Stefan Döring: ZEHN

Döring/Florschuetz-ZEHN

V/8

je wohlhabender
ich mich wohlgehab
desto trostiger
suche ich trotz
unmittelbares los
in unbedürftigkeit
kurz, wer weiter
reicht länger
langt reicher
zu, es langt

 

Zehn mal zehn Texte über Sprache, Liebe und Hass

Ein Zyklus durch das Labyrinth der Situation. Das offene Werk in seiner geschlossenen Form liegt hiermit vor. Zehnen, die das Schreiben lebte. Ein minimonumentales Provisorium, kontrovertiert mit Fotografien von Thomas Florschütz.

Bert Papenfuß-Gorek

… Stefan Döring versucht sich in 5 x 10 Miniaturen á 10 Zeilen

Wer seinen Gedanken und Worten so unbarmherzig militärischen Drill antut, braucht sich über Widerstand, Verkrampfungen und Krampf nicht zu wundern. Im undurchdringlichen Weiß der Seiten wirken die geschundenen Texte wie aus Ziegelmauern gebrochene Fenster. Ich starre hinein – sie bleiben blind

IV/4

triebe was blieb
den anfängen fang
grenzen entschlossen
aufzubrechen dahin
erleben entleibt
reiffreie nichten
enteignetem meinen
in haltloser haft
lösen sich los
näherem aufschluss

Kommune 5/1991

„Was ich verteidige, ist nicht entschieden.“

− Neue Gedichte aus Ostberlin: Stefan Döring. −

Stefan Döring, Jahrgang 1954, hat als Entwicklungsingenieur und Heizer gearbeitet und sich einen Namen als Meister konstruktivistischer Lyrik gemacht. Dabei stehen ihm viele, oft subversiv eingesetzte Techniken zur Verfügung; das souveräne Spiel mit Buchstaben, mit Wortkonstellationen und rhetorischen Fügungen charakterisiert seine Texte besonders. 1985 publizierte er, zusammen mit Sascha Anderson und Bert Papenuß-Gorek, Texte in der der West-Berliner Mariannenpresse, unter dem ironischen Titel Ich fühle mich in Grenzen wohl. 1989 erschien ein umfänglicher Gedichtband im Aufbau-Verlag, Außer der Reihe, mit dem Titel Heutmorgestern. Der neue Band gehört schon zum Programm des neugegründeten Unternehmens Druckhaus Galrev, das die Außer der Reihe-Autoren (und die Sympathisanten) in eine Reihe stellt.
Dörings neuer Gedichtband privilegiert die Zahl „Zehn“, nicht allein im Titel, sondern in Form und Anordnung seiner Texte: jeweils aus zehn Zeilen gebaut, ordnen sie sich zu fünf Zehnergruppen und bezeugen die Souveränität des Autors, der mit goethescher Gelassenheit konstatiert:

und wies auch sei
dasselbe selbst
bleibt jetztlich neu
verschieden aber
ists sich gleich

So hatte Goethe das Sonett gepriesen, weil die Beschränkung (welche die strenge Form bedeutet) sich lieben lasse, „wenn sich die Geister gar gewaltig regen“. Ob das hier der Fall ist, lassen wir ein wenig dahingestellt sein. – Eine Andeutung von Deutung gibt das Gedicht „I/8“ das die Zeilen und Zahlen vom „gesetzlichen zehnkampf“ zu „der einfalt den rest“ führt.
Das Schütteln von Buchstaben und Wörtern spielt auch in diesem Band die Hauptrolle, die Gedichte leben vom Wildwuchs des Signifikanten, nehmen viele Anspielungen und Andeutungen hinzu, die für eine zusätzliche Tiefenstrukturierung sorgen. So heißt es in „I/1“: „im freilauf bergab / die ebenen im rücken“, was Brechts Dictum von den Mühen der Ebene, die vor uns lägen, bedeutsam variiert: ohne Bremsen geht es in eine gesellschaftliche Landschaft hinein, die nichts Ebenes haben wird. In „I/2“ heißt es: „ohnehin kein zurück“ – das gilt für Döring ganz gewiß und ohne Bedauern, doch setzt er zugleich energisch, am Schluß der ersten Dekade, hinzu:

vergeben redewendungen
jedem gesinnungswechsel
ist alles was wechselt
verwechslung des gleichen
entweder oder weder noch

