Silke Scheuermann: Skizze vom Gras

Scheuermann-Skizze vom Gras

SCHWERER KÖRPER
Henry Moore: Oval with points (1968/70)

Ich teile die Welt durch zwei.
Um das zu begreifen, muss man nicht altmodisch sein.
Auf der einen Seite mein Körper aus schwerem Metall,
auf der anderen meine Sehnsucht, die leichte Luft.
Ich umschließe sie mit einem flotten Bogen,
garniere mit Spitzen, was ich meinen Ausschnitt nenn.
Die Luft muss bemerken, dass ich sie forme.
Sie muss mir dankbar sein.

Ich teile die Welt durch zwei. Im eisigen Park liefen
die Großeltern Schlittschuh. Ihr Enkel rauchten
dort ihren ersten Joint. Parks waren früher
noch nicht beleuchtet. Blutjunge Geliebte
gaben sich ohne zu zögern hin. Bekamen
Kinder, die sie wie Hündchen verzogen.
Ein kleines sprang durch mein Luftloch hindurch.
Es fiel unglücklich hin. Seitdem kommt es vor,
dass ich Tiere mit Sehnsucht verwechsle.

 

 

 

Hör mir zu: Dies ist die Zeit,
von der ich dir erzähle,
die träge aus der Zukunft fließende Zeit.

Was Silke Scheuermann in ihrem lang erwarteten neuen Gedichtband Skizze vom Gras beschreibt, ist nichts weniger als eine „Zeit der Auflösung“, sie imaginiert das Ende aller Konventionen von Vergangenheit und Zukunft und entwirft Utopien wie diese:

Es war das Jahr, in dem sie das Ministerium für Pflanzen auflösten.

Ihre Gedichte erzählen von einer neuen, einer „Zweiten Schöpfung“, lassen ausgestorbene Tierarten wieder aufleben – den Dodo, den Höhlenlöwen, den Säbelzahntiger.
Eine Skizze ist ein Versuchsfeld, ein Bild, das die Geste der Arbeit noch in sich trägt; es geht um das Einfangen des Flüchtigen. In diesem Sinn sind auch Silke Scheuermanns Gedichte Versuchsfelder, zumal die Science-Fiction-Gedichte, die jene von Nicolas Born Anfang der siebziger Jahre erfundene Genrebezeichnung vom „utopischen Gedicht“ aufgreifen und weiterentwickeln. Die Autorin notiert Historien aus der Zukunft und knüpft dabei an den Verwerfungslinien der Gegenwart an:

Es ist wahr, man kann zu verträumt sein
zum Überleben.

Schöffling & Co., Ankündigung

 

Glitter der Kokosnuss

Hier geht es um alles Mögliche, bloß nicht um Aufmerksamkeit. Dagegen spricht schon der Tonfall der Gedichte Silke Scheuermanns: ein inspirierter Redefluss, reich an Assoziationen und Themenwechseln, voller Abbrüche und Sprünge. Die Verse stehen wie in enthusiastischer Konkurrenz zueinander. Jeder für sich allein klanglich und rhythmisch unauffällig und im Andrang der jeweils nachfolgenden Alternativen scheinbar rasch dahingesprochen, führen sie beständig neue inhaltliche Wendungen vor.
Es ist aufschlussreich, wie Leser und Kritiker diesem Assoziationsstil begegneten, seit er vor dreizehn Jahren mit dem viel beachteten Lyrikdebüt Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen der damals 28-jährigen Silke Scheuermann erstmals große Aufmerksamkeit erregte. Innerhalb der häufig ungemein reflexionsbewussten, auf viele unterschiedliche Weisen die Materialität von Sprache mitbedenkenden gegenwärtigen Lyrikszene besetzten ihre prosaisch wirkenden, inhaltsgetriebenen Gedichte eindeutig eine Randposition.
In der Kritik dagegen wurde immer wieder begeistert hervorgehoben, was für Inhalte das eigentlich waren, die da durch Scheuermanns unverwechselbar springende Sprechweise wie Knallfrösche zusammengebunden wurden. In manchen Fällen wurden lediglich zustimmend einzelne Verse wiederholt, als könnte bereits das die ungleich chaotischere Methode auf den Punkt bringen.
Auch Skizze vom Gras, der neue, vierte Lyrikband der Frankfurter Romanautorin und Dichterin, ist prall gefüllt mit Sentenzen, die ausdrucksvoll flirren vor Adjektiven und Vergleichen:

In meinem Brustkorb funkelt mein Herz wie ein versteckter
Kressesamen, ein Blättchen Löwenzahn.

Wie hier taucht immer wieder abrupt emotionalisierende Rollenrede auf. Ähnlich kräftige Effekte bringt der ineinandergestauchte Gegensatz von kleinen Privatheitsgefühlen zum großen Ganzen. Waren derartige Großfolien in früheren Bänden etwa griechisches Mythenpersonal oder das Universum beschreibende Theorien, so sind diesmal auch Kresse und Löwenzahn beileibe kein beliebiges Grünzeug.
Spielerisch ausgerufen wird stattdessen in mehreren der sechs längeren Zyklen so etwas wie eine biologische Kehre. Tieren und Pflanzen wird gleichsam das Du angeboten, oft noch stärker als früher in wie von sich selbst ergriffenem Ton:

Ich zitterte, als ich sagte: Ein Zwergmammut wird
unseren Sohn herumtragen, Sibirische Tiger unsere
Töchter beschützen.

Wie ein Gestaltwandler schlüpft die lyrische Rede anderswo in verschiedene symbolisch genommene Pflanzen hinein, von der Rose bis zum Mauerblümchen. Angesungen wurden zuvor ausgestorbene Tierarten:

Du, Dodo,
bist dann rasch verschwunden, in diese andere Welt,
in der Alice ewig versucht, von dir Wunderland-Spiele
zu lernen. Aber uns reicht das nicht, wir wollen
dich wieder.

Bedichtet werden sollen so die Möglichkeiten von Sprache, die Zeit zu überwinden – oder aber soll durch den wolkig-speziestischen Dreh irgendetwas anderes angefochten werden, Gattungskonventionen schlechthin etwa oder gar jene schreckerregende Kluft zwischen erster und zweiter Natur? Egal, Süßwasserschwamm drüber; mitsamt aller vorgeführten diffus bedeutsamen Transzendentalflora schillern die Gedichte eben ohne höher zielgerichtete Ausdruckskraft vor sich hin.
In einer ihrer klugen und einfühlsamen Gedichtinterpretationen für die Frankfurter Anthologie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat Silke Scheuermann einmal zustimmend den Dichter Nicolas Born zitiert, der Anfang der Siebzigerjahre über seine „utopischen Gedichte“ sagte, sie sollten den Zuständen der Realität „beunruhigend schöne Vorstellungen entgegensetzen, die offen sind für Träume, Sehnsüchte, für die Möglichkeiten des Glücks“.
Auch im Klappentext zu Skizze vom Gras wird solches Schreiben als ein Ideal benannt. Aber fast nie leuchtet hinter den vielen unverbunden hübschen Einfällen Silke Scheuermanns auf, welchen Zuständen da eigentlich was für Vorstellungen entgegengesetzt werden. Diese Gedichte spielen lediglich unaufmerksam mit dem Flair von Utopie. Sie sind kokett.

Florian Kessler, Süddeutsche Zeitung, 19.8.2014

Klarheit aus der Vogelperspektive

– Wo manches vergeht, weiß Dichtung Neues zu schaffen: Silke Scheuermann schöpft aus einem großen Wortfundus und erschafft damit visionäre Lyrik. –

