Sebastian Kleinschmidt: Zu Peter Huchels Gedicht „Havelnacht“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Peter Huchels Gedicht „Havelnacht“. –

 

 

 

 

PETER HUCHEL

Havelnacht

Hinter den ergrauten Schleusen,
nur vom Sprung der Fische laut,
schwimmen Sterne in die Reusen,
lebt der Algen Dämmerkraut.

Lebt das sanfte Sein im Wasser,
grün im Monde, unvergilbt,
wispern nachts die Büsche blasser,
rauscht das Rohr, ein Vogel schilpt.

Nah dem Geist, der nachtanbrausend
noch in seinem Flusse taucht,
in dem Schilf der Schleusen hausend,
wo der Fischer Feuer raucht:

Duft aus wieviel alten Jahren
neigt sich hier ins Wasser sacht.
Wenn wir still hinunter fahren,
weht durch uns der Trunk der Nacht.

Die vergrünten Sterne schweben
triefend unterm Ruder vor.
Und der Wind wiegt unser Leben,
wie er Weide wiegt und Rohr.

 

Trunkene Nacht

– Zu einem Gedicht Peter Huchels über die Natur. –

Im Gedächtnis der Literatur sollten von Peter Huchel nicht nur der „Garten des Theophrast“ und der „Traum im Tellereisen“ überdauern, zwei Gedichte, in denen er den bösen Stoff seiner DDR-Jahre zum Sinnbild gescheiterter Hoffnung machte. Und nicht nur „Aristeas II“, der Monolog des Dichters als eines verbannten Flußlotsen, die bittere Summe eines in Vereinsamung endenden Lebens. Wir wissen, Huchel war für ein Jahrzehnt gleichsam Verbannter im eigenen Land. Und er ist, nachdem er 1971 mit 68 Jahren aus der DDR ausgereist war, auch im westlichen Teil Deutschlands nicht mehr heimisch geworden.
Die einzige Heimat, die ihm blieb, war die Erinnerung. Die Erinnerung an seine Kindheit in der Mark Brandenburg, in der Gegend um Potsdam, wo Wald und Wasser eng beieinander liegen. Wo die Havel fließt, die schilfige Nymphe, bald See, bald Fluß, wo Nebel und Feuchte, Weite und Wind Wahrzeichen der Landschaft sind.
Huchel ist in Europa herumgekommen, schon als junger Mann und auch im Alter noch, stets aber war die Landschaft seiner Kindheit der magische Raum, aus dem heraus und in den hinein er zur Welt gesprochen hat.
„Havelnacht“ macht diesen Raum auf wunderbare Weise sichtbar. Entstanden Anfang der dreißiger Jahre, ist es ein großes Beispiel dafür, daß auch im zwanzigsten Jahrhundert, dem Jahrhundert der endgültigen Vorherrschaft des Städtischen über das Ländliche, die Ästhetik der Natur, ihre Schönheit und ihre Klarheit, ihre Tages- und ihre Nachtseite, für die poetische Rede fruchtbar bleibt.
Der ruhige Atem dieses vollendet gebauten Gedichts ist von weichem, wiegendem Rhythmus. Trochäische Vierheber geben den Takt, und der Kreuzreim bringt den Vers zum Laufen. Unserem Ohr ist das melodische Metrum vertraut, nicht nur als Suleikastrophe aus Goethes West-Östlichem Divan

Hochbeglückt in deiner Liebe,
Schelt ich nicht Gelegenheit,

sondern auch aus Eichendorffs „Geistesgruß“

Nächtlich dehnen sich die Stunden,
Unschuld schläft in stiller Bucht.

„Havelnacht“ ist jedoch kein Gedicht, das geschrieben ist, um mit anderen Gedichten zu kommunizieren, auch wenn Anklänge an Goethe zu vernehmen sind. Es ist ein Gedicht, das die Natur beschwört, die Farben der Nacht, die Weite des Raums, das Wunder der nächtlichen Stille. Einklang von Ich und Welt, Gegenwart einer glücklichen Stunde. Alles Glück ist ja Glück der Empfindung. Das griechische Wort für Glück heißt Eudaimonia. Wörtlich: Die Dämonen sind in uns zur Ruhe gekommen. Das ist die Macht der Natur über die Seele des Menschen, der friedvollen, für sich seienden Natur, vor der so vieles von uns abfällt, weil sie nichts von uns will.
Das Havel-Gedicht ist ein Erfüllungsbild, als wäre die Nacht die Jugendliebe des Lebens. Die Welt wird leiser, der Mensch wird hörender. Man fühlt, wer dem Wunderbaren der Natur begegnet, ist nicht in Täuschungen gefangen.
„Havelnacht“ ist ein weltfrohes Gedicht und schon darum eine Kostbarkeit im Werk Peter Huchels. Die Verse zeigen, wie gewagt es ist, Gedichte als geschichtsphilosophische Sonnenuhr anzusehen. Wohl vermögen sie zu sagen, was die Stunde schlägt, doch von ihnen zu verlangen, nur die historische Zeit anzuzeigen, führt dahin, in der Welt lediglich Schatten oder falsches Licht wahrzunehmen. Denn wo wenn nicht im Licht der Geschichte sind Täuschung und Enttäuschung zu Hause. Die Natur kennt zwar Mimikry, aber keine Verstellung. Darum ist sie ein untrüglicher Spiegel für das Innere des Menschen, seine dunklen und seine hellen Stunden.

Sebastian Kleinschmidt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.4.2007

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