UNMERKLICH TANZT DIE ZEIT
Im Garten reift errötend
die Orange, unmerklich tanzt
auf ihrer Haut die Zeit,
es bricht das Mühlenrad,
wenn der Fluß steigt,
doch kreist es weiter,
und knüpft eine Minute
an die vergangene Minute,
oder die künftige. Die Zeit
wirkt anders hier auf dem Scheitel der Frucht,
ohnmächtig gleitet sie von todgeweihtem Leib,
umschließt mit festem Griff den Geist
und schreibt
einen Lebensbeweis.
Übersetzt von Thea Mayer
Das poetische Schicksal des Italieners Salvatore Quasimodo hat etwas Exemplarisches. Wie seine großen Dichterkollegen Ungaretti und Montale von der „reinen Poesie“ kommend, trat er aus der Einsamkeit heraus, ohne jedoch den Boden seiner ureigensten Thematik – der Isolierung des Menschen in einer ihm feindlichen Gesellschaft, des Schmerzes und des Todes – zu verlassen. Sein Werk ist in Inhalt und Sprache modern, und doch greift es ständig auf die traditionellen Quellen der italienischen Kultur, auf das Christentum und die Antike, zurück. Seine anspruchsvollen, manchmal schwer verständlichen Verse, die eine Fülle von Fragen aufwerfen und nur indirekt eine Antwort geben, sind heute Allgemeingut breiter italienischer Volksschichten.
Salvatore Quasimodo, Nobelpreisträger 1959, wurde am 20. August 1901 auf Sizilien geboren. Nach Abschluß technischer Studien führte ihn seine Tätigkeit im Bauwesen in die verschiedenen Gegenden Italiens. Bereits in jungen Jahren interessierte er sich für die Dichtkunst. Er schrieb Verse über die Liebe, die Einsamkeit, den Tod, er besang die herbe Schönheit der heimatlichen Insel.
Als die ersten Gedichtbände erschienen (Acque et Terre – Gewässer und Länder, 1930; Oboe sommerso – Versunkene Oboe, 1932; Erate ed Appollion Erato und Apollon, 1936), fanden sie nur wenig Widerhall. Seine Leser waren meist Literaturkritiker, die in Quasimodo einen Ausläufer – der europäischen Dekadenz sahen. Sie schätzten den Autor jedoch sehr einseitig ein. Sie waren sich nicht bewußt, daß die karge Sprache, die fast abstrakten Formulierungen, der Verzicht auf die alteingesessenen Topoi, kurz alles, was man später zum Spezifikum der „hermetischen Dichtung“ rechnete, eine durchaus gesunde Reaktion auf den bombastischen Stil der italienischen Faschisten waren und darüber hinaus eine Absage an die dem Volk immer unverständlicher gewordene Literatursprache.
Wie viele seiner Zeitgenossen, sah Quasimodo in der Übersetzung von Werken der Weltliteratur eine Möglichkeit, aus der Enge der faschistischen Kultur auszubrechen. Mit der Übertragung griechischer Lyrik (Lirici Greci, 1940) fühlte er sich in seiner Berufung als Schriftsteller bestätigt, festigte seinen eigenen Stil und fand Zugang zu einem breiteren Publikum. In den Jahren der härtesten faschistischen Tyrannei erkannte die junge Generation in diesem stillen, oft auch bitter ironischen Sizilianer ihren Dichter. Auszüge aus den Lyrikübersetzungen, Verse Quasimodos (besonders aus Ed è subito sera – Und schon ist es Abend, 1940), von avantgardistischen Zeitschriften abgedruckt, gingen damals von Mund zu Mund, wurden von politischen Häftlingen an die Wände ihrer Gefängniszellen geschrieben, und sie nahmen schon vorweg, was erst in den später veröffentlichten Widerstandsgedichten (Giorno dopo giorno – Tag um Tag, 1946; La Vita non è sogno – Das Leben ist kein Traum, 1949) eindeutig zum Ausdruck kam.
