Steffen Mensching: Poesiealbum 146

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Steffen Mensching: Poesiealbum 146

Mensching/Helm-Poesiealbum 146

ZEIT IM ZENIT

Gestorben der Flügelschlag,
Der Wind hingeworfen
Zu den Füßen der Stille.
Blaugrau wie Blei geht die Zeit.
Alles stöhnt, alles wartet,
Daß zuschlägt des Sturms wilder Atem
Und leise sich bricht durch die Erde
Ein Grün

 

 

 

Steffen Mensching

Eher zart von Wuchs, sucht Steffen Mensching Wucht in der fast grobianischen Sprache seiner Gedichte. Mit den Augen sozialer Wachheit entdeckt er Problembrocken, die seine Kräfte eigentlich übersteigen müßten, aber er bringt sie in Herzhöhe, in die kühleren Bezirke des Hirns. Gering an Jahren, eilt es ihm, zu erfahren, was die Welt um uns und in uns zusammenhält. So begibt er sich auf die Ochsentour des Schreibens: unter einem Himmel, der von Fixsternen wie Janusz Korczak und Rosa Luxemburg erhellt ist. Mehr von sich als von anderen fordernd, kommt er gezeichnet voran, streift fremde Hüllen ab, schläft nackt.

Verlag Neues Leben, Ankündigung in David Samoilow: Poesiealbum 145, 1979

Ein Dichter,

jung nicht nur an Jahren, sondern an Temperament, versucht eine „kräftige Liebe“ mit dem Leben. Man spürt seine Sehnsucht, wie das Gras im Herbst zu sein, müde und doch winterfest. Und man möchte mit ihm ziehn bei seinen traumhaften Ausflügen zu Rosa Luxemburg. Da ist viel Hoffnung, aber ohne Illusion. Harmonie als Idylle wird nicht erwartet. Zupackend und verletzbar – mit „brutaler Zärtlichkeit“ schafft sich dieser junge Autor seinen eigenen Zugang zur revolutionären Wirklichkeit.

Mathilde Dau, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1979

 

Menschenskind, Mensching!

Folgt man den Wortwurzelforschern Kluge und Wasserzieher, so entsprang das, Wort Mensch wie seinerzeit Eva einzig und allein dem Brustkorb des Mannes. Mensch bestimmte als Adjektiv dessen Eigentümlichkeit. Mann und Mensch gehörten dazumal zusammen wie Herr und herrlich. Daß das adjektivische „mensch“ sich alsbald gänzlich vom Mann emanzipierte und schließlich bisexuell substantivierte, ist ihm beileibe nicht zu verdanken. Wohl aber der Spezies Mann. Deren eher hervor-, als wirklich herausragende Vertreter haben bislang in allen Zeiten feige dafür gesorgt – ich denke an Strategen, Inquisitoren, Höflinge, Schul-, Exerzierplatz- und Ehedespoten –, daß ihrem „Männlichen“ ja nicht das sie verunsichernde „Menschliche“ in die Quere kam. So weit, so schlecht. Der Mensch und das Menschliche gerieten, was nun wieder sein Gutes und Kreatürliches hat, in die Nähe des Weiblichen. Was freilich nicht zu allen Zeiten schön und ehrenvoll klang. Im 17. Jahrhundert beispielsweise geringschätzte „das Mensch“ hierzulande den weiblichen Dienstboten.
Die unmittelbar am Menschen engagierten, in Seelenforschung, Menschenpflege, schönen Künsten und dergleichen sich verlierenden und findenden Männer standen und stehen auch heute noch vielfach im Ruche, unmännlichen und weibischen Geschäften nachzugehen. Vox populi, die Stimme des vielmundigen Volkes, raunt lange noch vernehmbar von Dingen, die im Hirn bereits verdrängungsfertig geschnürt und versiegelt postlagern…
Ich umkreise – daß ich’s nur nicht zu sagen vergesse – schon einige meditierende Sätze lang die Gestalt eines Mannes und Dichters, der durch seine menschliche Erscheinung den Klischeevorstellungen von Mann und Dichter provozierend widerspricht und widersteht. Omen est nomen: Der Mann, der Dichter, der Mensch heißt – na, wie wohl? –: Mensching. Steffen Mensching.
Von knabenhafter Statur, man kennt das von großen Leuten, hat er schon etliches hinter sich. Und zwar: einundzwanzig Jahre seines Lebens, inklusive Abitur, Rundfunk-Volontariat, Dichter-Diplom und erste Buchveröffentlichung. Vor sich hat er: sein dreiundzwanzigstes Jahr und ein Studium der Ästhetik. Mensching steht also mittendrin. Mittendrin in des Wortes unheimlicher, unabsehbarer Bedeutung.
Eben noch, Ostersonntag, geisterte er wortkarg und kohlrabenschwarz durchs Sternfoyer der hauptstädtischen Volksbühne: in Mühsams sarg- und sorgetragender Gemeinschaft jener gleichfalls schwarzbefrackten Dichter und Musikanten, die gehörig Theater machen: Liedertheater. Karls Enkel. Wenn ihnen gewisse vaterlose Väter nicht demnächst in die schwarze Parade fahren, werden sich die Großväter im Jenseits – Vallentin, Marx, Kraus, Liebknecht, von Ossietzky – auch im Diesseits noch etwas breiter machen. Mit Hilfe ihrer Enkel, die ein Stück von Mensching sind, wie er ein Stück von ihnen ist.
Mensching, das hoffentlich ist schon klar, treibt sich überall herum. Vagabundiert auf erlaubten und unerlaubten Wegen, spuckt öffentlich auf privaten Rasen und wässert ungeniert öffentliche Anlagen. Das nenne ich – weil es die Leidenschaft zur sozialen Gerechtigkeit hat – einen Dichter.
Mensching geht fremd mit fremden Büchern, den blutwarmen der Jüdin Rosa oder den melancholischen des Juden Malamud, und entlehnt ihnen spruchlose Sätze. Wenn er sie um- und weiterdenkt, läßt er sie stehen und schubst sie nach rechts in die Kursive.
An bloßen Sprüchen, fremden wie eigenen, geht ihm die Welt zugrunde, an authentischen Sätzen aber richtet sie sich ihm wieder auf. An Sätzen wie jenen, die einen Sachverhalt wie diesen nicht beschreiben, sondern beschreibend klarstellen:

