Srečko Kosovel: Ahnung von Zukunft

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Srečko Kosovel: Ahnung von Zukunft

Kosovel/Černigoj-Ahnung von Zukunft

KONS. 4

Boston verdammt Einstein.
Einstein verboten.
Relativität ist gefährlich?
Chinesische Studenten
eingesperrt in Berlin.
Sind chinesische Studenten gefährlich?
SKS wechselt Regierung.
Genug Regierungen hats schon gewechselt.
Frankreich. Spanien. Marokko.
Terror von Gefreiten.
Terror von Gendarmen.
Die Hochgestellten leben
den Gesetzen ihrer Seele.
Die Kleinen nach Paragraphen.
§X: 14 Tage ins Gefängnis.
§Y: An den Galgen.
§Z: In die Verbannung.
21 Jahre war ich im Knast
10 x am Galgen.
Verbannt bin ich auf ewig.
He, Liebste, würdest du weinen?
Mir kommen keine Tränen.
Hart bin ich wie Stahl,
der ein Herz durchbohren muß.

Übersetzt von Uwe Kolbe

 

 

„Ahnung von Zukunft“

1
Der Schüler und Student Srečko Kosovel war ein Suchender und Fragender. Zum Suchen gehörten die Versuche, zu den Fragen waren Antworten zu finden. In wenigen Jahren entstand ein Werk von erstaunlichem Umfang: rund 1700 Gedichte, 80 Gedichte in Prosa, über 70 Essays und über 50 Skizzen. Kosovel rang es sich unter schwierigen persönlichen und widrigen politischen Umständen ab. Ihn bewegten die großen Fragen: nach dem Sinn des Lebens, nach Recht und Gerechtigkeit. Individuelles Glücksverlangen stieß sich an den Widerständen eines Staates, den er nicht akzeptierte, an einer sozialen Ordnung, die er als überholt betrachtete, an der bürgerlichen Welt, die er als Irrenhaus denunzierte. Eine willkürliche Grenzziehung hatte seine Heimat zerteilt. Nach dem Friedensvertrag von St. Germain (1919) war Westslowenien mit dem Küstenland an Italien gefallen.
Seine Gedichte und Schriften zeigen das Bild eines Jünglings, in dessen Aufschwüngen und Niederlagen sich Größe und Hoffnung offenbaren. Srečko Kosovel begriff sich als slowenischer Dichter, als Dichter seines Volkes, in dessen „idyllische grüne Landschaft der Schrei Europas gedrungen war“. Das stand nicht im Gegensatz zum übernationalen O-Mensch-Pathos der Expressionisten, denen er sich in ihrem ethischen Wollen verpflichtet fühlte, hob ihn aber von diesen ab. Wurde von diesen, die er in den berühmten Anthologien Kameraden der Menschheit und Menschheitsdämmerung kennengelernt hatte, das Nationale als Relikt überholter Denkweisen zusammen mit dem Nationalismus verworfen, so wurde es bei Kosovel zu einem Element fortschrittlicher Gesinnung, Ausdruck des Stolzes, einem Volk anzugehören, dessen Möglichkeiten sich erst in der Zukunft entfalten würden. Seine Landsleute, damals ein Volk von 1 700 000, im „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ lebend, konnten in diesem Staat kaum ihre politische Heimat sehen. Mit ihnen erlebte Kosovel nationale und soziale Unterdrückung, die ihn auch unmittelbar berührte: Sein Vater, ein Lehrer, wurde von den italienischen Behörden aus dem Schuldienst entlassen. Über den Staat, dessen Bürger er war, schrieb er: „Wenn ich die gegenwärtigen politischen Verhältnisse im SHS betrachte, kann ich einfach nicht zufrieden sein! Ich protestiere gegen sie im Namen der Menschlichkeit. Dafür kämpft die Kunst, und wenn sie nicht kämpfte, wäre sie keine Kunst.“ In seinem Volk sah Kosovel die Kraft, die nicht nur sich selbst befreien, sondern auch einen Beitrag zur Befreiung der Menschheit leisten könnte. Er glaubte an eine Mission der kleinen Völker, an das Erwachen ihrer bisher brachliegenden politischen und sozialen Potenz, an deren Freilegung er mitarbeiten wollte.
Die so kurz bemessene Zeit seines Wirkens ist bis zum Rand gefüllt mit Aktivitäten und Unternehmungen. Schon der Schüler trat mit Versen hervor und arbeitete an Zeitschriften mit. Der Student war Redakteur, rezitierte und diskutierte. Der ungewöhnlich produktive Lyriker war auch ein Mann der Öffentlichkeit. Ljubljana jedoch, wo er in erster Linie tätig war, war ihm und seinen Freunden wenig günstig. Er empfand die Stadt als Museum, ja als Sarg: „In das slowenische Kunstleben schmuggelte sich ein Nirwana ein, das sich so nicht einmal Buddha selbst vorstellen konnte.“ Ihn beschäftigte das Mißverhältnis von Künstler und Publikum, das Problematische der Wirkung von Kunst in der bürgerlichen Gesellschaft. Ein breites Publikum, das heißt das Publikum der Arbeiter, der Bauern, der kleinen Leute, erreichte er nicht. Diese für das bürgerliche Kulturleben seiner Zeit charakteristische Tatsache machte er zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen in dem Aufsatz „Die Kunst und der Proletarier“. In dieser politisch und sozial determinierten Situation, die durch die Unreife der gesellschaftlichen Verhältnisse in Slowenien zusätzlich verschärft wurde, lag ein wesentlicher Grund für die relative Wirkungslosigkeit Kosovels während seines Lebens und auch noch danach.
Nur wenige Gedichte wurden zu seinen Lebzeiten veröffentlicht. Sein weit ausholendes Programm, das auf die Vereinigung von Künstler und Volk über eine große, Schönheit und Wahrheit verkündende Kunst zielte, wurde nur einem kleinen Kreis seiner Freunde bekannt. Eine erste, von ihm selbst zusammengestellte Auswahl unter dem Titel Das goldene Boot, zu der er ein bemerkenswertes, neue Entwicklungen ankündigendes Vorwort schrieb, konnte nicht erscheinen. Zwei schmale Gedichtbände, 1927 und 1931 von seinen Freunden herausgegeben, ließen ahnen, was für einen Dichter Slowenien mit Kosovels frühem Tod verloren hatte. Erst nach 1945, im sozialistischen Jugoslawien, begann die eigentliche Wirkung Kosovels. Sein Gesamtwerk, das nun allgemein zugängig ist, bedarf freilich weiterer intensiver Erforschung.
Noch immer ist Kosovel ein Dichter, der außerhalb seiner Heimat nur wenig und fragmentarisch bekannt ist. Tatsächlich gebührt ihm ein Platz in der europäischen Lyrik-Avantgarde der zwanziger Jahre. Er gehört zu den Wegbereitern einer sozialistischen Literatur, die auch mit ihm über die häufig propagandistisch-agitatorischen Anfänge hinaus den progressiven und revolutionären Gedanken jene künstlerische Größe und Würde verlieh, die ihnen angemessen war.

