Siri Hustvedt: reading to you

Hustvedt-reading to you

 

Sie kam zu spät

Sie kam zu spät. Kann man das überhaupt sagen, wenn man jemanden erwartet, von dem man etwas will? Ich wartete an der Rezeption des Hotels. Sie war mit ihrem neuen Roman Die Leiden eines Amerikaners auf Lesereise in Europa. Wir waren verabredet für die Sprachaufnahme ihrer „Poems“. Zuerst kam die Pressedame des Verlags. Sie sagte mir, dass es in drei Stunden schon weiterginge mit den Terminen und am Abend fände ja dann die Lesung statt. Ausverkauft. Vorher müsse die Autorin noch eine Stunde ausruhen, sie seien immerhin erst gestern aus Paris gekommen. Mir wurde flau. Und dann müssen wir auch noch durch die halbe Stadt nach Ottensen in das Studio fahren. In einen Hinterhof, wo das Studio versteckt liegt, klein aber fein. Wahrscheinlich sehen in New York viele Studios so aus, beruhige ich mich.
Dann war sie einfach da. Ein skandinavischer Windhauch, hoch, schmal, hell und direkt.

Hi, I am Siri. I just took a little rest. Let’s go.

Im Taxi erzählte sie von Paris, von Freunden, kein Wort über gedrängte Termine oder gar Anstrengung. Zum Glück hatte ich ihren gerade erschienenen Roman gelesen, denn Schriftsteller merken sofort, ob du ihre Werke kennst oder nicht. Da gibt es keine Ausflüchte. Wir reden über ihren vorletzten großen Roman, Was ich liebte, in dem etliche der Motive ihrer bisher unübersetzten, ersten, in einem schmalen Band veröffentlichten „Poems“ schon auftauchen. „Ja, merkwürdig“, sagt sie, „ich hatte sie seither gar nicht wieder gelesen“. Im Studio, ohne Fremdeln, ging sie sofort an die Arbeit, bat darum, sie jederzeit zu unterbrechen, sie läse ihre Texte zum ersten Mal wieder. Und sie fing an zu lesen. Auf der Stelle nahm ihre Stimme, der Klang, die Melodie gefangen. Da gibt es nichts zu unterbrechen, höchstens ein winziger Lesefehler, ein ausgelassenes Wort, mehr nicht. Sie ist, trotz des großen Abstands, einem Vierteljahrhundert, mit ihren Gedichten vertraut.

Bin ich nicht zu monoton?

Und schon hatte sie das Tempo gewechselt. So lesen eben nur Autoren.
Norwegian Woods. Wie Erinnerung arbeitet. Erinnerungsfetzen tauchen auf, verbinden sich assoziativ mit scheinbar weit entfernt liegenden Bildern, Menschen, Orten, Landschaften, untereinander, legen sich übereinander, erscheinen und verschwinden wieder, Kindheitsmuster. Voss in Norwegen und Wälder in Minnesota liegen dicht beieinander, alte Fotografien erzählen Geschichten, übermalt von Gegenwart. Sie legt Worte frei, lässt den freien Lauf der Erinnerung sprechen. Es gibt keine Eindeutigkeit in den erinnerten Geschichten und Bildern. Ihre Erinnerung montiert und erzählt eine neue, eigene Geschichte.
In den Gedichten „Für Joseph Cornell“, den amerikanischen Künstler, der gefundene Dinge collagierte und in „boxes“ bannte, entwirft sie anhand seiner Bilder ihre eigene Poetologie: ein seiner bildenden Kunst verwandtes Verfahren, eine Untersuchung: Wie Geschichten entstehen. Und sie evoziert und folgt dem traumwandlerischen Pfad der Erinnerung, hält Zwiesprache mit dem Künstler durch seine Bilder. Sie lässt sich anstiften und unternimmt eine Reise in die Imagination.
Die Gedichte „Wetterzeichen“ und „Zwittrige Parallelen“ suchen Orte der Kindheit auf, erste Erfahrungen und Eindrücke, die ihre Schrecken hinter der allgegenwärtigen Natur auf dem Land kaum verbergen. Das kindliche Erschrecken ist kein Idyll.
Das Stück „Quadrate“ in lyrischer Prosa überschreitet die den Blick begrenzenden Kanten alter Fotografien, erweitert die Ausblicke und Horizonte, die Vergangenheit stirbt nicht, solange es Erinnerung gibt. Eine andere Weise, das Wort „Liebe“ zu erklären, „obwohl das Wort damals nie gesagt wurde“.
„Ich lese dir vor“ ist eine Geschichte aus „allen“ Geschichten von Liebe und Tod, erinnert, geschrieben und erzählt, und sie können bis in alle Ewigkeit vorgelesen werden. Sie liest einem vor, sie liest allen ihren Lieben vor, ein dauernder Balanceakt zwischen Nähe und Distanz, behutsam, um nichts zu zerstören, hält sie ihre Worte in der Schwebe. Unüberhörbar ist hinter dem faszinierend schönen Klang ein Abgrund, ein Grauen, das einen verblüffend „wohligen Grusel“ erschafft, den sonst nur die alten grausamen Märchen erzeugen können.

Brigitte Landes, Februar 2009, Nachwort

 

Zum ersten Mal:

die Gedichte der amerikanischen Erfolgsautorin.
Bilder und Erinnerungen. Menschen, die kamen und gingen. Das Glück und der Scharfsinn der Kinder. In den Gedichten von Siri Hustvedt finden sich alle Essenzen ihrer Prosaarbeiten – und mehr: Es sind persönliche Notizen einer poetischen Sammlerin der Wirklichkeit. Für ihr deutsches Publikum hat Siri Hustvedt die amerikanische Fassung selbst gelesen, die deutsche Übertragung spricht Maren Eggert.

Hoffmann und Campe Verlag, Covertext, 2009

 

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