Eine skeptisch junge Stimme also aus der ehemaligen DDR, dessen kurze, lakonisch-kritischen Verse mehr treffen als nur die Zuständlichkeiten im vorgeblichen Realsozialismus. So ist z. B. die Situation des Grenzsoldaten mit Schießbefehl so abgebildet („I/3“), daß sie auch für den Golfkrieg lesbar wird:

was solls dem wehrsold
wen man tötet oder wofür
wenn’s nur vergeltet wird (…)
denn wohin mit der welt
genug geld liegt bereit
wieder was aufzubaun (…)

Auch die Rechtfertigungen und Wendemanöver (vgl. „II/3“) sind in diesem Sinne allgemein ‚menschlich‘.
Die Wortspiele wirken gelegentlich etwas maniriert, stellen sich hier und da wie zu selbstverständlich ein, wobei natürlich der Satire-Ansatz bedacht sein will: oft wird auch nur ausgestellt, welche Wege Sprache seit alters so geht (vgl. „II/7/8“). „schnörkel am hang zur gewalt“ nennt Döring auch seine Spiele, die aus der Notwendigkeit erwachsen, immer wieder eine „neue sicht / auf totgeglaubtes sein“ („III/8“) zu eröffnen. So redistribuiert er (wie es das Intertextualitätstheorem beschreibt) verfügtes Sprachmaterial, etwa Huchel und Brecht, oder auch Bechers Deutschlandhymne („III/9“):

aufgestanden und ruiniert
gewandter in losen gewändern
neuer vergangenheit zugewandt
heult in zukunft ruinen
zeitwinds wehn von ursprung (…)

Den Protest gegen eine Kultur, gegen ein System und eine Ideologie, darin es „keine wortwahl“ („I/1“) gab, merkt man den Texten als ihren Reichtum an. Ihre Spiellust ist allen Situationen gewachsen, auch noch dem Run der westlichen Industrie auf das Sparvermögen der ehemaligen DDR-Bürger („IV/3“):

frucht aus früchten
spähender sparer
ihr mögen zu verschleudern
zerrten zarte saiten
an trauten tönen
gestern noch geste
heute schon gehäutet
morgen bloss sehnen
gefundenem vergessen
ein liebliches fressen

In Wendungen, die den Schluß des „Faust II“ berufen, spricht Stefan Döring sich und seinen Leuten Mut zu, indem seine Wortspiele das Ganze auch als Veranstaltung realen Scheins zu lesen anhalten (so beginnt ja der zweite Teil des „Faust“ mit der Erfindung des Papiergelds und Einführung einer neuen Währung). Bei Döring: „Mögliches zu mögen / ertragen wir trügliches“. So geht  „einwärts der ausblick“ („V/1“), „um sinn herum“ („V/4“); ein du taucht vorübergehend auf, es bleibt ein skeptischer Band. Nicht zuletzt, indem er die Frage nach dem Sinn klandestinen Dichtens, nach der Perspektive einer listigen Lyrik aufnimmt („V/7“):

gewaltsam haben
wir uns geschliffen
in den gewahrsam
für uns eingenommen (…)

Ein Dichten und Leben „in unbedürftigkeit“ wäre noch auszudenken: „was ich verteidige“, sagt Stefan Döring „ist nicht entschieden“.