2
Die Alternative zur Welt des europäischen Zerfalls war die Welt der Zukunft, die zum entfremdeten Menschen der tätige Mensch. Für Kosovel, dessen Bilder von Europa apokalyptische Symbolkraft besitzen, war der Bezugspunkt seiner Kunst immer die wirkliche Welt. Vergeblich sucht man bei ihm entfaltete Idealvorstellungen, Visionen einer zukünftigen Harmonie. Die Zukunft konnte erreicht und eine menschliche Welt errichtet werden. Notwendig war, wie er glaubte, eine doppelte Revolution: Die Revolution des Geistes, die moralische Wandlung des Individuums, sollte den neuen Menschen in seiner tatsächlichen, bisher vergewaltigten und unausgeschöpften Humanität ermöglichen. Den Handlungsraum für seine Emanzipation mußte ihm die soziale und politische Revolution verschaffen.
Schon der neunzehnjährige Kosovel bekannte sich nachdrücklich zur inneren Revolution: „Am liebsten kämpfe ich mit mir selbst.“ Dahinter stand der moralische Imperativ der Selbstvervollkommnung, dem sich die Besten seiner Generation unterwarfen. Die Katastrophe des ersten Weltkrieges, der absurde Triumph von Völkermord und Barbarei, hatte die Träume und Sehnsüchte der Jugend nicht zerstören können. Im Gegenteil, gerade dieses Faktum wurde zum Argument, das um der Menschheit und ihrer Existenz willen widerlegt werden mußte. Verzweiflung provozierte Hoffnung, Feindschaft mußte durch Brüderlichkeit und Solidarität überwunden werden. Kosovel stand damit in der Tradition des deutschen Expressionismus. Aber auch die russischen Väter der Lehre von der Selbstvervollkommnung – Tolstoi und Dostojewski – hatten seine Weltanschauung geprägt, ebenso wie der Inder Rabindranath Tagore. Erstaunlich, wiewohl begreiflich, ist das frühe und absolute Bekenntnis zu Dostojewski: „Dostojewski ist der größte Schriftsteller Europas.“
Kosovel setzte sich mit unterschiedlichen, ja heterogenen Auffassungen auseinander. Seine Tagebuchnotizen deuten die Fülle der Bildungseindrücke an, die er aufnahm und reflektierte. Seine Lektüre war häufig sicher auch spontan, sie scheint ungeordnet und sprunghaft, Ausdruck des Suchens und Unterwegsseins. Neben Karl Marx, Rosa Luxemburg und Nikolai Bucharin stehen Ralph Waldo Emerson, Thomas Carlyle, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche, neben Lew Tolstoi, Nikolai Gogol, Fjodor Dostojewski und Heinrich Heine die Modernen verschiedener Richtungen: Romain Rolland, Anatole France, Maurice Maeterlinck, August Strindberg, Dmitri Mereshkowski, Oscar Wilde, Peter Hille, Walter Dehmel, Johannes Linnankowski, Petr Bezruč und Ilja Ehrenburg. Er las die Evangelien und Renans Leben Jesu, von dem er meinte, man solle es ins Slowenische übersetzen, weil es den unterdrückten Slowenen die Idee der inneren Perspektive vermitteln könne. Die ihm nahestehenden Futuristen, Expressionisten und Surrealisten nahm er, wie alle Äußerungen des aktuellen progressiven literarischen Lebens, nicht nur zur Kenntnis, sondern bezog sie in seine künstlerischen und kulturpolitischen Überlegungen ein. Seine slowenischen Dichter, unter ihnen besonders Ivan Cankar (1876-1918), Josip Murn (1879-1901) und Oton Župančič (1878-1949), waren ihm von Kindheit an vertraut. Sie vermittelten