Stefan Döring: heutmorgestern

Döring-heutmorgestern

WAS UNS DUMMKOMMT MACHT UNS ARG

ich hab mich in die wirtlichkeit nicht gestehlt
mich plazieren zu lassen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaund weis daraufhin
dass ihre widrigkeit nicht aufhebens wert ist
wenn man kein kapitel daraus schlagen will –
die würdigkeit, wie dieses jene durchfährt
macht uns stumm.
aaaaaaaaaaaaaaaaich habe mitgehen lassen
was ich bei mir hatte, keine zugaben verlangt
weder auf die coole tour der oho-natürlichkeit
gar in der lauen kur der o-yeah-kultürlichkeit
noch auf der heissen spur der aha-begierlichkeit
schillernd sind die möglichkeiten, doch umsonst
goettlich die freiheiten und unerschwungen –
wer dumm rumsteht kriegt eins rauf.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadie zutaten
liegen herum, geschenkt, werden verschwendet
entschwinden den blicken, dem sinn –
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaschwund
der zu naschen treibt, zu schlingen, zu würgen
zu hass.
aaaaaaagarstfreundschaften des wirtlichen alltags
mögen keine mitesser an der objektiven rarität
ihres angebots, am kassenhaften aufgebot, am gebot
gut dazustehen, fett wegzukommen, geruhsam aufzufliegen
„was uns umkommt, weg damit“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadas fehlende, fehlt was?
entfiel: unbekömmliches, was nicht aufn tisch kommt
verdorbenes, was verdirbt, das unmögliche, ungemocht
das unwirtliche draussen im nebel, gräuliches grau
das tötente tote. das unwirkliche drinnen im leben
unbestellt, ungekostet, ohne preis, fällt dazwischen
wies geworfen ward –
aaaaaaaaaaaaaaaaaaamit verkniffenen lippen
angewidert, mit würde, mit zwei fingern, verschämt
mit fusstritten, abgewendet, leberhaken, mittenrein
automatisch geschluckt und einfach fallengelassen
gearbeitet wie ein schuft, sich dämlich verdient
wien hund verreckt –
aaaaaaaaaaaaaaaaaakeiner kommt drumrum.
ich habe mich aus der wirtlichkeit gestohlen
mich nicht einladen zu lassen
von ihrer würdigkeit

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Stefan Döring sind die Worte nicht mehr selbstverständlich.

Im An- und Aussprechen kommen Zweifel, ob sie, die er täglich hört und lesen muß, tatsächlich ausdrücken, wovon geredet wird, ob diese Redensarten, Floskeln, Sprechblasen, Kommuniques überhaupt noch meinen, was sie vorgeben, ob dieses ganze Gerede uns wirklich betrifft, wenn wir uns streiten oder offen verständigen wollen – denn wir sind ja angesprochen.

was uns dummkommt macht uns arg

sagt er, und erst wenn er die Worte unter ihren vielfältigen Aspekten betrachtet, sie prüft, dreht und wendet, auf ihren wahren Sinn hin absucht und sich damit zu eigen macht, wagt er sie frei wieder auszusprechen und aufzuschreiben – widerspruchsvoller Prozeß im Gedicht, das ihn nun befähigt, sich mit der Sprache wieder selbst zu identifizieren – Arbeit und Spiel, erregende Unternehmung, an der teilzuhaben wir nun aufgefordert sind, wenn die Worte aus ihrem Hinterhalt hervortreten, ihre weite Aura zu offenbaren.

mitmachen – mitmacht

sagt er, wenn er sich dem Wort Macht zuwendet – „das Ach, das sie enthält und die Nacht, auf die sie sich reimt, das ist sie: Der Seufzer und die Finsternis in unserem Leben“, konstatierte einst Günter Eich – das Wort Macht zum Beispiel bedeutete einst „können“ im Sinne von „mögen“, und Döring assoziiert für seine Zeitgenossen unwillkürlich das tätige „machen“ als Mittun oder vorgetäuschte „Mache“ – denn

wer mitmacht hat mitmacht…

Listig und lustig nimmt er die Sprache wieder beim Wort, um sie uns mit gewandelten Begriffen zu präsentieren. Teils mit sprachphilosophischem Eifer, teils mit trockenem Humor. Ein Autor, der Dichtung aus der Dichte der Worte in ihrer wohlbemessenen Folge gewinnt, uns Sprache aus dem Wortmüll dieser Tage wieder gültig zur Verfügung stellt, wie mit einem Wink seiner Hand.

da ich nichts weiter tue
als mich in mir umzutun
mich in worten zu fassen

Gerhard Wolf, Klappentext, 1989

Geld oder Ehre.