Tombola auf dem Rummel
Mittendrin im Gerammel ums große Glück
Ich, einen Ellenbogen im Bauch.
Jeder wird sich der Nächste wieder,
Und ich, ich spürs in den Fäusten, werds auch.

Einen Text wie diesen nenne ich zart. Zart in Empfindung, Überlegung und Ausführung. Denn ihm fehlt erstens die Grobheit der bloß aufs eigene, gerichteten Empfindsamkeit. Zweitens hat er nicht die Brutalität der üblichen intellektuellen Denunziation, die sich beobachtend aus allem heraushält. Und drittens verzichtet er auf grobschlächtige Belehrung. Die äußere Spröde entspricht haargenau, haarfein dem, wovon er spricht. Gerammel und Rummel. Die Worte sitzen. Und das verhindert das Dümmste, was einem beim Lesen von Gedichten passieren kann: daß man den Worten aufsitzt. Umgekehrt wird ein Schuh, ein Gedicht draus. Ein Gedicht wie dieses, das ich vor lauter Begeisterung gleich noch einmal lesen will:

Mittendrin im Gerammel ums große Glück
Ich, einen Ellenbogen im Bauch.
Jeder wird sich der Nächste wieder,
Und ich, ich spürs in den Fäusten, werds auch.

Soweit das Zarte an Mensching, der, da er ein wahrhaftiger Mensch ist, natürlich auch ganz anders kann und tut. Dann reimt sich bei ihm zart auf hart. Der nachfolgende Text, „Umkehr“ überschrieben, liefert ein Beispiel. Erbarmungslos scharf und genau rückt er in den Blick, was die eigentliche Härte des Lebens ausmacht: die Unmöglichkeit selbst von Liebenden, nicht aneinander zu leiden, einander nicht zu verwunden, sich nicht zu verschweigen. Daß der Text geschmeidig daherkommt, Ungereimtes auf einen sauberen Reim bringt, Kompliziertes nicht vereinfacht, sondern einfach benennt, vergrößert das Dilemma, weil es das unbändige menschliche Verlangen durch Form gebändigt vorführt. Wie einen geblendeten Vogel im Bauer. Das nenne ich doppelt hart.
Hier nun der Text:

Manchmal in den frühen Stunden
Kehrn wir uns zurück,
Pressen unsre wunden
Körper aneinander in ein Stück.

Legen uns die Hände
Auf die salzgen Poren,
Prüfen, ob die Stimmen,
Diese dünnen tauben Vögel,
Sich in uns verloren.

Und wir haben keinen Ton mehr,
Uns noch zu verwunden,
Sprachlos in der Umkehr
In den frühen Stunden.

