Rosmarie Waldrop: Ein Schlüssel zur Sprache Amerikas

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Rosmarie Waldrop: Ein Schlüssel zur Sprache Amerikas

Waldrop-Ein Schlüssel zur Sprache Amerikas

VON TOD UND BEGRÄBNIS

So einer ist und hat den Tod in seinem Haus,
aaaaaschwärzt
er sein Gesicht.
Ruß verklebt mit Tränen und
aaaaaklaffend vor
Vokalen. Sie scheuen es, den Todten beym
aaaaaNamen zu
nennen,
versiegelt hinter den Lippen, der blutende
aaaaaStummel der Zunge. Sachimaûpan. So einer
aaaaaist der Prinz hier
war
ist in Wehklage gehüllt, in Beugung, in Hände vor dem
Gesicht, in immer kleinere Partikel. Perspektive, ins Schwan-
ken gebracht auf chemischem Wege. Sie beerdigen seitab
die Matte, auf der er starb, den Teller, von dem er ge-
gessen,
die leeren Gegenden seines Körpers, und manchmal
hängen sie seinen Schatten an den nächsten Baum, den nie-
mand berührt, den man verwesen läßt.

verschlossen
okkult
orthodox
wahllos
obsolet
irreparabel

Einsamkeit in Brunst. Mich ärgerte mein Liebster, der sich von
mir abwandte, zu anderen beklagenswerten Tatsachen. Obwohl
jedes Raumdurchqueren beiläufig auch das Fleisch mitzieht und
Anziehung schneller zunimmt als Abstand schwindet, fand ich
mich allein im Schotter. Schließlich hatte ich das Stadtzentrum
erreicht. Es war verwüstet, Ruinen, so nutzlos wie meine Geburt
und so dauerhaft wie ein Mordschauplatz.

Ein Ruck in der Zeit
dann ändert sich die Welt
dann gab es keine Erinnerung
dann konnte Leben nicht
verstanden werden vorwärts
oder rückwärts

 

Die Sprache Amerikas:

Das ist nicht nur Kriegsdrohung und Börsenkrach. Das waren zuerst die Sprachen der Ureinwohner, die als erster Roger Williams in seinem Buch „A Key Into The Language of America“ im Zusammenhang mit den indianischen Lebensweisen und Bräuchen beschrieb. Dieses Buch legte Rosmarie Waldrop ihrer Erkundung der heutigen Lebens-Sprachen Amerikas zugrunde: Indem sie seine Struktur übernimmt – zu jedem Aspekt menschlichen Lebens gibt Williams eine Wortliste, anthropologische Beobachtungen und ein Gedicht – montiert sie ein vielfach gebrochenes Kaleidoskop des Verhältnisses zum „Anderen“ als Frau oder Fremden.
In der Einleitung schreibt Rosmarie Waldrop: „Ich lebe in Roger Williams’ Land. Ich bin ,drüben‘ geboren, in Deutschland. Das damals Nazideutschland war. Ich bin nicht Jüdin. Ich bin auf der Seite der (damaligen) Sieger geboren. Ich immigrierte in die USA, das Land der Sieger, als eine Weiße, europäisch erzogen, die es nicht zu schwierig fand, zu Jobs, zu einem akademischen Abschluß und einer Stelle an der Hochschule zu kommen. Wie Roger Williams bin ich, was meine Stellung unter den Privilegierten, den ,Eroberern‘ angeht, ambivalent. Aber bin ich unter ihnen? Ich bin weiß und gebildet. Ich bin eine Frau und eine Dichterin. Dichter werden heutzutage für Randfiguren im Leben der Gesellschaft erachtet, von zweifelhaftem sozialen Nutzen. Als Frau erscheine ich nicht als Erobererin im Hütchenspiel der Archetypen, sondern als erobert.“

Urs Engeler Editor, Ankündigung, 2004

 