-Was bleibt? Zur Situation der Lyrik in der DDR.-

Soeben erschienen ist Stefan Dörings „heutmorgestern“, das ihn als einen der wichtigsten Lyriker der „Neuen Sagart“ ausweist. Er macht wesentliche Lebensprobleme, insbesondere in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, zum Gegenstand seiner Wortspielbetrachtungen: die Lügen der Medien, die allgegenwärtige „Sicherheit“, die „beredte Kommunikationslosigkeit“, die Ausreiseproblematik. Seine Gedichte benennen die Symptome und Auswirkungen eines gesellschaftlichen Sinnschwundes auf die Menschen, „das unwirkliche drinnen im leben“ („was uns dummkommt macht uns arg“). Dörings Sprache deckt Verdrängungen auf, wertet öffentliches Bewußtsein als falsches Bewußtsein, indem sie mit semantischen Mehrdeutigkeiten und assoziativen Ablenkungen spielt, auch mit ständiger Verschränkung von Redeteilen, was mehrfachen Wechsel der Kontexte und Blickrichtungen bewirkt. Verglichen mit den Versen anderer Autoren der „Neuen Sagart“, haben Dörings Texte eine besonders dichte lyrische Struktur. In seinem Poem „ein stück zeit“ treffen sich Zeitgeist und Gesellschaftskritik, Philosophisches, Erotisches und Psychologisches in einer besonderen poetischen Phantasie.

Dorothea von Törne, Die Zeit, 9.3.1990

Stefan Döring HEUTMORGESTERN

Der 1954 geborene Stefan Döring ist seit längerem als einer der konsequentesten und forciertesten Sprach-Experimentatoren unter der jüngeren Dichtergeneration bekannt – in der Öffentlichkeit allerdings erst durch wenige Publikationen. Er gehört, als einer ihrer profiliertesten Poeten, zu einer ganzen Gruppe von jüngeren Dichtern, die seit inzwischen über 10 Jahren an einer ganz auf die Sprache und das Wort orientierten Poesie arbeiten. Spätestens seit seinen Beiträgen in „Vogelbühne“ (Verlag der Nation, Berlin 1985) und „Berührung ist nur eine Randerscheinung“ (Kiepenheuer und Witsch, Köln 1985) war klar, daß Dörings Stimme innerhalb dieses Ensembles eine ganz eigene, unverwechselbare Tonlage anschlägt. Das Manuskript „HEUTMORGESTERN“ gibt erstmals einen größeren Einblick/Überblick über seine dichterischen Arbeiten der Jahre 1979-88.
In der zweiten Hälfte der 70-er Jahre begab sich, vor allem in Berlin, ein Kreis junger Dichter auf die Suche nach einer neuen poetischen Sprache, die ein verändertes Verhältnis von Text und erlebter Realität anstrebte. „der individualisierungsprozeß des Wortes innerhalb der Texte war ein [...] anarchischer akt der befreiung (komisches pathos), das resultierende sprachbewußtsein eine folge der wechselbeziehung zwischen verbalem anarchismus und den textstrukturen“, resümierte 1985 Leonhard Lorek, einer der Mitstreiter dieser Bemühungen um das poetische Wort. Was in den Endsiebzigern und frühen 80-ern zusammentraf, und eine veränderte Sicht auf und Haltung gegenüber der Realität produzierte, waren eben diese zwei Faktoren (unter anderen): „verbaler anarchismus“ z.B. des Punk und benachbarter subkultureller Jugendbewegungen, und ein „individualisierungsprozeß des wortes“ im Gedicht bzw. im Verständnis einiger junger Leute, die sich anschickten, in ihrer Dichtung auf eine gründliche Veränderung der literarischen Ausdrucksweisen hinzuarbeiten.
Natürlich wurde und wird damit die „Institution Literatur“ angegriffen, die von einem Teil dieser Autoren (Bert Papenfuß, Sascha Anderson, Stefan Döring, Detlef Opitz, Leonhard Lorek, Rainer Schedlinski u.a.) als nicht mehr „aussagekräftig“ empfunden wurde, ihrem eigenen „Lebensgefühl“ (verschwommener, doch assoziativ durchaus greifender Ausdruck) Sprache zu verschaffen. Und natürlich liegen einer solch radikalen Abwendung von den vorgelebten/vorgelesenen Mustern, den literarischen wie den philosophen und existenziellen, veränderte Wahrnehmungsweisen zugrunde, veränderte Verarbeitungsweisen von Realität. Uwe Kolbe hat mit seinem „Hineingeboren“ eine stichwortartige Metapher geliefert, aber weitere politische, philosophische, soziologische und ästhetische Umstrukturierungen kommen hinzu, die zu benennen hier nicht der Platz ist. Verbindend für all diese Autoren (mit Ausnahme Uwe Kolbes vielleicht) ist, daß sie ihre poetischen Neuansetzungen weniger in polemischer Auseinandersetzung gegen die vorhandenen literarischen Strömungen entwickelten (Volker Braun war zunächst noch bevorzugter Partner, später vor allem Absetzungsfigur der Positionssuche), als vielmehr im Bruch („Diskulturalität“ wäre hier das Stichwort), in der Beziehungslosigkeit zu den als einengend und entfremdend erlebten Mustern einen eigenen „literarischen Diskurs“ entwarfen.
Stefan Döring ist einer der kompromißlosesten Sucher nach veränderten poetischen Reaktionsmöglichkeiten auf die Widersprüche, Ambivalenzen und Zerrissenheiten, mit denen uns die Gegenwart konfrontiert. „es gibt keinen ausweg“ lautet ein Gedichttitel:

