Steffen Popp: Kolonie Zur Sonne

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Steffen Popp: Kolonie Zur Sonne

Popp-Kolonie Zur Sonne

BUKOLISCHE POSTKARTEN II

Das sich Verwandeln der Orte ins uns
alt wie die Sphinx, und wir sind sie, sind
unser Fernsein in ihnen.

Alles soll groß werden, aufschäumen
aber die Nacht konzentriert sich
auf einen winzigen Gegenstand.

Technik will denken, aber Steine tragen
sich an ihrer Grenze, wie Schlaf.

Ein Sicherung vor dem Herzen
schaltet das Licht aus
in deinem Rücken die Pyramidenlampe
oben die kleinen Sterne.

 

 

Dichten ist wilde, verwegene Jagd

– Poesie als Lebensform: Steffen Popp führt mit seinem zweiten Lyrikband den Nachweis, dass im zeitgenössischen Gedicht Erfahrungen ganz eigener Art möglich sind. –

In der aktuellen Ausgabe des Waidblatts, dem Mitteilungsorgan des Jagdschutz und Jägervereins e.V. Kaufbeuren, gibt es neben Artikeln übers Jagdhornblasen und Rubriken wie dem „Jagdhunde Rasseporträt“, den „Jägerwitzen“ und dem „Wildrezept“ auch einen eigenen Beitrag zur „Jagd-Lyrik“. Es sei ermutigend, so hebt dessen Verfasser an, dass man hin und wieder moderne Lyrik finde, die sich mit dem Thema Jagd beschäftige:

In der schreibenden Kunstszene ist also die Jagd noch nicht abgeschrieben.

Als Beleg folgt „Magische Jagdpost aus Rehheim“, das wie zahlreiche andere Gedichte Steffen Popps in dieser Zeitung vorabgedruckt wurde. Es hat vier Strophen und beginnt so:

Pirschzeichen, hügelan fliegender Schweiß
die Landschaft berührt uns mit Bäumen
dein Kopf in Wolken, deine Hand, du liegst
so lebendig im Gras, aber da ist kein Puls

Probleme der Ausrüstung, die Schwierigkeit
unter dem Kettenhemd weich zu bleiben
da ist eine Blutbahn, innen, ein roter Faden

da ist im Turmhaus ein Jäger mit Armbrust

Mit der Rezeption zeitgenössischer Lyrik hat es seine ganz eigene Bewandtnis. Obwohl ein hermetischer Dichter wie Paul Celan zu den bekanntesten Autoren der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gehört, obwohl, von der Bachmann und Benn bis zu Thomas Kling, moderne Gedichte den Anspruch unmittelbarer Verständlichkeit oder mindestens einer Übersetzbarkeit in einfache Aussagesätze verweigern, sind viele Leser immer noch irritiert, wenn sie mit einem Text „nichts anfangen können“. Dabei kann man mit Lyrik ja alles Mögliche anfangen – laut lesen, weiterdichten, ihre Worte umstellen, eine Zeile, ein Wort herausreißen und so nah betrachten, dass es plötzlich als ganz fern erscheint.
Gedichtlektüre wird – anders als beispielsweise die Betrachtung nichtgegenständlicher Kunst – immer noch als Suche nach einem verborgenen Schlüssel aufgefasst, der, einmal gefunden, den Text erst „richtig“ lesbar macht: als sprachspielerische Codierung oder blumiger Ausdruck von Gefühlen oder Naturbetrachtungen. Und es gibt ja auch Gedichte, die genau das sind, Verrätselungen, „Poetisierungen“ von Sachverhalten oder Wahrnehmungen, die auch anders, etwa essayistisch, auszudrücken wären.
Der Freund der Poppschen Jagd-Lyrik ist da schon weiter: „Mit diesen gefühlten Gedanken muss man sich allerdings auseinandersetzen“, schreibt er warnend an seine Waidgenossen und setzt dann lakonisch einen echten Blattschuss: „Flüchtiges Darüberhinweglesen hilft dem Verständnis nicht.“ Es gilt, unter dem Kettenhemd weich zu bleiben. Dann kann man sich einlassen auf eine eben nur mit dem Gedicht zu machende Erfahrung.

was ich sagen will kommt von den Steinen
die aus den Toten wachsen, deinen Träumen
deren offene Augen den Wald einreißen
ihn in der Nähe des Herzens neu aufrichten.