ihm zweierlei: das Bewußtsein vom schwierigen Weg seines Volkes, seiner existentiellen Probleme, und eine Ahnung von den Möglichkeiten der slowenischen Sprache als Organ individuellen und nationalen künstlerischen Ausdrucks. Cankars Werk bestimmte die Entschiedenheit gesellschaftskritischer Literatur; die zwiespältige Melancholie des frühvollendeten Murn nahm Kosovel mit gesteigerter Sensibilität auf; Župančič beeindruckte ihn durch die intensive Musikalität wie durch seine in die Zukunft weisenden Gedanken über Slowenien. Kosovels Lektüre bestätigt die freundlich-wohlwollende, auch heute noch zutreffende Äußerung des französischen Romantikers Charles Nodier, der, nachdem er Anfang des 19. Jahrhunderts einige Zeit im damaligen Laibach als Bibliothekar tätig gewesen war, geschrieben hatte: „Die Sprache des Volkes in dieser Gegend ist Slowenisch, doch gibt es nur wenige, die nicht auch Deutsch, Italienisch oder Neugriechisch können, oft beherrschen sie alle drei Sprachen zugleich.“ Vor dem Hintergrund dieses zerklüfteten Massivs von Traditionen und Einflüssen muß man die Leistung des jungen Dichters bewundern, der sich davon wohl anregen, nicht aber vereinnahmen ließ. Kosovels Werk ist nicht epigonal, sondern original.
Unabdingbare Prämisse einer Humanisierung der Gesellschaft war für Kosovel, was er mit zunehmender Deutlichkeit aussprach, die politische und soziale Revolution. Der Ausbruch aus der bürgerlichen Gesellschaft, deren Antagonismen gesprengt werden mußten, weil sie anders nicht aufzuheben waren, führte ihn an die Seite der Revolutionäre. Seine Sympathien für sie waren stärker als die Vorbehalte. In seinem letzten Lebensjahr bekannte er: sich eindeutig zu ihnen, mit denen er sich immer verbunden gefühlt hatte, zu den „Linken“: „Ich stehe auf ihrer Seite, obwohl ich hinsichtlich der Theorie bisweilen nicht mit ihnen übereinstimme. Heute bedarf es klarer Fronten.“ Diese Haltung schloß die Überwindung einer philanthropischen Position ein, die allein im Moralischen, bestenfalls im Sozialreformerischen verblieb. Die bewußte soziale Sicht auf den Menschen führte Kosovel zu einem „ökonomischen Humanismus“, wie er ihn nannte. Was er mit diesem Begriff verband, ist unschwer zu erfassen: einen Humanismus, der nicht nur gutgemeinter Appell an das Individuum ist, sondern es eingebunden sieht in eine Welt, die ihm eine menschenwürdige Existenz ermöglicht.
Nun ist Kosovel kein Dichter der Tribüne, kein Agitator, kein Beweger der Massen. Aber er ist ein politischer Dichter im tieferen Sinne dieses Begriffs, ein Dichter, der das Intime, Persönliche, Natürliche in ihren sozialen und historischen Dimensionen erscheinen läßt oder, um es anders zu sagen, der diese Dimension mit der Unmittelbarkeit und Einmaligkeit menschlichen Erlebens füllt. Es war das Problem Kosovels, als. sensibler, verletzbarer und nach Liebe verlangender Mensch gegen eine Welt anzugehen, die dafür wenig Raum ließ. Er empfand nicht nur Beunruhigung, er war selbst von allem betroffen, was den Menschen erniedrigte und deformierte. Er stellte sich dagegen, und er schrieb dagegen an. Weiß man darum, so versteht man seine Gedichte tatsächlich als ein „Reiben des Schmerzes“.