Konfrontation zweier Kulturen

− Rosmarie Waldrop lotet die Sprache Amerikas aus. −

Im Jahre 1643 schrieb ein gewisser Roger Williams eine Abhandlung, hinter deren unspektakulärem Titel sich keineswegs nur eine schlichte Einführung in die Sprache der Narragansett-Indianer verbarg. „A Key Into The Language of America“ war vor allem eine anthropologische Studie indianischer Bräuche, die dazu diente, den weissen Siedlern einen moralischen Spiegel vorzuhalten. Die neuenglischen Kolonisten missverstanden allerdings Williams’ Absicht und betrachteten sein Buch als praktischen Leitfaden für Händler, Siedler und Missionare. Roger Williams, der Prediger, hatte bereits zuvor unwillkommenes Gedankengut verbreitet: 1632 verfasste er einen Traktat, in dem er das durch königlichen Freibrief gewährte Recht der Kolonisten an indianischem Land anfocht. Drei Jahre später stellte man ihn deshalb vor Gericht und verurteilte ihn zu dreihundertjähriger Verbannung aus Massachusetts. Williams floh, gründete eine Siedlung namens Providence und lebte vom Ackerbau und Handel mit den Indianern.
Rosmarie Waldrop ist, wie sie selbst in ihrem Vorwort betont, in dem Fakten und Poesie sich zu einer unnachahmlich schönen Melange verbinden, in jenem Jahr geboren, in dem Williams‘ Verbannung endete. Zu dieser Koinzidenz tritt die viel bedeutsamere Gemeinsamkeit der Immigration: In Kitzingen am Main geboren, siedelte Waldrop 1958 in die Vereinigten Staaten über. Der von ihr erwartete Kulturschock blieb indes aus. Fremdartig waren die seltsam klingenden Ortsnamen, Relikte der untergegangenen Sprache der Narragansett. Sie waren der „indianische Untergrund … unter dem Boden des amerikanischen Englisch“. Die eigene ambivalente Haltung zwischen zwei Sprachen und Kulturen erlaubt es Waldrop, historische Texte wie Roger Williams’ „Schlüssel“ aufzubrechen und einer Re-Vision zu unterziehen.
Schon in den Gedichten von „Shorter American Memory“ (1988) hatte sich Waldrop explizit mit der Geschichte ihrer Wahlheimat auseinandergesetzt. Williams’ Werk dient nun ihrem ebenfalls „Schlüssel zur Sprache Amerikas“ betitelten elften Gedichtband als Koordinatensystem der Erkundung heutiger amerikanischer Zivilisation und von deren geschichtlicher Dimension. Williams’ „Schlüssel“ ist auch der formale Aufbau der einzelnen Kapitel verpflichtet. Sie beginnen jeweils mit einer Collage, in der Wendungen aus Williams‘ Werk mit modernem Vokabular konfrontiert und ironisch imitiert werden. Es folgt eine Wortliste, die das semantische Feld der Überschriften assoziativ auslotet. Dem schliesst sich eine narrative Passage an, die in Gestalt der Stimme einer jungen Frau die Thematik von Eroberung und Geschlechtlichkeit weiter ausführt und die Frage nach nationaler, kultureller und sprachlicher Identität stellt. Der weibliche Körper steht dabei als Zeichen für die Landschaft. Jedes Kapitel endet mit einem kurzen Gedicht, das – anders als bei Williams – keinen offenkundigen moralischen Anspruch vertritt.
So entsteht ein reizvolles, sicherlich nicht immer unmittelbar zu erschliessendes Sprachgeflecht, in dem sich die verschiedenen Parallelen gegenseitig erhellen und durchdringen: die Sprache der eroberten Indianer und der gesellschaftlich „eroberten“ Frau; die altertümliche Sprache und die zeitgenössische; die Begriffe des Verstandes und des Körpers; die verlorenen und die gegenwärtigen Sitten, beide oft hinterfragenswert. In einem Interview sagte Rosmarie Waldrop, „die einzige Transzendenz, die uns zur Verfügung steht, in die wir eindringen können, ist die Sprache“ (1991). Die Haltung des poeta vates, des seherischen Dichters, ist ihr vollkommen fremd, für sie sind die Dichter „ein Sprach-Wartungsteam“. Vor diesem Hintergrund kann Waldrops „Schlüssel“ auch als Wortsonogramm der modernen amerikanischen Sprache und Kultur gelesen werden, die selbst lange auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten und Emanzipationen vom einstigen europäischen Erbe war.
Kann der Transfer einer amerikanischen Spracherkundung ins Deutsche gelingen? Er kann, wenn das Verhältnis von kreativer Aneignung und Textgenauigkeit so feinhörig aufeinander abgestimmt ist wie in der Übertragung von Elke Erb und Marianne Frisch. (Es fällt kaum ins Gewicht, dass diese Intention an wenigen Stellen übers Ziel hinausschiesst, etwa wenn „pathetic“, quasi mit einem Umweg übers Deutsche, als „pathetisch“ wiedergegeben wird.) Wieder einmal hat sich der Verlag Urs Engeler Editor als kompetenter Sachwalter massgeblicher amerikanischer Dichtung in beachtlichen Übersetzungen erwiesen. Rosmarie Waldrops vielschichtiges, rätselhaftes, faszinierendes, kulturkritisches Buch verdient eine Bauchbinde mit der Aufschrift: Höchst empfehlenswert.