So endet die Post, mit einem Wald nah am Herzen, und das mag ein Gedanke sein, den Jäger gern nachfühlen.
Steffen Popp, geboren 1978 in Greifswald, gehört seit seinem Debütband Wie Alpen zu den wichtigsten und markantesten Stimmen der neuen deutschsprachigen Lyrik. Sein neuer Band Kolonie Zur Sonne bestätigt seinen Rang. Popp versteht sich selbst als „postavantgardistischer“ Autor, der die sterilen Selbstreflexionen des Mediums Sprache ebenso meidet wie die wieder verstärkt auftretende Freiluftmalerei sensibler Seelen. Auch hier geht es um Bewusstseinszustände, um Erfahrungen, die aber vom Textverfahren nicht abzuscheiden sind.
Das sind nicht zuletzt Erfahrungen mit der Sprache selbst – etwa bei der Begegnung des Kindes mit unbekannten Wörtern. Popp plündert Fachsprachen (wie das Jägerlatein), lässt Wortfelder wissenschaftlicher Diskurse kollidieren mit dem existentialistischen Topos eines gottlosen, leeren Universums, Erinnerungsfetzen an eine Kindheit im Sozialismus (im Abschnitt „Tristan Gelände“) mit futuristisch-verfremdeten Blicken auf den aktuellen Stand des zu scheitern drohenden Projekts Menschheit. Die Kolonie Zur Sonne ist eben auch unsere kleine Gartenlaube Erde.
Pathosformeln des Expressionismus werden ironisch zitiert: „O elefantischer Pan im Porzellantrakt der Musen“ setzt er einmal ein oder „Welt, wenn nicht Kosmos, sah mich an“ („Selbstporträt am Renaissancefenster“). Ein leiser, intellektuell-verspielter Sinn für Humor grundiert viele dieser Texte ebenso wie ein durch Öko-Desaster befeuertes Endzeitbewusstsein:

Du rätselst über der Ebene, Asche
ein Grauwert in ihren Schichten bedeutet
,Rom‘, ein rostiger Einschluss ,Bonn‘

Steffen Popp, der auch in seiner Prosa poetologisches Problembewusstsein mit verblüffender Imaginationskraft verbindet – sein Roman Ohrenberg oder der Weg dorthin erschien 2006 –, hat sein Dichten unter die Parole „Poesie als Lebensform“ gestellt. Damit meint er kein neues Hippietum, sondern eben den Willen zur Erzeugung von (sprachgebundenen) Erlebnissen, die nur Gedichte bieten können. Ziel ist nicht eine Annäherung der Literatur an das Leben, sondern die „Verlebendigung der Wirklichkeit im Gedicht“. Die Sprache ist nun aber (verglichen mit Tönen oder Bildern) das abstrakteste Medium; das Gedicht als Sprachgebilde per se besonders „lebensfern“. Doch gerade aus der Schwierigkeit der Aufgabe zieht der Lyriker sein Selbstbewusstsein:

Nur was wir in poetische Praxis umsetzen, kann guten Gewissens als „anthropologisch gemeistert“ gelten.

Der Nachvollzug dieser Praxis setzt nun gerade nicht voraus, auch ihre Theorie mitzudenken. So wie man Musik auch hören – und lieben – kann, ohne ihre kompositorischen Grundlagen zu überblicken, kann man Lyrik lesen, ohne sie mit einem hermeneutischen Universalschlüssel zu „verstehen“. In Popps neuem Buch finden sich einige der schönsten Möglichkeiten, in deutscher Sprache dichterische Erfahrungen zu machen. Sich zu üben etwa in „Auratischer Flurkunde“:

Unmerklich stilbildender Wind aus Nordwest
und das Garagentor formen ein strömendes Rechteck

das emotionale Projekt, verstimmt
hängt es vor uns, in der Luft, atmet angestrengt

wir suchen die Ordnungen der Liebe
im Gespräch zu binden, auf langen Waldgängen
durch Nebel.

