Sascha Anderson: o.T.

Anderson/Leiberg-o.T.

innen, in einer ecke, diesen ort heiligen, die
irren, bis die quellen verstöpselt werden, der gesunde
menschenverstand trägt die früchte
von maul zu maul, inzwischen
vermessen vermesser das land ausserhalb
der sinne

einer behauptet, er habe den mond
überquert, in einem hohlen schädel, niemand
der es bezeugt, sagt er, stirbt,
denn alle sitzen im selben boot, unter
den füssen
die augenhöhlen oben das erdenreich

nachts, von einem zum anderen
wandernden ufer. bisher dachte ich
gleicht der weg der liebenden
geste über die haut dem schatten
des planeten, aber
wir sind schneller geworden und werden, es immer mehr

 

 

als ich ende 1984 ein essay

unter dem titel DAS SPRECHEN DER BILDER geschrieben habe, kam ich an eine krise meines denkens, die ich so ausdrückte, daß ich begann über bilder zu sprechen. eine kultivierung des kommentars. da habe ich dann o.T. geschrieben, und der text hat seine sprache wiedergefunden. in o.T. verläßt jeder jeden und alle folgen der einfachen regel einer chronologie des sprechens. die möglichkeit der vielen, sich formulierend zu identifizieren. selbstverständlich geht es um die schizophronie des schicksals.

Sascha Anderson, Edition Mariannenpresse, Faltblatt, 1985

 

Offener Brief an Sascha Anderson

Hamburg, den 14. November 1991

Lieber Sascha, es ist soweit.

Du hast das Tabu gekannt. Jeder DDR-Prolet hat es gekannt, jeder durch Sonderprämien korrumpierte Bauarbeiter hat es gekannt, jede Hausfrau, kam das Gespräch oder der Witz darauf. Künstler, Schauspieler, Autoren, Akademiker in allen Institutionen, in jeglichem Büro der verwalteten Langeweile, kannten es.
Es war kein moralisches Tabu, der allgegenwärtigen Polizei gegenüber zu kuschen, kein Tabu, es an Courage gegen die Zumutungen des sozialistischen Wettbewerbs mangeln zu lassen, die Mauer nicht die Mauer zu nennen, das Maul lieber nicht aufzumachen, wann immer es vielleicht doch gegangen wäre. Die moralische Grenze, die nach weitestem Konsens nicht überschritten werden durfte, sie bestand nicht darin, seinen Wehrdienst regulär anzutreten statt zumindest die Waffe zu verweigern und Bausoldat zu werden. Man mußte sogar nicht einmal der unabhängigen Friedensbewegung oder den Umweltgruppen seine Mitarbeit verweigern, um gleich Dreck am Stecken zu haben, nein und abermals nein.
Man konnte sogar zu Kreuze kriechen, ob nun als Intellektueller in einem Berufsverband oder als dazu genötigter Handwerker, wenn es etwa hieß, Wolf Biermanns Ausbürgerung 1976 gutzuheißen. Alle Formen der Feigheit, alle Arten, sich im Alltag und darüber hinaus einfach einzurichten, ja wegzuschauen, das Inakzeptable zu akzeptieren, und sei’s mit einer gehörigen Dosis „blauen Würgers“, um das Gewissen abzutöten, sie waren nicht wirklich verwerflich im allgemeinen Bewußtsein. Dazu waren sie ja auch viel zu verbreitet. Dieses allgemeine Bewußtsein, das der billig meckernden Mehrheit nämlich, das, mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit der herrschenden Ideologie, der offiziellen Gleichschaltung widerstand, kannte nur ein Tabu: sich mit der Stasi einzulassen.
Und da kommst Du daher wie all die andern – Biermann hat Recht – Arschlöcher, die zu feige und gleichzeitig zu verschlagen sind, auf ihre Landrats- oder Berater- oder weiß der Henker was für Karrieren freiwillig zu verzichten. Und Du tust es mit den gleichen Worten! Du berufst Dich obendrein auf Dein schlechtes Gedächtnis! (Mit Jürgen Fuchs bin ich optimistisch, daß die Akten in ihrer mehrfachen Ausfertigung Dir und uns weiterhelfen werden).
Sascha, mein alter Schlemihl, wir kennen uns jetzt mindestens zwölf, dreizehn Jahre. Wir sind nie Freunde geworden, haben allerdings loyal nebeneinander, mitunter auch zusammen gearbeitet, literarisch gearbeitet, versteht sich.
Hast Du es nicht selbst geschrieben: „geh über die grenze auf der anderen seite steht ein mann und sagt: geh über die grenze usw. usf.“? Nun war es dieser ganz bestimmte, dieser allbekannte Dunkelmann, der da stand, bereit mit Dir zu reden, wie Du bereit warst, mit ihm zu reden, und Du bist über diese Grenze hin- wie hergegangen, als sei dies bloß kriminelle Halbwelt gewesen. Nein, nicht kriminell zu sein war tabu in der DDR, nicht einmal das. Das konnte ja passieren: Klauen oder Schecks fälschen (wofür Du eingesessen hast), krumme Geschäfte hinter dem Rücken von Freunden machen, das war doch alles nicht so schlimm, verzeihlich, weil menschlich. Aber über siebzehn Jahre mit der Stasi zu plaudern, bis zum Zusammenbruch der DDR, d.h. womöglich sogar noch in Westberlin oder von Westberlin aus, drei Jahre über die Ausreise hinaus – damit hast Du die Grenze überschritten.
Als die Herrschaften mich mit siebzehn Jahren anwerben und vielleicht auf Bettina Wegener, Frank-Wolf Matthies u.a. ansetzen wollten (ich werde’s in der Akte lesen, wie und was es wirklich war), da habe ich, mutig-feige, drei Gespräche hindurch gedacht, ich schaffte das doppelte Spiel. Ich hatte zum Glück gute Freunde, die es mir sofort ausgeredet hatten, weil ich es ihnen selbstverständlich gesagt hatte. Feige, wie ich war, habe ich beim dritten Mal den Herren von der Stasi nicht mitgeteilt, sie sollten mir gefälligst mit ihrem widerlichen Ansinnen gestohlen bleiben, sondern hab mich auf psychische Mängel hinausgeredet, die mir so was unmöglich machten.
Was aber hattest Du für Freunde, Sascha? Oder anders: Warum hast Du es niemandem gesagt, bis zuletzt nicht? Was hätte Dich Schlimmeres erwartet als die Ausreise, die Du später selbst vorgezogen hast? Autoren liefen in den achtziger Jahren längst nicht mehr Gefahr wie Loest oder später Bahro, allzu lange einsitzen zu müssen – im Gegensatz zu Leuten, die mitunter nur den Ausreiseantrag gestellt hatten, die niemand kannte…

Nun haben wir per Zufall uns beide um das Stipendium in der Villa Massimo in Rom beworben – und die Jury hat es uns beiden zuerkannt. Ich zweifle im Unterschied zu Biermann nicht an allen Deinen Texten, aber ich schlage Dir dennoch vor, das Stipendium zurückzugeben.

Dein
Uwe Kolbe

Uwe Kolbe, Die Zeit, 22.11.1991

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG
Gegner + E. E. + noch einmal + Förräderi

 

Sascha Anderson antwortet auf die Standartfragen von faustkultur.

 


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