Was haben der Dodo, der Säbelzahntiger und Alice im Wunderland gemeinsam? Sie sind Teil einer „Zweiten Schöpfung“, der Weltenerschaffung der Silke Scheuermann. Während sich mancher ihrer schreibenden Zeitgenossen betulich auf Alltags- und Naturlyrik versteht, geht die 1973 in Karlsruhe geborene Autorin in ihrem neuen Gedichtband Skizzen vom Gras aufs Ganze: Noch einmal beschwört sie ausgestorbene Tierarten herauf, lässt Rosen ein „Gloria Dei“ singen, arbeitet sie an einem „Paralleluniversum“, worin literarische Figuren auch mal auf Urzeitwesen treffen können. Everything is possible. Im utopischen Glanz wird das Alte förmlich „wild überwuchert von etwas Neuem“.
Das Mythische und Übermenschliche kennen Scheuermann-Liebhaber bereits aus ihrem zweiten Lyrikband Der zärtlichste Punkt im All, Gedichte (2004) – von den kosmischen Weiten scheint es dann geradezu ein Katzensprung zur menschlichen Seele zu sein. Poesie macht es eben möglich. Indem Scheuermann „behauptet, dass ,Ich‘ […] Leben schafft“, kommt der Dichtung ein kreatürlicher Auftrag zu. Der Mensch mag seine Rolle als pflegender Gärtner der Natur allzu sträflich verspielt haben, mithilfe der lyrischen Formsprache vermag er augenscheinlich neues Leben zu gebären. Pathetisch entpuppt sich ein Pollenflug als Triebkraft allen Seins, während der Löwenzahn von seiner unverwüstlichen Ewigkeit kündet.
Um die Tektonik der Welt noch zu formen, braucht es aber nicht nur einen reichen Wortfundus und die Souveränität einer jungen, unbeirrbaren Streiterin für das Schöne und Wahre, sondern gleichsam die Gabe, zuhören zu können. Scheuermanns Schöpfertum ist keines von oben, kein herrschaftliches, sondern eines, das um Dialog bemüht ist. Fast alle ihre Texte sprechen daher ein Du an, nicht selten begibt sich ein Ich mit ihm auf Spurensuche in die Vergangenheit, sie graben das Verschüttete aus, damit die Zukunft nicht in den Verdacht gerät, dieselben Fehler wie die von einst zu wiederholen.
Denn so wie die heute in Frankfurt lebende Autorin beschwingt und bildgewaltig von einer neuen Ära träumt, so schwarz zeichnet sie die Gegenwart des spätmodernen Menschen. Die Unmut über Klimakrise, Fortschrittseifer und Narzissmus mündet in die Erkenntnis:

Ihr habt alles verlassen, was euch
nicht genügte. Das Paradies,
vor allem, war unzureichend.

Vom Gestern lässt sich nur noch sagen, dass es „überhaupt eine Zeit der Auflösung“ war. Immer wieder blinken Monitore und Medien in den Natur- und Liebesgedichten auf. Sie gleichen einem trügerischen Wegweiser, der stets droht, uns vom richtigen Pfad abzubringen.
Zum feierlichen Ton eines Stefan George und der Vorliebe für florale Kulissen, wie man sie von Marion Poschmanns poetischen Miniaturen her kennt, gesellt sich die Kulturkritik aus Michel Houellebecqs Gestalt des letzten Ufers. Der Frage, wie sehr uns Arbeit, Gesellschaft und allgemeine Beschleunigung zu zerreißen drohen, stellt Scheuermann in fast all ihren Werken. Mal scheitern ihre Helden – in Romanen wie Die Stunde zwischen Hund und Wolf (2007) und Die Häuser der anderen (2012) an den sozialen Ansprüchen –, ein andermal an ihrem Lebensmittelpunkt. Es sind die Nomaden aus Shanghai Performance (2011), einer Metropole, monumental und bedrückend zugleich.
Wohingegen die Wirklichkeit in jenen Werken kaum Auswege offenhält, zeugt Scheuermanns Lyrik von erstaunlicher Verve und Luzidität. Hierin, wo Untergang und Aufbruch in wenigen Versen kulminieren können, liegen alle Möglichkeiten. Oft werden die Leser einer anfänglichen Unschärfe gewahr, die mehr und mehr Gestalt annimmt, bis schließlich Visionen daraus hervorgehen: In Etüden auf die Liebe, die Schönheit, silbergraue Regentage, Augenblicke zwischen Licht und Schatten schimmert ein Hauch von Paradies und Ewigkeit durch.
Die wunderbar klare Vogelperspektive dieses Buches auf unsere Erde einzunehmen heißt, im Großen und Ganzen Trost zu finden. Die Genesis der – wohlgemerkt nicht völlig ironiefreien – zweiten Schöpfung Scheuermanns baut auf einem deprimierenden Hier und Heute auf, erst die Verse streben nach Höherem. Sinnbildlich beschwert sich das Efeu in einem Gedicht über all die menschlichen Klagen angesichts seines ungezügelten Wachstums. Doch was lohnt es, hinter jeder sich ausbreitenden Bewegung zugleich einen schlimmen Ausgang zu vermuten?
Das weise Rankengewächs entgegnet hellsichtig:

Erst, wenn ihr aufhört, das Ende
zu denken, seid ihr geheilt.

Silke Scheuermanns Gedichte sind dafür das zuverlässigste Therapeutikum.

Björn Hayer, die taz, 13.8.2014

Vogelfluglinien

– Silke Scheuermann und Jan Wagner mit neuen Gedichten. –

Die letzte lebende Wandertaube der Welt starb vor hundert Jahren. Als letzte einer aussterbenden Art erhielt Martha von ihren Bewachern und Pflegern vor dem Ableben zum Trost zwar noch einen menschlichen Namen, verendete aber trotz Taufe 1914 im Zoo von Cincinnati. Silke Scheuermann hat dem Tier schon in ihrem ersten, 2001 erschienenen Gedichtband einige Verse gewidmet. Seitdem hat sich in den Naturwissenschaften einiges getan, auch das Klonen ist leichter geworden, so dass Marthas Erbgut nach Plänen von Forschern in wenigen Jahren zum Wiederaufleben der in Nordamerika einst überaus häufigen Tierart beitragen soll.
Die dichterische Darstellung der Natur müsse sich solchen Epochenwenden stellen, sagte Scheuermann in der Historischen Villa Metzler in Frankfurt, in der sie ihren neuen Gedichtband Skizze vom Gras vorstellte. Verse aus den vergangenen sieben Jahren sind in dem bei Schöffling & Co. erschienenen Band eingegangen, in dem Scheuermann Martha ein Update in Versen gewidmet hat. „Erschaffen zu werden ist ein Akt der Gnade / Doch wie beschämend kann die zweite Schöpfung sein“, heißt es in „Wandertaube“, dessen weitere Verse danach fragen, ob Marthas wiederbelebtes Erbmaterial eher für die völlige Andersartigkeit von einst und jetzt steht oder doch eher für „die Lust, erneut da zu sein“.
Die Abgründigkeit solcher menschlicher Nebenschöpfungen findet Scheuermann überaus anziehend. Im Gespräch mit Hubert Spiegel, Redakteur im Feuilleton dieser Zeitung, spielt sie daher mit dem Gedanken an Verse über die leuchtenden Schafe, die Wissenschaftler aus Uruguay im vorigen Jahr durch Genmanipulation zum Funkeln gebracht haben. Leuchtende Mäuse, Katzen und Fische gibt es seit der Entdeckung der Erbanlagen für ein grün fluoreszierendes Eiweiß im Genom der Quallenart Aequorea victoria ja schon seit einigen Jahren.

(…)

Und da es in beiden Bänden neben dem Werden und Vergehen der Tiere, Menschen und Pflanzen auch um das Werden des Kunstwerks und der Künstlerpersönlichkeit geht, um das Schaffen und Schöpfen auf mehreren Ebenen, war mit beiden Autoren auch darüber zu reden, wie Gedichte zustande kommen, wie sie zu ihrer Form finden. Wagner gefällt es, tradierte Formen Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch jeglichen Regelkanons experimentell einsetzen zu können:

Form bedeutet Freiheit.

Fülle man eine vorab gewählte Form allerdings nur auf, werde ganz sicher ein schlechtes Gedicht daraus. Zum Glück gehe es auch anders:

Man kann die Form dazu nutzen, das Gedicht sich auffüllen zu lassen.

Ein sprachlich kleiner, künstlerisch aber entscheidender Unterschied.

Die Form übt einen Zwang auf mich aus, der dazu führt, dass das Gedicht mich überrascht.

Die Sehnsucht nach solchen Überraschungen ist durchaus verwandt mit einer Beobachtung Scheuermanns: „Dichtung braucht das Staunen über die Kleinigkeiten“, sagte sie, das Bewundern und Beschreiben der Schönheit, auch wenn diese immer seltsamer daherkomme und die Schilderung neuerer Möglichkeiten zur Zweitschöpfung sich wohl stets zwischen Faszination und Schrecken bewegen werde:

Ich schwanke da sehr.

Das Schwanken mag daran liegen, dass Dichter ohnehin dauernd und ohne schlechtes Gewissen demiurgisch tätig sind:

Man ist als Dichter der kleine Schöpfer seiner Welt.

Blieb nur noch die Frage nach der Schöpfung des perfekten Gedichts, auf die Scheuermann antwortete:

Wenn es mir mehr sagt, als ich je vorhatte.

Mal schauen, was Martha sagt, wenn ihr Leben neu beginnt.