Jürgen Brôcan, Neue Zürcher Zeitung, 1.3.2005

 

Ein Schlüssel zur Sprache Amerikas: Rosmarie Waldrop präsentiert am 27.4.2005 im Lyrik Kabinett München ihr Buch zusammen mit Elke Erb, die ihre Übersetzungen liest sowie eigene Texte aus ihrem neuen Buch Gänsesommer. Einführung Urs Engeler.

 

Frequently Unasked Questions

Im folgenden Interview mit der US-amerikanischen Lyrikerin und Übersetzerin Rosmarie Waldrop gibt es eigentlich keine Antworten. Das anlässlich der Präsentation ihres Werk in der Alten Schmiede Wien geführte Interview geht immer wieder aus von Antworten – nämlich von Worten und Zeilen aus Rosmarie Waldrops Werk und von Zitaten; die Autorin antwortet aber mit Fragen. So Musil als möglich. So Kafka also nicht.

Antwort Waldrop: Mehr und mehr gelangen wir nirgendwohin und das ist ein Vergnügen.

Frage Waldrop: Was, glauben Sie, ist die Funktion von Poesie? Braucht sie eine? Eine soziale Funktion? Ist sie Ausdruck, Ornament, eine prachtvolle Verschwendung von Energie (Bataille)? Eine Beschreibung des Wahrnehmungsvorgangs (Oppen), des Denkvorgangs (Breton)? Eine Maschine (William Carlos Williams)? Mimesis? Oder das Gegenteil davon: ein Gegen-Entwurf, der uns auf verborgene Strukturen in Sprache und Gesellschaft aufmerksam macht (Adorno), auf das, was unser Denken formt? Bewahrt sie die Lebendigkeit der Sprache?

Antwort Waldrop: Das Buch aufgeschlagen mitten in der Küche wird das Haus vor Blitz schützen. Der Hund wird brennen.

Frage Waldrop: Glauben Sie an eine materielle Welt oder an ein semiotisches Universum?

Antwort Waldrop: Rasend Ja dann Nein.

Frage Waldrop: Wie sehen Sie die Rolle der Logik in der Poesie? Was sind die „Plätze des Ausgeschlossenen Dritten“?

Antwort Waldrop: Moosbruggergasse, Wien-Meidling.

Frage Waldrop: Wie ehrt Österreich Robert Musil?

Antwort Waldrop: Die Grammatik des Wortes „naseweis“ ist eng verwandt mit der von Meisterschaft.

Frage Waldrop: Was ist Ihnen am wichtigsten, wenn Sie schreiben: der mot juste, die vollkommene Metapher, die „Stimme“, Rhythmus, Komposition, Syntax, Struktur?

Antwort Waldrop: Orte gleichen einander sehr.

Frage Waldrop: Sie sind aus Deutschland in die Vereinigten Staaten emigriert. Wie hat dieses Übersetzen Ihr Schreiben beeinflusst?

Antwort Waldrop: Die Fische fingen mich.

Frage Waldrop: Empfinden Sie sich noch als Bundesdeutsche oder als Vereinigte Amerikanerin?

Antwort Waldrop: Aber die vier Richtungen auf dem Kompass gleichen einander auf den Plätzen des ausgeschlossenen Dritten.

Frage Waldrop: Es gibt die „Topo-Poesie“, eine eng an eine Landschaft oder Stadtschaft gebundene Poesie, oder allgemeiner an die Umwelt (die amerikanische Ökopoetik-Strömung). Andererseits haben Sie den französisch-ägyptischen Dichter Edmond Jabès übersetzt, der sich selbst Dichter des „Nicht-Orts“ nannte, dessen einzige Heimat das Buch war. Wo stehen Sie?