Richard Kämmerlings, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.1.2009

Eine Haltestelle für dünnen Schnee

– Weltraumlyrik: Steffen Popp bedichtet die Kolonie Zur Sonne. –

Wenn es stimmt, was Gottfried Benn sagt, dass ein Dichter in seinem Leben bestenfalls sechs Gedichte zu schaffen vermag, welche die Zeiten überdauern werden, dann, so steht zu befürchten, ist von Steffen Popp in Zukunft nicht mehr viel zu erwarten. Denn sechs Gedichte, die bleiben, so viele müssen sich doch finden in Kolonie Zur Sonne, dem zweiten Band des 1978 in Greifswald geborenen, in Dresden aufgewachsenen und inzwischen in Berlin lebenden Autors. Allerdings hat der Rezensent, dem diese Vermutung durch den Kopf schießt, bis dato überhaupt nur die ersten beiden Gedichte des Buches gelesen – diese aber dafür immer wieder und wieder, und zwar über Wochen hinweg.
Festgebissen hat er sich an ihnen und sich dabei ein ums andere Mal gefragt, ob es nicht vielleicht bloß Blendwerk ist, was Popp da präsentiert, ein geschicktes Spiel mit Reimen, Alliterationen, vor allem aber mit einem hohen Ton, der, wie ein Geldschein vom Sicherheitsfaden, von feiner Ironie durchwirkt ist. Doch klingen diese Gedichte nur toll, und steckt in Wirklichkeit vielleicht gar nichts dahinter? Aber was wäre im Fall von Literatur die Wirklichkeit? Und was, bitteschön, pflegt in der Regel überhaupt hinter Gedichten zu stecken? Höchstens doch andere Gedichte.
So ist es zumindest bei „Hotelsituation, langes Liegen“ und „Im Auge des Abends mit Fragen, des Morgens mit Lärm, Sonne“, den ersten Gedichten aus Kolonie Zur Sonne. Nicht dass hier direkte Vorbilder umgeformt würden, vielmehr scheint der Gestus dieser Verse die gesamte Tradition lyrischen Sprechens aufzugreifen: Den hohen Ton des Minnesangs, die vertrackten Windungen des Barock, den gleißenden Rhythmus klassischer Verse, den spielerischen Zugriff der Moderne.
Und all dies ist hier zu finden, ohne dass intertextuelle Mätzchen aufgeführt würden, ohne dass es doch nur wieder um „Sprache“ oder „Dichtung“ ginge. Jetzt wird es aber Zeit zu zitieren:

Kitsch, sagtest du
Romantik ich, Rom sah uns zu: auch war es nicht Rom, nur eben

Raum der bezeugte, wir träumten, verließen das Hotel – Gehirn
sagtest du, Gehörn ich, Geweih, Gestell du, Gewölk, dann Stille.

Nicht leicht ist zu sagen, worum es hier geht. Sicher ist nur: es geht. Es bewegt sich etwas in diesen Versen, und zwar bewegt es sich sehr stark. Kein untergründiger Rhythmus wirkt hier, der die Worte behutsam weitertrüge. Die Worte vielmehr scheinen von selbst vorwärtszudrängen. Wie Wucherungen wachsen sie unaufhaltsam voran, verästeln sich, umschlingen tentakelgleich ganze Gefühls- und Vorstellungswelten. Weltraumgedichte könnte man diese Verse nennen, blinkende Satelliten, in denen Botschaften an außerirdische Völker geborgen sind, komprimiert wie der Inhalt einer Zip-Datei.
War dem „Gehirn“ an dieser Stelle noch nicht das Gestirn beigestellt, so fand der Rezensent später, als er weiterblätterte, dann auch verdächtig viel Himmelsgelichter:

in deinem Rücken die Pyramidenlampe
oben die kleinen Sterne.

Da wusste er schon, dass der Lyriker Popp, Autor des Romans Ohrenberg oder der Weg dorthin, ein leidenschaftlicher Erzähler ist, auch in seinen Gedichten. Nur erzählt er eben nicht von einzelnen Figuren, von bestimmten Situationen. Er fasst vielmehr, so scheint es, immer gleich mehrere Blickwinkel zusammen, lässt zahlreiche Geschichten ineinander fallen. Nicht um isolierte Momente geht es ihm, um Beschreibungen individueller Gefühlszustände, um klar benennbare Gedanken, sondern um Prozesse, um Verläufe, um Landschaften, innere wie äußere, die sich ständig überlagern und verändern:

das sich Verwandeln der Orte in uns
alt wie die Sphinx, und wir sind sie, sind
unser Fernsein in ihnen.

