Salvatore Quasimodo: Unmerklich tanzt die Zeit

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Salvatore Quasimodo: Unmerklich tanzt die Zeit

Quasimodo/Picasso-Unmerklich tanzt die Zeit

UNMERKLICH TANZT DIE ZEIT

Im Garten reift errötend
die Orange, unmerklich tanzt
auf ihrer Haut die Zeit,
es bricht das Mühlenrad,
wenn der Fluß steigt,
doch kreist es weiter,
und knüpft eine Minute
an die vergangene Minute,
oder die künftige. Die Zeit
wirkt anders hier auf dem Scheitel der Frucht,
ohnmächtig gleitet sie von todgeweihtem Leib,
umschließt mit festem Griff den Geist
und schreibt
einen Lebensbeweis.

Übersetzt von Thea Mayer

 

 

Nachbemerkung

Das poetische Schicksal des Italieners Salvatore Quasimodo hat etwas Exemplarisches. Wie seine großen Dichterkollegen Ungaretti und Montale von der „reinen Poesie“ kommend, trat er aus der Einsamkeit heraus, ohne jedoch den Boden seiner ureigensten Thematik – der Isolierung des Menschen in einer ihm feindlichen Gesellschaft, des Schmerzes und des Todes – zu verlassen. Sein Werk ist in Inhalt und Sprache modern, und doch greift es ständig auf die traditionellen Quellen der italienischen Kultur, auf das Christentum und die Antike, zurück. Seine anspruchsvollen, manchmal schwer verständlichen Verse, die eine Fülle von Fragen aufwerfen und nur indirekt eine Antwort geben, sind heute Allgemeingut breiter italienischer Volksschichten.
Salvatore Quasimodo, Nobelpreisträger 1959, wurde am 20. August 1901 auf Sizilien geboren. Nach Abschluß technischer Studien führte ihn seine Tätigkeit im Bauwesen in die verschiedenen Gegenden Italiens. Bereits in jungen Jahren interessierte er sich für die Dichtkunst. Er schrieb Verse über die Liebe, die Einsamkeit, den Tod, er besang die herbe Schönheit der heimatlichen Insel.
Als die ersten Gedichtbände erschienen (Acque et TerreGewässer und Länder, 1930; Oboe sommersoVersunkene Oboe, 1932; Erate ed Appollion Erato und Apollon, 1936), fanden sie nur wenig Widerhall. Seine Leser waren meist Literaturkritiker, die in Quasimodo einen Ausläufer – der europäischen Dekadenz sahen. Sie schätzten den Autor jedoch sehr einseitig ein. Sie waren sich nicht bewußt, daß die karge Sprache, die fast abstrakten Formulierungen, der Verzicht auf die alteingesessenen Topoi, kurz alles, was man später zum Spezifikum der „hermetischen Dichtung“ rechnete, eine durchaus gesunde Reaktion auf den bombastischen Stil der italienischen Faschisten waren und darüber hinaus eine Absage an die dem Volk immer unverständlicher gewordene Literatursprache.
Wie viele seiner Zeitgenossen, sah Quasimodo in der Übersetzung von Werken der Weltliteratur eine Möglichkeit, aus der Enge der faschistischen Kultur auszubrechen. Mit der Übertragung griechischer Lyrik (Lirici Greci, 1940) fühlte er sich in seiner Berufung als Schriftsteller bestätigt, festigte seinen eigenen Stil und fand Zugang zu einem breiteren Publikum. In den Jahren der härtesten faschistischen Tyrannei erkannte die junge Generation in diesem stillen, oft auch bitter ironischen Sizilianer ihren Dichter. Auszüge aus den Lyrikübersetzungen, Verse Quasimodos (besonders aus Ed è subito seraUnd schon ist es Abend, 1940), von avantgardistischen Zeitschriften abgedruckt, gingen damals von Mund zu Mund, wurden von politischen Häftlingen an die Wände ihrer Gefängniszellen geschrieben, und sie nahmen schon vorweg, was erst in den später veröffentlichten Widerstandsgedichten (Giorno dopo giornoTag um Tag, 1946; La Vita non è sognoDas Leben ist kein Traum, 1949) eindeutig zum Ausdruck kam.
Nicht zufällig wurden in unsere Auswahl viele Gedichte aus der Resistenza-Zeit einbezogen. Sie gehören zu den schönsten, inhaltsreichsten des Dichters. Es sind vielleicht auch die verständlichsten, denn mit dem neuen Inhalt, dem Befreiungskampf Italiens von äußeren und inneren Feinden, gewinnt Quasimodo eine neue Qualität, größere Klarheit und Treffsicherheit. Die humanistische Aussage, die das Gesamtwerk, besonders aber die jüngsten Verse (Il falso e vero verdeDas falsche und wahre Grün, 1961; La Terra impa reggiabileDie unvergleichliche Erde, 1958; Dare e avereSoll und Haben, 1966), wie einen roten Raden durchzieht, wird durch den lebendigen Kontakt mit dem Schicksal des italienischen Volkes noch bekräftigt. Es wäre allerdings verfehlt, wollte man hier von politischer Poesie in einem agitatorischen Sinne sprechen. Salvatore Quasimodo ist seiner poetischen Geographie, seinen individuell-menschlichen Motiven treu geblieben. In allen Gedichten kehrt die Landschaft Siziliens, die klassische Vergangenheit und die harte Gegenwart ihrer Männer und Frauen wieder, die auch im größten Elend ihren Schönheitssinn bewahren. Zwar schwingen selbst in seinen optimistischsten Versen noch persönlicher Schmerz, Bitterkeit und Todesahnung mit, doch Sizilien wird zum Symbol ganz Italiens, und der persönliche Leidensweg steht für das tragische Schicksal eines ganzen Volkes. Quasimodo hat „die Dichtkunst nie um ihrer selbst willen“ betrieben – wie es in der Begründung für den Nobelpreis heißt −, sondern sie immer in den Dienst der Erneuerung des Menschen gestellt. Salvatore Quasimodo, der heute als Literaturprofessor an der Mailänder Musikhochschule beschäftigt ist, erwarb sich besondere Verdienste bei der Übertragung von klassischen Werken und modernen Versen in seine Muttersprache. Er übersetzte das Johannesevangelium, Catull, Äschylus, Ovid und Shakespeare, aber auch Gedichte von Shelley, Petöfi, Mickiewicz, Neruda und anderen. Er beteiligt sich an internationalen Gesprächen über Dichtkunst und wird von den Jurys der großen italienischen Literaturpreise oft als Sachverständiger hinzugezogen.
Das erste Anliegen des großen Italieners bleibt es jedoch, Gedichte zu schreiben. Denn eben mit seinen Versen, so sagt er, trägt er mit dazu bei, „die Welt zu verändern, dringt doch die Poesie, mit ihren starken, vom Künstler geschaffenen Bildern unmittelbarer in das menschliche Herz ein, als es Philosophie und Geschichte vermögen“.