alles war anders es gibt keinen ausweg
der zufall ein einfall zu tun was notwendig war
jeder der narr seiner zeit zur unzeit
in dem was gewesen war des wesens gewahr
[...]

Die Zeilen machen in ihrer Härte und Stringenz einige der kompositorischen Prinzipien des Gedichtschreibers deutlich. Döring spielt mit dem was er an Wortmaterial vorfindet, was an abgegriffener Sprache im Wort-Schatz herumliegt, um es gegen den Strich zu bürsten, es aufzurauhen zu neuem Gebrauch. Er folgt der Wortlogik, ihrer internen Spannung, spielt die Bedeutungsmöglichkeiten gegeneinander aus, er läßt sich und das Gedicht leiten von den Möglichkeiten des Wortes („Daß ein Schreiber auch Objekt der Sprache ist, braucht man nicht zu überspielen“ sagt er im Gespräch.) Besonders die im Wort verborgenen Antinomien interessieren ihn, die in den Worten erstarrten Gegensätze/Gegen-Sätze, die er versucht in Bewegung zu bringen, indem er sie gegeneinander ausspielt, Bewegungen einspielt, sie in lebendigen Zwiespalt bringt. Die Gedichte sind oftmals darauf gerichtet, so an den Sprachgittern zu rütteln, daß Schwingungen entstehen. Diese Arbeit am Wort tritt in Analogie zu einem generellen Verhätlnis zur Realität. Er demonstriert an der Sprache den Wunsch:

kommendes flüssig zu machen
zu gegenwärtiger währung                       („vorbereitungen breiten sich aus“)

Diese Haltung, ein immens ernsthaftes und zugleich poetisches Ansinnen, benennt er in „red nicht umn sinn rum“:

da ich nichts weiter tue
als mich in mir umzutun
mich in worten zu fassen
dass wer will es begreife
[...]

Diese Arbeit an den sprachlichen Mehrdeutigkeiten, an den Worten, die mehr sagen als sie im Augenblick meinen, ist ein Dingfestmachen des Möglichen im Vorhandenen. Anders als einige seiner Kollegen zielt Döring weniger auf das assoziative Ausschreiten eines Wortfeldes (Bert Papenfuß), weniger auf das Aufbrechen von eingleisiger Sprach-Logik zugunsten einer Vielspurigkeit sich überlagernder Denk-, Gefühls-, Situations- und Sprech-Ebenen (Sascha Anderson, Andreas Koziol), als vielmehr auf Reduktion. Er dreht und wendet die Worte, um aus ihnen, mit maximaler Konzentration auf das in ihnen Angelegte, ein Maximum an Vielfalt herauszuholen. Er entfaltet Worte zu ganzen Gebäuden von Hinter- und Widersinn, Doppeldeutigkeit und Umdeutung, er zwingt sie -mit einer Mischung von Spiel und Gwaltsamkeit- manchmal zu einem sie entblößenden Tanz: erfühlung

des wir gewahr werden
sind wir gewarnt
die ohren hörig
nach aller verheissung
süchtig das auge
nach dem augenschein
bedeuten wir nichts
da wirs nicht fassen
wenden, denn wenn
der sinne gesundheit
uns tröge, trüge
was wir ersinnen
sich wirklich zu
[...]
zutiefst gewegt
von jedem augenschein
deuten wir alles
um und für uns
[...]

