Róža Domašcyna: selbstredend selbzweit selbdritt

Domašcyna/Schöne-selbstredend selbzweit selbdritt

WORTALL

atest a avenue
bomy die bäume im baumeln
der blätter w bubnjowanju bebend
die bettelmannslaus schelc bidens tripartitus
das bandoneon der beutel die dublierte dublone
und chmel der hopfen humulus lupulus
der humpen aus holz das drjewo
aus dem der bleistift ist beim balbieren
des idioms das ido
das jadro das kernstück
der lärche in der kehle der laryngallaut
das madam und der madrigal
die melde und die meldung
die mahr und das nachtkabarett
der narzismus und die nänie
das nasche und das nein
das oh und die onanie
die oferta und die obsession
der paladin und der palankin
der patrijotism der witz prysl
der psowy jasyk polygonum ampibium
der quiz und die querele
die ruta raute der reiz die rafinesa
der radikalism und der rausch
das salut im salto
jede schtunda a sekunda
der wegerich schkorodlej
die syrotka viola tricolor
das tableau der tabulator die tabula rasa
noch die letzte untza undulatzija
bis zum überschwappen überlappen
das vis-á-vis varieté vatikan
der campari mit campus und pappus
pappos papa mein seins smeschk a trysk
der witz aberwitz das xenion
das yin und das yang der diphthong
die zwillinge und ihr lapsus mit zwei
das doppel potrjebnych paarhufer das
parlando psejskobanetzysatraschnefufzig
des skatbruders schkotars seine sau
die reizt und sticht
die träne aus dem schnupftuch die spur
des sex und die sechs
die sich aus dem füll
halter entläßt ohne zäsur als zahl und zensur
die zeit ihr weg seine tilgung
fließt in den text

 

 

Róža Domašcyna

Bewegt sich in zwei Sprachen wie in einer eigenen Haut. Sie wechselt sicher und mühelos die Sphären, und im Kopf- und Handumdrehen geraten Geschöpfe und Gestalten in sorbischer Bezeichnung – Mensch wie Getier – ganz selbstverständlich in den deutschen Vers und treiben ihr anmutig-munteres Spiel:

aaaaaselbstredend
im erregten Monolog skrupulöser oder lustvoller Selbstbefragung und –gewißheit, wenn sie sich, oft verwandelnd, immer neu offenbart.

aaaaaselbzweit
im freizügigen Zwiegespräch Liebender, wenn sie sich im Spiegel des anderen sieht, sich ihm vereint und wieder entzieht…
Das Obersorbische hat den Dual für Substantive, Adjektive, Pronomen und Verben; für zwei Personen existiert eine andere Beugung als für drei.

aaaaaselbdritt
im übermütigen Spiel mit der Sprache uns selbst in diesen wirbelnden Wortwechsel einbeziehend, wenn sie – mit der sorbischen Sprach-Überlieferung vertraut wie mit den Spielregeln der Moderne – die Wörter hin und wider wendend, lustig Kobolz schießen läßt und zum Tanzen bringt, sagt: das alles fließt in den Text…

Janus Press, Klappentext, 1998

 

Dinge benennen, bevor die Sprache verröchelt

– Róža Domašcyna: ein doppelzüngiges poetisches Spiel. –

Die Bautzener Dichterin Róža Domašcyna kennt den Weg aufs Papier, wo die Gefahr besteht, daß das Lebendige trocken und kalt liegenbleibt. In ihren Gedichten bildet sie aber die Intensität des Wirklichen nicht nach, sondern neu. Sie tut es mit drastischen Bildern und Wortgetümmel. Was da entsteht, ist ebenso verstörend, verzaubernd, hart, weich, feucht, zappelnd wie die Wirklichkeit. Mehr noch, es sind Zuspitzungen, geformt mit kräftiger Zunge. Die Autorin kennt alle Register des leiblichen, des Weiblichen, wird deutlich, aber nicht zweideutig. Rippenräume, Lippen, Humus und Fingerspitzen sind auf dem Papier streng geschaffen, halten Distanz zum Beschriebenen durch Kunst der Beschreibung. Körperliche Akte und das Schreiben entsprechen einander.
Sie kennt aber auch die Register der Worte, sie spielt mit dem Klang, mit Sprachen, mit Silben. Vielleicht löst ihre Zweisprachigkeit das aus, sie kommt auch ins Spiel. Vor allem aber öffnet sie mittels Sprachenspiel Tore einer sich immer erneuernden Neugier auf die Welt. Obwohl sie in freien Rhythmen schreibt, oder gerade deswegen, setzt die Dichterin Rhythmus und Klang bewußt ein, befördert, karikiert oder konterkariert das, was in den Zeilen steht. Manches sind Prosagedichte, ohne einen Deut an Formbewußtsein nachzugeben.
Dieser, ihr dritter Gedichtband in Gerhard Wolfs Verlag Janus press, ist aus drei Teilen aufgebaut: „selbstredend“ sammelt Arten der Selbstvergewisserung. Durch Erinnerung, durch Behauptung, Abstoßung, Schrei:

