Sylvia Plath: Ariel

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Sylvia Plath: Ariel

Plath-Ariel

PAPI

Du reichst nicht zu, du reichst nicht zu,
Nicht mehr länger, du schwarzer Schuh,
In dem ich gelebt habe wie ein Fuß,
Dreißig Jahre lang, arm und weiß,
Ohne Atmen und Niesen, Puh!

Papi, ich mußte dich töten.
Du starbst, bevor ich soweit war –
Marmorschwer, ein Sack voller Gott,
Scheußliches Denkmal, und ein grauer Zeh,
Groß wie ein Friscoseehund,

Und ein Kopf im unsteten Atlantik;
Bohnengrün wogt ins Blau ohne Ruh
In den Wassern vor dem schönen Nauset. –
Ich betete um deine Wiederkehr immerzu.
Ach, du.

In der deutschen Sprache, in der polnischen Stadt,
Plattgedrückt von der Walze
Der Kriege, Kriege, Kriege.
Doch der Name der Stadt ist häufig.
Meine polackischen Freunde

Sagen, es gibt ein zwei Dutzend, und
So konnt ich nie sagen, wo du
Deine Stiefel trugst, deine Wurzeln schlugst;
Ich stand vor dir angewurzelt im Grund:
Mir klebte die Zunge im Mund

In einer Stacheldrahtfalle voll Blut.
Ich, ich, ich, ich,
Ich fand niemals ein Wort an dich.
Ich dachte, jeder Deutsche seist du,
Und die Sprache obszön,

Ein ratterndes Knattern, ein Zug,
Der mich forttrug, als wär ich ein Jud.
Ein Jud nach Dachau, Auschwitz, Belsen.
Ich fing zu reden an wie ein Jud.
Ich denke, ich bin vielleicht ein Jud.

Schnee in Tirol, helles Bier in Wien,
Die sind nicht sehr rein und gut.
Mit meiner Großmutter Zigeunerin
Und mit meinen Tarockkarten glaub ich, ich bin
Vielleicht auch ein wenig ein Jud.

Meine Angst vor dir war stets absolut:
Dein Schnurrbart, und was deine Luftwaffe tut,
Und deine Rednergesten,
Und dein arisches Auge voll blauer Glut,
Panzermann, Panzermann, Tunichtgut!

Nicht Gott, du, nein, ein Hakenkreuz,
So schwarz, daß kein Himmel dahinter blaut.
Jede Frau liebt einen Faschisten,
Im Gesicht den Stiefel, und den, der sie haut,
Und das Herzverhau eines wie du, der das tut.

Du stehst an der Tafel, Papi,
Auf dem Bild, vor dem ich dich ruf:
Gespalten nur dein Kinn, nicht dein Huf.
Doch deshalb nicht minder ein Teufel; nein,
Nur ein Teufel, mit Stiefeln beschuht.

Du Schwarzer Mann trankst mein Herzensblut.
Man begrub dich, da war ich zehn. – Doch nie ruht
Der Teufel: Mit Zwanzig sucht ich den Tod,
Zurückkehren wollt ich in deine Hut;
Ich dachte, sogar noch die Knochen wär’n gut.

Doch sie holten mich raus aus dem Sack
Und leimten mich wiederum zu.
Seither weiß ich, was ich jetzt tu:
Ich mach ein Modell, das bist du,
Ein Mann in Schwarz mit Meinkampfgesicht,

Der die Folter liebt und das Blut.
Und ich sagte, ja, gut, ja, gut.
Nun, Papi, mit uns ist es endgültig aus.
Das schwarze Telefon, das riß ich heraus,
Daß die Stimme auf ewig jetzt ruht.

Wenn ich einen erschlug, schlug ich zwei im Nu –
Den Vampir der gesagt hat er war du;
Und ein Jahr lang trank er mein Blut,
Sieben Jahre, daß du es nur weißt:
Papi, bleib liegen, du bist ein Geist.

Dein schwarzes Herz durchbohrt jetzt ein Pfahl,
Und im Dorf die fanden dich niemals gut.
Sie tanzen und stampfen auf dir, du Graus.
Daß es immerzu du warst, das haben sie raus.
Papi, Papi, du Dreckstück, zwischen uns ist es aus.