3
In bestimmter Hinsicht ist Kosovels Lyrik durchaus romantisch. Das meint hier vor allem eine die Wirklichkeit herausfordernde, sie übersteigen wollende Dichtung. Sicher haben auch slowenische Traditionen Kosovels poetologisches Konzept beeinflußt. Das steht nicht im Widerspruch zu Gegenstand und Anliegen seiner Gedichte, zu ihrer faßbaren Gegenwärtigkeit. Aktualität und Antizipation schließen einander nicht aus. Man könnte auf die revolutionäre Romantik verweisen, deren bedeutende Ausprägungen gerade in den Literaturen der slawischen Völker im 19. Jahrhundert zu finden sind. Das Erwachen nationalen Selbstbewußtseins verband sich bei ihnen mit einer Dichtung, deren hochfliegendes Pathos die historischen Kämpfe legitimierten. Nationale Rechte und Menschenrechte erschienen als eines, nationales Bewußtsein und Humanität verschmolzen miteinander.
Kosovel stand ein Jahrhundert danach und unter wesentlich veränderten Bedingungen in einer vergleichbaren Situation. Die entscheidende Zäsur des Jahrhunderts, die Oktoberrevolution, fiel auch mit dem Beginn eines neuen Abschnitts in der Geschichte seines Volkes zusammen. Seine Gedichte reagierten auf eine Entscheidungssituation, sie waren Aufschrei, Appell und Forderung. Sie verkündeten Hoffnung, ließen aber auch Verzweiflung durchscheinen. Sie bejahten das Leben, aber in sie gingen Sterben und Tod mit selbstverständlicher Würde ein.
Kosovels Lebensgefühl ist von den Widersprüchen geprägt, die er in sich aufnahm. Eben daraus resultiert die Grundstimmung seiner Lyrik. Betroffenheit, Unruhe und Schmerz schlagen um in tragische Spannungen:

Fernhin herrscht Stille,

als leuchteten Wunden
an meinem Leib, Wunden, die brennen. −
Ich steh ohne Wort

(„Die goldenen Fenster“).