die tödin kommt
die sprache verröchelt
ich benenne noch einmal die dinge.

Manche der Texte klingen beängstigend wie der böse Blick. Gilt er dem Spiegelbild? Auch in „selbzweit“ klingen Verwünschungen mit. Wie auch anders, wo es doch um die Liebe geht. Um größte Vertraulichkeit, die ausgestreckt vorliegt, aber auch um die herben Enttäuschungen, die daraus folgen können, „im zwieland mit doppelzüngiger duellität“.
„Selbdritt“ ist eine andere Welt. Welt überhaupt, mit Tradition, mit Zwängen, Brüchen. Hier versucht die Autorin auf andere Weise sich zu bestimmen. In einem Gedicht, das anfängt „ich gehöre nicht wirklich dazu“, versucht sie, die Fremdheit zu überwinden, die sie mit ihrem sozusagen exotischen, sorbischen Namen trägt. Alle Übersetzungen und Wendungen führen zu nichts, außer daß „Hauser“ herauskommt, der Name des Kaspar Hauser, eines scheinbar herkunftlosen Findelkindes um die Jahrhundertwende, das schaudernd als Inbegriff des modernen Menschen gedeutet wurde. Róža Domašcyna wird ihren Namen jedoch nicht los, „ein sch bleibt doch“. Doch die Trauer um das Ungenügen des in der Welt fremden Ichs – das Ich eines jeden, schließlich – ist Bedingung der Gedichte und zugleich in ihnen überwunden. Die Festigkeit des Geschaffenen trägt wie eine wippende Brücke. Das Selbst trifft ein Selbst, „Das faßbare spiegelt sich greifbar / in allen seinen abbildern“ und wird sich selbst, bloß gut auch, nicht los.

Gundula Sell, Sächsische Zeitung, 22.4.1998

„Verlorene penisse der meisenmännchen“

und anderes Hexeneinmaleins

Im Verlagsprospekt verspricht Janus die „bisher wohl freizügigsten Gedichte“ von Róža Domašcyna aus Bautzen. Das war kein doppelzüngiger Werbeschachzug. Das zu behaupten ist mehr als berechtigt. Dabei sind es nicht nur die „meisenmännchen“, die aufmerken lassen. „Töne und worte“ – Titel des ersten Gedichts – fließen so intensiv durch die Seiten des Buches, daß der Leser vom ersten Augenblick an damit rechnen muß, hineingezogen zu werden in den (Sprach-)Fluß. Denn diese Dichterin führt kein Selbstgespräch, auch wenn gelegentlich von Befriedigung an sich selbst die Rede ist, selbstredend wie selbstverständlich.
Róža Domašcyna  beschwört die Liebe, spricht mit Mann, Geliebten, jedermann:

Schreitvögel
sie sah mehr als sie wußte
daß es die hohen beine des reihers waren
die in den jeans des mannes steckten
im straff gespannten gewebe
wenn er die beine so übereinanderschlug

„Selbzweit“ kann selbander sein, allein vor dem Spiegel und zu zweit bedeuten: „Selbdritt“ ist ein klassischer Dreier: Heilige Anna mit Maria und Josef. Wörter, die laut Duden und Grammatik veraltet sind, aber die Sache, um die es geht, ist es nicht, auch wenn wir älter werden:

Noch ist lust
zwischen den regungen…
In der haut, die spuren
des gebrauchs zeigt, die kein hoch-
glänzendes cover bespannt.