Thea Mayer, Nachwort

 

Salvatore Quasimodo

hat „die Dichtkunst nie um ihrer selbst willen“ betrieben – wie es in der Begründung für den Nobelpreis heißt, den er 1959 verliehen bekam −, sondern immer in den Dienst der Erneuerung des Menschen gestellt. In einem unerbittlichen poetischen Dialog findet Salvatore Quasimodo den Weg zu den Menschen und den Realitäten seiner Zeit. Stammen Bilder und Symbole meist aus der Antike oder dem Christentum, so sind Sprache und Aussage der Verse eher modern. Wohl sind Landschaft, Natur, Einsamkeit, Liebe, Schmerz und Tod die Hauptmotive aller Dichtungen des Sizilianers. Die Einsamkeit wird jedoch nicht gesucht, der Schmerz nicht stumm erduldet, der Tod nicht hingenommen. Der Dichter geht den Problemen nicht aus dem Weg, er stellt sich selbst und den anderen unablässig Fragen, er klagt an und lehnt sich auf. Seine Gedichte sind anspruchsvoll und vielleicht nicht immer auf den ersten Blick verständlich. Sie sind aber von großer poetischer Wirksamkeit, sie künden von der Würde des Menschen, von der Schönheit der Welt und der Notwendigkeit, das Leben zu bewahren.
Der 1901 geborene italienische Lyriker erwarb sich außerdem besondere Verdienste bei der Übertragung von klassischen Werken der Antike und modernen Versen in seine Muttersprache. Er ist heute als Literaturprofessor in Mailand tätig.

Verlag Volk und Welt, Begleitzettel, 1967

 

Kalenderblatt für Salvatore Quasimodo

In der geschmackvollen Lyrik-Reihe des Verlages Volk und Welt erschien 1967 das Bändchen Unmerklich tanzt die Zeit. Die Auswahl machte die DDR-Leser das erste Mal auf eine angemessene Art mit den Gedichten des Sizilianers Salvatore Quasimodo (20.8.1901 — 14.6.1968) bekannt. Der Einzug des Poeten in die italienische Literaturwelt, in die Literatur der Welt vollzog sich auf eine stille Weise. Seit der Dichter mit seinen Worten der Resistenz den Rücken stärkte, seit sein Schaffen mit dem Nobelpreis (1959) gewürdigt wurde, kennt Italien, kennt die Welt den Meister-Lyriker.
Die Gedichte Quasimodos sind nicht ohne weiteres geistig erfaßbar. Doch bereits beim ersten Lesen wird es nicht schwer, sich mit der originellen Bildhaftigkeit der Verse anzufreunden. So schöpferisch Quasimodo auch war, er verzichtete generell auf die Verwandlung überlieferter Motive und Symbole. Er nutzte ihre gebildeten Bedeutungen und gewann sie seinen ungewöhnlichen Sujets und brachte so überraschende Stimmungen, Beobachtungen, Ansichten zum Ausdruck. In dem Gedicht „An den neuen Mond“ heißt es:

Nach Milliarden Jahren
hat nun der Mensch…
furchtlos, an den klaren Himmel
einer Oktobernacht, andere Lichter gesetzt
gleich denen, die da kreisen
seit der Erschaffung der Welt
Amen.

Antikes, christliches, humanes Gedankengut wurde für das 20. Jahrhundert praktikabel gemacht.
Das Gesamtwerk genauer angesehen, stellt sich heraus, daß der Dichter immer wieder den Tod als einzig unumstößliche Gewißheit heraufbeschwor. Die ständige Besinnung auf den Tod war begleitet vom ständigen Besinnen auf die Zeit, an der der Mensch teilnimmt, vom Besinnen auf die Lebenszeit, in der das immer einzigartige, individuelle Menschenleben seinen Ablauf nimmt. Viele Verse des Lyrikers sind uneingeschränkte Liebeserklärungen an das einmalig-schöpferische Individuum. Es war das hoffnungsstarke Bekenntnis zum vernunftbegabten Menschen, das der Dichter wieder und wieder formulierte. Kein trommelnder Warner, war Quasimodo ein Aufmerksam-Wachender als der er seinen geschichtsbewußten, der Wirklichkeit der Welt entsprechenden Humanismus äußerte.
Salvatore Quasimodos Sprache ist ausgesprochen karg. Rationell, wie sie ist, gibt sie in gewollt funktionalen, gut funktionierenden Bildern viele und verschiedene Welteinsichten — und Aussichten zur Kenntnis. Harmonisch im Geistigen und Ästhetischen beweisen die Gedichte schnell die künstlerische Potenz des Poeten. Vergnügen an den Versen von Quasimodo hat, wer als Mitfühlender, Mitdenkender die Zeilen des Dichters als Zeit-Zeichen versteht.

