Robert Desnos: Die Quellen der Nacht

Desnos/Ludwig-Die Quellen der Nacht

EPITAPH

Ich bin der Tote, der durch jene Zeiten schritt.
Vor tausend Jahren. Aufrecht und gejagt.
Das Menschliche, von Mauern war’s umragt.
Vermummte Sklaven rings – ich lebte mit.

In jenen Zeiten lebte ich – lebt ich frei.
Mein Auge sah die Erde, es sah zum Himmel auf,
Ich sah, wie alles kreiste, ich sah den Wasserlauf.
Die Blüte gab den Honig, der Vogel zog vorbei.

Mit alledem, ihr Menschen, was fingt ihr damit an?
Die Zeit, in der ich’s schwer hatt’, tragt ihr sie noch im Sinn?
Sät ihr die Saat gemeinsam und erntet jedermann?
Ist sie durch euch jetzt schöner, die Stadt, aus der ich bin?

Ihr Lebenden, ich leb nicht, ihr braucht nicht bang zu sein.
Mein Leib, er lebt nicht weiter, mein Geist nicht, nichts, was mein

Übersetzt von Paul Celan

Nachwort

„Robert Desnos, dieser eigentümliche moderne Magier, trägt in jeder Falte seines Hirns fremde Schiffe.“ Diese Worte André Bretons, des zeitweiligen Mitstreiters und späteren Gegners, des führenden Vertreters der surrealistischen Bewegung, charakterisieren Werk und Persönlichkeit des Dichterfreundes in wichtigen Punkten. Nicht nur, daß Desnos die Bilder vom Meer, von den Schiffen und Sirenen immer wieder in die Zauberformeln seiner Poesie einschloß – sein ganzes Leben war ein Aufbruch zu stets neuen Ufern. Er erhoffte sich davon exotische Abenteuer, Liebe und zunehmend Menschlichkeit. Mit einigen Gleichgesinnten die Tiefen des Unterbewußten, die Ungewißheit der Träume erprobend, schritt er der Wirklichkeit entgegen. Die ihm Enttäuschung brachte, Erfolg, Verzweiflung, Glück und zuletzt grausamen Tod. Es erscheint besonders tragisch, daß er in dem Augenblick sterben mußte, da sein Schmerzensweg durch die faschistischen Konzentrationslager beendet war.
Die Poesie war ihm nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Der Vater, von Beruf Bratkoch, hatte eine Händlerstochter geheiratet und es zu einigem Ansehen gebracht. Er erblickte im Sohn den Nachfolger und wollte ihn nach den überlieferten Normen erziehen. Arbeit, Sparsamkeit, Ordnung hießen die Begriffe, die das Leben der im übrigen republikanisch gesinnten Familie Desnos regulierten. Robert, am 4. Juli 1900 in Paris geboren, sollte dementsprechend eine höhere Schule besuchen und sich auf eine gutbürgerliche Laufbahn vorbereiten. Doch Fleiß und Disziplin waren nicht seine Sache. Mit Mühe hielt er die Schülerexistenz bis zum siebzehnten Lebensjahr durch, dann versuchte er auf eigenen Füßen zu stehen. Er wurde Gehilfe bei einem Drogisten, übersetzte Prospekte für eine pharmazeutische Firma, arbeitete als Privatsekretär. Er überwarf sich mehr oder weniger mit seiner Familie und suchte sich eine eigene Unterkunft.
Allerdings waren die frühen Jahre keineswegs ohne den Einfluß der Literatur vergangen. Victor Hugo mit den Elenden gehörte zu den bevorzugten Autoren, der Abenteuerschriftsteller Gustave Aimard, Jules Verne und mancher andere. Die Gestalten berühmter Bildgeschichten prägten sich dem Kind ein: Nick Carter, Buffalo Bill und vor allem ein unbesiegbarer Gentleman-Verbrecher namens Fantomas. Die in den dreißiger Jahren für das Radio geschriebene, gruslig-komische Ballade gleichen Titels knüpft hier an. Unterschiedlichen Ganges durchwandern Piraten und Abenteurer die Bücher des Poeten.
Andere Anregungen fürs Schreiben (ab 1916 etwa entstanden erste Verse, notierte und deutete er Träume) gaben die Dichter: Rimbaud, Baudelaire, Lautréamont, Mallarmé, Apollinaire. Die Bekanntschaft mit ihrem Werk war durch verschiedene Umstände begünstigt. Einerseits wuchs Desnos im Viertel um die Rue Saint-Martin auf, das mit seinen alten Bauten (bis hin zur Kirche Notre-Dame), mit seinem Geruch nach Mittelalter den Geist des Kindes für düstere Wunder und romantische Phantasien aufschloß, andererseits fand der junge Mann bei den Poeten jene Lebenshaltung, zu der auch er sich hingezogen fühlte. In einer Zeit, da durch den Weltkrieg die scheinbar sicheren Werte in Frage gestellt wurden, faszinierte ihn besonders der geniale Außenseiter Rimbaud. Die Spur des „Trunkenen Schiffes“ zieht sich durch sein gesamtes Schaffen.