Neben Liebesgedichten finden sich bei der Bautzner Dichterin sprachliche Vorlieben und Eigenheiten, auch Sprachverliebtheit, in denen sie ihre Mehrsprachigkeit (Sorbisch, Deutsch und Lausitzer Dialekt) spielerisch zu nutzen versteht, wohl wissend:

die sprache verröchelt
ich benenne noch einmal die dinge
… jede sprache verendet mit einem menschen
doch wenn du ihn nachahmst, läßt du ihn
auferstehn in deiner person.

Indem sie sich immer wieder der Tradition versichert, macht sie andererseits unmißverständlich deutlich, daß sie sich von chauvinistischen Traditionalisten nicht vereinnahmen läßt:

trachtenteile wie uniformteile
sind sowieso aus dem gleichen nest

Und konstatiert: „Ich gehöre nicht wirklich dazu“. Lieber zaubert sie mit ihrer Zunge Sprüche, köchelt Liebestränke, raspelt am Bleistift oder am notebook, als ob es Süßholz sei:

will ihn nur berühren
nicht wehtun
nur staunen
… in seinen adern fließen
in seinem gehirn denken
seine pulse hetzen…

Dann legt sie den Liebsten ins „fadenkreuz“, um ihn zu messen,

mit einem jungfräulichen zwirnsfaden
vom gipfel des kopfes zum kippunkt
der zehennägel

und fragt ihn am Ende:

Hast du den faden verloren?
So steh auf
raff das laken
häng es über den zaun.
Die vögel fliegen und ziehen
das unmaß fort.

Schließlich ist Sprachmagie von Hexerei kaum noch zu unterscheiden:

laß uns mit der nase eine blaumeise fangen
mücken saugen und käfer beißen
die hütte mit holzversprechen heizen
worte wie nüsse setzen.

In einem Gedicht wird sehnsüchtig gefragt:

wann werden die bechermalven aufleuchten
und ihr rosa verglühen?

An anderer Stelle antwortet die Dichterin sich selbst:

Vergißt sich der körper,
vergißt er seine dressur.

Vor über zwanzig Jahren sorgten Sarah Kirschs Zaubersprüche für neue Töne in der deutschsprachigen Lyrik, heute ist es „selbstredend“ das Hexeneinmaleins der Dichterin Domašcyna aus sorbisch-sächsischer Randprovinz. Nach den Gedichtbänden Zaungucker und zwischen gangbein und springbein sowie dem Buch mit Märchen aus Großmutters Zeiten Der Hase im Ärmel stand die Frage: Wie weiter jetzt? Róža Domašcyna ist mit ihrem vierten Janus-Buch unüberhörbar weit gegangen und weiter auch.