Bernd Heimberger, Neue Zeit, 20.8.1981

Salvatore Quasimodos „Die Toten“ (…)

1
Ein Gedicht ist ein verknapptes Gebilde aus Sprache, dem das Ungesichelte, das Frag-Würdige allein als gesichert gilt. Jedes Gedicht verhandelt sein geistesgegenwärtiges „mir schien“, ist gewissermaßen Zeugenaussage, und somit vage – ein nichtlineares Produkt. Das Gedicht wäre also zunächst Beobachtung eines Ohrenzeugen? Aussage eines Augenzeugen? Eines Mitsehers und Mithörers von Welt? Es handelt sich um nichts weniger als um einen konzeptuellen, formatmäßig kleinen Erinnerungsmacher. Das Wahrnehmungsinstrument Gedicht scheint ein hochkomplex-sinnliches, intelligentes, abstrahlendes Sprachding zur Vergegenwärtigung zu sein; ein nicht kaputtzukriegender anthropogener Tast-Apparat.

Ich las und übersetzte ein Gedicht des 20. Jahrhunderts aus dem Italienischen. Salvatore Quasimodo hat es geschrieben. Es heißt „I morti“.

Die Toten / I morti

Mir schien, daß sich auftaten stimmen,
daß lippen nach wasser begehrten,
daß hände zum himmel sich reckten.

Was für himmel! Weißer als die toten
Die leise mich immer wecken;
Mit nackten füßen schaffen sie’s nicht weit.

Gazellen soffen aus den quellen;
durchsuchte wind die wacholder,
und zweige erhoben die sterne?

Durstmetaphern

Eingangs begegnen wir einem Gesicht, das aus „stimmen“ und „lippen“ – nicht aber aus Augen oder den anderen bekannten Wahrnehmungsorganen sich zusammensetzt; wir bekommen eigentlich halbe Gesichter zu sehen. Was für Gesichter treten in Erscheinung? Der Titel sagt es, wir haben es mit „den Toten“ zu tun. Aber: „In principio erat verbum“, am Anfang war das unverständliche Wort – die Sound-Erscheinung; steht / war schon das Erscheinen von Klängen, steht eine Vision aus Stimmenüberlagerung (Fading), steht nicht allein ein Wort – sind viele Worte, die ein unhörbares Wort – WASSER – bilden, zu hören. Das unhörbare Wort hat der Dichter nicht in sein Gedicht geschrieben. Er möchte, daß es mit-gehört wird. Und es ist für den Sprechenden nicht einmal sicher, daß er da „stimmen“ hört, die über „lippen“ kommen; unterscheiden kann (oder will) das Dichter-Gehör die Toten jedenfalls nicht. Handelt es sich um Vor-Worte, Prälingualität oder, hier, Postlingualität?
Dann erst sieht man die Toten-Geste; sie recken ihre Hände in die Höhe, „zum himmel“. So bleibt vieles im Ungewissen: „Mir schien, mir schien, mir schien!“ So viel ist gewiß: die Toten dürstet und sie verlangen „nach Wasser“, nach Erquickung, denn sie befinden sich, nach römisch-katholischer Doktrin, im Fegefeuer, einem Zwischenort, Zwischenablage, Durchgangsstadium; dort aber stecken eigentlich: die Armen Seelen. Von denen hier bei Quasimodo nicht die Rede ist. Es wird also ein im katholischen Raum – der Dichter ist Südsüd-Italiener, er stammt aus dem Süden Siziliens – bekannter Topos durch dieses Bild der dürstenden Toten aufgerufen. Lukas 16, 22ff erzählt die Geschichte vom gestorbenen Lazarus und dem in der Verdammnis gelandeten Reichen, der erquickt werden möchte. Der Reiche „rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner, und sende Lazarum, daß er das Äußerste seines Fingers ins Wasser tauche, und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme.“ Die Kunstgeschichte kennt ebenfalls die aus züngelnd gereckten Flammenfarben um Erquickung Flehenden, ein barockes Abschreckungsbild sondersgleichen und Anlaß für die Künstler zu ausdrucksvollen Gesichtsstudien, zumal wenn es in 3-D, geschnitzt, und 1:1 erscheint. Und durch den Einsatz der Laterna magica, ab dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts, an Eindrücklichkeit noch vervollkommnet wird.

Dies sieht des weiteren der beobachtende Zeuge:

ein Zum-Himmel-Recken-der-Hände – die Evokationsgeste, die Bitte um Erbarmen, ein Herabflehen göttlicher Hilfe, könnte es das sein? Dieser Himmel ist ein Hitzehimmel, nicht blau – weiß; und mehr noch: „weißer als die toten“ – weiß etwa wie Totenknochen, unbegraben, an der Sonne gedorrt, präpariert von ihrer Hitze. Meine Assoziation, angeregt durch Erinnerung, bewegt sich dem Totenmuseum der Kapuziner-Katakomben in Palermo entgegen, wo hunderte von eingekleideten Verstorbenen, davon viele stehend, zu sehen sind. Nein, das kommt nicht hin, denn diese sind mumifiziert, nicht „weiß“, dort sind verschossene Farben und eben keine vom Fleisch entkleidete Skelette zu sehen. Die leise Erinnerung des Quasimodo-Ich gilt anderen Toten, von denen es (nachts? das wird so nicht gesagt) „immer“, also in Permanenz, gewöhnlicherweise, geweckt wird. Auch dies eher im katholischen Glauben verankert. Ein zu Anfang des 20. Jahrhunderts im ländlichen Sizilien Aufgewachsener, wie der Autor – er ist 1901 geboren – ist in einer Umgebung großgeworden, die genau dies geglaubt hat und mit den Bildern Quasimodos auf der Stelle etwas verbinden konnte.
Ich erinnere mich an Ascona, an die weitläufige Casa S. Carlo, wo die beiden alten, sehr katholischen Schwestern Gästezimmer vermieteten, obwohl sie es nicht nötig gehabt hätten, und zuletzt überhaupt nur noch an uns vermieteten, jedes Ostern, aus beiderseitiger Anhänglichkeit gewissermaßen. Diese beiden alten Frauen, an denen ich sehr hing, hielten eine Zeitschrift, die ausschließlich den „Armen Seelen“ und dem Verkehr mit ihnen gewidmet war. Sie enthielt Erlebnisberichte mit den Verstorbenen, und lag gestapelt auf einem Tisch aus, an dem niemals jemand saß. Ich glaube sogar mich zu erinnern, daß diese Zeitschrift Das Fegefeuer geheißen hat. Auf jeden Fall eines der gruseligsten Blätter überhaupt, die ich in die Hände bekommen habe. Sie könnte in Einsiedeln herausgegeben worden sein, wo ein Bruder von Tante Elsie und Tante Gritli, Pater Gregor, dort im Kloster bei den Benediktinern war. Die Großeltern sahen es nicht gern, wenn ich in dem kleinformatigen Blatt las, was ich gierig tat, war doch in der Fegfeuer-Zeitschrift, als sei es das Gewöhnlichste von der Welt, häufig und in jeder Nummer die Rede von Verstorbenen, die des nachts durch die Zimmer der Hinterbliebenen gingen, die sie, die Armen Seelen, deutlich wahrnahmen, ihrer milchigen oder schattenhaften Erscheinungen gewahr wurden, gar kein Zweifel, das waren sie. Und die Berichtschreiber hörten vornehmlich die Schritte der Verstorbenen und beschrieben das, was sie gesehen und gehört hatten.
„Mit nackten Füßen schaffen sie’s nicht weit.“ Wer sind sie, die hier versuchen zu flüchten, und denen wegen ihrer Bloßfüßigkeit nur geringe Chancen zu entkommen eingeräumt werden? Was kann das heißen, wenn die bei den letzten Verse vom Durchsuchen und Erheben sprechen und überhaupt andere Bewegungen zu meinen scheinen, wie zuvor? Diese Metaphern sind der Natur entnommen, die Substantive – „wind“, „wacholder“, „zweige“, „sterne“ – sind gewöhnliche, traditionell zu nennende Gegenstände des Gedichts. Der Eindruck des Konventionellen ändert sich, wenn die unregelmäßigen Bewegungen der Windstöße, die durch Wacholderbäume oder -gestrüpp fahren, in die Nähe einer räuberischen oder möglicherweise polizeilichen Visitation (Slang: „Filzen“) geführt werden, wie in den als Frage formulierten Schlußzeilen; wenn, weitaus mutiger, irritierender, bebende Zweige Arme bedeuten können und die zitternden Lichter eines klaren Nachthimmels, die Sterne nämlich, gespreizte Menschenhände sein können, die sich auf Befehl („Hände hoch!“) zu heben haben. Es kommt auf den (filmisch-fotografischen) Blickwinkel des Gedichts an – schon finden sich die „zweige“ auf Himmelshöhe. Wenn, wie hier von Quasimodo, sozusagen die Froschperspektive gewählt wird.

An dieser Stelle möchte ich eine Übersetzungsmöglichkeit durchspielen, die dann auch etymologische Punkte berührt. Für den im Quasimodo-Gedicht pluralisch gebrauchten Wacholder, italienisch ginepri, habe ich im Deutschen, ausgestorbene Dialekte eingeschlossen, um die fünfundvierzig Möglichkeiten – und damit ist allein juniperus communis gemeint. Quasimodo benutzt das gemeinitalienische Wort Wacholder, möglich – und durchaus verständlich – wäre es, das alte niederdeutsche Wort zu nehmen, dann hieße es, klanglich auch schön:

Durchsuchte wind den machandel

Und sofort stellt sich der Bezug auf das Grimmsche Märchen vom Machandelboom ein, eines der wenigen schamanistischen Märchen im deutschen Sprachraum, und seiner geschwistermörderischen Knochen-Magie. Darüber hinaus… mit Reckolder, dem ins Althochdeutsche weisenden Wacholder-Wort, hätte ich zu den Hände-hoch-Szenen, zu der evokatorischen Gestik eine schöne Verbindung, etc.
Wacholder-Wurzeln: noch einmal zu den ginepri, zum juniperus, der sprachgeschichtlich überraschenderweise mit dem Wasser verbunden ist; die lateinische Grundbedeutung ist „binsenartige Schößlinge treibend“. Und ebenso, ethnologisch gesehen, mit dem Feuer, der Hitze identifiziert wird: der Wacholder, als apotropäische Pflanze, wurde zu Räucherungen verwandt; in die Antike zurück reicht der Glaube, daß die Glut seines Holzes, mit Asche bedeckt, sich ein Jahr lang halten soll.