Nicht zufällig wurden in unsere Auswahl viele Gedichte aus der Resistenza-Zeit einbezogen. Sie gehören zu den schönsten, inhaltsreichsten des Dichters. Es sind vielleicht auch die verständlichsten, denn mit dem neuen Inhalt, dem Befreiungskampf Italiens von äußeren und inneren Feinden, gewinnt Quasimodo eine neue Qualität, größere Klarheit und Treffsicherheit. Die humanistische Aussage, die das Gesamtwerk, besonders aber die jüngsten Verse (Il falso e vero verde – Das falsche und wahre Grün, 1961; La Terra impa reggiabile – Die unvergleichliche Erde, 1958; Dare e avere – Soll und Haben, 1966), wie einen roten Raden durchzieht, wird durch den lebendigen Kontakt mit dem Schicksal des italienischen Volkes noch bekräftigt. Es wäre allerdings verfehlt, wollte man hier von politischer Poesie in einem agitatorischen Sinne sprechen. Salvatore Quasimodo ist seiner poetischen Geographie, seinen individuell-menschlichen Motiven treu geblieben. In allen Gedichten kehrt die Landschaft Siziliens, die klassische Vergangenheit und die harte Gegenwart ihrer Männer und Frauen wieder, die auch im größten Elend ihren Schönheitssinn bewahren. Zwar schwingen selbst in seinen optimistischsten Versen noch persönlicher Schmerz, Bitterkeit und Todesahnung mit, doch Sizilien wird zum Symbol ganz Italiens, und der persönliche Leidensweg steht für das tragische Schicksal eines ganzen Volkes. Quasimodo hat „die Dichtkunst nie um ihrer selbst willen“ betrieben – wie es in der Begründung für den Nobelpreis heißt −, sondern sie immer in den Dienst der Erneuerung des Menschen gestellt. Salvatore Quasimodo, der heute als Literaturprofessor an der Mailänder Musikhochschule beschäftigt ist, erwarb sich besondere Verdienste bei der Übertragung von klassischen Werken und modernen Versen in seine Muttersprache. Er übersetzte das Johannesevangelium, Catull, Äschylus, Ovid und Shakespeare, aber auch Gedichte von Shelley, Petöfi, Mickiewicz, Neruda und anderen. Er beteiligt sich an internationalen Gesprächen über Dichtkunst und wird von den Jurys der großen italienischen Literaturpreise oft als Sachverständiger hinzugezogen.
Das erste Anliegen des großen Italieners bleibt es jedoch, Gedichte zu schreiben. Denn eben mit seinen Versen, so sagt er, trägt er mit dazu bei, „die Welt zu verändern, dringt doch die Poesie, mit ihren starken, vom Künstler geschaffenen Bildern unmittelbarer in das menschliche Herz ein, als es Philosophie und Geschichte vermögen“.
Thea Mayer, Nachwort
hat „die Dichtkunst nie um ihrer selbst willen“ betrieben – wie es in der Begründung für den Nobelpreis heißt, den er 1959 verliehen bekam −, sondern immer in den Dienst der Erneuerung des Menschen gestellt. In einem unerbittlichen poetischen Dialog findet Salvatore Quasimodo den Weg zu den Menschen und den Realitäten seiner Zeit. Stammen Bilder und Symbole meist aus der Antike oder dem Christentum, so sind Sprache und Aussage der Verse eher modern. Wohl sind Landschaft, Natur, Einsamkeit, Liebe, Schmerz und Tod die Hauptmotive aller Dichtungen des Sizilianers. Die Einsamkeit wird jedoch nicht gesucht, der Schmerz nicht stumm erduldet, der Tod nicht hingenommen. Der Dichter geht den Problemen nicht aus dem Weg, er stellt sich selbst und den anderen unablässig Fragen, er klagt an und lehnt sich auf. Seine Gedichte sind anspruchsvoll und vielleicht nicht immer auf den ersten Blick verständlich. Sie sind aber von großer poetischer Wirksamkeit, sie künden von der Würde des Menschen, von der Schönheit der Welt und der Notwendigkeit, das Leben zu bewahren.
Der 1901 geborene italienische Lyriker erwarb sich außerdem besondere Verdienste bei der Übertragung von klassischen Werken der Antike und modernen Versen in seine Muttersprache. Er ist heute als Literaturprofessor in Mailand tätig.
Verlag Volk und Welt, Begleitzettel, 1967
1
Ein Gedicht ist ein verknapptes Gebilde aus Sprache, dem das Ungesichelte, das Frag-Würdige allein als gesichert gilt. Jedes Gedicht verhandelt sein geistesgegenwärtiges „mir schien“, ist gewissermaßen Zeugenaussage, und somit vage – ein nichtlineares Produkt. Das Gedicht wäre also zunächst Beobachtung eines Ohrenzeugen? Aussage eines Augenzeugen? Eines Mitsehers und Mithörers von Welt? Es handelt sich um nichts weniger als um einen konzeptuellen, formatmäßig kleinen Erinnerungsmacher. Das Wahrnehmungsinstrument Gedicht scheint ein hochkomplex-sinnliches, intelligentes, abstrahlendes Sprachding zur Vergegenwärtigung zu sein; ein nicht kaputtzukriegender anthropogener Tast-Apparat.