Was bleibt mir da noch zu sagen? Nichts anderes als: Menschenskind, Mensching, schön daß du da, daß du hier bist.

Jürgen Rennert, Sendung in Das Literaturjournal am 9.4.1980

Die Absage in den achtziger Jahren

1980 bis 1984: Apokalyptik und Verweigerung

(…) Auch Steffen Mensching (*1958) war siebzehn und noch Schüler gewesen, als er gleich mit zehn Texten, die so gar nicht mehr in das zöglinghafte FDJ-Schülerverhalten der siebziger Jahre gepaßt hatten, in den Offenen Fenstern avanciert war, etwa mit diesem Pamphlet gegen Staatsbürgerkundelehrer u.ä.:

Besser geht zu den Affen
die zu dressieren
und singt uns nicht immer
den gleichen Ton
laßt uns nicht beten
wie einst bei den Pfaffen
wie sonst wollt ihrs schaffen
daß wir uns kapieren…
wir kommen daher auch
mit eigenen Lüsten
und wollen die Sach
mit Ärschen und Brüsten
so predigt nicht ständig das gleiche Lied
ihr beschneidet so nur unsren Appetit
1

1979 dann ein Mensching-Poesiealbum. Da hatte er bereits das Becher-Diplom, und M. Dau begrüßte ihn:

Ein Dichter, jung nicht nur an Jahren, sondern an Temperament, versucht eine kräftige Liebe mit dem Leben. Man spürt seine Sehnsucht, wie das Gras im Herbst zu sein, müde und doch winterfest. Und man möchte mit ihm ziehen bei seinen traumhaften Ausflügen zu Rosa Luxemburg. Da ist viel Hoffnung, aber ohne Illusion… Zupackend und verletzbar – mit brutaler Zärtlichkeit – schafft sich dieser junge Autor seinen eigenen Zugang zur revolutionären Wirklichkeit.2

Und Literatur war St. Mensching Versuch und Versuchung. R. Weisbach orientierte ihn dann in den Schweriner Poetenseminaren auf eine parteiliche Kritik: die Dinge zwar mit undiplomatischer Offenheit an- und auszusprechen, aber doch mit sozialem/sozialistischem Engagement:

Einer hat sich
Vor den Zug
Geschmissen
Sah nicht gut aus
(Das ist sonnenklar)

Viele Leuten haben
Warten müssen.
Gerade wo im Fernsehn
Fußball war
. 3

Kritik und Selbstkritik assistierten sich gegenseitig

Mittendrin im Gerammel ums große Glück
Ich, einen Ellenbogen im Bauch.
Jeder wird sich der Nächste wieder,
Und ich, ich spürs in den Fäusten, werds auch
.4

Als er dem Liedertheater Karls Enkel angehörte – das Theater als politische Anstalt –, eroberte er sich, im souveränen Umgang mit der Geschichte, Marx und Lenin, vor denen er unheimlich viel Respekt hatte:

Der Marxismus bietet mir auf gute Weise Gelegenheit, mir Durchblick zu verschaffen.

Und gauklerisch begann er über die Geschichte aus dieser Sicht zu reflektieren und unmenschliches (für Mensching: unsozialistisches) Verhalten aufzuspießen. Das war noch durchaus z.T. aufrichtige Ab- und Aufrechnungsliteratur: der Ärger mit den Widersprüchen zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Theorie und Praxis. Die Unzufriedenheit eines V. Braun nachnutzend, die parteilichen Orientierungen eines R. Weisbach im Ohr, komödiantisches Talent im Blut: das vereinigte sich zu Jahrmarktsgag und klassenkämpferischer Scharade, immer aber zu plakativem Schwarz-Weiß:

Hohe Höhen. Tiefe Tiefen. Dazwischen
Kenn ich wenig
5

Und respektlos holte er dabei auch die Mächtigen vom Sockel, trieb mit ihnen wie ein Gourmet seine Schlemmerei und machte sie zu Seinesgleichen:

So hoch sie sind
Die hohen vertragsschließenden Männer
Sie hocken auf den Toiletten
Über den Knien wie du, die Hosen
H
eruntergelassen, ohnmächtige
Machtvolle Körper…
… Ohne Sicherheitsbeamte,
Ohne Auftrag, in der Einsamkeit
Der Kacheln der Zelle, allein mit ihren
Realpolitischen Därmen.
O die geheimen Erinnerungen
An die kindlichen Durchfälle…
Blicken sie an sich herunter: sie sind
Wie du und ich, nur älter, und drücken
Den roten Knopf
Der Spülung, immer wieder staunend,
Daß nichts geschieht,
Beenden sie ihr Geschäft und gehen
An die Geschäfte
6