 

 

 

„Das sind Gedichte,

die Russisches Roulette mit sechs Patronen im Lauf spielen“, schrieb der Lyriker Robert Lowell in seinem Vorwort zur amerikanischen Ausgabe von Ariel, dem legendären nachgelassenen Gedichtband von Silvia Plath, die sich 1963 in London 30jährig das Leben nahm. Ariel ist ein Dokument radikaler und unsentimentaler Introspektion. Es sind Gedichte, die in suggestiven Bildern immer wieder um die gleichen Themen kreisen: die Ich-Identität der Autorin, die Qualen eines krankhaft zurückgenommenen Lebens und seiner Todesobsessionen.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1973

 

Ariel bei Wikipedia

 

Die Zerbrechlichkeit in uns allen

Ich würde mir nicht wünschen, dass heute von einer US-Amerikanerin noch einmal solch ein Gedichtband geschrieben würde, Zeilen gefüllt mit zelebrierter Verzweiflung, die ausbuchstabierte Opferrolle, Abgrund, Abgrund, Abgrund, ash, ash. – Aber dass er geschrieben wurde, mit dieser sprachlichen Brillanz, mit klanglicher Perfektion und bildlicher Wucht, mitunter auch übergriffiger Pietätlosigkeit, denken wir etwa an das Gedicht „Madame Lazarus“, kann uns dankbar sein lassen. Weil es geschrieben werden musste, damit es einmal nicht mehr geschrieben werden braucht. Sylvia Plath hätte nie ein Phoenix werden können, aber sie schrieb ihm die Asche für seinen Aufstieg.

Nora Bossong, Volltext, Heft 4, 2020

 

Nachgelesen, nachübersetzt, nachgedichtet

– Versuch und Begründung einer experimentellen Nachdichtung am Beispiel von Sylvia Plath. –

Im Januar 1963 schreibt Sylvia Plath, seit kurzem in London ansässig, ein gutes Dutzend bester Gedichte, die auch ihre letzten sein werden, bevor sie sich, einen Monat danach, das Leben nimmt. Eins dieser Gedichte, zu dem sie sich vermutlich durch ein Modemagazin oder eine Frauenzeitschrift provoziert fühlte, ist den „Models von München“ gewidmet und lautet wie folgt:

THE MUNICH MANNNEQUINS

Perfection is terrible, it cannot have children.
Cold as snow breath, it tamps the womb

Where the yew trees blow like hydras,
The tree of life and the tree of life

Unloosing their moons, month after month, to no purpose.
The blood flood is the flood of love,

The absolute sacrifice.
It means: no more idols but me,

Me and you.
So, in their sulfur loveliness, in their smiles

These mannequins lean tonight
In Munich, morgue between Paris and Rome,

Naked and bald in their furs,
Orange lollies on silver sticks,

Intolerable, without mind.
The snow drops its pieces of darkness,

Nobody’s about. In the hotels
Hands will be opening doors and setting

Down shoes for a polish of carbon
Into which broad toes will go tomorrow.

O the domesticity of these windows,
The baby lace, the green-leaved confectionery,

The thick Germans slumbering in their bottomless Stolz.
And the black phones on hooks

Glittering
Glittering and digesting

Voicelessness. The snow has no voice.

***

Ein starkes Gedicht. Erich Fried hat es 1974 in seiner Übersetzung von Sylvia Plaths Nachlassband Ariel erstmals auf deutsch veröffentlicht; und da liest es sich so:

Vollendung ist furchtbar, sie kann keine Kinder haben.
Kalt wie Schneehauch tamponiert sie den Schoß

Wo die Eibenbäume aufblühen wie Hydren,
Der Baum und des Lebens und der Baum des Lebens

Ihre Monde loslösen, Monat um Monat, zwecklos.
Die Blutflut ist die Flut der Liebe,

Das absolute Opfer.
Es heißt: Keine Götzen als mich mehr,

Mich und dich.
So, in ihrem Schwefelliebreiz, in ihrem Lächeln

Lehnen diese Mannequins heute nacht
In München, dem Leichenschauhaus zwischen Paris und Rom,

Nackt und kahl in ihren Pelzen,
Organgenlutschstangen auf Silberstäben,

Unerträglich, ohne Gedanken.
Der Schnee lässt seine Stücke von Finsternis fallen,

Niemand ist da. In den Hotels
Werden Hände die Türen öffnen und Schuhe

Hinstellen zum Polieren mit schwarzem Wachs,
Dass breite Zehen morgen in sie gehen.