M. Pustepolo, SAX, Heft 8, 1998

„Ich gehöre nicht wirklich dazu.“

– Ein Porträt der sorbischen Dichterin Róža Domašcyna. –

Im Blick auf die faszinierend vieldeutigen Sonette Shakespeares hat kürzlich der Dichter Peter Waterhouse eine sehr eigenwillige Theorie der Übersetzung vorgelegt. Den poetischen Übersetzer, so resümierte Waterhouse, dürfen wir uns nicht als triumphierenden Seefahrer auf Eroberungsreise vorstellen, sondern eher als glücklichen Schiffbrüchigen. Entgegen einem weit verbreiteten Missverständnis sei der Übersetzer nicht zuständig für den Brückenschlag zwischen zwei getrennten Sprachwelten, oder gar für einen funktionalen Wörter-Transport von A nach B, sondern er bewege sich in einem Zwischenraum mit offenen, fließenden Grenzen, in den Bezirken des Instabilen und Unverfestigten. Waterhouse verweist auf Prospero, den Helden in Shakespeares letztem Drama Der Sturm, der als Herzog von Mailand ins Exil gejagt wird und auf einer menschenleeren, namenlosen Insel landet, aber gerade das Landloswerden als Bereicherung seines Daseins erfährt. Für Poesie wie Übersetzung gelte: Die Potentiale des Poetischen leuchten nur im großen Transitraum der Zweisprachigkeit auf. Das einzige Asyl, in dem Poesie unterkommen kann, ist die Zweisprachigkeit, der ständige Aufbruch ins Ungewisse zwischen den Sprachen.
Eine ideale Bewohnerin des poetischen Zwischenraums der Zweisprachigkeit ist die sorbische Dichterin Róža Domašcyna. Sie spricht und schreibt „im zwieland mit doppelzüngiger duellität“, ständig zwischen ihrer sorbischen Muttersprache und den Vatersprachen des alten und neuen Deutschland hin- und herpendelnd. 1951 als Rosa Domaschke in Zerna in der Oberlausitz geboren, wuchs die Dichterin in einer Landschaft auf, deren verwunschene Schönheit durch den exzessiven Braunkohlenabbau schwer versehrt worden war. Die forcierte Industrialisierungspolitik der DDR hatte in der Lausitz ausgehöhlte Landschaften und zerstörte Dörfer hinterlassen; den offiziell als Vorzeige-Minderheit geförderten Sorben wurde immer mehr Siedlungsraum entzogen. Als Ingenieur-Ökonomin im Braunkohlenrevier von Hoyerswerda erhielt die junge Rosa Domaschke ihre ersten Lektionen in politischer Desillusionierung. Der Blick auf das ökologische Desaster der Lausitz provozierte in ihr ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Rhetorik offizieller Verlautbarungen und standardsprachlicher Schablonen. Die bedrohte dörfliche Kultur der Sorben in der Lausitz bildete dann später den existenziellen Erfahrungsgrund, in den die Texte der Lyrikerin, Märchenerzählerin und Sprachspielerin Róža Domašcyna immer wieder eintauchen.
Die Rede von der „sorbischen Muttersprache“ der Róža Domašcyna ist freilich schon eine Ungenauigkeit, existiert doch das Sorbische, das die Linguisten zur westslawischen Sprachengruppe rechnen, in zwei Varianten, die erheblich voneinander abweichen. Das Obersorbische, das im Süden gesprochen wird, ist dem Tschechischen verwandt, das Niedersorbische des Nordens ähnelt dagegen dem Polnischen. Der Aufbruch in das instabile Terrain zwischen den Sprachen vollzog sich irgendwann in den achtziger Jahren, als Rosa Domaschke am Leipziger Literaturinstitut studierte und sich – in subtiler Mimesis an ihre spachliche Herkunft – in die Dichterin Domašcyna verwandelte. Seither vagabundiert sie als literarische „Landstreicherin über Traditions- und Sprachgrenzen hinweg“ (Gerhard Wolf) – und wechselt mitten im Vers von einer Sprache in die andere.
Über ihren ersten Gedichtband Zaungucker (1991) bemerkte ihr Verleger Gerhard Wolf, hier wirkten manche Zeilen wie aus dem Sorbischen ins Deutsche übersetzt. Dieser sprachhungrige Wechsel zwischen den Sphären ist ja gerade das Erkennungszeichen des Dichters der Zweisprachigkeit, der die Legitimität der Sprachgrenzen in seinen Texten ständig in Frage stellt. Poetische Bilingualität bedeutet aber auch die lebenslange Erfahrung des Fremdseins, des grundsätzlichen Sprachexils, das in keinem besänftigenden Heimatgefühl Zuflucht finden kann.
„Wir sind ein Volksrätsel“, hat Domašcynas sorbischer Dichterkollege Kito Lorenc einmal lapidar notiert – und diese Rätselhaftigkeit des Sorbischen hat sich auch als Leitmotiv in die Texte Róža Domašcyna eingeschrieben. In ihrem Gedicht Triangel regional, das in ihrem jüngsten Band selbstredend selbzweit selbdritt (1998) zu finden ist, spricht das lyrische Ich von der unaufhebbaren Fremdheit nicht nur des eigenen Namens, sondern auch der Physiognomie und des körperlichen Habitus. Der Text setzt ein mit dem Eingeständnis der prinzipiellen Unzugehörigkeit: „Ich gehöre nicht wirklich dazu“. Dann folgen programmatische Sequenzen über die lautliche Exotik des Namens „Domašcyna“, der sich mit „Häusler“ übersetzen ließe:

diese kschtschrschkombination in meinem namen
hat man hier nicht
und habe ich nicht auch schrägstehende augen
eine etwas verlängerte nase
ein fliehendes
kinn
ich könnte mich freilich
Häusler Hausmann Hauser nennen
dann wären die augen wie sie sein sollen
oder ich könnte mich ausschließlich
Keschroschasch nennen
dann wäre die schrägstellung wie sie sein muss…