Florian Balke, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.9.2014

Die zweite Chance der Schöpfung

– Vom Aussterben bedroht: Silke Scheuermann rettet das Naturgedicht. –

Die nach der First Lady Martha Washington benannte letzte amerikanische Wandertaube ist – nach Ausrottung ihrer Milliarden von Artgenossen durch schießwütige US-Bürger – im Zoo von Cincinnati am 1. September 1914 verendet. Ihr Körper wurde lange Zeit in der Smithsonian Institution in einem Schaukasten gezeigt: „Extinct“.
Die Wandertaube war bereits eine literarische Figur, als sie 2001 in Silke Scheuermanns Lyrik-Debüt auftauchte. In Skizze vom Gras, dem soeben erschienenen vierten Gedichtband der Autorin, wird Martha nun zur Zeugin der „Ausgestorbenen“. Von ihnen, den ausgestorbenen Arten, und den Bedingungen einer denkbaren Auferstehung in „zweiter Schöpfung“ handelt das erste Kapitel einer auf weite Strecken komponierten Folge von Gedichten, denen in diesem Bücherherbst große Beachtung zu wünschen ist.
Neben den Pflanzen, die in die „Schlagzeilen“ und „in den Konjunktiv gezogen sind“, erinnert Martha in diesem neuen Band zusammen mit dem Bison, dem in Lewis Carrolls Alice im Wunderland überlieferten hilflosen Dodo, dem Säbelzahntiger oder dem Höhlenlöwen des Pleistozäns an die Opfer riesiger Umweltkatastrophen, die seit „13,8 Milliarden Jahren“ geschehen. Nur für einen winzigen Bruchteil dieser Zeit tragen Menschen die Verantwortung. Trotzdem stecken wir „tief im Gestrüpp von Schuld“.
Das lange, den Band abschließende Titelgedicht ist der Entwurf einer Zukunft, die längst begonnen hat: Das „Ministerium für Pflanzen“ wurde aufgelöst.

Der Minister und seine Mitarbeiter
wurden Verkehr und Technologie zugeschlagen, der Abteilung,
die schneller wuchs als Organisches

Nur dem Gras haben die Architekten des Fortschritts noch Raum gelassen. Seine Farbe ist grün, und grün ist „die Farbe des Schmerzes“. In der letzten Zeile des Buches sagt uns die Dichterin, dass das Gras dies „weiß“.
Fauna und Flora beschreibt Silke Scheuermann nicht nur als Opfer und Objekte unserer Willkür. Pflanzen und Tiere sprechen mit uns, werden von uns als ein Du wahrgenommen und haben ein in der Poesie aufgehobenes Bewusstsein von sich selbst. Im Gedicht „Wandertaube“ wird die tote Martha in die Ideen von einer „zweiten Schöpfung“ einbezogen:

stell dir die leuchtenden
Augen der Forscher vor, ihr jahrelanges
Puzzlespiel mit deinem Erbgut.
Wie du, diesmal, im Labor schlüpfst…

„Wir sind fast so weit“, heißt es an anderer Stelle:

Dodo, du wirst wiedergeboren wie am Tag
das Sonnenlicht. Ich verspreche es dir:
Du wirst unter den ersten sein, die wir machen.

Im isolierten Zitat können solche Sätze leicht als süßlich-grüne Reverie oder als gentechnologische Überheblichkeit missverstanden werden. Es gehört zur Stärke und Kühnheit dieser Gedichtfolge, dass neben der Trauer immer die Empathie steht und neben der Verzweiflung dann doch der Glaube an die „Zweite Schöpfung“. Unter diesem Obertitel stehen all die Gedichte über die Ausgestorbenen, und Schöpfung meint hier „die Freiheit der Liebe: neue Wesen zu schaffen“ oder „neue, andere Arten zu machen. / Gott hat uns mit einem Bausatz beschenkt.“ Dieser „Bausatz“ ist wohl doch mehr als ein Requisit der Science-Fiction oder ein Spielzeug der Utopie. Es ist die Struktur des poetischen Gesprächs zwischen Ich und Du. Das Wunderbare an diesen Gedichten ist, dass sie sich ständig selbst ins Wort fallen, dass sie sich nicht „mit dem Nichtverstehen abfinden“. Verwandlung müsse doch möglich sein, auch wenn Ausplünderung und Verwüstung drohen. Das sagt uns der „Brief zur Kirschblütenzeit“. Rund vierzig Seiten zuvor plädiert die Göttin der Blüte, „Sinnbild des Schönen“, im Gedicht „Floras Lied“ für ein Leben in Gärten „als Gegenform des Paradieses“, als Alternative zu einem paradiesischen „Nichtsterben und Nichtwerden“. Ein „schieres Dasein ohne Sorge“ sei nichts anderes als „Nichtsein“.
Floras Absage an das Paradies ist nicht nur ein Loblied auf die Gärten. Die Schöne rät, von Kriegen, Flutwellen und Seuchen zu erzählen, von allen Gefährdungen zu wissen, wie das Gras „weiß“, welche Farbe der Schmerz hat: „trefft Vorbereitungen für ernste Fälle“. Silke Scheuermann lässt dem eine Reihe von Gedichten folgen, die man als Sendschreiben von Pflanzen deuten kann. Versöhnliche, auch komische Briefe erreichen uns da.
Die Brennnessel verspricht, dass der ätzende Schmerz auf unserer Haut vergeht. Gloria Dei, die Rose, warnt vor ihrer Eitelkeit und ihren verletzenden Dornen. Der Efeu wehrt sich gegen den Vorwurf, „flächendeckend“ zu wuchern. Er helfe uns, mit den Toten umzugehen.

Glaubt mir, sie fängt erst an, eure Trauer.
Wenn wir Besitz ergreifen, alles Unsrige
mit Immergrün bedecken…
erst, wenn ihr aufhört, das Ende
zu denken, seid ihr geheilt.

Auch der Löwenzahn, die Akazie, die Grüne Dahlie und die Tulpe dürfen von sich erzählen. Das Mauerblümchen schließlich freut sich, nicht im Lichte zu stehen:

Als Einzige nicht auf Facebook,
kann ich weder kritisiert noch beschimpft werden.

Mit diesen Stimmen aus der Pflanzenwelt ist Silke Scheuermann, gleichsam nebenbei, eine sehr besondere und gewitzte Art von Naturlyrik gelungen, die niemand in einem Gedichtband dieser Jahre erwartet. Man würde sie allerdings in diesem Band, der von den großen ökologischen Schandtaten handelt, kaum vermissen, wenn sich auch hier nicht wieder herausstellte, wie dicht verzahnt, wie sorgfältig komponiert dieser Band ist. Schon die erste Gedichtzeile des Buches gibt uns einen Hinweis auf die nicht ausgestorbenen Pflanzen. Die Pflanzen- und Baumbriefe stammen also von den anderen, von denen, die noch ihren Lebensraum behalten durften. Vielleicht müssen sie gerade deshalb Sendschreiben an uns richten und auf ihre Eigenarten hinweisen, damit sie nicht auch in die „Schlagzeilen“ geraten und auf die Roten Listen.
Nichts ist nur freundliche Beigabe in diesem Band, auch nicht das schon veröffentlichte, hier aber überarbeitete Selbstporträt der Autorin im Spiegel eines Mädchenporträts von Wladimir Lukianowitsch von Zabotin aus der Kunsthalle Karlsruhe. Mit diesem Porträt schreibt sich Silke Scheuermann selbst hinein in ihren Entwurf zur Rettung der Welt. Wie schön, dass sie keinen Essay geschrieben hat, sondern diese Gedichte, in denen auch Martha, die Wandertaube, wieder fliegen lernt.

Herbert Wiesner, Die Welt, 9.8.2014

Schöpfungsgedichte

– Silke Scheuermanns Gedichte schreiben Naturgeschichte. Ihn ihrem vierten Band Skizze vom Gras beschreibt sie das Verhältnis des Menschen zur Schöpfung – mit verblüffend leisen Tönen, die umso intensiver klingen. –

