Robert Desnos: Poesiealbum 30

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Robert Desnos: Poesiealbum 30

Desnos/Nagengast: Poesiealbum 30

EPITAPH

Ich bin der Tote, der durch jene Zeiten schritt.
Vor tausend Jahren. Aufrecht und gejagt.
Das Menschliche, von Mauern war’s umrangt.
Vermummte Sklaven rings – ich lebte mit.

In jenen Zeiten lebt ich – lebt ich frei.
Mein Auge sah die Erde, es sah zum Himmel auf,
Ich sah, wie alles kreischte, ich sah den Wasserlauf.
Die Blüte gab den Honig, der Vogel zog vorbei.

Mit alledem, ihr Menschen, was fingt ihr damit an?
Die Zeit, in der ich’s schwer hatt’, tragt ihr sie noch im Sinn?
Sät ihr die Saat gemeinsam und erntet jedermann?
Ist sie durch euch jetzt schöner, die Stadt, aus der ich bin?

Ihr Lebenden, ich leb nicht, ihr braucht nicht bang zu sein.
Mein Leib, er lebt nicht weiter, mein Geist nicht, nichts, was mein.

Übertragung Paul Celan

 

 

 

Robert Desnos

gehört zu den wenigen ganz großen Dichtern, die Frankreich in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts hervorgebracht hat. Seine Verse, wie aus feinsten Fäden gewebt, scheinen tief aus seinem Innern zu kommen. Ob er die Liebe zu seiner Frau besingt, den Verlust eines Freundes betrauert oder zum Kampf gegen die Faschisten aufruft, immer sind sie zart, leidenschaftlich und kraftvoll. Dieser Poet, lange Zeit einer der subtilsten Vertreter des Surrealismus, fand ähnlich wie Eluard oder Aragon während der Résistance zu seiner ganzen literarischen und menschlichen Größe.

Klaus Möckel, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1970

 

Unsinnswörter gefielen ihm besonders

– Der französische Lyriker Robert Desnos war begeisterter Vertreter des Surrealismus und hemmungsloser Sprachspielereien. Berühmt wurde er als Radioavantgardist. 1940 ging Desnos in den Widerstand, wurde von den Nazis deportiert und starb am 8. Juni 1945 im KZ Theresienstadt. –

Bizarre Tiere mit gellendem Geschrei sind eine typische Beigabe der frühen Gedichte von Robert Desnos, begeisterter Vertreter des Surrealismus und, wie seine Freunde glaubwürdig versicherten, tatsächlich fähig, auf Surrealistisch zu sprechen. Von Strophe zu Strophe ändert Coco ihre Gestalt und tritt abwechselnd als Vogel, Kokosnuss, Loths Weib oder leichtes Mädchen in Erscheinung:

ODE AN COCO

Coco, einer gichtigen Concierge grüner Papagei,
auf hohem Bauch, mit galligem Gerede
Das die Wut der Dogge zum Äußersten treibt,
Zaubert galoppierende Zebras und wilde Esel herbei.
Coco! Die blasse Hure mit verschminktem Gesicht
hat heute Abend deine seltsamen Düfte gerochen.
Nun wird sie durch das orangefarbene Morgenlicht
ohne Ekel das grausame Leben betrachten.

Träume und Phantasien, hypnotische Zustände und Visionen waren die Sphären, auf die sich Desnos verstand. Er wurde am 4. Juli 1900 in Paris geboren, wuchs im volkstümlichen Quartier der Markthallen inmitten von Händlern, Handlangern und Tagedieben auf und sammelte dort sehr handfeste Lebenserfahrungen. Schon mit 17 veröffentlichte Robert Desnos erste Texte, schloss Freundschaft mit dem Wortführer der Surrealisten André Breton und nahm an automatischen Schreibübungen teil.
Der junge Lyriker fühlte sich aber auch von anarchistischen Kreisen angezogen, und später führte seine Skepsis gegenüber dem Kommunismus zum Zerwürfnis mit Breton. 1923 entstanden Zyklen mit Titeln wie „Almosonymie“ oder „Sprache gekocht“, in denen sich der Verfasser in hemmungslosen Sprachspielereien verlor.
Unsinnswörter und absurde Zuspitzungen gefielen ihm besonders, und vielleicht schrieb er auch deshalb leidenschaftlich gern für Kinder.

Der Hecht,
Er macht der Pläne viel.
Ich werd, so sagt er, besuchen
den Ganges und den Nil,
den Tajo und den Tiber dann
und darauf den Jangstekiang.
Ich werde, da ich ungebunden,
gut nutzen meine freien Stunden.

Desnos entbrannte völlig aussichtslos für die Sängerin und Schauspielerin Yvonne George und verfasste sehnsüchtige Liebesgedichte, die wieder stärker traditionelle Formen aufgriffen. Ab 1925 arbeitete er vor allem als Journalist, schrieb über Jazz, Kino und Kunstaustellungen und freundete sich mit Picasso, Artaud und John Dos Passos an. Mit Hörspielen über das Verbrechergenie Fantomas, den Mann mit der schwarzen Maske und den engen Hosen, wurde Desnos landesweit berühmt und zum Radioavantgardisten. Auch Klangbilder gehörten zu seinen Spezialitäten.
Unterdessen war Desnos längst mit einer der umschwärmtesten Frauen des Montparnasse liiert, mit der Muse einer ganzen Generation: Youki Foujita. Äußerst musikalisch, verstand er sich auf Tanzrhythmen und schrieb immer wieder Liedtexte für Varietés. Auch politisch bezog Desnos deutlich Stellung: Es kam zu einem öffentlichen Schlagabtausch mit dem ultrarechten Schriftsteller Céline.
1940 ging Desnos in den Widerstand; vier Jahre später wurde er von der deutschen Besatzungsmacht verhaftet und über Auschwitz und Flossenbürg nach Flöha in Sachsen deportiert. Sein Gedicht „Epitaph“ aus demselben Jahr, hier in der Übersetzung von Paul Celan, nimmt den Tod schon vorweg:

In jenen Zeiten lebt ich – lebt ich frei.
Mein Auge sah die Erde, es sah zum Himmel auf,
ich sah, wie alles kreiste, ich sah den Wasserlauf.
Die Blüte gab den Honig, der Vogel zog vorbei.

Im April 1945 kam er, schon von Typhus gezeichnet, nach Theresienstadt. Robert Desnos starb einen Monat nach der Befreiung am 8. Juni 1945.

Maike Albath, Deutschlandfunk, 8.6.2020

 

DAS LETZTE GEDICHT VON ROBERT DESNOS

In den Neuschnee, Januar oder Februar?
Fünf und Vierzig, schrieb er mit dem Finger.
Die schönsten Zeilen der Poesie. Auf weißem
Blatt des Schnees! Kann nicht lang stehn
In Sträflingskleidern. Die Hände blau.
Ach, könnten wir lesen, was da stand!
Signiert nur kurz: R. D. / Theresienstadt.
Als sie ihn fanden, war der Schnee getaut.

Hans-Eckardt Wenzel

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
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