Rudolf Leonhard: Poesiealbum 46

Leonhard/Linger-Poesiealbum 46

ÜBERLEBEN

Kein Mal, kein Mausoleum, keine Urne,
ein flaches Grab vielleicht, ein Windwehn, Staub
darin, verfaulter Staub, was doch so sehr geblüht,
so sehr geglüht hat.

Vielleicht, in sieben Jahren längstens, wird
noch mal wer sagen: „Ja, der Leonhard –
was ist wohl aus dem Leonhard geworden?
Woran, wann ist der eigentlich gestorben?“
Und nichts mehr dann.
Aber wenn ihr wann einen neuen Plan macht,
wenn ihr liebt in der rauschenden Sternennacht,
in euern Reden, in euerm Lied,
wenn ihr stark durch die Straßen zieht,
in Tränen, Gelächtern und im Schrei,

ohne, ganz ohne daß ihr es wißt,
immer ist
etwas von mir dabei.

 

 

 

Rudolf Leonhard

Der Dichter Rudolf Leonhard (1889 bis 1953), der sich als einer der ersten deutschen Schriftsteller dem Medium Rundfunk widmete und seit 1927 eine Reihe von Hörspielen schrieb, hat neben Aufsätzen und Erzählungen ein umfangreiches lyrisches Werk hinterlassen. In mehr als fünfzehn Gedichtbänden wird eine Biografie in Versen entfaltet, die ein halbes Jahrhundert deutscher und europäischer Geschichte spiegelt. Leonhards Gedichte sind lebendige Gebilde, entstanden aus Empörung und Leidenschaft, aus Melancholie und Verzweiflung: Zeugnisse von hohem poetischem Rang und zugleich der Lebensnachweis eines aufrechten Mannes; der mit allen seinen Fasern am Unheil und am Glück teilnahm.

Aus László Nagy: Poesiealbum 45, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1971

Kurvenreiche Gedichte,

oft auf eine Weise notiert, als könnte sich im nächsten Moment die Hand schmerzhaft verkrampfen, dann wieder so, als sei sie allzu leichten Nachdrucks und wie fliegend – : Anders als Weinert, der sein Dichterleben verbrauchte für eine sozialistische Zeitchronik, schrieb Leonhard fast manisch die Chronik eines sozialistischen Dichterlebens zwischen Selbstbesinnung und Aufruf, Ich und Wir.

Adolf Endler, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1971

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt
Fakten und Vermutungen zum Autor
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