Eingedenk der Forderung Honeckers, man könne über alles schreiben, wenn man es nur vom Klassenstandpunkt aus tue, fügte Mensching – sich Mühsams erinnernd – hinzu:

Nein, ich streiche das nicht, Brüder. Diese Farben schreib ich wieder,
Schreib ich immer wieder. Schimpft mich unmodern und bieder.
Brecht hinein in meine Lieder. Schmiert die Seiten voll mit Kot.
Nennt mich Arschloch, Vollidiot. Schlagt mich auf und schlagt mich nieder.
Schlagt mich windelweich und tot. Nein, ich streiche nicht das Schwarz.
Und ich streiche nicht das Rot
.7

1986 bereits der nächste Gedichtband: Tuchfühlung. Da war er der FDJ vollends entwachsen, und Skeptizismus dirigierte die Texte zuweilen ins Groteske. Das ambulante Clown-Duo Mensching-Wenzel hatte inzwischen auch Auslandserfahrung. Man gestattete ihm westliche Auftritte, um dort DDR-Freizügigkeit zu offerieren und die Biermann-Scharte auszuwetzen; Liberalismus als Auslandsdiplomatie:

Auch ich hab die Schnauze voll…
Ich arbeite zuviel und zu oft unter Strom…
Ich greife ein in die Leitungen
Mit feuchtnasser Hand…
Erhitze alte Schalter und Leiter,
Bis sie glühn und irgendwann durchdrehn,
Mache ich immer noch weiter
8

Sympathische Aufrichtigkeit, genau taxierte Kritik, Hoffnung auf die Reformierbarkeit des realen Sozialismus schossen immer wieder durch:

Irgendwann, hoffentlich bald, aber später,
werden wir die ganze Wahrheit ertragen.

Nennen werden wir Helden Helden
aaaaaVerbrechen Verbrechen

Nacheinander werden wir zu Wort uns melden
das Schweigen brechen
9

Zum Stichwort Schreiben sagte Mensching:

Ich versuche meine Fragen zu formulieren… seltsam skurril gelegentlich.

Zuviel Metaphorik mochte er nicht. Er sah sich als Polemik-Joker, sein Anliegen war die Kundgabe von Haltung. Er zitierte A. Gramsci:

Die Gefängnisse und Irrenhäuser sind voll origineller Menschen und starker Persönlichkeiten.

Doch er relativierte sofort wieder:

Kinder Narren Dichter – hitzige Troika vor dem Schlitten der Wahrheit.

Er bot sich an als Mutmacher, der Liebe Kälte Haß Angst Verlassenheit und Zuversicht zu verschenken habe. Man las ihn gern, weil er lächerlich machte, was ansonsten unerträglich schien. Das Clown-Duo Mensching-Wenzel war in der DDR zum Begriff für kritische Gratwanderung geworden. Wo es brettelte, pilgerten die meist jungen Leute von weit heran und applaudierten den geistvollen Harlekinaden der querulanten Spaßmacher. Sie waren so etwas wie ein zähneknirschend genehmigtes Ventil, das gestaute Aggressionen kanalisieren und verdampfen half: Komödianten del’arte des sozialistischen Theaters, Vertreter einer engagierten sozialistischen Poesie. –

(…)

Edwin Kratschmer: Dichter · Diener · Dissidenten. Sündenfall der DDR-Lyrik, Universitätsverlag – Druckhaus Mayer GmbH Jena, 1995

Schreib-Auskunft: Steffen Mensching

Paul Wiens: Da Steffen Mensching weder einer Vorstellung noch einer Interpretation bedarf, wünsche ich mir von ihm drei Antworten auf drei Fragen zur poetischen Konzeption. – Wenn Sie das Wort Dichtung hören – was alles umfaßt es für Sie, und was schließt es aus?

Steffen Mensching: Zuerst glaube ich an so etwas wie Ehrlichkeit und fordere sie von Dichtung und also auch von Dichtern. Ohne diese mitunter durchaus harte Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber und dem, was man gemeinhin mit „Welt“ umreißt, kann meiner Meinung nach manches erreicht werden, eines aber bestimmt nicht, nämlich Dichtung. Natürlich setzt diese Art „undiplomatischer“ Offenheit Konkretheit voraus. Jede Phrase, jeder Allgemeinplatz, jede Binsenwahrheit ist im künstlerischen Sinne sowieso eine Unehrlichkeit. Am ehesten wittre ich doch Dichtung, wenn ich spüre, da ist einer, der nicht Versteck spielt, nicht kokettiert, sich nicht anbiedert, sondern wirklich der ist, der nur er sein kann. Der er aber ist mit aller Konsequenz.