Mit den „gazellen“, die in Herden lebend, in trockenen, heißen Gebieten zuhause sind, nicht aber in Europa, kommen Fremd-Körper, gleichsam Exoten, in das Gedicht. Diese Tiere, aus deren Leder in der Antike die Römer, die Gazellen züchteten, Luxus-Pergament gewannen, haben genug Wasser, sie laben sich (in paradiesischer Unschuld?) an der „quelle“. Quasimodo braucht sie und ihre beruhigende Versorgungslage, nach meiner Lesart, als krassen Gegensatz zu seinen durstgequälten, den „himmel“ berühren wollenden „toten“. Darüber hinaus gibt es Berührungspunkte bzw. Antinomien genug, ich erwähne die Trinkhaltung, eine zur wasserführenden Erde vornübergebeugte, der Tiere. Und mache auf eine natürlich nicht nur formale Auffälligkeit aufmerksam, indem ich feststelle, daß (dem italienischen Original entsprechend) die Zeile

Mit nackten füßen schaffen sie’s nicht weit

im Gegensatz zu ihrer inhaltlichen Aussage, welche einerseits die prekäre Rettungs- und Schutzlosigkeit der „toten“ betont, bzw. unterstellt („Mit nackten füßen“) und anderseits für das „leise“, wie stete Wecken und Wach(sam)halten des sogenannten lyrischen Ich verantwortlich istdaß dieser Vers von allen Versen am längsten hinausreicht, das Auge am weitesten hinaustreibt nach rechts, ins Weiße des Papiers.

2
Quasimodo fiel mir früh in die Hände, fast sicher über Friedrichs Struktur der modernen Lyrik, den berüchtigten Madigmacher der Moderne, wo er knapp genannt wird. Der Sizilianer, eine Schreibergeneration älter als Ungaretti (und zeitgleich Lorca), begleitete meine ersten Schritte in fremdsprachige Gedicht-Areale. Dann war ich im vergangenen Hochsommer in Zürich wegen den Trauerfeierlichkeiten für Andreas Züst und nahm wieder eine Quasimodo-Auswahl zur Hand, las „I morti“ wieder, war von neuem elektrisiert und verdolmetschte mir meine Version der „Toten“.
Quasimodo, der von seiner Herkunft aus dem seit Jahrtausenden mischkulturellen Sizilien gewissermaßen an der Quelle, Region Syrakus, aufgewachsen ist, hat sich auch als Mittler und Synchronsprecher antiker Dichtung betätigt. Als die Hochblüte der hermetischen Poesie vorbei war, in den vierziger Jahren, hat er, Kenner von griechischer und römischer Lyrik, einiges übersetzt: Catull und Studien zu Vergils Georgica.

Ein hübsches Logo – Poesia ermetica

Im vorliegenden Fall der mit den klassischen Naturelementen arbeitenden, und sie mit höchster Kunst verschränkenden „morti“ des Salvatore Quasimodo kommt Hermes als Psychopompos, also in der seriösen Funktion des imaginäre Strecken zurücklegenden Seelenbegleiters in Frage. Hermes, der Botenstoffe verteilt: ein geistesgegenwärtiger Grenzüberschreiter, nämlich zwischen Zeitgenossenschaft (Sprache) und Totenreich (Sprache), womit ich nurmehr als Schatten existierende, mortifizierte Poesie-Traditionen meine, die sich über eine naive (oder, schlimmer, sich naiv stellende) 1:1-Abbildung von Welt hinauszuwagen erlauben.

(…)

Thomas Kling, Akzente. Zeitschrift für Literatur, Heft 1, Februar 2001

Vom Selbstmitleid zur Solidarität

Der Weg des italienischen Lyrikers Salvatore Quasimodo – er las kürzlich in der Aula der Zürcher ETH Gedichte – führte vom Monolog zum Dialog, vom Selbstmitleid zu einer Solidarität, die mit gewissen Sentenzen eines völlig mißverstandenen Marxismus rein nichts zu tun hat.
Quasimodo, seinerzeit neben Ungaretti und Montale der Vertreter des italienischen Hermetismus, konnte sich nach Auschwitz, nach all den Untaten, die im Zweiten Weltkrieg über die Menschheit hereinbrachen, nicht mehr mit einer Poesie begnügen, die nur der Eingeweihte verstand: das private Gedicht, eben das dunkle Gedicht des Hermetismus, war für ihn unmöglich geworden. Er erkannte – wie er selber schrieb –, dass „irgendetwas geschehen ist“, was jede Klage um sich selbst ebenso verurteilte wie die Musikalität um ihrer selbst willen; der Dialog, nicht mehr der Monolog wurde für ihn zur Lebensform.
Zwei Gedichte – man könnte ohne weiteres andere wählen – zeigen den Umschwung des Sizilianers Quasimodo deutlich: Der Elfzeiler „Nessuno“ und das Poem „Varvara Alexandrowna“, das Quasimodo 1958 im Gedenken an eine russische Krankenschwester schrieb. Sehen wir uns das erste Gedicht in der Uebertragung Gianni Selvanis an. Es lautet:

NIEMAND

Vielleicht bin ich ein Kind,
das Angst hat vor den Toten,
der Tod aber ruft,
um es zu lösen von allen Kreaturen:
den Kindern, dem Baum, den Insekten;
von jedem Wesen, das Traurigkeit fühlen kann.

Denn es hat keine Gaben mehr,
Und die Strassen sind dunkel,
und niemand ist mehr da,
der es zum Weinen bringen könnte
bei Dir, o Herr.

