Rüdiger Görner: Zu Evelyn Schlags Gedicht „Dressurakt“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Evelyn Schlags Gedicht „Dressurakt“ aus dem Band Evelyn Schlag: Der Schnabelberg. –

 

 

 

 

EVELYN SCHLAG

Dressurakt

Ich hab meine Sehnsucht gezähmt
du kannst sie besuchen bürsten
gegen den Strich schöner sich
gleich legender Widerstand sie
scharrt sie frißt dir aus der
hohlen Hand sie geht wenn du ihr
einen Namen gibst mit dir durch

 

Der widerspenstigen Sprache Zähmung

Das Dressieren genießt unter wahren Naturfreunden einen eher zweifelhaften Ruf. Die Dressur wirkt oft wie eine bedenkliche Steigerungsform der Domestizierung; denn durch sie werden abgezirkelte, der animalischen Wildheit konträr entgegengesetzte Bewegungen und Verhaltensweisen zum bestaunbaren Ereignis: Der Mensch zwingt das Tier unter sein Reglement und nennt das verbrämend ,hohe Schule‘; seine Vernunft scheint sich den tierischen Instinkt zu unterwerfen. Man könnte aber auch sagen, dass sich im Dressurakt mit seiner zur Schau gestellten Widernatürlichkeit die vermeintliche Überlegenheit des Menschen über die Kreatur selbst karikiere.
Was aber sollen wir davon halten, wenn die Sehnsucht, also eine der tiefsten menschlichen Regungen, zum Gegenstand eines Dressuraktes erklärt wird? In Evelyn Schlags Gedicht verwandelt sich die Sehnsucht durch ihre Bezähmung in ein pferdgleiches Wesen, das gepflegt werden will, gestriegelt und gefüttert. Doch anders als bei der landläufigen Dressur gibt die Benennung dieser dressierten Kreatur das Zeichen zur Rückverwandlung in das, was sie ursprünglich gewesen ist: ein wildes Wesen. Ganz ungesattelt geht dieses ,Pferd Sehnsucht‘ mit dem Du durch, vielleicht so wie in Kafkas kleiner Parabel, die von der Sehnsucht handelt ,Indianer zu werden‘: Ein Ritt ins Endlose über zitterndem Boden, ohne Sporen und Zügel, „das Land vor sich als glatt gemähte Heide“, aber – und hier wird der Sehnsuchtsritt zur Mahr – „schon ohne Pferdehals und Pferdekopf“. Schlag betont dagegen den Übergang vom Dressurakt zum Akt der Namensgebung, zur Benennung der Sehnsucht, zum Aussprechen dessen, was man für sich und seine Sehnsucht ersehnt.
Immer sind es die kleinen Gesten in der oft aus großen Zyklen bestehenden Lyrik der Evelyn Schlag, die entscheidende Gefühlswendungen signalisieren, oft auch unverhoffte Fragen („Bist du grammatisch?“), ungewohnte Vorstellungen („die Umarmung des Gehsteigs“) und tiefe Ängste artikuliert („sprachlos vor Sprache / wird diese Liebe einmal sein“). Es ist eine Poesie der Nuancen („ich möchte sehen wie du / Meinen Namen schreibst – das L / In Laura ob es eckig ist oder rund“) und potentiellen Wahrnehmungen („Ich wartete darauf daß du die Leere / In deinem Rücken spüren würdest / Den Verlust meiner Schritte“).
So wie in unserem Gedicht eine unvermittelte Namensgebung den versuchten ,Dressurakt‘ unterläuft und den Weg freigibt für die Entfaltung der Eigendynamik des Benannten und des Namens selbst, untergräbt in Evelyn Schlags stark von anglo-amerikanischen Einflüssen geprägten Gedichten oft der elegische Ton das Hoffen auf die ganz andere, alles wandelnde Erfahrung. Wie diese Sehnsucht letztendlich heißt, bleibt offen, vermutlich nicht „die törichte Sehnsucht des Herzens“, an der Saul Bellow seinen Herzog leiden ließ. Vier bedeutende Gedichtbände liegen von Schlag vor, die seit Jahren auch als wichtige Prosaautorin hervorgetreten ist (Ortswechsel des Herzens, 1989; Der Schnabelberg, 1992; Das Talent meiner Frau, 1999; Brauchst du den Schlaf dieser Nacht, 2002) nebst kongenialen Übertragungen der Elegien von Douglas Dunn. Es sind größtenteils interpunktionslose Gedichte. Allenfalls gönnt sie ihren Worten einen Gedankenstrich, einen Doppelpunkt, verlässt sich aber im Wesentlichen allein auf die Energie und innere Rhythmik der Lautkonstellationen, das Verlangsamende („Sehnsucht gezähmt“) und Beschleunigende in ihnen. Nicht selten geschieht es, dass eine bestimmte Lautsequenz einen Umschwung in ihren Gedichten andeutet. In Dressurakt ist es das Wort Scharren, das eine latente Unruhe andeutet und damit indirekt das befreiende „Durchgehen“ des Pferdes Sehnsucht vorbereitet. Zuvor verstärkten Worte wie „besuchen“, „bürsten“, „schöner sich / gleich legender Widerstand“ das Beruhigende und scheinbar Erfolgreiche des Zähmungsprozesses.
Schlags Dressurakt stellt des Weiteren die Frage, ob nicht auch Gedichte mit dem ihnen eigenen Formreiz eine Art Zähmung des zunächst widerspenstigen Sprachmaterials darstellten, wobei die gewichtigsten Worte eines Gedichts nur darauf warten, dass dessen Ich mit ihnen durchbrenne.

Rüdiger Görner, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie, Achtundzwanzigster Band, Insel Verlag, 2005

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