Die Gedichte der Róža Domašcyna stehen in denkbar weitester Entfernung zur sorbischen Heimatfolklore und zu allen naiven Versuchen, in den „jenseitigen Dörfern“ der Lausitz (Kito Lorenc) ein idyllisches Paradiesgärtlein zu verorten. Dagegen sind es immer wieder vokabuläre Reize, fremde Laute, bizarre Wörter-Funde, an denen sich die poetische Phantasie der Dichterin entzündet und ihr Nomadisieren zwischen den Sprachwelten in Gang setzt. Wie ihre Dichterfreunde Kito Lorenc und Benedikt Dyrlich hat sie Variationen auf ein Rätselgedicht des sorbischen Klassikers Jurij Chezka geschrieben: „Variationen zum grünen zet“ („Zelene Zet“). Während hier aber nur ein Buchstabe der sorbischen Sprache, das „z“ zum Anlass einer poetischen Abschweifung wird, erfindet sich Róža Domašcyna in ihrem Gedicht „wortall“ ihre eigene lyrische Schöpfungsgeschichte. Auch dieses Gedicht überschreitet konsequent die Sprachgrenzen, erprobt die Parallelführung und die symbiotische Koexistenz des Sorbischen und des Deutschen. Etymologisch verwandte Wörter aus beiden Sphären werden in spielerischer Manier durchbuchstabiert – dabei entstehen im Niemandsland des poetischen Zwischenraums auch neue Wörter einer Kunstsprache:

atest a avenue
bomy die bäume im baumeln
der blätter w bubnjowanju beben
die bettelsmannlaus schlec bidens tripartitus…

So bahnt sich die onomatopoetisch beflügelte Rede ihre mäandrierende Bahn, und es lassen sich in diesem sprachobsessiven Assoziationsspiel durchaus Ähnlichkeiten zu den poetischen Verfahrensweisen des polyglotten Sprachzauberers Oskar Pastior finden. Wie bei Pastior stellen sich aber bald Anzeichen von lyrischer Materialermüdung ein, wenn die Domašcyna ihre deutsch-sorbische Wörterwelt in seriellen Techniken aufrufen will. Da kommt es dann zu lyrischem Leerlauf, endlosen Wiederholungsreihen, die in einer Art Fleißübung (zum Beispiel im Gedicht „unterm doppelstern“ mit seinen endlosen „Doppel“-Wortbildungen) vorgeführt werden.
Wenn umgekehrt die Domašcyna gefühlszentrierte Körper- und Liebesgedichte ausprobiert, wie in einigen Texten aus der zweiten Abteilung von selbstredend selbzweit selbdritt, dann kommt es zu keinen vokabulären Reibungsprozessen mehr, aus denen sich sprachspielerische Funken schlagen ließen. Dann herrscht die schiere Konventionalität. Wo aber die Dichterin die Wörter aus ihren nationalsprachlichen Verankerungen löst und sie in ihr poetisches Zwischenreich der vokabulären Unruhe entführt, in dem staunenswerte poetische Metamorphosen stattfinden, da präsentiert sie sich als Autorin von europäischem Rang. Nomadisierend in ihrem sorbischen Wortall, bewegt sich die Domascyna dann „quer durch die ganze grammatik“ um immer wieder aus unseren blinden Sprachroutinen und Kommunikations-Begrenzungen auszubrechen:

ich soll mit demut das wort salschik sprechen?!
mein inventar wird das genüg dir brechen
.

Michael Braun, der Freitag, 23.3.2001
Fakten und Vermutungen zur Autorin + Interview
Porträtgalerie
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Roža Domašcyna

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