1920 war Desnos bereits ein Dichter; er hatte unter anderem „Le Fard des Argonautes“ („Der falsche Glanz der Argonauten“) geschrieben, ein Poem, das 1930 die wichtige Sammlung Corps et biens (Mit Mann und Maus) einleitete, und „L’Ode à Coco“ („Die Ode an Coco“). Nach einem zweijährigen Militärdienst in Marokko stürzte er sich mit neuem Elan ins Leben. Er wurde mit Schriftstellern wie Breton, Aragon, Tzara bekannt und bald einer der hingebungsvollsten Verfechter des Surrealismus. Für diese Bewegung, die den zerstörerisch-wilden Dadaismus ablöste, aber seine ungebärdige Revolte gegen die Gesetze und Maßstäbe der alten Welt fortführte, schien der Dichter wie geschaffen. Der Surrealismus wollte das Individuum „aus den Zwängen der Gesellschaft“ befreien, es unter den „verstümmelnden Tabus“ hervorziehn, zu einer „neuen Deklaration der Menschenrechte“ gelangen. Das freilich keineswegs durch politische Organisation, sondern durch den Gebrauch der reinen Phantasie, die dem Realismus entgegengesetzt wurde. Breton und seine Mitstreiter strebten nach dem „Überwirklichen“, das aus dem Unterbewußtsein geholt werden sollte. Rational konnte und durfte dabei nicht vorgegangen werden, aber der Traum, durch Freuds psychologische Untersuchungen zu neuem Ansehen gelangt, schien ein großartiges Mittel. Der Träumer Desnos, der sich nach Aussagen seiner Freunde fast jederzeit in Trance versetzen und so die „tieferen Wahrheiten“ ans Licht holen konnte, stand dabei in vorderster Linie.
Die Gedichte der beginnenden zwanziger Jahre sind davon geprägt, man lese „Nachtwind“, „Eines Tages des Nachts“ oder „Isabelle und Marie“ aus der 1923 entstandenen „Langage cuit“ („Gesottene Sprache“). Ein typisches Beispiel für den Sprachautomatismus stellen auch die zuerst in der surrealistischen Zeitschrift Litterature erschienenen Sprüche über „Rrose Sélavy“ (1922/23) dar. Dieser Titel schließt das Wort Rose und die Wendung „C’est la vie“ („So ist das Leben“) ein, und er bezieht sich auf ähnliche Wortspiele des dadaistischen Malers und Poeten Marcel Duchamp.
Selbstverständlich sollten derartige Experimente keinen eindeutigen Sinn vermitteln, sondern der Imagination Raum geben. Gewissermaßen nebenbei springen aber die surrealistischen Losungen ins Auge, die da Aufruhr heißen, sexuelle Befreiung, Narrheit, Selbstmord oder „Werken am Weltenende“.
Desnos blieb ein Suchender. Er erstrebte die Verwandlung der Welt durch Poesie, ließ drastischen Humor aufblitzen oder gestand in Prosagedichten um Tod und Liebe („Deuil pour deuil“, „Trauer um Trauer“, 1924) seine Verzweiflung: „Ich stoße mich ununterbrochen an unlösbaren Problemen.“ Er bekannte sich zur allumfassenden Revolution und war an den Kämpfen und Skandalen der Surrealisten beteiligt. Sein Buch La Liberté ou l’amour (Freiheit oder Liebe, 1927) wurde wegen „sexueller Anstößigkeit“ auf Gerichtsbeschluß verstümmelt. Den Lebensunterhalt verdiente sich der Autor in diesen Jahren als Buchhalter, Sekretär einer medizinischen Buchhandlung, Journalist. Er schrieb nicht nur für La Révolution Surréaliste, sondern auch für „normale“ Zeitschriften, deren Charakter er durchaus einzuschätzen wußte: „Wird eine Zeitung etwa mit Druckerschwärze gemacht? Vielleicht – aber man schreibt sie vor allem mit Erdöl, Margarine, Glanzlack, Kohle, Baumwolle, Kautschuk … wenn nicht mit Blut.“
1925 verliebte sich Desnos in eine Kabarettsängerin, die allerdings nichts von ihm wissen wollte. Diese Leidenschaft regte ihn zu einigen seiner schönsten Gedichte an: „Ich habe so sehr von dir geträumt“, „Niemals eine andere als du“ (Les Ténèbres, Finsternisse, 1927). Erst als Yvonne Georges 1930 starb und er Youki kennenlernte, eine Frau, die seine Liebe erwiderte, tauchte er langsam aus der Verzweiflung empor. Wenn „The night of loveless nights“ („Die Nacht der lieblosen Nächte“, 1929) noch das Scheitern beschwor, die Grausamkeit der Frauen anklagte, so sprach aus „Siramour“ (1931) bereits die Hoffnung.