Die Sprödigkeit solcher Verse macht es dem Leser oft nicht eben leicht. Aber dem wäre, mit einem anderen Gedichttitel des Autors, zu entgegnen: „was uns dummkommt macht uns arg“. Und es gibt in etlichen Gedichten auch einen -wenn auch ebenfalls spröden- Humor, wenn z.B. aus der berühmten Losung der Französischen Revolution „faulheit, bleichheit, liederlichkeit“ wird, oder wenn Döring aus Wolfgang Heises Essay „Der Tag ist angebrochen“ mit sichtlichem Vergnügen anspruchsvolle Formeln zu sinnarmen Folgen montiert und das Ganze mit einem trockenen „davon sei abgesehen“ würzt.
Man kann das Verfahren, dem Döring die Worte unterzieht, als ein Reinigungsprozeß verstehen. Er gewinnt, nachdem er die Sätze durchgespielt/durchgespült hat, oftmals überraschende Resultate, die in ihrer Genauigkeit dann eine übergreifende Stimmung oder Situation bündig/bändigend auf den Punkt bringen: „ich fühle mich in grenzen wohl“.

komm hoch wenn ich wenns hoch kommt
wenns mir hochkommt unten bin
und angeschnallt mein schleudersitz
ist angespannt wie aufmerksam
ich lehn mich an gesichert und entspannt
ich fühle mich in grenzen wohl
begehre nichts was ich nicht lieber hätte
noch was ich lieber täte tatwerkzeug

ist allenfalls ein räderwerk der uhr
das ende aller fallen jeden falls
kommt mit der zeit verdächtig vor
dies ticken hier zersetzt den standpunkt
der im gedrängten raum noch bleibt
und immer mehr verdichtet wird die zeit

Döring hat ein ihm entsprechenden Gedichttyp entwickelt, der sich durchaus klassischer Formvorgaben bedient (wie im oben zitierten Text die Sonettform), dabei aber auf vieles verzichtet, was traditionell dem „Gedicht“ zugerechnet wird. Unmittelbarkeit des Erlebnisses gibt es sowenig wie direkt geäußerte „Bekenntnisse“.
Aus dem weitgehenden Verzicht auf das Ich als Schwerpunkt und Bindeglied zwischen Text und Realität folgt die auffällige Metaphernarmut der meisten Gedichte. Dörings Texte suchen in ihrer Eigendynamik, ihrer Sprachbewegung eine Meta-Ebene. Sie enthalten das Ich permanent in ihrer Bewegtheit, als ihren Manipulator, ohne ihn fortwährend zu benennen. Damit erhalten die Gedichte als Ganzes einen metaphorischen Bezug zur Realität. Döring spricht davon: „Ich lasse der Metapher keine Zeit. Wo und wie sie sich entwickelt, nehme ich sie wieder zurück.“ Doch: „Das Bild macht den Text ernsthaft, während das Mathematische, das Verspielte die Fransen sind.“ Um in diesem Bild zu bleiben: die Arbeit des Dichters besteht dann darin, die Worte/das Bild zu zerfransen, und gleichzeitig (und damit) die Fransen zum Gedicht zu knüpfen.
Das Ergebnis solcher Manipulationen am Wort sind so feinsinnig unauslotbare Gebilde, die doch zugleich sehr präzise einem gegenwärtigen Zustand auf der Spur bleiben, wie „wortfege“, ein Kabinettstück Döringscher Poesie (in dem die f und die w auch vertauscht werden können):

weinsinnig im daseinsfrack
feilt an windungen seiner selbst
wahrlässig er allzu windig

im gewühl fühlt er herum
und windet sich noch mal heraus
fund, kaum geborgen, bloss wort

[...]
die gewährten fegt es hinüber
die bleibenden gefahren erneut
der sich herausfand währt dahin

Der Gedichtband HEUTMORGESTERN von Stefan Döring wäre in „außer der reihe“ nicht nur gut plaziert, bei seinem Erscheinen wäre zu beobachten, was der Autor schon vor Jahren grimmig beschrieb:

; die verlyriker der hintern reihen
sehen zu, was sie dabei empfinden
und ziehen sich verlegt zurück.