Bei aller Melodik, die das Gedicht (vorab im Original) bietet – das ist Selbstmitleid in der ersten, wenn nicht gar in der zweiten Potenz. Der Dichter, nicht wissend, ob er Kind oder Erwachsener sei, sieht zwar die andern Kreaturen die Kinder, den Baum, die Insekten, jedes Wesen, das Traurigkeit hat –, doch er ist bar aller Gaben, vermag nicht zu helfen. Im Gegenteil, er selbst ist auf Hilfe angewiesen, auf eine starke Hand; aber nicht einmal einen Menschen gibt es da, der Tränen bringen könnte: denn – wie er anderswo schreibt – „ein jeder steht allein auf dem Herzen der Erde“, und keiner kann – positiv oder negativ – in die Einsamkeit eindringen. Daher ruft der Tod, das Ausruhn im Nichts.
Doch dann, während des Krieges, geht es dem Dichter allmählich auf, dass seine vermeintliche Erkenntnis doch nicht die letzte sei, dass es „den andern“ gibt, dass man – sei das Verb nun verbraucht oder nicht – lieben kann. „Varvara Alexandrowna“, die Moskauer Krankenschwester, gibt von diesem Gesinnungswandel Zeugnis. Hier steht das Gedicht:

Ein dürrer Birkenzweig, der das Grün noch trägt,
schlägt auf ein Fenster, abgründig hoch
über Moskau. Nachts lässt Sibirien seinen leuchtenden Wind
los auf das schaumige Glas, ein Geflecht
abstrakter Saiten im Geiste. Ich bin krank:
ich bin es, der sterben kann, von einer Minute
zur andern;
eben ich, Varvara Alexandrowna, die du
durch die Räume des Botkin auf deinen Filzschuhen läufst,
mit deinen eilfertigen Augen, Krankenschwester
des Schicksals.

Ich habe keine Angst vor dem Tode,
wie ich ohne Furcht vor dem Leben war.
Oder ich denke, dass ein anderer hier liegt
Vielleicht, wenn ich Liebe, Mitleid und diese Erde vergesse,
die die untrennbare Natur zerbröckelt, und den trüben
Klang der Einsamkeit, könnte ich aus dem Leben fallen.
Heiss ist deine nächtliche Hand, Varvara
Alexandrowna; es sind die Finger meiner Mutter
die fest drücken, um lange Ruhe zu lassen
unter dem Zwang. Du bist das menschliche Russland
der Zeit von Tolstoi oder Majakowskij,
bist Russland, nicht eine Schneelandschaft,
gespiegelt in einem Krankenhausspiegel,
du bist eine Vielheit von Händen, die andere Hände suchen.

Der Dichter liegt krank in einem Spital, abgründig hoch über Moskau und hat – im Gegensatz zu früher („Nessuno“) – keine Angst mehr vor dem Tod und den Toten. Er ahnt vielmehr: Wenn ich Liebe, Mitleid und diese Erde vergesse, den trüben Klang der Einsamkeit, dann könnte ich aus dem Leben fallen, aus der Kommunikation mit den andern.
Wie sagte es Bernanos etliche Jahre zuvor:

C’est l’enfer quand on n’aime plus.

Nicht, dass er, Quasimodo, im Spital liegt, ist wichtig, sondern schon eher dies, dass vielleicht noch „ein anderer hier liegt“, einer, der nicht weiss, was Liebe und Mitleid bedeutet: Geborgenheit nämlich, Behaustsein im Unbehausten. Doch, o Wunder, weil er, Quasimodo, selber zum Wissen um Mitleid und Liebe vorgestossen ist, ist auf einmal der andere da: Du korrespondiert mit Du, vermittelt „Ruhe unter dem Zwang“. Varvara, die in ihren Filzschuhen durch die Räume des Botkin läuft, ist nicht eine Schneelandschaft, die sich im Krankenhausspiegel spiegelt (man beachte die Ironie!), sondern das menschliche Russland, eine Vielheit von Händen, die andere Hände sucht. Und, seien wir ehrlich: wer sucht nicht diese andere Hand, wer will nicht nach ihr greifen? Doch Quasimodo sagt: Nicht der Suchende wird die Hand finden, sondern der Gebende, jener, der sich dem andern öffnet. Nicht das Selbstmitleid bringt die Lösung, sondern nur ein Mitleid, das „den trüben Klang der Einsamkeit“ aufheben will.

Werner Bucher, Neue Zürcher Zeitung, 22.4.1967

Salvatore Quasimodo

Quasimodo wurde am 20. August 1901 in Syracus geboren. Er musste seine Studien während einiger bitterer Jahre unterbrechen, nahm sie aber dann in Rom wieder auf und widmete sich vor allem dem Griechischen und Lateinischen. Später durchwanderte er als Ingenieur ganz Italien und liess sich schliesslich in Mailand nieder, wo er am Konservatorium italienische Literatur lehrte.
Er bedurfte als Dichter einer Tradition und hat sie sich in harter Arbeit erworben. Wenn es wahr ist, dass jeder Dichter, der sich zu Uebersetzungen entschliesst, sich selbst sucht und findet, wenn es ebenso wahr ist, dass damit die Quelle der Vergangenheit in der Gegenwart fortgesetzt wird, so hat Quasimodo diese schwierige Probe in seinen griechischen und lateinischen Uebersetzungen bestanden: mit der Uebersetzung der griechischen Lyriker, der Odyssee, der Georghiche und der Carmina Catulls.
Aber es genügte ihm nicht, seinen Empfindungen in Uebersetzungen und Metaphern Ausdruck zu geben; er tauchte bald in jene Zone hinab, in der das Gefühl sich geheimnisvoll mitteilt. Schon mit seinem zweiten Werk Oboe sommerso – Die versunkene Oboe – überwand er die jugendlichen Versuche und fand die eigene lyrische Tiefe. Der Band, als Folge von Acque e terre 1932 erschienen, wurde von Mondadori mit Nuove Poesie, 1938, im Sammelband Ed è subito sera herausgegeben. 1946 entstand der Band Giorno dopo giorno, 1949 La vita non è sogno, 1956 Il falso e il vero verde.