Oder:

Ich gehe durch den Wald. Schwarz sind die Stämme.
Zwei gehen einander geneigt.
Über mir der schwarze Abgrund des Alls.
Ich beuge mich hinauf
und lausche

(„Selbstmörder vor dem Spiegel“).

Weltschmerz ist Schmerz an einer Welt, in der zu leben eine ständige Herausforderung bedeutet. Es liegt im Wesen dieser Dichtung, daß sie sich mit einer solchen Welt nicht abfindet. Diese aktivistische Haltung verbindet ihn mit den linken Expressionisten. Der Kunst-Aktivist darf allerdings nicht vordergründig darin gesehen werden, daß er agitierend und mobilisierend auf Straßen und Plätzen gegenwärtig ist. Kosovel ging nicht selten auch direkt politische Themen an. Er fand sie in der europäischen Politik wie in den abgeschmackten politischen Provinzialismen „Blitwiens“, um eine Metapher Miroslav Krležas aufzugreifen. Gewiß darf man die politische Intention seines Werkes nicht verabsolutieren. Kosovel sah die Welt im Gegeneinander von Mensch und Natur, als latente und sich auflösende Spannung, als Zusammenstoß elementarer wie sozialer Kräfte. Eine solche Weitsicht war nicht angelesen, sie gründete im unmittelbaren Erlebnis von Natur und Gesellschaft. Man hat sicher zu Recht – auf sein Grunderlebnis der Karstlandschaft hingewiesen, auf die strengen und schneidenden Kontraste von Licht und Schatten, Hell und Dunkel, Himmel und Erde, Stein und Pflanze. Hier konnten sich Wahrnehmungsstrukturen ausbilden, die sich der poetischen Auffassung und Gestaltung mitteilten. Auch die soziale Wirklichkeit stellte sich dem Dichter in der Unversöhnlichkeit scharfer Gegensätze dar: leidende Heimat und europäische Lüge, Krieg und Frieden, Herrschende und Beherrschte. Und mit der Einsicht in noch nicht aufhebbare Widersprüche entstehen neue Dichotomien: Hoffnung und Verzweiflung, Anlauf und Scheitern, Sieg und Niederlage. Diese Totalität subjektiven Erlebens verleiht den Themen und Vorgängen eine Bedeutung, die sie über die Gegenwart, über das historische oder biographische Ereignis erhebt. Die Gedichte lesen sich als Teile eines Lebens- und Kunstprogramms, das in der Aufforderung kulminiert, für den Menschen zu kämpfen. In einem Brief vom Mai 1925 stehen die Sätze: „Aber das ,Leben‘, diese graue, leere Alltäglichkeit, fordert Kampf, Kampf, Kampf. Diese graue, grausame Wirklichkeit verschont uns nicht. Nicht alle Menschen sind gut, aber alle könnten gut sein.“ Kunst und Lebensführung, Forderung und persönliche Haltung sind bei Kosovel aufeinander bezogen und werden aneinander gemessen. So entstand ein Werk, das durch subjektive Authentizität und innere Wahrhaftigkeit überzeugt.
Kosovel brauchte die Auseinandersetzung, den Kampf, nicht zu suchen. Sie war eine Gegebenheit, von der er auszugehen hatte. Zur Zuversicht der Jugend, mit der er den Kampf aufnahm, kam bald der Mut der Verzweiflung. Er begriff, daß der Kampf ebenso unabweisbar wie vorläufig war. Den Sieg würde er nicht erleben, jene Zeit, in der „jeder Arbeiter ein Mensch, jeder Mensch ein Arbeiter sein wird“. Er würde nicht die „Feuer der Zukunft“ und nicht den „Menschen aus dem Dunkel des Herzens“ heraustreten sehen. Dies blieben verheißungsvolle Fernbilder, die Kosovel ins Zukünftige warf. Sie als Utopie zu bezeichnen ist zuwenig. Es sei denn, man denkt dabei an jene Formulierung Lamartines, der in der Utopie eine „Frühgeburt der Wirklichkeit“ sah.
Kosovels Gedichte bewegen durch ihre lakonische Gestaltung der Kämpfe gegen die Umstände, gegen Borniertheit und Herzensträgheit. Er erlebte ihre Härte mit zunehmender Sensibilität. Er stellte sie nicht aus, Sentimentalität war ihm fremd. Aber man ahnt verborgene Trauer: „Zum Sieg eile ich und weiß, / daß ich fallen werde.“ Er steht mitten im noch nicht entschiedenen Kampf zweier Welten. Ein einziger Satz im Tagebuch erhellt seine tragische Situation: „Mein Prinzip ist, von Niederlage zu Niederlage zu schreiten und meine Kraft zu erproben.“ Das Wissen um die Notwendigkeit des Opfers wie um den künftigen Triumph, die „Ahnung von Zukunft“ jenseits des eigenen Lebens werden aufgehoben in einer heroischen Melancholie:

