Rüdiger Görner: Zu Gertrud Kolmars Gedicht „An der Grenze“

Im Kern

Im Kern

– Zu Gertrud Kolmars Gedicht „An der Grenze“ aus Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk. –

 

 

 

 

GERTRUD KOLMAR

An der Grenze

An der Grenze grüßt ein Haus.
Wandrers Zuflucht, stammgezimmert,
Schirmt’s vorm Strahl, der ficht und flimmert,
Wehrt dem Herbstwind, der’s umwimmert.
Oftmals späht ich von ihm aus
Nach der Grenze.

An die Grenze kroch der Schmerz,
Lag im Busch als bunte Steine;
Fand ich einen, ward’s der meine.
Schrittweis kehr ich heim und weine,
Und mir blieb mein müdes Herz
An der Grenze.

Auf die Grenze fällt bald Schnee,
Stäubt und schlägt: Ein Weg erblindet,
Der durch Tann sich aufwärts windet.
Ob zurück ins Tal er findet?
Eins nur weiß ich wohl: ich steh
An der Grenze.

 

Schmerz und Steine und Schnee

Sie spürte früh, daß sie „immer die Andere war, nie die Eine“. Nur ihren Tieren und Worten konnte sie vertrauen, sie, die Fremde im eigenen Land, die sich schon ausgegrenzt fühlte, als ihr Vater, der erfolgreiche Anwalt Ludwig Chodziesner, noch in den höchsten Kreisen des wilhelminischen Deutschlands verkehrte. Er glaubte an den Geist des Bürgerlichen Gesetzbuches, seine Tochter an Theodor Herzls Judenstaat.
Das Gedicht „An der Grenze“ gehört zu Gertrud Kolmars zwischen 1918 und 1922 entstandenen, zu ihren Lebzeiten nicht veröffentlichten „Frühen Zyklen“; aus ihnen sprechen düstere Ahnungen, „zagendes Verlangen“ und unaufhebbare Gegensätze:

Grenzenlos das Sehnen, doch das Sein begrenzt.

Das Ich dieser Gedichte geht den „Grenzpfad“ entlang in der vergeblichen Hoffnung, in eine andere Welt übertreten zu können. Es sehnt sich nach Prag, Wien und Neapel, muß sich letztlich aber damit begnügen, daß seine Zeit im Streusand der Mark Brandenburg zerrinnt.
Von welcher Grenze ist nun die Rede in diesem Gedicht? Von der Bewußtseinsgrenze, der Grenze zum Schweigen oder, schlichter, von einer Landesgrenze? Das Gedicht beginnt mit einer scheinbar romantischen Szene. Sie könnte der „Winterreise“ entnommen sein: Ein Wanderer sucht Schutz; das Haus verheißt Geborgenheit. Und doch lockt das Draußen, der Blick auf die Grenze. Sie ist eine ständige Versuchung: Wer sie gesehen hat, will sie überschreiten. Doch diesem Wanderer ist es nicht gegeben, die Grenze zu überwinden; vielmehr wird er zum Grenzgänger, die Grenze zu seinem Schicksal.
Den Wanderer lockt sogar der Schmerz entlang der Grenze. In Form von „bunten Steinen“ wirkt er kostbar. Doch wer sich dazu verleiten läßt, diese Steine aufzuheben, dem werden sie unterderhand zum Verhängnis. Das Kostbarste jedoch, das „müde Herz“, erliegt dem leidvollen Zauber der Grenze; ihre Magie rührt daher, daß sich auf ihr Diesseits und Jenseits begegnen, die problematische Lebenswirklichkeit und die Hoffnung auf eine andere Welt.
In Gertrud Kolmars Gedicht gleichen die Empfindungen des Wanderers Grenzwerten; denn genau bestimmbar sind sie nicht. Der Wanderer weiß nicht, warum er „weint“. Die letzte Strophe zitiert nur noch Anklänge an einstige Naturromantik: Die verschneite Grenze täuscht vor, daß sie sich nun leichter überwinden lasse. Die geographischen Verhältnisse werden unscharf, die Wege funktionslos. Ihre Richtungen sind auf der Strecke geblieben. Dieser Wanderer kann nicht länger zwischen Weg und Ziel unterscheiden. Am Ende der dritten Strophe steht fest, daß er mit der Grenze wird leben müssen, ohne Aussicht darauf, sie hinter sich lassen zu können. Mithin ist nicht mehr eine bloße Landesgrenze gemeint, sondern die Grenze seiner Möglichkeiten.
Auffällig ist der Aufbau dieses Gedichts: Seine Strophen werden vom refrainartig gebrauchten Hauptmotiv buchstäblich umgrenzt. Die streng durchgehaltene parallele Reimstruktur und der bis zum Litaneihaften gleichtaktige Rhythmus bewirken, daß man bei wiederholtem Lesen glaubt, selbst an diese ,Grenze‘ zu stoßen. Was ahnte die junge Gertrud Kolmar, als sie dieses Gedicht schrieb? War ihr „Wanderer“ jüdisch-deutsch wie sie, von den Antisemiten vor und nach der November-Revolution 1918 an den Rand der Gesellschaft gedrängt, in seiner Existenz bedroht, um schließlich (wie sie selbst 1943 und vor ihr der greise Vater) über die Grenze in die Vernichtungslager deportiert zu werden?
Oder war ihr Gedicht anders gemeint? Hatte sie an die Grenze zwischen dem Ich und Du gedacht? Spiegelte es ihre Not, den eigenen Kreis nicht durchbrechen zu können – hin zum Anderen, zum Geliebten? Versuchte sie sich zu entgrenzen, indem sie so betont über die Grenze schrieb? Gewiß ist dies: Was Gertrud Kolmar in ihrer kunstvollen, weil einfachen, unverbraucht wirkenden Sprache als Grenze bezeichnete und erfuhr, muß uns heute, gerade im Wissen um ihr Leiden, eine Brücke werden.

Rüdiger Görner, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Achtzehnter Band, Insel Verlag, 1995

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.