GODOT
An Feiertagen
besuchen mich tote Freunde
erzählen mir
bekannte Geschichten
die ich vergessen hatte
Wer bei uns wohnt
weiß alles
schwören sie
Ich will nicht
alles wissen
ich warte auf Godot
sage ich
Er ist im Himmel
drohen sie
Ich wachse
vielleicht erreiche ich
einmal den Himmel
Man muß das Schicksal von Rose Ausländer nicht kennen, auch nicht wieder ihre Biographie nacherzählen, um von den Gedichten, die im neuen Band Noch ist Raum versammelt stehen, betroffen zu sein.
Gedichte, die keine Zweifel wecken: Wozu Lyrik heute?
Eine Stimme spricht aus ihnen. Sie sagt: „Ich nehme Zuflucht / zur Flucht.“ Sie sagt: „Ich schlage die Zeit tot / mit dem Hammer / aus Worten.“ Sie sagt: „Ich freue mich“, „Ich tröste mich“, „Ich lebe“, „Ich suche“, „Ich fliege“, „Ich liebe“.
Die Stimme macht deutlich: Der Drang, Gedichte zu schreiben, ist ein unverzichtbarer. „Wer bin ich / wenn ich nicht / schreibe.“
Es gibt nur diese einzige Möglichkeit, zu bestehen und zu überstehen. Die Möglichkeit, der Vergangenheit und Gegenwart Herr zu werden.
Die Vergangenheit, als sie noch heil war: Czernowitz, der Pruth, die Karpaten, „das Buchenland“: „Vier Sprachen / Viersprachenlieder / Menschen / die sich verstehen“; Vergangenheit, als die Gemeinschaft, der Rose Ausländer entstammt, die dem Tod und der Vernichtung ausgesetzt war: „es ging ja ums Leben / wir rangen mit Noah / aber er rang nicht mit / Gott / ließ uns fallen.“
Wer überlebte, lebte weiter mit Alpdrücken und neuen Hoffnungen: „Auf der Oberfläche / des Untergangs / schimmern Sterne“. Und: „Tote Freunde / klagen dich an / du hast überlebt… Du trauerst um ihren Tod / und machst Gedichte / aufs Leben.“
Gedichte, die aber auch kein anderes Thema auslassen: Sonne, Mond, Sterne, Himmel, Landschaften, Flüsse, Städte, Zigeuner, Vögel, Spiegel, Menschen, Stimmungen, Gefühle, Sprache. Nach eigenem Bekenntnis: „Alles das Eine und das Einzelne.“ Das „Ich“ wechselt über ins „Wir“. Monolog und Dialog. Die Stimme spricht zu anderen, beispielsweise zu einem Freund, der mit ihr wetteifert.
Rasch, bevor er antworten kann, verrät die Stimme ihr liebstes Wort: „meines heißt / DU“. Ein anderes Gedicht fordert sogar auf, einen „Vertrag“ zu schließen: „zusammenhalten / bis ins Wurzelwerk / bis zu den strengsten Sternen / im letzten Himmel / du und du und du.“ Klage, Tröstung, Erkenntnis, Zuspruch für sich, aber auch für alle anderen, die Gedichte lesen und brauchen.
Mit wenigen Wörtern kommen sie aus. Mit zwei, drei, vier Wörtern. Selten mit mehr als zwei, drei, vier Strophen. Bögen, die nur einen Teil der Spannung sichtbar machen. Konzentrate, an denen keine Dehnung, erst recht kein bloßer Schmuck sich nachweisen läßt. Und ergeben doch – wie die Fragmente der Sappho – eine Melodie, die singt, einen Gedanken, der zustößt.
Rose Ausländer hat berichtet, was Paul Celan, ihr Landsmann und „Sprachbruder“ sagte, als sie ihm 1957 in Paris neue Gedichte vorlas. Sie seien „sehr, sehr, sehr schön“, hat er gesagt. Nicht mehr.
„Schön“ verstehe ich als eine Zustimmung, die kein Kommentar verlängern muß, und die alle Eigenschaften der Gedichte von Rose Ausländer zusammenfaßt und ihre Wirkung erklärt.
Hans Bender, Nachwort
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erschienen 23. Februar 2010
erschienen 3. November 2010
erschienen 22. November 2011
erschienen 12. Januar 2011
erschienen 28. Dezember 2009
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