Rudolf Bussmann: Zu Uwe Kolbes Gedicht „Seit halb fünf“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Uwe Kolbes Gedicht „Seit halb fünf“ aus dem Lyrikband Uwe Kolbe: Lietzenlieder. −

 

 

 

 

UWE KOLBE

Seit halb fünf

Seit halb fünf in der Frühe wach,
nah an der Wintersonnenwende.

War es die viel gewohnte Amsel
oder doch wieder jener Vogel,

der in dem Hof, zu dem hinaus wir
wohnen, leben üben, sein Geräusch

aufführte, das unbekannte, stets
unsichtbar und unerkannt und fremd?

Seit halb fünf in der Frühe wach,
nah diesem Unbekannten, fremd.

 

Wochengedicht #69: Uwe Kolbe

Ein Vogel ist es, der den Erwachenden frühmorgens irritiert. Die Störung weckt in ihm die Frage, um welchen Vogel es sich eigentlich handle, die Frage aber wächst sich mehr und mehr zu einem Rätsel aus. Es ist nicht von Gesang die Rede, vielmehr von einem „Geräusch“, welches das Tier „aufführte“ – ein Haustier, dessen Flügelbewegungen, dessen Federrauschen zu hören sind? Zwei Dinge scheinen den Erzähler besonders umzutreiben: zum einen das Unvertraute des Geräuschs, für das er die schon fast beschwörende Wortreihe unbekannt – unsichtbar – unerkannt – fremd findet. Zum andern die für ihn offenbar allzu frühe Tageszeit, zu der er aus dem Schlaf geweckt wird; „seit halb fünf“ kommt dreimal vor, einmal davon im Titel. Ein Gefühl des Ungewohnten, Unbehaglichen, Undurchschaubaren schwingt in seinen Worten mit, ein Gefühl, das ganz dem Vogel gilt.
Ganz dem Vogel? Es gibt eine Stelle, die nicht zu der Geschichte vom Geräusch und vom Aufwachen gehört. Sie steht im Zweizeiler in der Mitte des Textes. Dort wird die Umgebung beschrieben, der Hof „zu dem hinaus wir / wohnen, leben üben“. Was suchen diese letzten beiden Worte in einem Zusammenhang, der von einem unerforschlichen Geräusch berichtet? „leben üben“ ist im Ablauf des Gedichts auf ähnliche Weise ungewöhnlich wie das Geräusch im Hof. Findet der Erzähler im Grund weniger das Vogelgeflatter befremdlich als vielmehr das Leben? Stört ihn frühmorgens der Vogel so leicht auf, weil die Unruhe in ihm steckt?

Wem fremd? Wo fremd?
Das letzte Wort des Gedichts heisst „fremd“. Das flüchtige Lesen bezieht es auf den Vogel, beim genaueren Hinsehen stellt es sich jedoch als Eigenschaft des sprechenden Ichs heraus. Seit halb fünf ist das Ich wach, schon ebenso lange ist es fremd – der allzu frühe Zeitpunkt des Erwachens bezeichnet auch die allzu lange Zeit des Fremdseins. Als Attribut verlangt „fremd“ nach einer Ergänzung. Wem ist das Ich fremd, sich selber? Wo ist es fremd? In der Wohnung, die zum Hof hinaus geht? Der Sprechende bleibt die zu erwartende Ergänzung schuldig, es klingt, als würde er abrupt verstummen. Gleichzeitig wächst ihm der Vogel zu menschenähnlicher Grösse an, er muss die Nähe dieses „Unbekannten“ aushalten. Das klingt nach Bedrängnis, nach Bedrohtsein.
Die Formulierung „nah diesem Unbekannten“ erinnert an die sprachliche Struktur der Zeitangabe zu Beginn des Gedichts. „nah an der Wintersonnenwende“ heisst es dort, und mitzulesen ist sinngemäss: bald werden die Tage länger, wird es heller. Dieser Subtext überträgt sich auf die letzte Gedichtzeile; „nah diesem Unbekannten“ lässt so neben dem Unbehaglichen und Fremden auch die Möglichkeit einer Wende aufscheinen.

Rudolf Bussmann, TagesWoche, 5.8.2013

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