Fabeltiere vagabundieren durch ihre Verse. Seit Silke Scheuermanns Lyrikdebüt 2001 gehören dazu Mischwesen aus Mythologie und Cyberspace. Stets hält die 1973 in Karlsruhe geborene und heute in Frankfurt am Main lebende Autorin ihr animalisches Karussell in Schwung, drapiert es mit Effekten aus Gruselkabinett und Zirkus. Ihr vierter Gedichtband verblüfft nun mit leiseren Tönen, die umso intensiver klingen.
Schon der Titel Skizze vom Gras verspricht Schlichtheit, und die Komposition signalisiert Klarheit: sechs Kapitel, die um das Verhältnis des Menschen zur Schöpfung kreisen, das Werden und Vergehen der Arten. Das Böse, das Hässliche und das Schöne gehören dazu.
Zwei Kapitel sind ausgestorbenen Tierarten sowie Pflanzen und Gärten gewidmet. Auch Werke der Malerei finden Eingang.
Wie sehr Silke Scheuermann überdies mit dem Theater vertraut ist, zeigen szenische Gedichte mit Figurenrede von Commedia-dell’arte-Typen. Ein Zwischenkapitel mit Porträt-Gedichten verbindet Flora und Kunstfiguren durch symbolische Sträuße. Diese gestenreichen Verse erzählen Geschichten aus unterschiedlichen Milieus.
Alles ist miteinander verbunden durch Gedanken zu „Flora und Zephyr“, wo Leben, Liebe und Tod sowie das Verhältnis von Chaos und Form tiefgründig und zugleich zauberisch leicht bedacht werden. Umrahmt hat Scheuermann das Beziehungsgeflecht der Themen, Sujets und Motive mit einem Prolog- und einem Epilog-Gedicht.
Die nachdenklichen Töne des Prologs „Die Ausgestorbenen“ und das erste Kapitel „Zweite Schöpfung“ knüpfen an frühere Gedichte an. Schon im „Lied von den geretteten Tieren / die nicht mehr vom Schiff wollten“ (2007), wo die vor der Sintflut geretteten Tiere sich weigern, von der Arche an Land zu gehen, steht die sich verändernde Natur für einen Zeitenwandel.
Die Endzeit der Zivilisation, die Ingeborg Bachmann einst in „Thema und Variation“ anklingen ließ, gibt es in Scheuermanns Gedichten indes nicht, vielmehr Prozesse des Werdens und Vergehens, die Gegenwart als Zeit des Artenschwundes. Die Autorin führt Momente vergangener Erdzeitalter und gegenwärtig erlebter Alltags-Augenblicke zusammen. Das macht den elegischen Ton aus. Die neuen Gedichte orientieren sich mehr als alle vorangegangenen an naturwissenschaftlich belegten Fakten, sind aber zugleich spekulativer und visionärer.
Silke Scheuermann begann schon in Über Nacht ist es Winter das Verschwinden der Arten zu thematisieren. Ihre „Martha, letzte Wandertaube der Welt“ begegnet dem Leser hier erneut, dazu andere, vor langer Zeit ausgestorbene Tiere wie Mammut, Säbelzahntiger und Höhlenlöwe, Dodo und Uraniafalter. Sie alle werden im erinnernden Gedicht aufgehoben – wie einst die immer seltener werdenden Schmetterlinge im Sonettenkranz „Das Schmetterlingstal“ der großen Dänin Inger Christensen.
„Zweite Schöpfung“, das bezieht sich sowohl auf die bewahrenden Kräfte der Poesie als auch auf eine Rekonstruktion der Verlorenen durch Genforschung. Das Ich spricht das Tier voller Empathie an, reflektiert die Hintergründe seines Verschwindens und trauert über Unwiederbringliches. Damit grenzt es sich gegen biotechnologische Experimente ab:

Dies ist die Freiheit
unserer Art, neue, andere Arten zu machen.
Gott hat uns mit einem Bausatz beschenkt.

In „Letzte meiner Art“ spricht eine Liebende der Spezies Mensch in einem Kreislauf von Gewalt und Angst. Anderes aus dem religiösen Bereich ist im Tierkapitel wohlplatziert, Wörter wie Schöpfung, Gnade, Seele, Gott. Das Paradies in „Floras Lied“ ist ein verwunschener, lebloser Ort:

Es galt im Paradies ein Nichtsterben und
Nichtwerden, schieres Dasein ohne Sorge.

Dorothea von Törne, Der Tagesspiegel, 15.12.2014

Zeit der Auflösung

– Silke Scheuermanns Gedichte führen den Leser zurück an jenen epochalen Punkt, da er sich wieder an die Möglichkeiten des Menschseins erinnern muss. –

Die einsamste Figur in diesem Gedichtbuch, in dem es von einsamen, weltverlorenen Gestalten nur so wimmelt, ist sicherlich das hochmütige „Mädchen im Spiegel“. Als Inspirationsquelle für dieses Gemäldegedicht diente ein Bild des ukrainischen Malers Wladimir Lukianowitsch von Zabotin aus dem Jahr 1922. Silke Scheuermann hat diesen eitlen, von unbeirrbarem Stolz geprägten Blick des Mädchens in einem Gedicht festgehalten, das sehr eindrücklich die skeptische Metaphysik ihres aufregenden Lyrikbands veranschaulicht:

Als Kind schaute ich
mit der Wachsamkeit eines Geschöpfes in den Spiegel,
das ständig vom Verschwinden bedroht ist.

Das körperlos anmutende Mädchen auf dem Bild des Malers vollzieht jene Suchbewegung nach Anwesenheit, wie sie für viele Gedichte Silke Scheuermanns typisch ist. Es wird rasch klar, dass diese Poesie ein ehrgeiziges Ziel verfolgt: nämlich die Auseinandersetzung mit der Conditio humana im Zeitalter der künstlichen Schöpfung und der genetischen Manipulation, das hier so intensiv thematisiert wird wie in kaum einem anderen Lyrikband der letzten Jahre.
In sieben Kapiteln werden, wie in einer Art negativer Genesis, Schöpfungsgeschichten erzählt; aus den Perspektiven der Evolutionsbiologie, der Epigenetik und der Kunstgeschichte. Schöpfungsberichte freilich, die fast nur noch vom Verschwinden unserer Spezies erzählen, kaum mehr von ihren Entwicklungsmöglichkeiten. Die Furie des Verschwindens hat unsere anthropologischen Fundamente aufgezehrt, und die Gedichte Silke Scheuermanns besichtigen die Folgen dieser Verwüstungen. Bereits das Eröffnungsgedicht bilanziert die Verluste, die nach den industriellen und postindustriellen Revolutionen zu verzeichnen sind. Das Gedicht „Die Ausgestorbenen“ verweist auf die Auslagerung des kreatürlichen Daseins in Archive und Datenbanken. „Es sind die Pflanzen, die in den Konjunktiv gezogen sind“, heisst es hier, „weil wir sie umtopften in imaginäre Parks, / Erdgeschichte, Kapitel.“
Und dann folgt im bewegenden Kapitel „Zweite Schöpfung“ ein Zyklus mit Porträts von ausgestorbenen Tieren, Betrachtungen zur Wandertaube, zum Säbelzahntiger oder zum Höhlenlöwen, die sich als anthropologische Parabeln entpuppen. In diesem Kapitel findet sich auch ein poetisches Denkbild über die „Letzte meiner Art“, das sich als finstere Philosophie unserer modernen Liebesunordnung liest:

Es tut mir nicht mehr gut.
Die Gewalt hat mich verändert.
Mein Körper ist kalt geworden wie der Zahn einer Löwin,
mein Geist geht meine Möglichkeiten durch.
Wenn du mich anfasst, werde ich mich wehren,
noch bevor du mir Lust machen kannst.

Silke Scheuermanns Gedichtband Skizze vom Gras steht in der Tradition poetischer Kosmogonien, ihre Texte versuchen wie die Weltdeutungen der antiken Dichter Hesiod und Lukrez die Baupläne des Lebens und die Ordnung des Daseins zu erhellen. Dabei konzentriert sich ihre poetische Wahrnehmung vorwiegend auf die „Überbleibsel der / Morgenröte auf Erden“, die sich hier in der Schönheit der allmählich untergehenden Pflanzen- und Tierwelt manifestiert.
Solche Gedichte verstehen sich jedoch nicht nur als naturmagische Beschwörungen gefährdeter Kreatürlichkeit, sondern zugleich als verstörende Diagnosen zur Lage des Menschengeschlechts. In ihrem Band Über Nacht ist es Winter (2007) hatte Scheuermann im Gedicht „Die Existenz benachbarter Welten“ eine kosmische Schöpfungsgeschichte im heftigen Streit zweier Liebender gespiegelt. Im neuen Band sind es Schlüsselgedichte wie „Brief zur Kirschblütenzeit“ oder „Skizze vom Gras“, die in den biologischen und kulturellen Veränderungen unseres Planeten einen Hinweis auf unsere schwindende Liebesfähigkeit entdecken:

Es war überhaupt eine Zeit der Auflösung.

Nach ihrem ersten Gedichtband, Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen (2001), hatte man Silke Scheuermann immer wieder einen „Märchentonfall“ nachgesagt, ohne die metaphysischen Untertöne ihrer Gedichte zu beachten. In ihrem intensiven, gedankenreichen und bisher besten Gedichtbuch, Skizze vom Gras, das bereits vorab mit dem renommierten Hölty-Preis ausgezeichnet worden ist, konterkarieren immer wieder sarkastische Reflexionen den mitunter hohen Ton der Gedichte. Diese Poesie führt uns zurück an jenen epochalen Punkt, da wir uns im Zeitalter technischer Selbstüberhebung wieder an die Möglichkeiten des Menschseins erinnern müssen – zumindest an das, was noch davon zu retten ist.