Antwort Waldrop: Columbus.

Frage Waldrop: Mögen Sie Eier?

Antwort Waldrop: Kafka als Sonne.

Frage Waldrop: Sind Ihnen Gattungen wichtig? In den letzten Jahren haben Sie nur Prosagedichte geschrieben, die eine hybride Gattung zu sein scheinen. Was treibt Sie an, Prosagedichte zu schreiben?

Antwort Waldrop: Asco wequassunnúmis.

Frage Waldrop: Obgleich Sie sagen, dass „Orte einander sehr gleichen“, ist die Bewegung über den Atlantik von Deutschland, Europa nach Amerika ein häufiges Motiv in Ihrem Werk. Columbus taucht darin ebenso auf wie andere Eroberer und Entdecker, Alexander von Humboldt und die britischen Siedler im Allgemeinen. Aber möglicherweise ist die Bewegung vom Deutschen ins Englische noch schwieriger. Was hat sie dazu gedrängt, einen Schritt weiter zu gehen, zu dem, was von der indianischen Narrangansett-Sprache bekannt ist? Wie sie aufgezeichnet wurde von Roger Williams in „A Key Into the Language Of America“?

Antwort Waldrop: Waldrop als

Frage Waldrop: Ein großer Teil der Dichtung in den USA beschäftigt sich mit „Identität“. Viele Dichter schreiben als Schwarze, als Chicanos, als SinoamerikanerInnen, als Frauen, als FeministInnen, als MarxistInnen. Aber Sie haben häufig Keats zitiert, der den Dichter als Chamäleon bezeichnet, der kein Selbst hat, oder Gertrude Stein: „man hat keine identität, während man dabei ist, etwas zu tun“. Oder Edmond Jabès, der den Dichter lediglich als Katalysator betrachtet, der die Worte zusammen bringt. Als was sehen Sie sich?

Antwort Waldrop: Vocable – Dieser lexikalische Begriff hat für Jabès Anklänge an „voice“ und vocare, „rufen“, das Wort als Klang – doch ein hässlicher Laut im Englischen. Er (Jabès) meint vocable als das gesprochene (und gehörte) Wort im Buch, die mündliche Dimension bewahrt innerhalb der schriftlichen.

Frage Waldrop: Was, um es etwas vollmundig zu sagen, ist der ontologische Ort des Gedichts? Ist er im gesprochenen Wort oder auf dem Papier? Prosa und Prosadichtung scheinen entfernter vom Mündlichen zu sein als das Lyrische, abhängiger vom Druck. Sie sprachen davon, wie Jabès die französische Unterscheidung verkompliziert zwischen „mot“ (Wort in Bezug auf das Sprachsystem) und „parole“ (das gesprochene Wort), indem er „vocable“ einführt. Was ist das?

Antwort Waldrop: (whereupon Brahms cabled) „precisely“ (and) „the wires“, Clara.

Frage Waldrop: Louis Zukofsky definiert die Grenzen der Dichtung als: Obergrenze Musik – Untergrenze Rede. Bei Jabès sind die Grenzen Stille und Schrei. Was denken Sie?

Antwort Waldrop: Walkinginmist

Comesinmist

Drizzlingrain

Frage Waldrop: Ist das Namengeben für Sie ein Problem?

Antwort Waldrop: Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Russland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen.

Frage Waldrop: Stand die Lufttemperatur in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur?

Antwort Waldrop: Mehr und mehr habe ich das Gefühl, dass wir nirgendwohin gelangen.

Frage Waldrop: Um auf den Anfang unseres Gesprächs zurückzukommen: Wir haben noch nicht darüber gesprochen, dass dieser Satz von John Cage ist. Zitiert in dem Zyklus über John Cage „Music Is an Oversimplification Of the Situation We Are In“, aber nicht als Zitat identifiziert. Warum sind Ihre Texte weitgehend Collagen? Können Sie nichts allein machen? Was ist der Unterschied zwischen identifizierten und nichtidentifizierten Zitaten?

Das Interview wurde von Versatorium geführt, einer von StudentInnen und Peter Waterhouse begründeten Forschungs- und Übersetzungsplattform.

Der Standart, 4./5./6.1.2014

 

 

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Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Die Elkeerb“.

 

Elke Erb liest auf dem XVII. International Poetry Festival von Medellín 2007.

 

Elke Erb liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

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