Peter Böthig, Verlagsgutachten, November 1988, unveröffentlicht.
Erschienen in Peter Böthig: Grammatik einer Landschaft, Lukas Verlag, 1997

Weitere Rezension zum Buch:

Dorothea von Törne: Packen wir aus, Zeugen.
Neue Deutsche Literatur, 1990, Heft 5

 

Introview

das interview vom gespräch

in seiner einfachsten, aber zugleich radikalsten form ist das interview ausschließlich ein wechsel von fragen und antworten. diese, das absolute beanspruchende vorstellung und die zufälligkeit ihrer realisierung, verbunden mit dem satz „laß dich nicht interviewen!“, machten das gespräch zwischen stefan döring und mir undurchschaubar (aber auch unübersehbar). klarheit brachte erst ein text, dessen gesprächsbezug nur noch scheinbar vorhanden ist. neben diesem „introview“ entstand ein von stefan döring geschriebener essay, welchen ich als eine infragestellende gedankenbeschreibung zum interviewgeschehen verstehe.
für das auf der grundlage des geführten gespräches zu schreibende „introview“ war die annäherung an dörings gedichte eher basis und ausgangspunkt als festumrissenes ziel, was auch auf den biografischen und zeitgeschichtlichen hintergrund zutrifft. in diesem sinne ist das „introview“ dörings lyrik sehr nah; wo ein ICH bzw. ein konkretes geschehen ebenfalls nur selten eine widerspiegelung finden, so oft sie auch ihre realisierung erfahren. realitätsentzug, der sich, ohne auf wirklichkeit zu verzichten, vollzieht. dadurch entsteht eine bildlichkeit, die vornehmlich aus dem augenblick der textbewegung resultiert und sich durch eine starke eigen dynamik der sprache auszeichnet. in dörings gedichten läßt sich diese beeinflussung des bildes durch den sprachlichen augenblick feststellen. zeilen wie „jeder der narr seiner zeit zur unzeit / in dem was gewesen war des wesens gewahr“ oder „und immer mehr verdichtet wird die zeit“ weisen darauf hin. im interviewtext gab es für diese metaphernproblematik keinen platz mehr. der entsprechende ausschnitt aus unserm gespräch sei deshalb auszugsweise zitiert. „… Die Metapher stellt sich zeitlos. Ich lasse der Metapher keine Zeit. Wo und wie sie sich entwickelt, nehme ich sie wieder zurück. Bei aller Kritik gegen die bildhafte Metapher als der Höhepunkt der Sprache, ist sie trotzdem als bildhafter Vergleich notwendig, um dem Text seinen Bezug zur Wirklichkeit zu geben. Das Bild macht den Text ernsthaft, während das Mathematische, das Verspielte die Fransen sind. WAS DANN AUCH DIE LEICHTIGKEIT AUSMACHT? Indem der Text eine flüssige Sprechweise vorgibt, lügt er Flüssigkeit vor…“

Egmont Hesse: „Ich sage, was ich meine“, was meinst du damit?

Stefan Döring: Ich meine, was ich sage, in dem Sinn, daß ich zunächst bereit sein muß, anonym etwas zu sagen, dem ich danach erst versuchen kann, einen Namen zu geben. Persönlich kann ich eine Meinung zu Verschiedenem haben, im Schreiben muß ich erst dahin kommen, und zwar sprechend und nicht von einem Zentrum aus. Die Meinung ist ein Zentrum, das sich mit Sätzen ummauert. Im Schreiben verteidigt man nicht eine Meinung mit Worten, man bildet Worte um etwas, von dem man sich zunächst nur eine undeutliche Vorstellung macht. Doch das fertige Gebilde sieht dann so aus, als würde jemand seine Meinung sagen.

Hesse: Heißt das, du mußt dich von vorneherein für alle vorhandenen Möglichkeiten öffnen, die bereits in jedem Wort liegen?