Michael Braun, Neue Zürcher Zeitung, 21.8.2014

Wenn Blumen sprechen

– In ihrem fünften Gedichtband untersucht Silke Scheuermann die poetische Potenz ausgestorbener Tierarten, schreibt Gedichte aus der Perspektive der Blumen oder Lyrik auf bildende Kunst. Darin löst sie mit schlichten Worten unbeschreiblich Großes aus. –

Bescheidener Titel, gewaltiges Programm: In ihrem fünften Gedichtband will Silke Scheuermann es wissen. Natur und Mensch, Flora und Fauna, Kunst und Künstlichkeit – die großen Fragen sind in der Skizze vom Gras aber eben nicht flüchtig hingeworfen, hier wurden dicke Pinsel geschwungen.
Der Prolog „Die Ausgestorbenen“ malt das Bild einer nur noch erinnerten Pflanzenwelt, „die in den Konjunktiv gezogen“ ist. Es folgt mit „Zweite Schöpfung“ ein bedrückender Rundgang durch Dystopia. Scheuermann stellt ausgestorbene Arten (Wandertaube, Säbelzahntiger usw.) neben lebendige Kreaturen (Kaninchen und Bisons), prüft beide auf poetische Potenz. Die entfaltet sich so richtig aber nur im Gedicht „Uraniafalter“, eine gelungene Allegorie auf die Jugend. Die übrigen Vertreter leiden darunter, dass Scheuermann zu viel ätherisches Öl verspritzt:

Wenn ein Gott trauert
bedeutet das,
andere sind alleine, führungslos
(„Bison“).

Nach dem Abstecher in die Fauna, lädt die Lyrikerin später zum Gartenspaziergang ein, Motto:

Pflanzen sehen dich an

Das lyrische Ich schlüpft in die Perspektive der Blumen und Gewächse. Mal beschweren, mal erklären sie sich oder machen wie die Pollen klar, wie nah Mensch und Natur einander sind:

Als Kinder,
die pubertierten, wart ihr mir ähnlich.
Immer ein wenig zu weich und zu weiß

ein origineller Vergleich, den Scheuermann gekonnt durchhält. Mit „Löwenzahn“, „Efeu“ oder dem „Hochsommer“ stehen hier einige der schönsten Exemplare des Gedichtbandes.
Der zweiten Natur, also der Menschen gemachten, widmet die 41-Jährige die Kapitel „Commedia dell’arte“ und „Helenas Traum“. Statt Flora und Fauna dienen hier darstellende und bildende Kunst – „Helena’s dream“ ist ein Gemälde der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas – als Inspiration für Gedichte. Leider sind die Referenzwerke nicht abgebildet, es lohnt sich, sie im Internet nachzuschlagen.
Wem dieses literarphilosophische Programm zu wuchtig-wichtig wirkt, vielleicht sogar etwas nach „professionellem Poetry-Posing“ riecht, wie es einmal in einer älteren Kritik zu Silke Scheuermann geheißen hat, der mache jetzt einen Cut: Buch nehmen, Seite 34 aufschlagen, lesen! „Schwerer Körper“, diese zwei Strophen auf eine Skulptur des britischen Bildhauers Henry Moore sind ein Meisterstück. „Ich teile die Welt durch zwei“ verkündet das Kunstwerk gleich in den ersten Worten. Aber der raffinierte Dualismus von beschriebenem Gegenstand (Metall und Luft), Gedichtform (zweistrophig) und Sprache (zweistimmig: trivial vs. philosophisch) zerteilt in Wahrheit nicht. Er verbindet: Gefühle, Gedanken, Generationen. Und wie die Autorin das ohne erhabene Geste macht, sondern mit schlichten Worten unbeschreiblich Großes auslöst, zeigt, wozu gute Lyrik fähig ist.
Dieses Gedicht reicht aus, um der Jury des Hölty-Preises für Lyrik zu ihrer Entscheidung zu gratulieren. Sie hat in diesem Jahr Silke Scheuermann ausgewählt.

André Hatting, Deutschlandradio Kultur, 13.8.2014

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Mónika Koncz: Schiefe Metaphern vor grünem Hintergrund
fixpoetry.de, 1.9.2014

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Keinem fällt auf, dass die Seele fehlt.

Michael Braun: „Helenas Traum“ heißt ein Gemälde der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas aus dem Jahr 2008 – und „Helenas Traum“ heißt auch ein Kapitel in Ihrem Gedichtbuch Skizze vom Gras (2014). Dieses bislang viel zu wenig beachtete Kapitel in Ihrem preisgekrönten Gedichtband enthält sieben Gedichte, die sich mit Kunstwerken beschäftigen, mit Gemälden und Installationen. Wenn man noch den Umstand hinzunimmt, dass die Protagonistin Ihres Romans Die Häuser der anderen (2012) promovierte Kunsthistorikerin ist, darf man mutmaßen, dass Sie eine große Affinität haben zur Bildenden Kunst. In einem Gespräch haben Sie angedeutet, dass Sie sich selbst einüben in das Handwerk der Malerei.

Silke Scheuermann: Ja, es ist so: Sobald ich mit der Prosa nicht weiterkomme, versuche ich mich an Lyrik, bearbeite ich ein liegengebliebenes Gedicht und umgekehrt. Henning Mankell hat im Bezug auf seinen Wechsel zwischen dem Roman und dem Krimi mal von einer „Wechselwirtschaft“ gesprochen – damit der Boden fruchtbar bleibt. Wobei er mit seinen Bestsellern natürlich weit größere Felder beackert… Wenn es bei mir mit dem Schreiben nirgends weitergeht, fange ich an zu zeichnen, schon seit jeher. Ich bin Gaststudentin an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach bei Professor Manfred Stumpf. Ich mache das aber ganz ohne professionellen Anspruch. Die andere Sache ist eben, dass es eigentlich schon von meinem ersten Roman an, Die Stunde zwischen Hund und Wolf, diese Bezugnahme auf die Bildende Kunst gibt. Das erste Kapitel, das ich schrieb, handelt davon, wie die Ich-Erzählerin eine Francis-Bacon-Ausstellung besucht. Sie ist beeindruckt von den Bildern, die um die Relation von Mensch und Tier kreisen, davon handeln, inwieweit das Tierische kontrolliert ist im Menschen. Ist es nur gezähmt und lauert doch noch irgendwo, sehr schnell bereit, auszubrechen? Das wird bei Bacon im wahrsten Sinn des Wortes sichtbar. Um diese Szene herum habe ich den ganzen Roman geschrieben, das ist das unterschwellige Thema des Buches.
Shanghai Performance
(2011) handelt von einer Installationskünstlerin – Vanessa Beecroft ist hier das Vorbild gewesen, an manchen Stellen zitiere ich ihre Interview-Aussagen beziehungsweise Beschreibungen ihrer Performances beinahe wörtlich, weil diese Sprache der zeitgenössischen Bildenden Kunst wirklich ihre eigene Überdrehtheit besitzt, die wollte wiederum ich quasi „ausstellen“. Wie viel ist da zu sehen, wie viel wird als Sinn darauf gepackt, muss sprachlich aufgepeppt werden? Im dritten Roman, Die Häuser der anderen, kommt dann immerhin noch eine Kunsthistorikerin vor, aber da geht es eher um die heute omnipräsenten Bilder, denen man nacheifert und „Selbstoptimierung“ als zwanghaftes Verhalten. Luisa stellt sich ihr Leben irgendwie zwischen impressionistisch-scheinbarleicht-hingetupft und werbezeitschriftenglatt vor, sehr schwierig… Ich habe dem Verleger danach schon gesagt, jetzt kommt aber nichts mehr mit Kunst, Klaus, versprochen. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob ich das Versprechen halten kann, gerade schreibe ich an einem neuen Roman… mal gucken, was er dazu meint.

Braun: Zum Glück hat der Verleger auch zugelassen, dass dieses Kapitel „Helenas Traum“ im Gedichtband zentral positioniert ist. Sie haben mir en passant erzählt, dass Sie auch als „Museumsschreiberin“ über die Kunsthalle Bielefeld tätig waren, im Rahmen eines Projekts des Literaturbüros NRW. Und hier ist auch eine eigene kleine Publikation von Ihnen entstanden, über Das Leben des Lichts. Und die Gedichte dieser kleinen Publikation finden wir alle auch in dem „Helenas Traum“-Kapitel in Skizze vom Gras. Wie ist es denn zu Ihrer „Berufung“ als „Museumsschreiberin“ gekommen?