ORA CHE SALE IL GIORNO

Finita è la notte la luna
si scioglie lenta nel sereno,
tramonta nei canali.

E cosi vivo septembre in questa terra
di pianura, i prati sono verdi
come nelle valli del sud a primavera.
Ho lasciato i compagni,

ho nascosto il cuore dentro le vecchie mura,
per restar solo a riccordarti.

Come sei più lontana della luna,
ora che sale il giorno
e sulle pietre batte il piede dei cavalli

 

JETZT WO DER TAG SICH HEBT

Zu Ende ist die Nacht, der Mond
schmilzt langsam in der Helle,
versinkt in den Kanälen.

So lebhaft ist der September
auf dieser ebenen Erde, die Wiesen
grün wie im Süden der Frühling in den Tälern.
Verlassen hab ich die Gefährten,
das Herz versteckt in alten Mauern
um deiner nur mich zu entsinnen.

Wie bist du weiter als der Mond,
jetzt wo der Tag sich hebt
und auf dem Pflaster die Pferdehufe hallen.

In „falso e vero verde“ sagt Quasimodo im „Discorcorso sulla poesia“:

Seit dem Entstehen einer neuen Weltanschauung erwarten wir schlagkräftige Beweise für die Gegenwart des Menschen. Die Suche nach einer neuen Sprache fällt diesmal mit der leidenschaftlichen Suche nach dem neuen Menschen zusammen.

Mit dem verzweifelten Sinn für den Verfall und das vorgezeichnete Geschick des Menschen, nähert er sich Montale, wie er ja vieles von den Erfahrungen der Hermetiker, deren Begründer Ungaretti und Montale sind, übernommen hat. Aber er hat sich im reichsten Mass von der fast dreitausendjährigen Tradition genährt, die in Italien seit der Antike lebendig blieb. Von D’Annunzio, dem letzten grossen Romantiker, hat er die fast körperhafte Freude, eine förmliche Verliebtheit in das Wort geerbt. Sie machen ihn anhörbarer als die anderen Hermetiker und gewannen ihm die Herzen.