Döring: Da es kein wertloses Material in der Sprache gibt, kommt es darauf an, einen Zusammenhang herzustellen zwischen unterschiedlichsten Einzelteilen.

Hesse: Kann man hierbei überhaupt von wertvoll und wertlos sprechen?

Döring: Wert bedeutet lediglich: für den Text verwendbar. Für einen Text, von dem ich nicht immer weiß, welche Form er haben wird, kann alles mögliche wichtig werden, das dann Wert bekommt nur in diesem Zusammenhang. Es gibt aber keinen Wert, der über den Text hinausreicht. Zitate scheinen mir unmöglich, weil unter gewissem Aspekt Wertvolles aus dem Zusammenhang genommen wird. Im Text selbst erfährt das, was in allgemeiner Vorstellung als wertvoll gilt, sicher eine Nivellierung. Es bleibt aber auch die Frage, wie weit man selbst einen Stil entwickelt, den man nicht mehr kontrolliert, den man nicht bewußt schreibt. Einen bewußten Stil anzunehmen, ist ja gewissermaßen sich eine Maske aufsetzen, ein Sprachmuster für gültig erklären und darin operieren. Es geht ja vielmehr um den Stil, den man untergründig verfolgt und damit andere Sprechweisen ausklammert, also ein Werturteil. Ich kenne die Methode, mit der ich einen Text schreibe, mehr aber nicht. Und das ist auch nicht der Stil.

Hesse: Was dann? Alles, was darunterliegt, worüber man nicht mehr weiß, als daß es existiert, weil es einen angeht?

Döring: Sprechen, als Rede aus dem Augenblick, die einen praktischen Gebrauch hat, kann man nur, indem man bestimmte Möglichkeiten ausklammert. Man sucht sich einen Weg durch die Wortbedeutungen, einen möglichst geraden, um sich auszudrücken. Der Grund dieses Sprechens ist doch, eine bestimmte Wirkung zu erreichen.

Hesse: Auf die im literarischen Text verzichtet werden kann?

Döring: Beim Sprechen will man auf etwas hinaus, beim Schreiben in etwas hinein. Wie ein Operateur stellt man dabei bzw. danach ein Textgebilde her. Einen Gedichttext zu schreiben, ist ja wie sich einen Weg suchen. Zwangsläufig wird dieser verschlungen, weil die Ablenkungen enorm sind. Damit ist aber Schreiben eine Art von Inkonsequenz, Sprechen dagegen Konzentration. Es scheint mir in diesem Zusammenhang richtiger, von Ablenkung und Zerstreutheit zu sprechen als z.B. von Inspiration. Man ist nicht immer nur Subjekt, schöpferisch, verantwortlich usw. Daß ein Schreiber auch Objekt der Sprache ist, braucht man nicht zu überspielen.

Hesse: Der Dichter als Medium?

Döring: Medium scheidet hierarchisch zwischen Höherem und Tieferem, dazwischen das passiv Vermittelnde. Aber man entdeckt, wenn man sich ablenken läßt, und ist dabei nicht passiv. Was an Zufällen zu Einfällen wird, bestimme ich, indem ich es in Form bringe. Das heißt, leistungsfähig und widerstandsfähig machen. Vermittler bin ich mit individueller Reaktion auf Wirklichkeit, auch auf sprachliche. Das tut jeder im Schreiben und Sprechen. Gedichte zu schreiben bedeutet, lediglich intensiver zu reagieren und mehr Zeit zum Entdecken zu haben. Daß der Text sich den Anschein gibt, direkt gesprochen zu sein, heißt ja nicht, daß er seine Zeit verleugnet.

Hesse: Du betrachtest also auch die Dinge von unterschiedlichen Standpunkten, um ihnen dadurch im Text Bedeutung zu geben?

Döring: Auch das macht man allgemein. Aber mit dem Zeitgewinn kann man mehr unter einen Hut bekommen. Ich gehe oft vom fehlerhaft gesprochenen Satz aus oder vom ambivalenten Satz. Ein Satz, der mehr sagt, als er im Moment meint. Es gibt ja nicht nur Informationsverlust beim Sprechen, wenn man sich nicht deutlich genug ausdrückt, sondern auch Informationsgewinn durch die Fehler. Die Fehler werden im Text nicht ausgemerzt, sondern in der Doppeldeutigkeit verstärkt. Kommas z. B. setze ich nur selten, meist als rhythmische Zäsur.