Scheuermann: Das war eine Anfrage, die ich sehr dankbar aufgenommen habe. Man wusste von meinem Interesse an Bildender Kunst. Als Museumsschreiberin hatte ich mich mit der Kunsthalle Bielefeld zu beschäftigen, schaute mir die Kunsthalle und ihre Exponate an, machte mir Notizen. Dann schaute ich mir die Kunstwerke ein zweites Mal an und suchte mir welche aus, über die ich Gedichte geschrieben habe. Andere Museumsschreiber haben Geschichten geschrieben oder einen Essay. Ich hatte gar nicht vorgehabt, ein Gemäldekapitel oder ein Kunst-Kapitel in Skizze vom Gras aufzunehmen, zum Kapitel „Zweite Schöpfung“ passte es dann aber sehr gut. Als die Schöpfung des Menschen, als Parallel-Aktion zur Naturschöpfung, als das Geniale, was der Mensch hinbekommt.

Braun: Schöpfung ist ein gutes Stichwort. Ich möchte mich in diesem Gespräch in erster Linie mit zwei Gedichten aus dem Kapitel „Helenas Traum“ beschäftigen. Das eine Gedicht ist das titelgebende für das Kapitel, also „Helenas Traum“. Und das andere bezieht sich auf ein Gemälde eines russischen Malers, der lange Jahre in Ihrer Heimatstadt Karlsruhe gelebt hat. Hier geht es um Wladimir Lukianowitsch Zabotin und sein Gemälde „Mädchen im Spiegel“. Vergleicht man die beiden Gedichte, so stellt man fest, dass es sich in beiden Fällen um eine Art weiblichen Selbstentwurf handelt. Zwei Selbstporträts. Zunächst zu „Helenas Traum“. Helena ist ja die schönste Frau des antiken Mythos, um diese Frau werden Kriege ausgefochten…

Scheuermann: … und es ist auch der Vorname der Tochter von Marlene Dumas, die ihr Mädchen mehrfach porträtiert hat. Dieses Bild ist wunderschön, auch, weil sie praktisch das Kindergesicht vergeistigt zeigt, es ist schon das Alter vorweggenommen. Kinderporträts finde ich faszinierend, weil noch alles drinsteckt, jede Rolle, jeder Entwurf eines Lebens ist noch möglich. Im Gemälde ist das ein intuitives Wissen, das ich in den Zügen des Kindes sehe, dem habe ich versucht, Worte zu geben. Sehr schwierig. Es ist ein Gedicht über ein Mädchen, das doch sehr abgeklärt ist, es weiß, ich bin jetzt so verträumt, aber lass mich bitte so.

Silke Scheuermann:

HELENAS TRAUM
Marlene Dumas: „Helena’s Dream“ (2008)

Irgendwann muss Schluss sein,
aber vorerst träume ich noch.

Ich werde eine schöne Frau sein,
die niemanden ansieht und
niemals gefällig sein will.

Trotz meines Herzens aus Stein
besänftige ich die Mutter,
befreie den Vater von
falschen Verbänden
und zeige ihm, was eine echte Wunde ist.

Im weichen Mund der Zeit
sitze ich,
kalt und hart ist mein Herz,
und nichts wirst du in mir
von der bekannten Welt finden.

Erst wenn ich kein Kind mehr bin,
werde ich ausgeträumt haben.

Meine Arbeit ist allzu einfach:
Ich klettere auf Masten, um den
Wanderern und Pendlern,
den Vögeln und Liebenden
meine Weisheiten einzuflüstern.

Alle täusche ich, die Allmächtige.
Ich flüstere Wahrheiten, die nur die
Empfänger verstehn.
Wie du mich verstehst,
wenn wir uns lieben.

Ich lächle dir zu, das ist meine Arbeit.
Und doch schau ich dir nicht in die Augen,
und wenn ich gehe, drehe ich mich nicht nach dir um.
Ich frage das Internet nicht, wer du bist,
umgekehrt verlange ich nichts,
auch wenn dir das zu wenig sein sollte.

Nichts, als dass ich wieder einschlafen darf,
von Blättern und Vögeln und anderen
flüchtigen Leben träumen.

Jene, die reisen, beneide ich nicht.
Ich beneide auch nicht die Denker,
die pausenlos ihre eigenen
Fragen umkreisen.

Ihre Ergebnisse sind vorläufig wie ihre Gesundheit.
Nein, ich beneide es nicht,
dieses ständige Reisen.

Still
bleibe ich hier im Schlaf.
Wie viele Stunden verstreichen,
seit ich hier bin,
wie viele Blätter, Vögel,
Länder, Regierungen fielen?
Wie viele Retter kehrten heim, wie viele Arbeiter –
Philosophen wie du, der an Heimat glaubt,
der nicht einschlafen will,
hier nicht, wo ich so tief schlafe.

Ich weiß, irgendwann muss Schluss sein.
Aber vorerst träume ich noch.
Lass mich,
bitte.

Braun: Das weibliche Ich, das da spricht, präsentiert sich als Träumerin und fordert das Recht ein, vernunftlos zu träumen. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass dieser weibliche Selbstentwurf auch als autobiografische Perspektive der Dichterin deutbar ist. Es scheint eine Gratwanderung zu sein zwischen Rollengedicht und autobiografischem Gedicht.

Scheuermann: Mir gefiel an dem Gesicht des Mädchens, dass es eine Verweigerung ausdrückt, dass es sich als so schwer lesbar darstellt. Diese Haltung hat für mich durchaus etwas Beneidenswertes, ja, vielleicht kann ich mich auch identifizieren. Das Gesicht zeigt für mich einen Traumzustand surrealistischer Art. Alles sagt ja und gleichzeitig nein, wie die seltsam geschlossenen Augen. Dieses Mädchen ist hier und doch nicht, es ist auch in einer Gegenwelt, im Nicht-Sein. Ein sehr poetischer Zustand in jedem Fall. Man weiß nicht genau, wo sie ist, daher auch so verwischte Farben.
Das Gedicht zum Bild sollte für mich das Rollenporträt einer Verweigerung sein: von Frauenbildern, von Zukunft. Es muss das wunderschön-störrische Innehalten im absoluten und letztlich verantwortungslosen Jetzt zeigen. Man hat alle Möglichkeiten in dieser Generation, wunderbar, wunderbar, aber nicht sehr lange, dann fallen sie weg. Schon Sylvia Plath sagte: wie reife Früchte vom Baum.

Braun: Marlene Dumas’ Bild zeigt ein Mädchen mit geschlossenen Augen, ein Mädchen, das träumt. Schauen wir nun in dieses Gedicht, Silke Scheuermann, und auf die Sprecherin im Gedicht. Interessant ist hier doch auch das Verhältnis zwischen dem Ich und dem Du im Gedicht. Am Ende des Gedichts wird zum Beispiel das Du direkt angesprochen, wird als „Philosoph“ apostrophiert: „Philosophen wie Du, der an Heimat glaubt.“ Was ist das für ein Du?

Scheuermann: Diese Gemäldegedichte sind immer auch Liebesgedichte. Es ist ein Du, das sich festlegt, und das Prinzipien hat und einen Lebensmittelpunkt wahrscheinlich, ein Frauenbild. Und sagt: Jetzt mach’ die Augen auf und lebe. Ja, stell dich der Realität und werde erwachsen. Das Bild sagt dazu: nein, danke. Deswegen habe ich es ein Verweigerungsgedicht genannt.

Braun: Vielleicht gibt es in „Helenas Traum“ ähnliche Gesten wie in dem zweiten Gedicht, über das ich sprechen möchte. In „Helenas Traum“ heißt es:

Ich werde eine schöne Frau sein, die niemanden ansieht und niemals gefällig sein will.

Da ist schon eine Verweigerung enthalten. Auch im Gedicht „Das Mädchen, das in den Spiegel sieht“ ist diese Perspektive da, aber es drängt sich eine Bedrohung in den Vordergrund. Das Ich, das da spricht, sagt: Ich war vom Verschwinden bedroht. Bei diesem Helena-Gedicht weiß man nicht, ob nicht da auch schon eine Bedrohung wirksam ist.

Scheuermann: Helena ist ja noch viel jünger, das namenlose Mädchen von Zabotin ist schon zehn, oder zwölf, kurz vor der Adoleszenz, es hat schon andere Probleme. Hat auch schon etwas erlebt, jedenfalls sehe ich das in dem Porträt. Das Gesicht verkörpert für mich das Gefühl, dass sie sich sogar für zu Recht bestraft hält. Womit sie natürlich auch falsch liegen könnte. Was auch passiert sein mag: mit ihrer Unschuld ist es vorbei. Bei Zabotin bin ich in der Rolle eines Betrachters, eines Spiegels, auf einer Frisierkommode und schaue da rein, der Kopf scheint wie abgeschnitten. Das ist geheimnisvoll und unheimlich auch. Das Mädchen weiß von der Verdorbenheit der Welt – oder auch ihrer eigenen. Es sieht eigentlich unsympathisch aus: stolz, schuldbewußt und unsymphatisch. Wie ein Geist, der etwas falsch gemacht hat. Deshalb habe ich daraus einen Text gemacht, den ich eher Bestrafungsgedicht nennen würde, nicht mehr Verweigerungsgedicht wie bei „Helenas Traum“.

