Schock Edition Juni 2011

Lippok-Schock Edition

STERNENGEBURT¹

Kurz nach der letzten Runde bilden sich in der verdichteten
Materiewolke der Ex-Supernova zierliche Klumpen;
es entstehen Sternenhaufen der leichteren Bauart,
aaaaadie sich in der Metzer Straße verteilen.
aaaaaWir selbst sind ein einzelner Stern;
aaaaain der uns umschwirrenden Scheibe
aaaaaentstehen nach und nach Planeten.
aaaaaaaaaaDurch, durch den Kosmos,
aaaaaaaaaaran an das Pflaumenmus.
aaaaaaaaaaRaus aus der Materie,
aaaaaaaaaarein in die Kartoffeln.
aaaaaaaaaaRum um die Kalotte,
aaaaaaaaaarein in die Spelunke.

Bert Papenfuß

1 Frei nach einem gleichnamigen Tüpfelchen in dem Artikelkonvolut Wer hat unsere Sonne entzündet? in dem Fachblatt Welt der Wunder, Heft 10, 2010, S. 17.

 

Flammen aus dem Feuerlöscher

Unter den zahlreichen Definitionen des Begriffs „Schock“ gibt es eine fast vergessene: Er bezeichnet ein altes Zählmaß; 1 Schock gleich 5 Dutzend gleich 60 Stück. In seiner Schock Edition versammelt der Berliner Schreiber, Herausgeber und Gestalter Kai Pohl jeweils fünf Autoren in fünf Heften mit jeweils 12 Gedichten. Wer liest, ist nicht einsam. Ein Maler oder Grafiker leistet zusätzliche Gesellschaft: In der ersten Folge der limitierten Edition ist das die Schwarzmalerin Verena Kammerer, sie arbeitet mit schwarzem Kugelschreiber und weißem Papier. So illustriert sie die Hefte von Jürgen Born, Ann Cotten, Katja Horn, HEL Toissant und Hans Horn. Letzterer stellt fest: „seit zwei jahren schreibe ich / keine nikolausgedichte mehr“ und fragt sein Gegenüber, „ob er etwa meint / poesie sei vorbei und die / wahrheit genießbar“.

Die zweite Folge der Schock Edition enthält Einzelhefte von Bert Papenfuß (Pro tussi à gogo), Clemens Schittko (Manifest der Nachhut), Brigitte Struzyk (Das backsteinfressende Moos), Su Tiqqun (Im Geröll des Auges) und Ralf S. Werder (Bruchland). Der gebürtige Dresdener Werder hatte im Herbst 1989 an diese Zeitung einen Leserbrief geschickt. Der Leiter der Abteilung Kultur antwortete: „Die Vorstellung macht mich grausen, Leute wie Sie hätten das Sagen“. Zwei Jahrzehnte später verschreiben sich Werder und die vier anderen Autoren nach wie vor dem nicht Marktförmigen. Die Texte sind verdichtete Miniaturen oder holen weit aus. Andere verweisen auf Philosophie und Mythologie. Bert Papenfuß verwandelt Verszeilen aus dem Hávamál der Edda in:

Besser ist’s, quick als lebendig zu sein;
wer flitzt, kriegt den Bogen.
Flammen sah ich schlagen
aus dem Feuerlöscher –
Pfeile aus dem Köcher

Die biographischen Angaben zu den Autoren bleiben spärlich: Mehr als das Geburtsjahr und den -ort erfährt der Leser nicht. Minimalismus setzt Phantasie frei. Die Zeichnungen steuert der Musiker Ronald Lippok (Rosa Extra, Ornament & Verbrechen, Tarwater, To Rococo Rot) bei. Ein Pappschuber als Sammelhülle verleiht den Heften Standfestigkeit im Bücherregal. Das ist praktisch, doch wollen sie gelesen werden.

Robert Mießner, Junge Welt, 17.6.2011
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