Alexander von Bormann, Deutschlandfunk, 24.4.1991

Neue Lyrik vom Prenzlauer Berg: Stefan Döring

− Willkommen. −

Nein, mit dem Schmuddelpoeten vom Prenzlauer Kiez war kein Staat zu machen. Weder wollten sie Ärzte am Krankenbett des Sozialismus werden noch kritische Partner, der Macht. Ihre Antwort auf den hochentwickelten „Murxismus“ hieß Verweigerung. Dieser Haltung entsprang eine Literatur, die sich den ideologischen Bevormundungen durch eine Art Chiffresprache entzog und damit die herrschenden Sprachregelungen bald spielerisch, bald systematisch unterlief. Doch was nun? Seit dem finalen Kollaps des Arbeiter- und Bauernstaates steht die DDR Avantgarde ohne DDR da. Und was gestern noch ein subversiver Akt war, wird heute allgemein goutiert.
Zu den avanciertesten Lyrikern der Prenzlauer-Berg-Szene gehört Stefan Döring. 1954 geboren, kam er nach Abitur, NVA-Dienst und einem Elektronikstudium in Dresden 1980 nach Ost-Berlin, wo er als „Heizer“ arbeitete, wie eine Verlagsangabe seinen gesellschaftlichen Ausstieg camouflierte. Dörings Gedichte kursierten jahrelang in den Kladden und kleinen Zeitschriften literarischen Untergrunds, bis der Aufbau-Verlag sich 1989 endlich zur Herausgabe einer Auswahl seiner Gedichte durchringen konnte. Heutmorgestern, so der ironische Titel des Debütbandes, durfte freilich auch da nur „Außer der Reihe“ erscheinen. „Stefan Döring sind die Worte nicht mehr selbstverständlich“, schrieb Gerhard Wolf damals in seinem Vorwort: „Listig und lustig nimmt er die Sprache wieder beim Wort…“ Im lyrischen O-Ton des Autors klang das ungleich schärfer: „was uns dummkommt macht uns arg“. Dörings Gedichte waren keine weltgewandten Sprachspiele, sondern geschickt getarnte Angriffe auf die mit Phrasen möblierte Langeweile des sozialistischen Alltags.
Gewiß verfahrenstechnisch war Dörings Montagekunst ein Griff in die poetologische Mottenkiste der klassischen Avantgardismen; ihre Brisanz erhielten seine mit Chuzpe und Zynismus gewürzten Wortgemische erst durch die Fülle ketzerischer Anspielungen und politischer Provokationen („faulheit, bleichheit, liederlichkeit“.) dieserart waren seine Dichtungen Sand, nicht das Öl im Getriebe des „nie und nimmer landes“.
Doch was nun? Als „offnes Werk in seiner geschlossenen Form“ stellt Bert Papenfuß-Gorek im Prospekt des kürzlich gegründeten Autorenverlages Galrev Stefan Dörings zweiten Leseband vor. Schlicht zwar, aber wegweisend. „Zehn“ heißt die Sammlung, ein Zyklus von fünf mal zehn zehnzeiligen Versblöcken, ohne Titel durchnumeriert, mit architektonischer Formstrenge gemeißelt und in ihrer reduktiven Sprachsetzung so schwer zu entschlüsseln wie ein Differentialsystem der Metamathematik. Kurzum: ein Buch mit (mindestens) sieben Siegeln.
Hochartifiziell und hermetisch, jedem Realitätsbezug entrückt, konzentrieren sich seine Textkonstrukte nun ausschließlich auf ihr Wortmaterial, getreu des Dichters jüngster Maxime: „bloss / schönheit beileibe / misst sich mit nichts“. Willkommen im Club der toten Dichter! Denn wohin führt uns Dörings stoffliche Neo-Askese, wenn nichts ins Mausoleum der literarischen Moderne: Dort liegen Gertrude Steins Grammatik wie Logik zersetzenden Permutationen; hier ruht Stefan Georges hierarchisch die Symbolik der Zahlen abschreitende Lyrik des Luxe (mitsamt solchen Beigaben wie Kleinschreibung der Nomina und Verzicht auf Interpunktion); und da drüben geistern noch die Sprachexperimente der „konkreten Poeten“, die durch Auflösung vertrauter Vokalzusammenhänge neue Sehweisen freizulegen suchten.
Allein darauf kapriziert, den semantischen Festlegungen zu entkommen und „nach bestem vernehmen / ungeständig zu sein“, reproduziert Dörings „zehnkampf“ nur mehr ein Gemenge als Programm und Techniken der literarischen Vergangenheit. Verklungen der freche Sound der frühen Jahre; an die Stelle anarchistischer Sprachgebärden ist das zweckfrei, sich fortlaufend reflektierende Spiel mit der Sprache selbst getreten.