Oh, die gezähmte Häuslichkeit dieser Fenster,
Die Babyspitzen, das grünbelaubte Backwerk,

Die dickfelligen Deutschen die schlafen in ihrem bodenlosen Stolz.

Und die schwarzen Telefone an Gabeln

Glitzernd
Glitzernd und verdauend

Stimmlosigkeit. Der Schnee hat keine Stimme.

***

Ich stelle nun, ein halbes Jahrhundert danach, die folgende Neuübersetzung zur Diskussion:

Furchtbar diese Perfektion, sie kann nicht fruchtbar sein.
Kalt wie Wehen von Schnee verschließt sie den Schoss,
Wo Eiben wie Hydren in Blüte stehn,
Wo der Lebensbaum und der Lebensbaum

Ihre Monde entbinden, Monat für Monat, ohne Sinn.
Die Blutflut ist eine Liebesflut,
Ist absolute Opfergabe.
Will heißen: Kein Idol mehr außer mir,

Ich und du.
So lehnen diese Models heute Nacht
mit schwefligem Charme und rundum lächelnd
Nackt in ihren Pelzen –
Der Schnee lässt in Fetzen seine Finsternis fallen,
Niemand ist vor Ort.
Der Schnee hat keine Stimme.

*

Ein starkes Gedicht, ja, und doch – in meiner Fassung – nur ein halbes Gedicht; denn ich habe den ganzen zweiten Teil – mit Ausnahme des Schlussverses – fortgelassen: Ein unstatthafter übersetzerischer Eingriff, zweifellos, und doch ist es mir, meine ich, gelungen, das Gedicht nachträglich vor der Autorin zu retten … vor seiner Verbiegung zur antideutschen Karikatur – mit München als Modezentrum und Leichenschauhaus, mit den „dicken Germanen“ als häuslichen Putzteufeln, mit deutschem Süßgebäck und deutschem „bodenlosem Stolz“ usf.
In der Friedschen Übersetzung wie im Original fallen die letzten sieben Strophen vom Rest des Gedichts qualitativ deutlich ab, und dies in formaler wie in gehaltlicher Hinsicht. Mir ist schon klar, dass Sylvia Plath den Gesamttext auf den Vergleich beziehungsweise die Gleichsetzung der perfekten, aber unfruchtbaren Modewelt mit dem gemeindeutschen, ebenso unfruchtbaren Perfektionismus ausrichtet und dass sie beides zum prallen authentischen Leben, das sich besonders heftig in der „Flut der Liebe“ kundtut, in Kontrast setzen will. Da aber im ersten Gedichtteil bereits der Kontrast zwischen Künstlichkeit und Naturhaftigkeit dezidiert herausgestellt wird, wirkt der nachfolgende zusätzliche Vergleich mit Deutschland und den Deutschen ebenso willkürlich wie überflüssig – diese zweite Hälfte des Gedichts könnte sich durchaus als eigenständiger Text behaupten, im vorliegenden Zusammenhang nimmt sie sich aus wie ein angehängtes Nota bene oder ein Postskriptum.

***

Ich dokumentiere mein Verfahren zusätzlich anhand eines der bekanntesten Gedichte von Sylvia Plath, stelle wiederum den Originaltext voran, um das Vorgehen beim Übersetzen und Komprimieren leichter nachvollziehbar zu machen.

Sylvia Plath

ARIEL

Stasis in darkness.
Then the substanceless blue
Pour of tor and distances.

God’s lioness,
How one we grow,
Pivot of heels and knees! – The furrow

Splits and passes, sister to
The brown arc
Of the neck I cannot catch,

Nigger-eye
Berries cast dark
Hooks –

Black sweet blood mouthfuls,
Shadows.
Something else

Hauls me through air –
Thighs, hair;
Flakes from my heels.