Hesse: Es geht dir aber trotzdem nicht so sehr darum, unterschiedliche Lesarten offenzulassen, sondern um eine dem Text entsprechende, welcher der Leser, will er das Gedicht verstehen, sich annähern muß?

Döring: Ich denke, wenn der Text gut geschrieben ist, dann zwingt er dem Leser seinen Rhythmus auf. Ich sehe nicht verschiedene Arten, meine Texte zu lesen. Für mich gibt es den einen Duktus, der eben möglichst gut herausgearbeitet sein sollte trotz aller Schwankungen und Zweideutigkeiten.

Hesse: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Lesen von Texten für dich?

Döring: Als Kontrolle der Lebendigkeit, wie weit sich der Text ans Sprechen annähert.

Hesse: Zwischen Lesbarkeit und Lebendigkeit bestehen also Zusammenhänge unterschiedlichster Form?

Döring: Ein Gedicht sollte in einer möglichen Sprache sprechen und damit vorgeben, natürlich zu sein. Daß alles daran aber darauf hindeutet, daß es künstlich gemacht ist, zeigt, daß das vorgebliche Sprechen ein Mittel ist, durch das man den Text als wirklich nehmen kann. Das ist jedoch eine andersgeartete Fiktion als beim Roman. Vielleicht liegt die Bedeutung von Gedichten darin, nicht, daß etwas ausgesprochen wird, sondern daß das Unausgesprochene sprechbar gemacht wird?

Hesse: Was möglicherweise auch für unser Interview gilt.

 

(Entmotto: Sind wir mit den Worten verspielt, weil es keine Sprache mehr gibt, auf die es ankommt?)

I Möglich?
Ob es denn überhaupt möglich oder nützlich sei, eine bestimmte Art von Schreiben beschreiben zu wollen? Türme sich doch sofort die Frage auf, was das Bestimmte, Unverwechselbare denn nun wirklich sei, so daß gleich zu Beginn eines möglichen Gespräches, das der Interviewer so authentisch wie möglich aufzuzeichnen bemüht ist, die Gefahr bestünde, im Nachdenken darüber Persönlichstes, gar Psychologismen hervorzukramen, an denen doch überhaupt niemand interessiert sein könne. Exhibitioniere sich nicht darüber hinaus die aufgezeichnete Gesprächsform vor einer Mehrzahl Stummer, die es günstigenfalls als Leser zu Trichinenbeschauern von Schussligkeiten mache. Wäre es wenigstens ursprünglich und gäbe sich nicht wie zufällig erlauscht oder als gewieft offiziöse Reaktion. Diese Form scheine doch wohl ein Auswuchs unseres Jahrhunderts zu sein, in dem Austauschbarkeit und Ersetzbarkeit überhand genommen hätten, daß Wirkliches sich literarisch, Literarisches sich ohne weiteres als wirklich gebärden könne, dies zugunsten der Erweiterung des Markts. Beträfe das doch schon den Roman im vorigen Jahrhundert, der Wirklichkeit und Fiktion derart verwechselt, daß sich der Leser reihenweise aus dem Fenster stürzt, um die Romanhandlung zu bewahrheiten. Das sei zu bedenken, ehe einer Form gestattet werde, sich als Fakt zu verkleiden. Ferner sei dieses Dazwischenschauen die Stütze jener Vorstellung, es gäbe Kulissen, hinter denen sich Eigentliches verberge. Mit der Person als hintergründiger Produzent, der mit einheitlichem Griff auch das Disparateste zu umfassen imstande sei, solle eine Kontinuität vorgetäuscht werden, deren Zusammenbrechen überall beobachtet werden müsse. Sehe man sich nur die Sprache an, die Zusammenhalt der Kultur zu sein vorgibt. An unzähligen Flicken müßte es bereits im Versuch scheitern, sie als kulturelle Persönlichkeit auf die Beine zu bringen. Und überhaupt: In welcher Sprache man denn nun eigentlich reden wolle?