Geschichte durchzieht diese Gedichte, immer wieder leuchtet eine Kindheit in Sachsen in ihnen auf. Aber Steffen Popp will weit mehr, als von einer untergegangen Welt erzählen; in seinen Versen schweben immer auch mögliche Welten mit, verweben sich mit den gewesenen. So nah sich gestern, heute und morgen in Kolonie Zur Sonne sind, so natürlich wirkt es auch, wenn Popp die unterschiedlichsten Ideen und Vorstellungen aneinander fügt, „Kitsch“ und „Stille“, „Ethik, Agrarwirtschaft“ oder auch „du und dein Ich“. Überraschende Konstellationen entstehen, unablässig. Nie aber wirkt etwas bloß um des Effekts willen arrangiert. Selbst dort, wo es keine verbindenden und erläuternden Verben gibt, bleiben die Gedichte erzählerisch, wahren sie den Zusammenhalt. Allein durch eine Abfolge von Hauptworten weiß Popp ausgreifende Geschichten zu evozieren:

„Rom“, ein rostiger Einschluss „Bonn“

Das ist lebendige Dichtung, denkt man, hier wird nicht gefiltert, sondern zusammengefügt, werden die einzelnen Elemente dazu gebracht, sich gegenseitig anzustoßen und in Bewegung zu versetzen. So werden sie zu von äußeren Energiequellen unabhängigen, unablässig sich drehenden Gebilden. Sie führen einem das Ungefügte der Welt vor Augen, nicht als eingehegtes, sondern als schillerndes Wort-Kaleidoskop:

ihre Ausgrabungen dann, Chirurgie
gegen Erinnerung (Pathos, Asbest)
rekonstruierbar ein Bienenhaus, Bienen
ein Zebra komplett, ein Sumpfhuhn
ohne Sumpf, ein Uhu ohne U –
dein Hals, Contessa, vor Brandmauern
eine Haltestelle für dünnen Schnee.

Vieles ließe sich noch sagen, doch scheinen diese Gedichte dem kritischen Sprechen immer einen Schritt voraus zu sein, lassen es ganz matt wirken. Nur so viel noch: Es finden sich auch sehr konkrete Verse in diesem Band. Und besonders im Kapitel „Auratische Flurkunde“ bekommt der drängende Ton der Popp’schen Lyrik einen immer sehnsuchtsvolleren, utopischeren Einschlag, wirken die Gedichte immer zarter, verletzlicher.
Liest man Kolonie Zur Sonne schließlich zu Ende, so merkt man auch, dass es nicht auf die sechs Gedichte Gottfried Benns ankommt, dass es gar nicht um sie gehen kann. Nicht marmorne Ewigkeiten interessieren den Dichter, sondern Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, und wie wir uns in ihnen hin und her bewegen, ziellos zwar, aber nicht ohne dabei immer wieder neue Formen, neuen Sinn zu finden:

Mit Kunstharz und bunten Stecknadeln fixierten wir die Struktur
ein Krieg, ein Flöz, es fanden sich Siedlungen – „Liebe“, „Asbest“
„Germknödel“, „Gott“ – und ihre Ruinen, Gedichte
die sich im Schmelz von Neuronen zu neuen Siedlungen fügten.

Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche Zeitung, 5.2.2009

Lob des Exzellenzgefühls

– Was an Steffen Popps Gedichtband Kolonie Zur Sonne bezaubert, ist die kunstvolle Komposition ästhetischer Dissonanzen, der spannungsreiche Zusammenklang von Pathos und Profanem. –