Ich las und übersetzte ein Gedicht des 20. Jahrhunderts aus dem Italienischen. Salvatore Quasimodo hat es geschrieben. Es heißt „I morti“.
Die Toten / I morti
Mir schien, daß sich auftaten stimmen,
daß lippen nach wasser begehrten,
daß hände zum himmel sich reckten.
Was für himmel! Weißer als die toten
Die leise mich immer wecken;
Mit nackten füßen schaffen sie’s nicht weit.
Gazellen soffen aus den quellen;
durchsuchte wind die wacholder,
und zweige erhoben die sterne?
Durstmetaphern
Eingangs begegnen wir einem Gesicht, das aus „stimmen“ und „lippen“ – nicht aber aus Augen oder den anderen bekannten Wahrnehmungsorganen sich zusammensetzt; wir bekommen eigentlich halbe Gesichter zu sehen. Was für Gesichter treten in Erscheinung? Der Titel sagt es, wir haben es mit „den Toten“ zu tun. Aber: „In principio erat verbum“, am Anfang war das unverständliche Wort – die Sound-Erscheinung; steht / war schon das Erscheinen von Klängen, steht eine Vision aus Stimmenüberlagerung (Fading), steht nicht allein ein Wort – sind viele Worte, die ein unhörbares Wort – WASSER – bilden, zu hören. Das unhörbare Wort hat der Dichter nicht in sein Gedicht geschrieben. Er möchte, daß es mit-gehört wird. Und es ist für den Sprechenden nicht einmal sicher, daß er da „stimmen“ hört, die über „lippen“ kommen; unterscheiden kann (oder will) das Dichter-Gehör die Toten jedenfalls nicht. Handelt es sich um Vor-Worte, Prälingualität oder, hier, Postlingualität?
Dann erst sieht man die Toten-Geste; sie recken ihre Hände in die Höhe, „zum himmel“. So bleibt vieles im Ungewissen: „Mir schien, mir schien, mir schien!“ So viel ist gewiß: die Toten dürstet und sie verlangen „nach Wasser“, nach Erquickung, denn sie befinden sich, nach römisch-katholischer Doktrin, im Fegefeuer, einem Zwischenort, Zwischenablage, Durchgangsstadium; dort aber stecken eigentlich: die Armen Seelen. Von denen hier bei Quasimodo nicht die Rede ist. Es wird also ein im katholischen Raum – der Dichter ist Südsüd-Italiener, er stammt aus dem Süden Siziliens – bekannter Topos durch dieses Bild der dürstenden Toten aufgerufen. Lukas 16, 22ff erzählt die Geschichte vom gestorbenen Lazarus und dem in der Verdammnis gelandeten Reichen, der erquickt werden möchte. Der Reiche „rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner, und sende Lazarum, daß er das Äußerste seines Fingers ins Wasser tauche, und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme.“ Die Kunstgeschichte kennt ebenfalls die aus züngelnd gereckten Flammenfarben um Erquickung Flehenden, ein barockes Abschreckungsbild sondersgleichen und Anlaß für die Künstler zu ausdrucksvollen Gesichtsstudien, zumal wenn es in 3-D, geschnitzt, und 1:1 erscheint. Und durch den Einsatz der Laterna magica, ab dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts, an Eindrücklichkeit noch vervollkommnet wird.
Dies sieht des weiteren der beobachtende Zeuge:
ein Zum-Himmel-Recken-der-Hände – die Evokationsgeste, die Bitte um Erbarmen, ein Herabflehen göttlicher Hilfe, könnte es das sein? Dieser Himmel ist ein Hitzehimmel, nicht blau – weiß; und mehr noch: „weißer als die toten“ – weiß etwa wie Totenknochen, unbegraben, an der Sonne gedorrt, präpariert von ihrer Hitze. Meine Assoziation, angeregt durch Erinnerung, bewegt sich dem Totenmuseum der Kapuziner-Katakomben in Palermo entgegen, wo hunderte von eingekleideten Verstorbenen, davon viele stehend, zu sehen sind. Nein, das kommt nicht hin, denn diese sind mumifiziert, nicht „weiß“, dort sind verschossene Farben und eben keine vom Fleisch entkleidete Skelette zu sehen. Die leise Erinnerung des Quasimodo-Ich gilt anderen Toten, von denen es (nachts? das wird so nicht gesagt) „immer“, also in Permanenz, gewöhnlicherweise, geweckt wird. Auch dies eher im katholischen Glauben verankert. Ein zu Anfang des 20. Jahrhunderts im ländlichen Sizilien Aufgewachsener, wie der Autor – er ist 1901 geboren – ist in einer Umgebung großgeworden, die genau dies geglaubt hat und mit den Bildern Quasimodos auf der Stelle etwas verbinden konnte.