Wiens: Wann, wo, wie haben Sie angefangen, und wo möchten Sie hin?

Mensching: Eigentlich könnte ich lakonisch sagen: Ich will zu mir. Das würde stimmen, allerdings könnte man den Eindruck bekommen, es würde mir einzig um mich gehen. Also: Daß ich zu mir will, heißt mehr; nämlich daß ich, was in mir steckt, herausholen will. Gegenwärtig weiß ich noch nicht gut genug, wieviel ich kann und wie weit mein Atem reicht. Lyrik und Dramatik reizen mich am meisten. Mit Gedichten habe ich angefangen, das ist vier bis fünf Jahre her. Hier will ich vorerst weitermachen, aber auch anderes werde ich versuchen. Ich glaube an die Literatur als Versuch wie ebenso große Versuchung.

Wiens: Was verstehen Sie unter engagierter Dichtung? Welche Dichtung ist nicht engagiert?

Mensching: Mittlerweise ist es wohl zur Genüge bekannt, daß es keine Dichtung gibt, die sich, ob gewollt oder ungewollt, nicht irgendwo verpflichtet oder engagiert. Starre Grundregeln dafür aufzustellen, was für immer unter Engagement zu verstehen ist, halte ich für nutzlos, da man doch sehr allgemein daherreden müßte. Ich habe insbesondere durch den freundschaftlichen Kontakt zu dem leider so früh gestorbenen Lyriker und Literaturwissenschaftler Reinhard Weisbach engagiertes Schreiben – für mich – als eine Art Bilanzierung sozialer Erfahrungen begriffen. Solche Art Parteinahme für eine Sache schließt natürlich auch immer eine parteiliche Kritik dieser Sache in sich ein. Von Reinhard Weisbach habe ich gelernt, daß Kritik in einer sozialistischen Literatur und Gesellschaft auch eine selbstkritische Haltung des Schreibenden, das Sich-Einbeziehen des dichterischen Ichs in die Kritik fordert. Die anmaßende Fingerzeige-Literatur – die machen jenes, die machen dies! – langweilt mich mehr, als sie mich ärgert. Sie engagiert sich nicht wirklich.

neue deutsche literatur, Heft 3, März 1979

 

DER BESUCH
für Mensching

Und wieder, Rosa, bist du hier. Auf
Keiner Demonstration, in keinem Weizenfeld. Nur
In meinem Zimmer, diesem angenehmen Gefängnis,
aaahinter
Bäumen und Gardinen, wo mich der Blick ängstigt
In die Zeitung und du mir streichelst übern Kopf,
aaader
VOLLER SORGE UM DIE SCHIEFGEHENDE WELTGESCHICHTE.
aaaDu, Gezeichnete,
Sagst: ICH FINDE NICHTS LÄCHERLICHER ALS DAS. Da
Möcht ich dich stoßen mit der Stirn auf den Globus
(Aber sie blutet.): Den gilt’s zu retten! Ja,
aaameinst du,
Lächelnd mit KÜHLER GELASSENHEIT, meinen Puls
aaafühlend:
Lummitsch, lieber; EIN KÄMPFER, weißt du, MUSS
aaaERST RECHT
ÜBER DEN DINGEN ZU STEHEN SUCHEN, und,
aaaschulterzuckend;
SONST VERSINKT ER IN JEDEM QUARK. Dann, als
aaadu deine
Kalten, schönen Arme um mich legst, flüsterst du:
aaaSchau
Nach draußen: Unsere Fahne, siehst du, immer noch
aaatreu und rot.

Uwe Lummitsch

 

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
Interview
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Ulrike Kern: Intendant, Autor und Clown Steffen Mensching wird 60
Ostthüringer Zeitung, 27.12.2018

Jegor Jublimov: Martens, Mensching
junge Welt, 27.12.2018

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLGIMDb
Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne Schleyer +
Dirk Skibas AutorenporträtsBrigitte Friedrich Autorenfotos +
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Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Das Wenzelmensching“.

 

Steffen Mensching & Hans-Eckardt Wenzel bei Verlorene Lieder – verlorene Zeit am 2. Dezember 1989 im Haus der Jungen Talente in Ost-Berlin.

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