Braun: Bleiben wir mal bei diesem Bild des Malers Wladimir Lukianowitsch von Zabotin. Ein russischer Maler, der mir bis zur Begegnung mit Ihrem Gedicht „Das Mädchen, das in den Spiegel sieht“ völlig unbekannt war. Ein Maler, der viele Jahre seines Lebens im Exil und in Ihrer Heimatstadt Karlsruhe verbracht hat. Anlässlich eines Projekts der Kunsthalle Karlsruhe sind Sie dem Bild „Mädchen im Spiegel“ begegnet.

Scheuermann: Es fing damit an, dass Schriftstellern die Porträts, die die Kunsthalle in ihren Kellern und in der Ausstellung hatte, geschickt wurden. Man durfte sich eines aussuchen. Und mir fiel sofort dieses Bild auf – ich kannte Zabotin übrigens auch nicht, er ist auch nicht sehr bekannt, hat auch ein sehr heterogenes Werk. Über dieses Bild weiß man nicht viel, es hatte wohl eine sehr lange Entstehungszeit, von 1922 bis 1927. Carl Zuckmayer hat Zabotin mal besucht und sich lustig gemacht über sein Werk, das man nur mit viel Wodka ertragen könne. Das geht mir eher mit Zuckmayer so, aber egal. Man findet nicht viel über den Maler. Er hat einer Künstlergruppe angehört. Dieses Bild hat augenblicklich sehr viel in mir aufgerufen – jetzt mal ganz abgesehen davon, dass es mich an meine tagtäglich benutzte Frisierkommode erinnert, die ist allerdings Jugendstil, ein Erbstück, es haben sich schon Generationen an Frauen darin angeguckt.

Braun: Man sieht eine Art Spiegelkommode, aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts. Der Spiegel ist an Metallstreben befestigt. Auf der Kommode ein geheimnisvolles Kästchen und Handschuhe. Und im Spiegel sieht man das Gesicht eines stolzen, hochmütigen Mädchens, das sehr egomanisch in den Spiegel schaut. Man sieht keinen Körper. Ihr Gedicht scheint das unheimliche Porträt dieses Mädchens zu sein, aber es ist auch mehr als nur das Porträt eines Mädchens.

Scheuermann: Es ist wirklich absolut rätselhaft, dieses Porträt. Es erinnert mich an „Alice im Wunderland“, „Alice in den Spiegeln“, aber das Mädchen ist wirklicher, nicht so lieblich dargestellt, es ist ein grausames Mädchen, ein Mädchen, das etwas falsch gemacht hat, und jetzt bestraft worden ist mit einer ganz grausamen Strafe: Es ist ihr etwas weggenommen worden. Es geht in dem Bild mindestens genauso sehr um das Fehlende wie das Vorhandene – genau, wie ein Gedicht eigentlich arbeiten sollte. Das Mädchen, das bei Zabotin in den Spiegel schaut, hat keinen Körper. Ein Mangel, der in jeder Epoche gleich groß ist. Die Zeit spielt hier wieder eine enorme Rolle in dem Bild, oder vielleicht vielmehr: die Zeitlosigkeit. Gut, es ist eine Frisierkommode aus den 20er Jahren, könnte aber genauso gut eine antikes Stück von heute sein. Das Mädchen trägt eine Art Pagenkopf, aschblond würde ich die Farbe nennen, und sie schaut sich mit diesen riesigen Augen an. Ohne Körper scheint sie mir durch die Zeit zu spuken, doch anders als Helena tut sie es unruhiger, getriebener, vielleicht sogar bösartiger.
Und das ist es, was mich an Gedichten interessiert: Die Zusammenfassung von Zeit, und die Möglichkeit, durch mehrere Strophen, Zeiten, Wochen zu fließen, ohne ganz rational zu sein. Das ist auch so eine Parallele zu dieser Art von Bildern, die ich so mag: zu surrealistischen Bildern. Und das Gedicht ist nicht einer konstanten Erzählung verhaftet, sondern zeigt Bilder, die zusammenpassen und die simultan stattfinden können und formuliert so eine rätselhafte Erzählung. Und da sehe ich gerade in diesem Bild eine große Ähnlichkeit zu der Lyrik, wie ich sie schreiben möchte.

Silke Scheuermann:

DAS MÄDCHEN, DAS IN DEN SPIEGEL SIEHT
Wladimir Lukianowitsch von Zabotin: „Mädchen im Spiegel“ (um 1922/1927)

Als Kind schaute ich
mit der Wachsamkeit eines Geschöpfes in den Spiegel,
das ständig vom Verschwinden bedroht ist. Verschwinden
wohin? Eine andere Welt konnte ich mir
fabelhaft vorstellen.

Eine, die sich kurz zeigt und dich dann sofort aus der hiesigen
wegzieht. Ich erwartete nichts, ich erwartete alles. Diese
Unklarheit war gar nicht schlecht. Es war nicht wie später,
als ich ständig telefonierte, nur um sicherzugehen,
dass es sie noch gab, meine Freunde.
Dass sie drangingen, wenn ich es war.

Die andere Welt war heute so, morgen so, machte mir gar nichts.
Es gab dort Dinge, die jeden Tag geschahen. Interessant
war, dass manchmal plötzlich etwas fehlte –
aber so, wie eine Sorge fehlt,
man merkt es selten,
eigentlich nur, wenn man darauf gestoßen wird.

Nun ja, was fehlt an einem Krieg ohne Waffen und Tote
und Blutbad, Folter nur mit Worten, mit Reimen ohne Sinn.
Was fehlt, wenn niemand stirbt, die ständige Forderung
nach der Unsterblichkeit nie gestellt werden muss.
In seiner wichtigtuerischen Beständigkeit
stäubt etwas Schnee über eisgraue Straßen,
und keinem fällt auf, dass der Sommer fehlt.

Einsame Köter schleichen vorbei, ohne Begeisterung, ohne Namen,
die Straßen auch namenlos, Häuser ohne Nummern. Versuch
hier mal einen Freundesbesuch, keine Chance.

Zum Glück hat jeder in dieser Welt einen Feuerball als Seele,
begabtes Licht, an der besten Quelle untergebracht: tief
in dir, und keinem fällt auf, dass die Seele fehlt.
Sie sagten auch von mir, was alles fehlte auf einmal,
es muss also da gewesen sein, früher. Doch
ich hatte aufgehört, die Seele zu kennen.

Was dann geschah? Nun, ich vergaß,
dich zu lieben, obwohl du es
weiterhin tatest, schonungslos
schön, gefährlich, eine Liebe,
von der ich zurückfiel mit langsamer
Stetigkeit, einer
Geschwindigkeit, die dir Angst machte,
dem Gegentempo zu deiner,
der Versuch, dich zu drosseln.

Es passte nicht. Du sahst vor dir auch diese Vision von mir,
doch das hochmütige Kind liebte nur sich selbst.
Vielleicht hatte ich den Punkt übersehn,
als Wegschaun noch möglich war.
Immerzu blickte ich weiter in Spiegel.
Es war etwas Sexuelles, natürlich,
das war es in den meisten Welten.

Aber genug davon. Als Montag
vorbei war, kam Freitag und dann
wurden die Karten ganz neu gemischt.
Es gab wieder einen Spiegel, vor dem ich mich hochmütig
aufbaute, und wieder wartete ich
auf meine Entführung,
bösartig, naiv,
engelsgleich, voller Erwartung.

Verschwinden bedeutete keineswegs: fort sein von etwas, sondern:
bei etwas Neuem, Besserem.
Und ich wurde bestraft, obwohl ich vergessen
hatte, dass es die Strafe gab.

Ich verdiene sie,
verdiene, dass man mir meinen Körper wegnahm,
dass ich ewig gezwungen bin, meine eigenen
eitlen Augen im Spiegel zu sehn,
auch wenn ich längst nicht mehr vor ihm stehe.

Ein Mädchen ohne Körper, das sich in die Augen sieht.

Braun: Das ist doch eine erschütternde Diagnose, die sich das Ich hier selber stellt. „Ich verdiene, dass man mir meinen Körper wegnahm.“ Das Ich erklärt gewissermaßen sein Einverständnis mit der Bestrafung, mit dem eigenen Verschwinden.