Ich erinnere mich an Ascona, an die weitläufige Casa S. Carlo, wo die beiden alten, sehr katholischen Schwestern Gästezimmer vermieteten, obwohl sie es nicht nötig gehabt hätten, und zuletzt überhaupt nur noch an uns vermieteten, jedes Ostern, aus beiderseitiger Anhänglichkeit gewissermaßen. Diese beiden alten Frauen, an denen ich sehr hing, hielten eine Zeitschrift, die ausschließlich den „Armen Seelen“ und dem Verkehr mit ihnen gewidmet war. Sie enthielt Erlebnisberichte mit den Verstorbenen, und lag gestapelt auf einem Tisch aus, an dem niemals jemand saß. Ich glaube sogar mich zu erinnern, daß diese Zeitschrift Das Fegefeuer geheißen hat. Auf jeden Fall eines der gruseligsten Blätter überhaupt, die ich in die Hände bekommen habe. Sie könnte in Einsiedeln herausgegeben worden sein, wo ein Bruder von Tante Elsie und Tante Gritli, Pater Gregor, dort im Kloster bei den Benediktinern war. Die Großeltern sahen es nicht gern, wenn ich in dem kleinformatigen Blatt las, was ich gierig tat, war doch in der Fegfeuer-Zeitschrift, als sei es das Gewöhnlichste von der Welt, häufig und in jeder Nummer die Rede von Verstorbenen, die des nachts durch die Zimmer der Hinterbliebenen gingen, die sie, die Armen Seelen, deutlich wahrnahmen, ihrer milchigen oder schattenhaften Erscheinungen gewahr wurden, gar kein Zweifel, das waren sie. Und die Berichtschreiber hörten vornehmlich die Schritte der Verstorbenen und beschrieben das, was sie gesehen und gehört hatten.
„Mit nackten Füßen schaffen sie’s nicht weit.“ Wer sind sie, die hier versuchen zu flüchten, und denen wegen ihrer Bloßfüßigkeit nur geringe Chancen zu entkommen eingeräumt werden? Was kann das heißen, wenn die bei den letzten Verse vom Durchsuchen und Erheben sprechen und überhaupt andere Bewegungen zu meinen scheinen, wie zuvor? Diese Metaphern sind der Natur entnommen, die Substantive – „wind“, „wacholder“, „zweige“, „sterne“ – sind gewöhnliche, traditionell zu nennende Gegenstände des Gedichts. Der Eindruck des Konventionellen ändert sich, wenn die unregelmäßigen Bewegungen der Windstöße, die durch Wacholderbäume oder -gestrüpp fahren, in die Nähe einer räuberischen oder möglicherweise polizeilichen Visitation (Slang: „Filzen“) geführt werden, wie in den als Frage formulierten Schlußzeilen; wenn, weitaus mutiger, irritierender, bebende Zweige Arme bedeuten können und die zitternden Lichter eines klaren Nachthimmels, die Sterne nämlich, gespreizte Menschenhände sein können, die sich auf Befehl („Hände hoch!“) zu heben haben. Es kommt auf den (filmisch-fotografischen) Blickwinkel des Gedichts an – schon finden sich die „zweige“ auf Himmelshöhe. Wenn, wie hier von Quasimodo, sozusagen die Froschperspektive gewählt wird.
An dieser Stelle möchte ich eine Übersetzungsmöglichkeit durchspielen, die dann auch etymologische Punkte berührt. Für den im Quasimodo-Gedicht pluralisch gebrauchten Wacholder, italienisch ginepri, habe ich im Deutschen, ausgestorbene Dialekte eingeschlossen, um die fünfundvierzig Möglichkeiten – und damit ist allein juniperus communis gemeint. Quasimodo benutzt das gemeinitalienische Wort Wacholder, möglich – und durchaus verständlich – wäre es, das alte niederdeutsche Wort zu nehmen, dann hieße es, klanglich auch schön:
Durchsuchte wind den machandel
Und sofort stellt sich der Bezug auf das Grimmsche Märchen vom Machandelboom ein, eines der wenigen schamanistischen Märchen im deutschen Sprachraum, und seiner geschwistermörderischen Knochen-Magie. Darüber hinaus… mit Reckolder, dem ins Althochdeutsche weisenden Wacholder-Wort, hätte ich zu den Hände-hoch-Szenen, zu der evokatorischen Gestik eine schöne Verbindung, etc.