Beim Wettlesen um den Leonce-und-Lena-Preis in Darmstadt, der immer noch wirkmächtigsten Literaturbörse für aufstrebende Junglyriker, kam es im März 2007 zu einer grotesken Szene. Als Favorit war Steffen Popp angetreten, der ästhetisch wagemutigste Protagonist der jungen Berliner Dichter-Szene. Was er dort vorlegte, eine kühne Synthetisierung poetischer Erhabenheitsgesten, funkelnder Ironie und lässig eingestreutem Alltagsstoff, stieß bei der Jury auf Befremden.
So endete der Auftritt des mit Abstand sprachschöpferischsten Autors der jungen Gegenwartslyrik in einem Debakel. Die Jury sah in seinen Gedichten nur eine ausgeklügelte Strategie der vorsätzlichen Irreführung und attestierte dem Autor eine unfreiwillige Selbstparodie.
Offenbar empfinden es die Matadoren des literaturkritischen Diskurses immer noch als Peinlichkeit, wenn ein Lyriker des 21. Jahrhunderts den alten Ausdrucksglanz des emphatisch-romantischen Sprechens reaktiviert. Tatsächlich geht es Steffen Popp, diesem Tonsetzer ästhetischer Widersprüche und Paradoxa, nicht um Entmythologisierung der alten lyrischen Bildstrategien, sondern um poetische Wiederverzauberung unter modernen Ernüchterungsbedingungen, um die Rettung, wie er in einem Interview bekannte, eines „Exzellenz-Gefühls“.
Und studiert man nun Popps neuen Gedichtband Kolonie Zur Sonne, stößt man rasch auf Bildfindungen, in denen genau diese Auratisierung der Phänomene vollzogen wird und durch die Adaptierung eines hohen Tons eine Sehnsuchtsgeste zur Geltung kommt. Das Erhabene ist in seiner sinnlichen Präsenz im Gedicht zum Leuchten zu bringen – gleichzeitig soll es aber dekonstruiert werden. Wenn diese Gedichte „zu neuen Siedlungen gefügt“ werden, wie es im Poem „Im Auge des Abends mit Fragen“ heißt, dann siedelt das Königliche stets neben dem Banalen. Wenn in besagtem Gedicht von Ezra Pound geträumt wird, dann nur in äußerst unsinnlichen „Wollsocken“. Und wenn in einem anderen Gedicht ein expressionistisch überreizter Eingangsvers gewählt wird: „O elefantischer Pan im Porzellantrakt der Musen / hinter den Schleiern suchst du Gesang“ – dann folgen umgehend Verse, in denen die alten mythischen Zauberwörter schmerzhaft mit profanem Alltagsstoff kollidieren. Und tatsächlich stößt hier der mythische „Gesang“ sofort auf triste Alltagsrealität:

das Lied, unter seiner Nachtmütze aus Sternen
bewegt es den einsamen Boiler, den irrenden Ventilator

Dieser bewusst inszenierte Zusammenprall von hohem Oden-Ton und profaner Empirie hat Methode. Schon der Titel von Popps zweitem Gedichtband birgt ja in sich diese Verfugung der Gegensätze. Kolonie Zur Sonne: Hier ist die paradoxe Verbindung des „Exzellenz-Gefühls“ in Gestalt der Sonne mit der schlichten Gartenlaube markant ins Bild gesetzt. Was an den Gedichten Steffen Popps bezaubert, ist diese kunstvolle Komposition ästhetischer Dissonanzen, dieser spannungsreiche Zusammenklang der alten Pathos-Herrlichkeit mit profanen technischen Vokabularien.
In der letzten Abteilung des Bandes, die etwas leichtsinnig programmatisch „Magische Jagdpost aus Rehheim“ überschrieben ist, hat Popp zahlreiche Exempel naturmagischer Redeweisen zusammengetragen, in denen das erhaben Romantische auf ernüchternde Zeichen des Unheils trifft. Was die Darmstädter Jury vor zwei Jahren so dauerhaft befremdete, erweist sich als eins der faszinierendsten Sprachereignisse in der Lyrik der letzten Jahre.
Popp setzt in seinen bildalchemistischen Operationen immer wieder intensive Traumbilder neben grelle Visionen und triviale Dinge aus der Lebenswelt. Dieser Autor spielt wirklich alle Möglichkeiten der poetischen Phantasmagorie durch, so dass in diesen Gedichten wie aus der legendären Büchse der Pandora alle Wirkungsmöglichkeiten der Sprache auffliegen.
Die „Auratische Flurkunde“ wird von Steffen Popp mit einer ästhetischen Risikobereitschaft ins Bild gesetzt, wie wir sie in den vielen Verzagtheiten der Jungen Lyrik sonst nirgendwo finden:

Das Sprechen zermürbt die Gemeinde der Schmerzen
Zukunft besiedelt das Denken wie ein Pilz, wie Feuer
ein rotes Pferd steht in der Rotunde, aus Kupfer
das Blut in deinen Fingern, die Festbeleuchtung
hängt in den Kronen wie ein verwelktes Klavier.

In einem Statement hat Popp von der „Umsetzung“ der Poesie „in eine Lebensform“ gesprochen. Die Überführung der Kunst in Lebenspraxis war zuletzt der Traum der Avantgardebewegungen, vor allem der Surrealisten. In Steffen Popp hat der legitime Nachfahre der Surrealisten die Bühne betreten.

Michael Braun, Frankfurter Rundschau, 29.4.2009

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Andreas Hutt: Metapher der modernen Gesellschaft
literaturkritik.de, März 2009

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + DAS&D + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Dirk Skiba Autorenporträts + Galerie Foto Gezett 1 + 2
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Steffen Popp liest „Dickicht (mit Reden und Augen)“ im Berliner Mauerpark im Sommer 2011.

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