White
Godiva, I unpeel –
Dead hands, dead stringencies.

And now I
Foam to wheat, a glitter of seas.
The child’s cry

Melts in the wall.
And I
Am the arrow,

The dew that flies
Suicidal, at one with the drive
Into the red

Eye, the cauldron of morning.

***

Dazu die komprimierte Nachdichtung:

ARIEL

Stasis in Finsternis. Dann der blaue substanzlose
Ausstoß von Zacken und Distanzen.

Löwin Gottes! Wie wir eins werden, Drehpunkt
Von Fersen und Knien! Die Furche geht

Auf und davon, Schwester des braunen
Nackenbogens, den ich nicht packen kann.

Münder voll von süßem Schwarzblut,
Schatten. Als weiße Godiva entblöße

Ich mich – tote Hände, tote Rigorismen.
Das Weinen des Kinds schmilzt in die Wand.

Der Tau, selbstmörderisch, entschwindet, eins
Mit dem Flug ins rote Aug, den Tank, wo’s tagt.

(nach Sylvia Plath)

*

Die insgesamt 30 Verse beziehungsweise 10 Strophen mit jeweils 3 unterschiedlich langen, durchweg ungereimten, oft nur lose durch Enjambements verbundenen Zeilen werden in der Übersetzung verknappt auf 6 Kurzstrophen mit je 2 ungefähr gleich langen Versen. Das Originalgedicht wird durch die reduktionistische Übertragung in seinem Aufbau völlig umgestaltet; es verliert dadurch ein knappes Drittel seines Umfangs, aber kaum etwas von seiner Aussage und seiner emotionalen wie prosodischen Gestimmtheit.

*

Was sich naturgemäß ebenfalls ändert, ist der Status der Autorschaft am Übersetzungstext. Auch wenn das gesamte übrig gebliebene Wortmaterial – Einzelwörter, Wortverbindungen, ganze Sätze – auf Sylvia Plaths Originalgedicht zurückgeführt werden können, entspricht das übersetzte Gedicht weder ihrem formalen Dispositiv noch ihrer Fassung letzter Hand. Ich als Übersetzer habe zwar ausschließlich Vorgaben aus dem Originaltext in die Zielsprache gebracht, bin mit diesen Vorgaben aber frei verfahren, indem ich sie neu komponiert und sie zudem in eine neue strophische Anlage eingebracht habe.
Die Funktion der Übersetzung wird damit erweitert zur auktorialen Nachdichtung – der Fremdtext liefert lediglich die Versatzstücke, aus denen in der Zielsprache ein weitgehend eigenständiges Gedicht entsteht. Ob jedoch der Übersetzer, nunmehr als Nachdichter etabliert, die Autorschaft des so geschaffenen Gedichts beanspruchen darf, ist eine ebenso offene Frage wie die Gegenfrage – warum denn eigentlich nicht? Wodurch unterscheidet sich eine derartige Nachdichtung von einem Originalgedicht? Dass der Nachdichter sein Wortmaterial nicht aus dem Wörterbuch oder aus dem Fundus der Alltagssprache gewinnt, sondern aus einer fremdsprachigen Textvorlage, ändert nichts daran, dass er technisch genau so verfährt wie der Verfasser eines sogenannten Originalgedichts.

*

Meine Neuübersetzung hat – ich möchte das betonen – rein experimentellen Charakter, und es kommt bei meiner Fassung auch weniger auf den Text selbst an als auf die Fragen und Probleme, die er aufwirft, elementare Fragen … schlichte Probleme wie diese:
Kann die in der Zielsprache gekürzte Nachschrift des Gedichts noch als Übersetzung gelten? Bildet sie gegenüber dem Original eine Variante oder eine eigenständige Nachdichtung?
Darf ein Übersetzer seine Vorlage verändern, ergänzen, formal verbessern?
Wie wäre in diesen Fällen die Funktion von Autor und Übersetzer zu bestimmen beziehungsweise zu differenzieren?
Kann eine Übersetzung das Original qualitativ übertreffen? Wenn ja – worin und woran genau läge der Gewinn?
Inwieweit kann eine eigenwillige, vom Original sich entfernende Übersetzung ihrerseits als Original gelten und wie wäre dann poetische Autorschaft funktional zu bestimmen?
Was brächte ein solcherart erweiterter Übersetzungsbegriff für die Lyriktheorie? Welche Konsequenzen hätte er für die Übersetzungskritik?
Und außerdem:
Ist nicht auch jedes Originalgedicht mit Bezug auf seine literarischen Quellen und gemäß seiner Entstehung und Ausgestaltung so etwas wie eine Übersetzung? Und die Übersetzung folglich so etwas wie ein Original!