Nora Urban, Die Tat, 30.3.1963

Salvatore Quasimodo

Wer ist Quasimodo? Welches sind die Grundzüge seines Werkes? Sein Leben ist nicht ereignisreich, aber voller Spannungen. Er wurde Ingenieur und arbeitete lange als technischer Verwaltungsbeamter. Dann gab er alles auf, wurde Mitarbeiter von Zeitungen und Zeitschriften und begann mit äußerster Intensität unter Leitung eines Geistlichen ein neues Studium: Altgriechisch und Latein, die antike Literatur. Ab 1930 veröffentlichte er schmale Gedichtbände: Wasser und Erde, Die Versunkene Oboe, Eukalyptusduft, Erato und Apollo, sowie 1938 noch Gedichte. Wie die Titel schon ankünden, Dichtungen einer nicht übertriebenen klassizistischen Esoterik, einer gemäßigt „modernen“ Bukolik mit viel Sinn für die südliche Heimatlandschaft, für Gestalten und Begegnungen der Kindheit. Alles dies stand noch stark unter dem Einfluß von d’Annunzio und dann von dem größten lebenden Lyriker Italiens, der den Bruch mit der rhetorischen und didaktischen Lyrik von einst zuerst vollzog und dann die Dichtung Italiens kraftvoll erneuerte: Ungaretti.
Dann kam der Krieg. Der kleingewachsene Dichter mit den stechenden schwarzen Augen, mit dem gepflegten dunkeln Schnurrbart, mit der gleichmäßigen Lebensweise eines Lehrers und der Höflichkeit eines gut erzogenen Bürgers, wurde Widerstandskämpfer. Diese äußeren Erfahrungen führten zu einer inneren Verwandlung. Man hat es auch in Stockholm als Begründung für die Wahl Quasimodos ausdrücklich hervorgehoben: Quasimodo habe sich von der „Mode“ der in Italien als „hermetisch“ bezeichneten gegenstandslosen Lyrik und Poesie gelöst, von der Dichtung also ohne moralistisches oder politisches Engagement. Quasimodo war tatsächlich durch seine Erlebnisse im Kriege, durch seinen starken Sinn für soziale Gerechtigkeit und durch seine leidenschaftliche Abneigung gegen die Diktatur zu einem lyrischen Ankläger geworden. Er bejahte und bejaht grundsätzlich die Ziele des Kommunismus und der Sowjetunion, jedoch in jenem „freiheitlichen“ Sinne der intellektuellen Linken Italiens, ähnlich wie Levi, Moravia und Vittorini. Lange Zeit wurde dort der Kommunismus (wie in literarischen Kreisen Frankreichs) bejaht wegen seines Kampfes gegen reaktionäre Gesellschaftsformen zugunsten einer Freiheit von alten Konventionen und geistigen Unwahrheiten. Quasimodo wurde maßgebender Mitarbeiter des meist ausgezeichneten Feuilletons der größten kommunistischen Zeitung Italiens, der Unità. Nach dem sowjetischen Panzeraufmarsch in Ungarn wandte sich Quasimodo allerdings zu denjenigen Linksintellektuellen Italiens, die am schärfsten dagegen protestierten. Die Nachbarschaft mit der KPI gab er deswegen nicht auf. Vor kurzem weilte er längere Zeit in der Sowjetunion. Seine Eindrücke bezeichnete er als positiv.
In seinen neuen Gedichtbänden verbindet sich sozialer Protest mit einem jetzt durchsichtigeren, klareren Klassizismus. Sozialistische und antike Schriftsteller werden seine Meister. Er übersetzt Teile der Georgika von Virgal, Stücke aus der Odyssee; Gedichte aus der palatinischen Anthologie. Es sind ganz ausgezeichnete Nachdichtungen, heute seltene und hervorragende Leistungen. Aus dieser Spannung geht also sein neues lyrisches Werk hervor: Und es ist plötzlich Abend (1942), Tag für Tag (1946), Das Leben ist kein Traum (1949), Das falsche wahre Grün (1953) und schließlich Die unvergleichliche Erde (1958). Die Themata sind neben der immer wiederkehrenden Natur- und Heimatschilderung „Probleme des modernen Menschen“: Frieden, sozialer Ausgleich, die Sorge um die Wahrheit in der Gesellschaft, der Freiheit in ihr und durch sie. Realistische Themata also im Sinne der Ueberschrift eines Gedichtbandes: Das Leben ist kein Traum.
Dazu fordert er „dialogische Poesie“. Es wird immer deutlicher, daß der Bruch mit der Poésie pure in der Nachfolge Mallarmés, Valérys, also auch der mit Ungaretti, vollzogen ist. Die „Poesia attiva“, die aktive Poesie, wird zum Programm, etwa im Sinne Victor Hugos, Aragons und auch Claudels, doch liegt ein anderer Einfluß vor: der epische Neorealismus, jedoch immer in einem klassizistisch gemilderten Sinne. Dagegen gab es scharfe Opposition. Viele maßgebende Kritiker Italiens gehören nicht zu den Freunden Quasimodos. Sie werfen ihm Rückfall in banale Rhetorik, in peinliche Lehrhaftigkeit vor. Getadelt wird er nicht, weil er etwa Episoden oder Elendsszenen im Süden schildert, sondern weil ihm dazu die sprachliche Kraft fehle. Daran ist manches wahr. Eine gewisse Blässe der Sprache mischt sich nicht selten mit einem zu pompösen Pathos. Doch übersieht man in Italiens Gesellschaft auch aus politischer Voreingenommenheit, daß diese neue Betonung des Inhaltlichen bei Quasimodo ebenso aus ästhetischen wie aus ethischen Gründen erfolgt, und daß diese für ihn wichtiger geworden sind als die Ueberbetonung der inzwischen auch veralteten, oft nur noch subjektiven „Form“.
Auch für Quasimodo bietet sich die Antike nur noch als Formmodell dar. Sonst erscheint ihm der Bruch mit den alten Kulturen unüberwindbar. Nur eine Hoffnung gebe es, um die geistige Einheit des Abendlandes wiederherzustellen: Die Wiederentdeckung des Menschen in seiner brüderlichen Gleichheit, in seiner auch religiösen seelischen Fülle, in seiner echten, das heißt auf die Polis bezogenen Freiheit. Dazu schreibt Quasimodo in einem „Diskurs über die Poesie“ (1953) selbst:

Der Krieg hat eine Kulturepoche beendet. Der Mensch steht vor neuen Wertetafeln. Notwendig ist jetzt die Zwiesprache der Dichter mit dem Menschen, mehr noch als der Wissensaustausch in der Wissenschaft oder als Abkommen zwischen den Völkern, die stets verraten werden können. Die italienische Poesie nach 45 Jahren hat den Charakter eines Chorals; sie zieht breite Rhythmen vor, sie spricht mit gewöhnlichen Worten von der wirklichen Welt; manchmal berührt sie damit das Epische.

Als Quasimodo die Nachricht von der Preiskrönung erhielt, sagte er in Mailand, wo er seit längerer Zeit als Professor für Literaturgeschichte an der Verdi-Musikhochschule wirkt:

Betont wurde damit vor allem meine Bemühung, der Unruhe des modernen Menschen gerecht zu werden. Dieses Thema bildet den Mittelpunkt meiner Bemühungen.

Besser kann niemand sein Werk erläutern. In diesen Worten wird die durchaus noble Haltung einer Persönlichkeit sichtbar, die durch das Wort auch wirken will wie einst Dante: Nicht für die Vergesellschaftung des Geistes, sondern für die Vergeistigung der Gesellschaft.
Natürlich hat es in der Rechtspresse Italiens Aufsehen erregt, daß Stockholm einen „Kommunisten“ ausgewählt habe. In diesen Kreisen meint man, bei aller Anerkennung des Werkes, es sei doch ein ganz bestimmtes „Politikum“ für diese Wahl ausschlaggebend geworden. Das Nobelpreiskomitee habe nach einer Herausforderung der Sowjetunion durch die Preisverleihung an Pasternak, um die Sowjets zu beschwichtigen diesmal einen prokummunistischen Schriftsteller Europas ausgewählt. Ob das stimmt oder nicht: Quasimodo wird darauf antworten, der moralistische und politische Dichter werde in jedem Falle, also unabhängig von seinen Parteineigungen, den Weg zur Freiheit finden und damit zum Künstler des Notwendigsten unserer Zeit werden, eben dieser Freiheit. In diesem Sinne geben sich Pasternak und Quasimodo heute über die Grenzen hinweg die Hand.

Gustav René Hocke, Die Tat, 24.10.1959

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
Nachruf auf Salvatore Quasimodo: Tat

 

Salvatore Quasimodo – Interview.

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