Scheuermann: Ja, sicher. Das fast adoleszente Mädchen, begreift, dass es in dem Versuch, auf dem narzisstischen Ich zu beharren und immer wieder etwas Neues zu unternehmen, auch verletzt. Es gibt diese angedeutete Liebesgeschichte, wo einfach gesagt wird: Du hast das Bild von mir, aber ich bleibe, wie ich bin, ich entwickle mich auch nicht weiter. Ätsch. Denn wer weiß, vielleicht hängt da in einiger Entfernung und vom Maler nicht in die Komposition mit einbezogen, das Geistergesicht einer viel älteren, weißhaarigen Frau, die sich immer noch als Kind sieht? Vielleicht ein verlebtes, häßliches Gesicht? Dann hätte man eine Art weibliche Dorian-Gray-Geschichte… aber das ist jetzt Rumspinnerei. Es sollte eine rätselhafte kleine Erzählung sein, die mir zu dem Bild einfiel. Aus der Ich-Perspektive. Ich habe dann in einer Kritik gelesen, dass es ein Selbstporträt wäre, und ich war dann extrem verunsichert, ja, richtig erschüttert. Denn das Mädchen ist wirklich nicht sympathisch. Andererseits – warum nicht? Empathie ist ein zentrales Thema in meinen Gedichten, einmal schlüpfe ich in Rollen und sage, okay, hier ein Selbstporträt als Mauerblümchen, hier als eitle Rose, da als Tier, und so weiter, da dürfen und sollen die Leser natürlich auch Identifizierungen vornehmen. Gedichte sind Dialoge mit dem Leser. Die Hoffnung ist, dass sich in Rollengedichte der Leser einfühlen kann, hier eben in das Mädchen.

Braun: Ich habe das Gedicht auch als poetische Konfession gelesen. Es geht doch in Dichtung darum, etwas aufzuzeichnen, damit man existenziell nicht verschwindet.

Scheuermann: Genau, wobei man das natürlich trotzdem tut, sich nur etwas vormacht und sich tröstet damit. Man schreibt gegen das Verschwinden an, das thematisiert das Gedicht. Das Mädchen verschwindet in den einzelnen Absätzen, man weiß nicht, wohin es sie zieht und wie lange. Die Tiere sind verwildert, die Häuser haben keine Namen. Es ist geheimnisvoll dort. Und in der so genannten zivilisierten Welt ereignet sich parallel eine Liebesgeschichte, und das „Ich“ altert weiter. Mit dieser Gleichzeitigkeit können Bilder phantastisch arbeiten, aber Gedichte eben auch.

Braun: Das Gedicht schreitet fort in einer Reihe von Verlustanzeigen. Zuerst fehlt der Sommer und schließlich fehlt sogar die Seele. Aber wenn die Seele fehlt, wo kann dann noch die Liebe sein?

Scheuermann: Ab einem gewissen Grad an Verletztheit wird es schwierig, mit der Seele und der Liebe… aber sobald man noch erkennt, da war doch mal was, da fehlt jetzt etwas, ist vielleicht noch nicht alles verloren.

Braun: In einem Gedicht einer Dichterin, das sich auf den Blick eines Mädchens in den Spiegel bezieht, ist doch sicher auch die Autorperson selber enthalten, ganz gleich, in welcher Weise die Figur, in diesem Fall das Mädchen, dargestellt wird.

Scheuermann: Ja, ich kann mich natürlich nur bis zu einem gewissen Grad und innerhalb der Grenzen meiner Sprache, des Denkens, meiner Zeit, meines Geschlechts einfühlen. Das wissend, versuche ich es dennoch. Als Dichterin hat man da das Glück der Wahl. Ich bin einmal die zufriedene Vase, und dann morgen eine traurige Taube. Es gibt ein Dasein durch die Zeiten hinweg und die Bilder. Das darzustellen, erlebbar machen zu können, das wäre die Essenz.

Braun: Man kann im Gedicht die Masken wechseln. Was Sie eben sagten: Ich bin eine traurige Taube – das führt uns nun auf die lyrischen Schöpfungsgeschichten in der Skizze vom Gras. In welchem Verhältnis steht hier das Kapitel „Helenas Traum“ zur „Zweiten Schöpfung“?

Scheuermann: „Zweite Schöpfung“ ist ein Kapitel mit naturgeschichtlichen Gedichten, wobei „Zweite Schöpfung“ im Manuskript zuerst über dem Kapitel stand, das jetzt „Helenas Traum“ heißt – alle Kunst ist ja seit jeher unsere zweite Schöpfung, während die Genome, aus denen inzwischen neue, praktischere Tierarten für uns zum Essen gemacht werden, oder ausgestorbene, gegen unser schlechtes Gewissen, noch gar nicht lange entschlüsselt da liegen. Entstanden ist das Buch in einem Zeitraum von sieben Jahren. Erst am Schluss, als ich diese Gedichte über ausgestorbene Tiere geschrieben habe, habe ich bemerkt, dass es überall um Spielen, Schöpfen, Werden und Vergehen geht.

Braun: Und der Impuls für die Gedichte über ausgestorbene Tiere?

Scheuermann: Das war ein Besuch in einer Höhle in der Fränkischen Schweiz, der so genannten Teufelshöhle, in der ein Höhlenbär ausgestellt ist. Und das fiel zusammen mit dem Gefühl: Hier leben wir und das ist tausende von Jahren alt. Und diese Erfahrung in eben dieser Höhle, diese Erfahrung von Transzendenz, die habe ich auch, wenn ich vor manchen Kunstwerken stehe. Das ist eine Art von Überwältigtsein, von Gefallen, und von der schöpferischen Ordnung der Welt, die auch nur sehr wenige Gedichte als Wirkung beim Leser erreichen.

Braun: Sie sagten zu Beginn, dass Sie zeichnen, wenn es mit dem Schreiben nicht so vorangeht. Und so ist der Titel des Bandes wohl nicht zufällig Skizze vom Gras. Wie ist es denn zu diesem Titel gekommen?

Scheuermann: ,Skizze‘ heißt eben, dass man sehr, sehr viele Übungen und Versuche macht, bis man diese eine, treffende, Zeichnung genau so hinbekommt, dass sie aussieht, wie eben mal so entstanden, leicht wie ein Schmetterlingsflügelschlag. Für mich ist es logisch, dass viele Autorinnen und Autoren auch Zeichnen, sie sehen ganz genau hin: Sylvia Plath, die sich eine Zeit lang nicht sicher war, ob sie Bildende Künstlerin oder Schriftstellerin werden wollte, hat erst mal das verfallene Gewächshaus gezeichnet, wenn ihr das Sujet gefiel, die Worte aber noch nicht da waren. Sie war fleißig und hat solchermaßen anderweitig „geübt“, Charles Bukowski hat sein Kunststudium abgebrochen… und später hat er – er hatte ja eine sehr kleine Auflage zuerst – seinen Büchern Aquarelle beigelegt, um diese attraktiver zu machen. Angeblich sind sie entstanden, indem er erst rasch die Bilder malte, bunt und wild, und sie dann in die Badewanne legte, um darüber zu pinkeln. Jeder nach seinem Naturell. Und Gabriel Garcia Marquez hat Comics gezeichnet… Jonathan Lethem ist übrigens auch sehr gut als Bildender Künstler, und in Vancouver sah ich fabelhafte Werke von Douglas Coupland in der Contemporary Art Gallery. Das Visuelle ist für die Dichter etwas ganz Wichtiges; es gibt viele Doppelbegabungen.

Braun: Wie sieht es aus mit der berühmten These von Horaz: „Ut pictura poiesis“ – Dichtung soll sein wie eine Gemälde, Dichtung soll sein wie Malerei. Können Sie sich diesem Enthusiasmus von Horaz anschließen oder sehen Sie eher die Differenzen zwischen den Kunstgattungen?

Scheuermann: Das wäre schön, wenn sie so wäre, ja: so unmittelbar, im besten Fall für Kinder wie Fremdsprachler einleuchtend, verständlich. Als Ziel ist das schön formuliert. Aber das Problem ist ja, dass ich mich als Autor auf dieses abstrakte sprachliche Zeichensystem verlassen muss, da ist also erst einmal eine Distanz zu den inneren Bildern zu überbrücken, eine Übersetzungsleistung zu tun. Ich denke, dass das Bild da immer vorneweg ist. Gleichwohl ist das Gedicht von allen Literaturgattungen am nächsten dran an der Bildenden Kunst, und das jetzt auch ganz abgesehen von einer Zwitter-Gattung wie der visuellen Poesie. Das ist es auch, was es faszinierend macht. Ich denke, Gedichte sind weitaus haltbarer als Romane, über die Jahrhunderte hinweg. Wenn man Miltons Über das Licht liest, ist das genauso gegenwärtig, wie wenn aktuell warnend über Lichtverschmutzung spekuliert wird. Ja, es gibt sehr viele Ähnlichkeiten zwischen den Gattungen.

poet, Heft 19, 2015

 

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