In diesen Jahren löste sich der Dichter vom Surrealismus, der freilich auch aus dem späteren Werk nicht wegzudenken ist, und verband seine Poesie mehr und mehr dem realen Leben. Die Zeitumstände trugen dazu bei: die heraufziehende faschistische Gefahr, die Klassenauseinandersetzungen in Frankreich; und die Tatsache, daß Desnos mehr und mehr politisch dachte. Wenn er nicht, wie seine Freunde Aragon und Eluard, direkt zur kommunistischen Bewegung stieß, so stand er doch auf der Seite des Mannes von der Straße. Des „Mannes mit rotzigem Charakter“ zwar, des „Ohne-Hals“, aber eben jenes, der geduckt wurde und rebellierte. Auch das Folkloristische hatte ihn immer interessiert, er kannte sich in der populären Musik aus, begeisterte sich nach einer Kuba-Reise (1928) für die lateinamerikanischen Rhythmen. 1936 kam die Volksfront zur Macht, Franco fiel ins republikanische Spanien ein – Desnos schrieb Gedichte wie „Die Menschen der Erde“ oder „Über sich“, die er unter dem Titel Les Portes battantes (Schlagende Türen, 1936) sammelte. In dieser Zeit arbeitete er als Redakteur beim Rundfunk; er verfaßte insgesamt an die dreitausend Werbesprüche. Er versuchte sich auch als Autor von Funksendungen und Filmszenarien. 1942 vereinigte er seine in den dreißjger Jahren entstandenen Gedichte in dem Band Fortunes (Glücksfälle). In einer Fußnote dazu erklärte er, daß er „auf der Suche nach einer poetischen Sprache“ sei, „die zugleich volkstümlich und genau ist“. „Zwischen Desnos und Majakowski liegt kein allzu breiter Graben“, schrieb später Pierre Berger, der dem Dichter eine ausführliche Biographie widmete.
Fortunes, das war noch die Vorkriegspoesie, aber sie erschien bereits in der Zeit der Okkupation. Desnos stellte sich der Herausforderung des Faschismus, er nahm an der illegalen Arbeit teil, veröffentlichte unter verschiedenen Decknamen Gedichte der Abrechnung: „Dieses Herz, das den Krieg gehaßt“, „Der Wächter vom Pont-au-Change“. Er konnte nicht wissen, daß ihm nur noch wenig Zeit zum Leben blieb, aber er nutzte sie. Neue Bände entstanden: Etat de veille (Wachzustand), 1943, Contrée (Gegend) und Le Bain avec Andromède (Das Bad mit Andromeda), beide 1944; daneben ein Roman über Drogensüchtige, Kindergedichte und weitere Filme. Im Februar 1944 wurde Robert Desnos verhaftet; ein Kurier der Widerstandsgruppe, der Desnos angehörte, war von den Nazis gefaßt worden und hatte seinen Namen preisgegeben. Zunächst in französischen Lagern interniert, blieb ihm die Deportation nicht erspart. Vor seiner bevorstehenden Festnahme war er gewarnt worden, er hätte sich verbergen können, aber er fürchtete, Youki zu gefährden. Es begann der entsetzliche Leidensweg, der ihn über Auschwitz, Buchenwald, Flossenbürg, Flöha nach Theresienstadt führte. Diese letzten Monate im Leben des Poeten waren gewiß die furchtbarsten. Am 3. Mai 1945 – die Rote Armee und tschechische Partisanen hatten Anfang April die faschistischen Henker verjagt spürten ein tschechischer Student und eine Krankenschwester inmitten der ausgemergelten, todkranken oder sterbenden Häftlinge den Dichter auf, dessen Namen sie in den Gefangenenlisten entdeckt hatten. Desnos war dem Tod nahe, aber bei Bewußtsein, ihm blieben einige Tage, in denen er seine wiedergefundene Freiheit zur Kenntnis nehmen, sich unterhalten und neue Träume erdenken konnte. Am 8. Juni fünf Uhr morgens starb er infolge der Torturen und der Unterernährung.
Desnos war mutig, Aussagen von Häftlingen, die überlebten, bestätigen es. Er versuchte andere aufzurichten, schmiedete Pläne bis zuletzt. Eluard sagte: „Von allen Dichtern, die ich kannte, war Desnos der unmittelbarste, der freieste, ein Poet immer voller Inspiration, der sprechen konnte, wie wenige Dichter zu schreiben vermögen. Er war der tapferste aller Menschen.“
Der Mann, in dessen Poesie der Tod so häufig mitschwingt, glaubte an die Zukunft und die Menschlichkeit, er hat eindrucksvolle Gedichte hinterlassen, die wie „Epitaph“ oder „Morgen“ von seiner Besorgnis und von seiner Hoffnung künden.
Er war einfach, doch nicht simpel, das schlicht Poetische in seinem Werk hat überlebt und das Wundersame, das beweist auch diese Auswahl. Eine Auswahl, und das sei am Schluß erwähnt, die vor einigen Jahren von einem anderen Dichter konzipiert wurde, von Paul Wiens. Wiens hat wesentliche Teile aus Desnos’ Werk ins Deutsche gebracht, leider konnte er diese Aufgabe nicht mehr zu Ende führen. Da ich vor mehr als zwanzig Jahren als einer der ersten in der DDR einige Gedichte des französischen Poeten übersetzen durfte, bot es sich an, daß ich die Arbeit abschloß. Über die Wertschätzung für Desnos hinaus möchten der Verlag und der Autor dieser Zeilen durch den Band auch die Leistung von Paul Wiens würdigen.