Ich jedoch blute
im Herzinnern
und weiß, was es heißt zu leben
in grauen Straßen,
schmerzschwer das leere Herz
und zu sterben, noch ehe man sein Wort
aussprach.

4
Kosovel wollte kein Politiker, wohl aber ein politischer Dichter sein. Der Dichter solle sich in der Politik auskennen, wirken aber müsse er durch das Wort. Er selbst stand in der geschichtlichen Bewegung, die zum Sozialismus führte. Sein Sozialismusverständnis war sicher elementar und gefühlsbetont; er formulierte es mit dem Pathos der Erwartung: „Unsere Ethik ist die Arbeit, die Kunst ist unsere Religion: eine Religion der großen menschlichen Schönheiten, erblickt aus der Perspektive der Seele, und unser politisches Ziel ist der Sozialismus.“ So schrieb Kosovel 1925.
Die Frage nach dem Platz der Literatur in der Gesellschaft, nach der besonderen Stellung, die auch sein Werk in ihr einnahm, beschäftigte ihn weiter. Im folgenden Jahr, seinem Todesjahr, notierte er einen Gedanken Franz Jungs; er steht auf den letzten Seiten seines Tagebuches: „Es ist nicht gerade notwendig, direkt von einer Arbeiterdichtung oder gar von einer sogenannten proletarischen Kunst zu sprechen; aber es gibt schon eine Zwischenstufe dieser Kunst, die sozusagen für den Arbeiterleser auf die Linie zu bringen ist: Hier wird seine Sache verhandelt.“ Man darf mit einiger Berechtigung vermuten, daß Kosovel seine eigene Dichtung so verstanden wissen wollte.
Die künstlerische Entwicklung Srečko Kosovels drängte sich auf wenig mehr als ein Jahrfünft zusammen. Im Formenwandel seiner Lyrik gibt es keine unerwarteten radikalen Wendungen. Das ist festzustellen, ohne damit die literaturhistorischen und stilistischen Zuordnungen seines Werkes zum Expressionismus oder in der letzten Phase zum Konstruktivismus zu negieren. Ein bedeutender Dichter offenbart sich vom Beginn seines Weges an in seiner Einmaligkeit, Wandel ist eingebettet in Kontinuität. Der Schritt vom Expressionismus zum Konstruktivismus, von dem er selbst im Zusammenhang mit einer geplanten Gedichtsammlung, die „Integrale“ heißen sollte, sprach, zeigte wohl formale und strukturelle Veränderungen: Kosovel arbeitete mit scharfen Antithesen, Elementen des Absurden und Disharmonischen, mit bestimmten typographischen Mustern und Collagen. Das Prinzip der Montage mit ihrem Neben- und Gegeneinander der Perspektiven und Aussageebenen trat deutlicher hervor. Aber er setzte auch fort, was ihn als inhaltliches Problem bewegte. Ihn interessierte am Konstruktivismus dessen ästhetische Technologie. Mindestens ebenso wesentlich war ihm das damit verbundene ethische Prinzip, das ihn schon am Expressionismus beeindruckt hatte und das er jetzt auf eine konzise Formel bringen konnte: „Konstruktivität, Disziplin, Organisation des Geistes.“
Kosovels Kontinuität, oder anders ausgedrückt die innere Geschlossenheit seines Werkes, beruht auf der Verantwortung des Schriftstellers vor den Menschen und der Geschichte. Diese Verantwortung wahrzunehmen hat sich Kosovel mit erschütternder Aufrichtigkeit bemüht. Was man Sendungsbewußtsein nennen könnte – die sich selbst auferlegte Pflicht der Verkündung neuer Ideen und Lebensziele −, gewann bei ihm einen eindeutigen sozialen Bezug: „Unsere Literatur muß sehr stark sein, damit sie Aktionen hervorruft, Kraft zu großen Taten, die unser Volk vollbringen muß. Das ist ihre Mission. Sie erweckt die Geister, sie muß Feuer sein, das entflammt, Brand, der zerstört, Flut, die Europa vor dem Tod überschwemmt.“
Noch einmal dominieren hier die Losungen des Kampfes. Kosovel wußte, daß dies erst der Beginn, daß noch nichts ausgekämpft war. Aber mit der Unversöhnlichkeit seiner Forderungen, der idealischen Reinheit seines Wollens, der Hingabe an sein Volk gehörte dieser Dichter schon zu seinen Lebzeiten einer kommenden Welt an.