Wacholder-Wurzeln: noch einmal zu den ginepri, zum juniperus, der sprachgeschichtlich überraschenderweise mit dem Wasser verbunden ist; die lateinische Grundbedeutung ist „binsenartige Schößlinge treibend“. Und ebenso, ethnologisch gesehen, mit dem Feuer, der Hitze identifiziert wird: der Wacholder, als apotropäische Pflanze, wurde zu Räucherungen verwandt; in die Antike zurück reicht der Glaube, daß die Glut seines Holzes, mit Asche bedeckt, sich ein Jahr lang halten soll.
Mit den „gazellen“, die in Herden lebend, in trockenen, heißen Gebieten zuhause sind, nicht aber in Europa, kommen Fremd-Körper, gleichsam Exoten, in das Gedicht. Diese Tiere, aus deren Leder in der Antike die Römer, die Gazellen züchteten, Luxus-Pergament gewannen, haben genug Wasser, sie laben sich (in paradiesischer Unschuld?) an der „quelle“. Quasimodo braucht sie und ihre beruhigende Versorgungslage, nach meiner Lesart, als krassen Gegensatz zu seinen durstgequälten, den „himmel“ berühren wollenden „toten“. Darüber hinaus gibt es Berührungspunkte bzw. Antinomien genug, ich erwähne die Trinkhaltung, eine zur wasserführenden Erde vornübergebeugte, der Tiere. Und mache auf eine natürlich nicht nur formale Auffälligkeit aufmerksam, indem ich feststelle, daß (dem italienischen Original entsprechend) die Zeile
Mit nackten füßen schaffen sie’s nicht weit
im Gegensatz zu ihrer inhaltlichen Aussage, welche einerseits die prekäre Rettungs- und Schutzlosigkeit der „toten“ betont, bzw. unterstellt („Mit nackten füßen“) und anderseits für das „leise“, wie stete Wecken und Wach(sam)halten des sogenannten lyrischen Ich verantwortlich istdaß dieser Vers von allen Versen am längsten hinausreicht, das Auge am weitesten hinaustreibt nach rechts, ins Weiße des Papiers.
2
Quasimodo fiel mir früh in die Hände, fast sicher über Friedrichs Struktur der modernen Lyrik, den berüchtigten Madigmacher der Moderne, wo er knapp genannt wird. Der Sizilianer, eine Schreibergeneration älter als Ungaretti (und zeitgleich Lorca), begleitete meine ersten Schritte in fremdsprachige Gedicht-Areale. Dann war ich im vergangenen Hochsommer in Zürich wegen den Trauerfeierlichkeiten für Andreas Züst und nahm wieder eine Quasimodo-Auswahl zur Hand, las „I morti“ wieder, war von neuem elektrisiert und verdolmetschte mir meine Version der „Toten“.
Quasimodo, der von seiner Herkunft aus dem seit Jahrtausenden mischkulturellen Sizilien gewissermaßen an der Quelle, Region Syrakus, aufgewachsen ist, hat sich auch als Mittler und Synchronsprecher antiker Dichtung betätigt. Als die Hochblüte der hermetischen Poesie vorbei war, in den vierziger Jahren, hat er, Kenner von griechischer und römischer Lyrik, einiges übersetzt: Catull und Studien zu Vergils Georgica.
Ein hübsches Logo – Poesia ermetica
Im vorliegenden Fall der mit den klassischen Naturelementen arbeitenden, und sie mit höchster Kunst verschränkenden „morti“ des Salvatore Quasimodo kommt Hermes als Psychopompos, also in der seriösen Funktion des imaginäre Strecken zurücklegenden Seelenbegleiters in Frage. Hermes, der Botenstoffe verteilt: ein geistesgegenwärtiger Grenzüberschreiter, nämlich zwischen Zeitgenossenschaft (Sprache) und Totenreich (Sprache), womit ich nurmehr als Schatten existierende, mortifizierte Poesie-Traditionen meine, die sich über eine naive (oder, schlimmer, sich naiv stellende) 1:1-Abbildung von Welt hinauszuwagen erlauben.
(…)
Thomas Kling, Akzente. Zeitschrift für Literatur, Heft 1, Februar 2001
Salvatore Quasimodo – Die Meister des 20. Jahrhunderts.