Sebastian Kleinschmidt: Zu Wolfgang Hilbigs Gedicht „fragwürdige rückkehr (altes kesselhaus)

Im Kern

Im Kern

– Zu Wolfgang Hilbigs Gedicht „fragwürdige rückkehr (altes kesselhaus) aus dem Gedichtband Wolfgang Hilbig: die versprengung. –

 

 

 

 

WOLFGANG HILBIG

fragwürdige rückkehr
(altes kesselhaus)

als wär seither noch keine zeit vergangen
faulen im salpeterweiß die selben wände
und in den winkeln wie seit ewigkeiten hangen
die vagen spinnen noch an ihrer fäden ende

die stühle sind mit staub bedeckt und zeigen
wie nah sie dem zerbrechen sind im golde
der sonnenflecken die durch blind zersprungne scheiben
hereingefallen sind im roten abendneigen

es ist als ob ich wiederkommen sollte
und etwas auch als wollt es mich vertreiben
es ist als ob noch keine zeit vergangen wäre

säumnis –
aaaaaaaaaals zögerte noch immer in den wänden
weil ich nicht wegbleib und nicht wiederkehre
ein feuriger wink von geisterhaften händen.

 

Lektion des Heizers

– Zu einem Gedicht Wolfgang Hilbigs über Feuer und Geist. –

Ein kluger Mann hat gesagt, Revolutionen hinterlassen der Literatur nur die Klagen ihrer Opfer und die Schmähschriften ihrer Feinde. – Nicht nur die, möchte man mit Blick auf die DDR hinzufügen, sie hinterlassen ihr auch das Bewußtseinsdrama ihrer Anhänger. Seltsamerweise hat das Werk Wolfgang Hilbigs, das ein einzigartiger Abgesang auf die DDR ist, mit diesem Bewußtseinsdrama nichts zu tun. Er, der schreibende Arbeiter, der Heizer, war der Bote des Untergangs.
Sein Werk war eine Gegenstimme von Anfang an. Doch nicht die opponierende des desillusionierten Anhängers, nicht die klagende des Opfers und auch nicht die schmähende des Feindes. Hilbig war Einzelgänger, extremer Außenseiter, eine Art Illegaler, einer, der grundsätzlich abseits stand, einer, der sich aus dem kollektiven Bewußtsein davonstahl, ungerührt von den Thesen des Staates und demzufolge verschont von Verblendung wie von Ernüchterung. So war er ein Versprengter, ja gewissermaßen ein von Natur aus Abtrünniger – und gewann auf diese Weise eine Wahrnehmungsperspektive, wie sie für Schriftsteller in der DDR eigentlich undenkbar war. Sie ermöglichte ein düsteres, elegisches Werk, das die von der Macht erstellte Beschreibung revidierte und den Aufriß einer Wirklichkeit bot, die das Wir-Ideal, welches Staat und Literatur aneinander band, unterminierte.
Das Gedicht „fragwürdige rückkehr (altes kesselhaus)“ (1970) hat einen konkreten lebensgeschichtlichen Hintergrund: den Zwiespalt zwischen erster und zweiter Existenz, zwischen Broterwerb und Schreiben. Nach Jahren ständigen Wechselns von Beruf und Arbeitsort – Hilbig war Werkzeugmacher, Erdarbeiter, Außenmonteur, Hilfsschlosser und Aufräumer in Ausflugsgaststätten – kehrte der gelernte Bohrwerksdreher 1970 ins heimatliche Meuselwitz zurück, um im Braunkohlenrevier wieder als Heizer zu arbeiten.
Heizen war eine Tätigkeit für Unqualifizierte, für den ,Werktätigen‘ Hilbig gab es hier wenig zu lernen, für den Autor indes viel.
Das alte Kesselhaus, ein unterirdischer Ort wahrhafter Sisyphosarbeit, wurde für den in nächtlichen Pausen über seinen Schreibheften hockenden Dichter zu einem mythischen Ort: der glutheiße, flammendurchlohte Keller, die schwarzen Brikettberge, die feuerspeienden Einfüllschächte der Kessel, die tanzenden Schatten an den rußigen Wänden, zischende Ventile, tickende Manometer, das Prasseln in den verrotteten Dampfleitungen.
Das Sonett beschreibt die Wiederbegegnung mit dem Kesselhaus als Beginn einer Initiation. Als hätten Raum und Zeit hier schon seit Ewigkeiten auf den Rückkehrer gewartet. Eine mystische Affinität von Dingwelt und Psyche durchgeistert die Szene:

es ist als ob ich wiederkommen sollte
und etwas auch als wollt es mich vertreiben.

Dichter und Heizer ahnen, was sie verbindet, nämlich Feuer und Unterwelt. Denn auch die Sprache ist ein Feuer, das lodert, verzehrt und das reinigt.
Sieben Jahre später, 1977, gibt Hilbig in dem Gedicht „episode“ erneut Einblick in das Dunkel seiner Kellerexistenz.

im düstern kesselhaus im licht
rußiger Lampen plötzlich auf dem brikettberg
saß ein grüner fasan
ein prächtiger clown
silbern und grün den leuchtend roten reif am hals mit
unverwandtem aug mit dem großen gelben schnabel aufmerksam
zielte er auf mich
so war er herrlicher und schöner
als ein surrealistischer regenschirm auf einer nähmaschine
wie er dort saß genau und furchtlos verirrt
auf seinem schwarzen gipfel.

Die Lektion des Kesselhauses wurde gelernt. Poesie, fortan, untertage, übertage, aus der Höllenwelt des Industriezeitalters: aufgerissene, verwüstete Landschaften, schwefelige Feuer: stinkende Wasser, verpestete Luft, wie in Dantes Inferno, wie auf den Gemälden von Bosch. Und auf einmal das Aufleuchten einer nie erblickten Schönheit. Dieser Dichter ist ein mythischer Bruder der fluchbeladenen Erde.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.5.2006

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