Gerhard Schaumann, Nachwort

Der Slowene Srečko Kosovel (1904–1926)

sprach mit seinen Gedichten für eine Generation, die vom ersten Weltkrieg berührt wurde und in der Auseinandersetzung mit einer krisenhaften Welt nach einer Sinngebung des Lebens suchte. In Versen von tiefer Gefühlsreinheit und erschütternder Aufrichtigkeit verlieh er seinem kämpferischen Humanismus unverwechselbaren poetischen Ausdruck. Der Lyrikband Integrali, dem die meisten der hier übertragenen Gedichte entnommen wurden, zählt zu den großen dichterischen Leistungen der Literaturen Jugoslawiens im 20. Jahrhundert.
Die dem Band beigegebenen Linolschnitte, Collagen und Kompositionen stellen den bekanntesten bildenden Künster des slowenischen Konstruktivismus, Avugst Černigoj, vor, der ein Freund Kosovels war. Černigojs Konstruktivismus, der sich nicht immer an die abstrakte Form hält, ist eine erstrangige Leistung, die auf der Höhe der avantgardistischen Bewegung der Epoche steht.

Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, Klappentext, 1986

 

Zukunftslos Worte – Erinnerung an Srečko Kosovel

Nein, es ist kein runder Geburts- oder Todestag, der mich bewegt, an diesen slowenischen Dichter zu erinnern, dem nur eine kurze Lebensspanne (1904–1926) beschieden war. Eher ist es der gegenwärtigen Weltlage geschuldet, der allgemeinen Verunsicherung, den Endzeitstimmungen und Kriegen, die mir seine Texte aktueller denn je erscheinen lassen, und vor allem auch deren utopischen wie sozialkritischen Impetus.

Überdies hat mich Michael Gratz’ Lyrikanthologie, in der er jüngst ein Gedicht des Autors präsentierte, angeregt, einen alten Text hervorzukramen, in dem ich mein Verhältnis zu dieser Lyrik zu bestimmen versuchte, er stammt aus dem Jahre 1987.

