Diaspora Rumäniens nicht an und sie könnten – außer in der rumäniendeutschen Neuen Literatur – ebenso gut in den Manuskripten oder Akzenten stehen. Das war als Lob gemeint, aber es ist ein zweischneidiges Lob.
Wagner, der unzweifelhaft eine beachtliche Begabung ist, wird das Seine gegen die Allverfügbarkeit moderner Schreibweisen zu verteidigen haben. In dem Gedicht „Lesung“ spricht „Celan vom Band“, und der Schluß lautet:

In diesen Sätzen.
Bin ich.
Eingemauert.
In dieser Sprache.
Muß ich.
Reden.

Wer spricht, Celan oder Wagner? Oder Wagner wie Celan? Wer sich in Sätzen eingemauert weiß, kann sich auch befreien.

Harald Hartung, Merkur, Heft 456, Februar 1987

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Anton Sterbling: „Gegen den Ausverkauf unserer Werte“
Siebenbürgische Zeitung, 11.4.2012

Lena Bopp: Woher einer kommt und wohin
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.4.2012

Zum 65. Geburtstag des Autors:

Nicole Henneberg: Rumäniendeutsche Endmoränen
Der Tagesspiegel, 10.4.2017

Fakten und Vermutungen zum Autor + literaturport + KLG

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