Ruth Klüger: Zu Else Lasker-Schülers Gedicht „Mein blaues Klavier“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Else Lasker-Schülers Gedicht „Mein blaues Klavier“ aus Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Band I: Gedichte. –

 

 

 

 

ELSE LASKER-SCHÜLER

Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielen Sternenhände vier
– Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatur…
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür –
Auch wider dem Verbote.

 

Die drei Türen der Verbannung

Von den drei Türen, die alle nachdrücklich als Reimworte am Ende ihres jeweiligen Verses stehen, führt die eine nach unten in den Keller, die zweite nach oben in den Himmel, und die dritte, die „Klaviatür“ in der Mitte zwischen den beiden anderen, führt direkt in das geplagte Hier und Jetzt der Sprecherin, die nicht weiß, wohin mit ihrem Leben. Der verspielte Neologismus weist auf Traum und Kindheit als Quelle dieser Bilder.
„Mein blaues Klavier“ entstand noch vor 1936 in der Schweiz, dem ersten Exil der Dichterin, und wurde 1937 in der Pariser Tageszeitung, einer Zeitung der deutschen Exilanten, veröffentlicht. Es ist also ein Exilgedicht, kein Kriegs- und schon gar nicht ein Holocaustgedicht. In Buchform erschien es 1943 in Jerusalem, der Stadt, wo Else Lasker-Schüler zwei Jahre später, vor Kriegsende starb. Zu Hause war sie auch dort nicht gewesen – sie war im Exil, nicht in der Emigration. Zu Hause – das war ein Ort, wo ein blaues Klavier stand.
Warum blau? In den Bereich des Blauen gehören der Himmel, der Frühling, die Blume der Romantik und Lasker-Schülers alter Freund Franz Marc vom Blauen Reiter. Klaviere hingegen gehören mit Sicherheit nicht dahin, denn die sind meist schwarz – zumindest die für Erwachsene. Doch in Else Lasker-Schülers Zürcher Tagebuch steht:

Ich besitze alle meine Spielsachen von früher noch, auch mein blaues Puppenklavier.

Im Gedicht ist aus einer Kindheitserinnerung ein symbolisches Instrument für die Sternenhände von oben und Rattenfüße von unten geworden. Die Dichterin in der Mitte kennt keine Noten. Es ist also nicht die eigene Kunst, um die es geht, denn diese Kunst beherrscht sie ja. Das Gedicht betrauert einen Verlust, der über das Persönliche hinausreicht, doch findet diese Trauerarbeit in so subjektiver Weise statt, daß es wie die Klage eines mißhandelten Kindes klingt. Wir lächeln über die „Klaviatür“; und die Mondfrau im Boote entspringt dem Märchen oder ist eine Maske der Autorin, die gerne die Mondsichel in ihre Schriften zeichnete. In der ersten Version war die Mondfrau übrigens ein Mondkind. Kindlich ist es auch, einen zerbrochenen Gegenstand zu vermenschlichen und als „blaue Tote“ zu beweinen.
Über diesem kindlichen Jammer hängt die große Katastrophe der „verrohten Welt“. Aus dieser möchte der verzweifelnde und geschrumpfte Mensch entfliehen, und wohin denn sonst als in den Himmel? „Mein blaues Klavier“ ist jedoch kein Selbstmordgedicht: Die Sprecherin fleht die Engel unvernünftigerweise an, ihr schon lebend die Himmelspforte zu öffnen. Sie weist sich aus mit dem „bitteren Brote“, von dem sie gegessen haben will: Vielleicht ist es vom selben Brotlaib geschnitten wie das „Brot mit Tränen“, durch das Goethes Harfner „die himmlischen Machte“ kennenlernte.
Das Wort „Verbot“, mit dem das Gedicht ausklingt, macht stutzen. Die Flüchtlinge kannten die verschlossenen Türen der Landesgrenzen nur zu gut. Hier soll nun ein allerhöchstes und unumstößliches Einreiseverbot aufgehoben werden. Handelt es sich um eine letzte Steigerung solcher irdischen Verbote? Auch fürs Himmelreich gelten strikte Immigrationsgesetze, und die Bittstellerin bettelt umsonst.
Man zögert, ein Gedicht „groß“ zu nennen, das sich auf Schritt und Tritt zurücknimmt und mit kleiner, kläglicher Stimme spricht. Und doch ist „Mein blaues Klavier“ neben Brechts „An die Nachgeborenen“, das auch aus den dreißiger Jahren stammt, wohl das beredtste lyrische Zeugnis des Exils der Nazizeit. Wo Brecht so stark und männlich auf das Recht zu hassen und die Pflicht zu kämpfen pocht, beklagt Lasker-Schüler eine untergegangene Kultur in der idiosynkratischen Sprache der Einsamen, mit der ihr eigentümlichen Verknüpfung von Exaltation und Humor, von Phantasie und distanzierender Selbstdarstellung. Wo Brecht, am Rednerpult der Öffentlichkeit, das vielfache Elend auf den einen Nenner des Widerstands bringt, veranschaulicht es Lasker-Schüler, indem sie es uns im Maskentheater des privaten Leidens vorspielt.

Ruth Klügeraus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Einundzwanzigster Band, Insel Verlag, 1998

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