Zukunftslos Worte

Noch in den siebziger Jahren hätte ich mich einem Buch, das in seinem Titel von Zukunft spricht, nicht so unbefangen zu nähern gewagt, all die kräftig und froh ausschreitenden Lieder und schwer-versigen Hymnen im Ohr, im Bewußtsein, die nur, und das spürten wir gewiß, in Schule und Öffentlichkeit als gültige Bekenntnisse kursierten, und jenseits unserer Grenze lag Abendland. Einfältiges Pflänzchen, das in uns gepflanzet worden war – grenzt es an Zynismus, wenn ich sage, es hat sich entwickelt? Aus Zukunftserwartung hat sich Zukunftsangst geschält, und diese ist kein schulisch abverlangtes Zeugnis mehr.
Was wirkt in mir, daß ich die scheinbar für den einseitigen Gebrauch gedachten Begriffe wieder für mein Denken verwenden kann? Ists, daß das Wort einer Geschichte eignet, eines Schwingraumes, unerkundeter Dimensionen; daß es sich natürlich bewegt wie ein Tier, aus dem Gatter entlassen, wenn es, bar ideologischer Vormundschaft und Beschlagnahme, wieder zum Dingwort wird, zum Wort, das den Dingen Menschen auf der Spur… So bewegen sich die Worte in Kosovels Dichtung, selbst Worte wie Revolution Menschheit Zukunft, sie bewegen sich natürlich, glaubwürdig, mensch- und dinggemäß. Die politischen Gedichte verlieren nicht an menschlicher und persönlicher Dimension, wahrnehmbar und in den Rahmen persönlicher Erfahrbarkeit gestellt sind die Bilder.
Entstanden die Gedichte vom Weltende im deutschen Expressionismus vor allem in der Zeit vor und während des Ersten Weltkrieges, so sind sie bei Kosovel zeitlich danach angesiedelt; Gedichte vom Rande Europas, Slowenien, in das Herz des Kontinents hineingesprochen, Beschwörungen gleich. Sicher erfaßt der jung verstorbene Dichter die Nachkriegsspannungen, die Vorläufigkeit dieses Friedens, entwickelt ein Gespür für Anzeichen und Ursachen des europäischen (Kultur-?) Verfalls, die nicht allein im Krieg zu suchen sind. In EKSTAZA SMRTI (Ekstase des Todes), aber auch in EVROPA UMIRA (Europa im Sterben) und anderen Texten unterzieht Kosovel die abendländische Lebenshaltung einer Kritik; Abendland – wörtlich genommen – umreißt faktisch die geistige Konstitution unseres Kontinents, alles in Europa scheint vom Abend geprägt, unser Bewußtsein vor allem ein endzeitliches zu sein, in Vergangenheitsräume gerichtet, in denen wir das Zukünftige nicht zu entdecken vermögen. Ja selbst diese Räume konservieren wir zu Museen reiner Erinnerung, berauben sie ihres Raumcharakters, und doch wirkt und währt alles Geschehene fort…
Unglaubhaft blieben uns immer, und fern, die vermittelten Standardvisionen vom Anbrechenden Morgen, wir ziehen es vor, in heißere Länder zu reisen, doch Morgenlandfahrer im Sinne von Erkundern des Möglichen scheinen rar in Europa.
Kosovel ist, fern aller Mystifizierung, ein Seher; tief in Wirklichkeiten vorzudringen mit dem feinen Instrumentarium der Worte, das Fundgut zu betten in den poetischen Raum, dies heißt sowohl, Vergangenes zu entdecken als auch Zukünftiges im Vergangenem, das nicht verloren, sondern nur vergessen, verschüttet war…
Dankbar bin ich für die untergründige Religiosität dieser Dichtung, weil sie identisch ist mit einem alle Wirklichkeitsbereiche umfassenden Weltbewußtsein, mit dem Bewußtsein des notwendigen Wechselspiels zwischen Natur und Mensch. Kosovel bewegt sich mit seinem Universum hin zu einer Utopie, zu sozialen Veränderungen (siehe z.B. „An die Mechaniker“), die auch Veränderungen im Verhalten der Menschen zur Umwelt mit einschließen müssen, um glaubhaft und lebbar zu sein. Sozial beschränkt sich für ihn nicht auf soziale Sicherheit, sondern umfaßt das Geflecht menschlicher Beziehungen in seiner Gesamtheit. Es gibt für mich keine heimatlichere Gebärde als eine solche, die den Einzelnen wie das Universum mit einbezieht und in seiner Gestalt achtet.

Jayne-Ann Igel, September 1987, der Freitag, 3.12.2010
Zuerst erschienen in ariadnefabrik I/1988
 
Fakten und Vermutungen zum Autor

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