II Konfus?
Wer redet denn eigentlich? Drücke ich mich etwa falsch aus, wenn ich spreche? Wer könnte das beurteilen? Ich? An der Wirkung? Man befiehlt oder bittet doch nicht ständig! Hätte ich denn, wenn ich nichts sagte, auch eine Meinung? Ich bin immer gespannt, was ich als nächstes sagen werde. Man lernt sich kennen. Jeder spricht neben einer Fremdsprache seine eigene. Oder ist dies eine Täuschung? Wir wachsen alle zweisprachig auf. Man muß den inneren Dialekt heraushören. Wenn ich sage, was ich nicht zu meinen meine, kann vieles daran zu meiner Meinung werden, wenn ich es nur richtig sage. Man hat doch genug Zeit beim Schreiben und kann jeden Unsinn verfolgen. Das Lesen sollte ein erträgliches Maß an Zeit nicht überschreiten. Ist z.B. Tick Unsinn und Tack Sinn, gibt das nach einiger Zeit eine Schwingung. Wird es nicht bei den Ausreden erst interessant?

III Theoretisch?
Person ist Ordnung der Wünsche entsprechend gesellschaftlicher Struktur. Einige geraten ins Abseits, andere werden verschoben. Als Person hat man diesen Prozeß erfolgreich absolviert. Durch Sprache wird Person erzogen, hat man die Sprache gefressen, dann auch die Ordnung. Stil ist Auflehnung der Ordnung innerhalb der Ordnung. Das Individuum behauptet sich in anonymer Masse durch seine Besonderheit, d.h., es arbeitet mit Regellosigkeit. Gerade die hervorragende Beherrschung der Sprache bedeutet, daß unmerklich von den Regeln abgewichen wird. Gipfel sind gleichzeitig Punkte des Umkippens. Der glänzende Stilist hält sich oben, er hält das Gleichgewicht zwischen Anpassung und Auflehnung. Anzunehmen, daß Auflehnung und Regellosigkeit gerade den verdrängten Wünschen entstammt. Das, was durch Sprache verboten wurde, verändert die Sprache selbst. Stil ist Person der Sprache. Sie fordert vom Schreiber, sich selbst treu zu bleiben. Die selbstgeschaffene Ordnung wird ihm zum Diktat. Fehler werden jetzt Katastrophe. Stil wird wie Person zu einem Abwehrmechanismus. Nicht stilgemäße Sprechweisen werden abgestellt. Schwierigkeit beim Schreiben besteht darin, sich auf keinen Stil einzulassen, ihn immer nur virtuell zu bilden, jedoch nicht als perfekte Methode, die sich zur Nachahmung empfiehlt. So, wie der Inhalt dadurch fragmentarisch oder mehrdeutig wird, geschieht das auch mit der Person im Gedicht, die nur drinnen sich aufbaut, den Text nicht verläßt.

IV Problematisch?
Warum geht es nicht, einen einfachen Text aufzuschreiben – also: ich habe Lust dazu und dazu, ich vergesse ständig mein System im Hinter(?)kopf, wenn es eins gibt: das heißt: das System, zusammengesetzt oder authentisch, beschreibt eine Richtung, in die ich mich bewegen (!) kann (auf eine Weise), die mir sympathisch ist (diffus), so: in dieser Art etwa könnte man anfangen zu reden, wie mir das die Worte, die ich schon habe, vormachen: usw. Was heißt sympathisch: Sicherheit spielt hier eine Rolle. Diese Rede, die ich anfange und fortsetze, kenne ich bereits, es kann nichts groß Gefährliches dabei herauskommen und ich werde mich dabei auch nicht lächerlich machen: sofort habe ich schon die Möglichkeit, originell zu sein, ohne Genaueres zu wissen. Der Umstand ist nicht zu verachten: jetzt muß man sich was leisten.

Dieses Gespräch wurde im November 1985 geführt.
Erschienen in: Egmont Hesse (Hrsg.): Sprache & Antwort. Stimmen und Texte einer anderen Literatur aus der DDR, S. Fischer Verlag, 1988.

 

Sprachgewand(t) – Sprachkritische Schreibweisen in der DDR-Lyrik von Bert Papenfuß-Gorek und Stefan Döring.

Fakten und Vermutungen zum Autor


Naheliegendes:

  1. Stefan Döring: ZEHN
  2. Zeitschrift: Zwischen den Zeilen – Heft 29
  3. Egmont Hesse (Hrsg.): Sprache & Antwort
  4. Erik Balke & Stefan Döring: ZEHN
  5. Sascha Anderson & Elke Erb (Hrsg.): Berührung ist nur eine Randerscheinung

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