Verse laut
Zu lesen trügt.
Denn ihr Geist −
Versteht’s: entfliegt.
Ein Skelett liegt
Nun der Vers…
Schau und sag:
Wo ist sein Herz?
Schweigen nur
Liebt Wortmusik.
Trag ihn vor −
Der Vers erliegt.
Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gibt Sinaida Hippius ein Gedicht zum Druck, das sie bereits in den zwanziger Jahren geschrieben hat. Es spricht in müden Worten die bittere Enttäuschung über den Zustand unseres Planeten aus. Es endet mit dem klaren Wunsch, „heimgehen“ zu können.
Im September 1945 stirbt die Dichterin vereinsamt in Paris. Zwei Jahre zuvor hat sie in einem Widmungsgedicht von Wladimir Slobin, ihrem langjährigen Sekretär und Mitstreiter, Abschied genommen. Sie gibt ihm dabei zu verstehen, dass sie es vorziehen würde, auf dem Friedhof von Sainte-Geneviève, oder „weiter unten“, wieder ihrem Manne, dem Kulturphilosophen und Schriftsteller Dmitri Mereschkowski, zu begegnen.
Das Ehepaar Mereschkowski war 1919 aus Russland emigriert – eine „Heimkehr“ dorthin wird erst zu Beginn der neunziger Jahre möglich. Die Sowjetunion hat beide siebzig Jahre lang totgeschwiegen.
Als Christoph Ferber 1987 eine kleinere Auswahl aus dem – gewiss bekannteren – Frühwerk der Dichterin übersetzte und es unter dem Titel Frühe Gedichte herausgab, betrat er Neuland.
Wenn der Übersetzer nun eine zweite Auswahl, diesmal aus dem Spätwerk, vorstellt, ist das sehr zu begrüßen. Nach allem, was uns das vergangene Jahrhundert beschert hat und das angehende zu bescheren droht, ist es höchst angezeigt, sich auch dem „politischeren“ Teil des Werks von Sinaida Hippius zuzuwenden, ihren Gedichten aus der Zeit seit Beginn des Ersten Weltkriegs.
Sinaida Hippius (1869-1945), die neben Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa bedeutendste Dichterin Russlands, ist im Kreise der russischen Symbolisten die einzige Frau. Zu Anfang des Jahrhunderts führt sie in Petersburg einen literarischen Salon, in dem fast alles verkehrt, was Rang und Namen hat. Mit ihrem Mann gemeinsam vertritt sie die „slawophile“, „metaphysische“ Richtung des Symbolismus. Sie ist religiös, aber nicht kirchlich gebunden.
Inspiriert wird Sinaida Hippius vor allem von Baratynski und Tjutschew, geistig fühlt sie sich Dostojewski nahe. Alles Mystische bleibt ihr aber fremd. Von den Dichterkollegen ihrer Zeit steht ihr Fjodor Sologub, der „Sänger des Todes“, am nächsten. Er ist auch der einzige, der in ihren Tagebüchern der Schreckensjahre 1918-1919 ungeschoren davonkommt. Seinen Kriegsenthusiasmus des Jahres 1914 vermochte sie freilich nicht zu teilen. Weitsichtig sieht sie die Katastrophe voraus.
Der Oktoberrevolution steht die Dichterin entschieden ablehnend gegenüber. Es schmerzt sie, dass Alexander Blok, der nahe Freund, der Dichter der „Schönen Dame“, an der Spitze eines Rotarmistentrupps die Gestalt Christi gesehen haben will.
Im Pariser Exil schreibt sie nur noch spärlich Gedichte. Manche von ihnen werden zu einem Lob des Schweigens, der Innerlichkeit und des stillen Gebets. Andere sind betont politisch, zeichnen sich durch Prägnanz, durch Härte und aphoristische Zuspitzung aus.
Aktiv nimmt Sinaida Hippius am künstlerischen und politischen Leben der russischen Emigration teil. Sie verfasst Kurzgeschichten und essayistische Prosa für literarische Zeitschriften und betätigt sich, wie schon in Russland, als treffsichere (und mitunter recht boshafte) Kritikerin. Sie veröffentlicht einen Band mit hochinteressanten literarischen Reminiszenzen an das „Silberne Zeitalter“ der russischen Literatur – mit vielen prägenden Persönlichkeiten hat sie ja einst in Verbindung gestanden, so mit Brjussow und Bely, mit Rosanow und Sewerjanin. Auch Tschechow und Tolstoi war sie begegnet. Sie gründet einen „Bund der Unversöhnlichkeit gegenüber den Bolschewisten“. Wegen ihres antikommunistischen Engagements sagt man ihr und Mereschkowski sogar Sympathien für den Nationalsozialismus nach. Zu Unrecht: beide lehnen totalitäre Systeme in klaren Bekenntnissen ab.
Bis zuletzt hofft Sinaida Hippius auf Rettung für das „sündige“ Russland. Sie klagt Gott in blasphemischer Umkehr an, er sei es, der sich einst beim Jüngsten Gericht werde rechtfertigen müssen. Es ist der gleiche Gott, den sie im Gedicht „Maß“, dem schönsten dieses Bandes, demütig sucht. Vielleicht wird sie ihn auf Sainte-Geneviève gefunden haben, freilich wohl eher „weiter oben“ als „weiter unten“.
Peter Brang
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