Klaus Möckel, Nachwort, April 1984

Robert Desnos (1900-1945),

außerhalb Frankreichs bisher nur wenig bekannt, zählt indessen mit Aragon und Eluard zu den Großen der fanzösischen Lyrik dieses Jahrhunderts. „Ohne Robert Desnos… sind die Epoche des Surrealismus und die Zeit der Résistance nicht zu denken“, schrieb ein Kritiker, und Paul Eluard, der Freund, sagte von ihm: „Von allen Dichtern, die ich kannte, war Desnos der unmittelbarste, der freieste, ein Poet, immer voll Inspiration, der sprechen konnte, wie wenige Dichter zu schreiben vermögen. Er war der Tapferste aller Menschen.“
Begabt mit unerschöpflicher, überschäumender Phantasie, sensibel für das Ungewöhnliche und Geheimnisvolle wie für das Einfach-Alltägliche, gleichermaßen Träumer und Phantast wie Aufrührer und Rebell, schließt sich Desnos den Surrealisten an und wird zu einem ihrer hauptsächlichen Anreger. Später, als die Bewegung zu erstarren droht, beschreitet er eigene Wege. Auf der Suche nach der wahrhaften Dichtung strebt er nunmehr eine Poesie an, die „einzig, umfassend, allen offen“ ist, und deren Vokabular „gleichzeitig volkstümlich und treffend“ sein soll. So spannt sich folgerichtig der Bogen seines lyrischen Schaffens von den Sprachexperimenten der „Rrose Selavy“ und der „Gesottenen Sprache“ bis hin zu den Widerstandsgedichten der letzten Schaffensperiode.

Verlag Volk und Welt, Begleitzettel, 1985

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zum Autor

Naheliegendes:

  1. Charles Dobzynski und Alain Lance (Hrsg.): Französische Lyrik der Gegenwart
  2. Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.): Museum der modernen Poesie
  3. Arthur Rimbaud: Gedichte
  4. René Char: Und der Schatten der Sanduhr begräbt die Nacht
  5. Guillaume Apollinaire: Unterm Pont Mirabeau

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