Michael Kohtes, Die Zeit 11.10.1991

Die Dinge in anderer Sprache denken

Stefan Döring gehört zu den Draufgängern im zwielichtigen Wörterwald. „ins bockshorn verrannt / vergeben / redewendungen / jeden gesinnungswechsel / ist alles was wechselt / verwechslung des gleichen“ – der Sprachzweifel setzt in diesen Zeilen Stefan Dörings an einem anderen Punkt an. Zwar arbeitet auch er in seiner Lyrik mit mechanistischen Abläufen, diese funktionieren jedoch durch Verschiebungen im bereich kleinster Worteinheiten, die sich,  in dieser ewigen „verwechslung des gleichen“, tatsächlich zum Verwechseln ähnlich sehen „um wunden überwindung / bleibt unüberwunden / um sprache widerspruch / bleibt unwidersprochen / um stände widerstand / bliebt unwiderstehlich“. Geduldig horcht der Dichter die Alltagssprache ab, um sie in ihrer Fadenscheinigkeit zu entlarven. Die Irritationen werden von den hintersinnigen Fotomontagen von Thomas Florschuetz ins Visuelle weitergetrieben, und unversehens entspricht der Havarie des Sprechens auch eine Bildwahrnehmung, die die Sehgewohnheiten aushebelt.

Sieglinde Geisel

Stefan Dörings Buch Zehn

mit Fotoarbeiten von Thomas Florschuetz ist für mich wiederum ein besonderes Exemplar. Bewußt fragmentarisch verknüpft Döring hier Redewendungen mit Teilen aus verschiedenen Sprachbereichen, u.a. aus dem Finanzwesen, der Physik, der Mathematik und der Kriminalistik. Die Dichte der Texte erfordert vom Leser Konzentration und Bereitschaft, herkömmliche Lesegewohnheiten aufzugeben und neue zu entdecken. Gelingt es ihm, ist der Gewinn beachtlich, vor allem, wenn die Absurdität von einstigen Floskeln des alltäglichen Lebens schlagartig offenbar wird.
Der Kontext der Redewendungen ist das eine, das andere ihr Wörtlichnehmen, was nicht nur Komik erzeugt und damit Lesevergnügen hervorbringt, sondern auch Bewegungsabläufe, Prozesse erkennen läßt. Sind die einzelnen Blöcke des Zyklus „Zehn“ auch Fragmente, so beziehen sie sich doch aufeinander und ergeben als Ganzes ein Bild gesellschaftlicher Mechanismen, die anhand ihrer Sprachverfassung ad absurdum geführt werden.
Darüber hinaus enthält das Buch meisterhaft ironische Porträts, die ins Schwarze treffen: zwischen locker vom hocker und verbissen beflissen stolziert ohnmacht redlich seliger gefährten redeacht und wortbann wie sie da sassen im fahrzeug gefahr sich über halt unterhielten und flugs unterdessen neuen wenden entgegen.

Dorothea von Törne, Neue Zeit 20.12.1990

Sprachgewand(t) – Ilona Schäkel: Sprachkritische Schreibweisen in der DDR-Lyrik von Bert Papenfuß-Gorek und Stefan Döring

Fakten und Vermutungen zum Autor

 


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