Felix Philipp Ingold, aus Felix Philipp Ingold: Überzusetzen. Versuche zur Wortkunst und Nachdichtung, Ritter Verlag, 2021

„Sterben ist eine Kunst.

Ich kann es besonders schön.“ 

Es ist ein drückend heißer Sommertag, dieser 24. August 1953, als Aurelia Plath sich bei einer Freundin im Fernsehen einen Film über die Krönung von Königin Elisabeth II. ansieht. Zur selben Zeit bricht ihre Tochter Sylvia zu Hause den kleinen Safe ihrer Mutter auf, in dem die Schlaftabletten liegen.
Mrs. Plath hatte sie wohlweislich dort verschlossen. Es war ja noch gar nicht lange her, dass Sylvia eines Morgens blutend mit Schnitten an Beinen und der Wange aus ihrem Zimmer gekommen war. Auf die entsetzte Frage der Mutter hatte sie gesagt, sie könne schon seit zehn, zwanzig Nächten nicht mehr schlafen. Und jetzt wollte sie ausprobieren, ob sie genug Mumm habe, dem ganzen ein Ende zu machen. Kurz darauf hat sie dann verzweifelt gerufen:

Oh Mutter, die Welt ist so verdorben! Ich will sterben! Lass uns gemeinsam sterben!

Da hatte die Hausärztin Schlaftabletten verschrieben und gesagt, Sylvia müsse dringend einen Psychiater aufsuchen. Die 20jährige wurde dann ambulant einer Elektroschocktherapie unterzogen, die so verheerend gewesen sein muss, dass sie fürchtete, verrückt zu werden. „Die einzige Alternative, die ich sehen konnte, war die Irrenanstalt – unendliche Hölle für den Rest meines Lebens“ – und so will sie denn vom letzten Stückchen ihres freien Willens Gebrauch machen und ein schnelles und sauberes Ende wählen.
Sie bricht an jenem Sommertag den Safe ihrer Mutter auf, nimmt sämtliche Schlaftabletten heraus, schreibt einen Zettel: „Mache einen langen Spaziergang. Bin morgen wieder zu Hause“, lehnt das Blatt im Esszimmer an eine Blumenvase und schleicht sich mit einem Glas Wasser in den Keller. Von dort kriecht sie in den kleinen Stauraum mit dem Brennholz. „Spinnweben berührten mein Gesicht, weich wie Motten“, wird sie später schreiben. Dann nimmt sie eine Pille nach der anderen, immer mit einem kleinen Schluck Wasser. Rote und blaue Lichter blitzen vor ihren Augen auf, das Glas rutscht ihr aus den Fingern, sie legt sich hin, und „die billigen Trümmer meines Lebens“ dämmern langsam mit ihr dahin.
Aurelia Plath ist nach dem Krönungsfilm voller Unruhe. Sie fährt früher als sie wollte nach Hause, sieht den Zettel und den aufgebrochenen Safe, ruft die Polizei, und Sylvias Bruder Warren und ein paar Nachbarn durchkämmen mit den Beamten den Wald von Wellesley im Staate Massachusetts. Vergeblich. Am nächsten Morgen Fotos und Schlagzeilen in den Bostoner Zeitungen: Hochbegabte Studentin vom Smith College verschwunden. War in Behandlung. Vermutlich Schlaftabletten genommen. War unendlich ehrgeizig. Wollte wohl noch besser sein als sie war.
Am zweiten Tag des Dramas – Mutter und Sohn sitzen verzweifelt in der Küche – dringt Stöhnen aus dem Keller. Warren rennt hinunter und findet seine bewusstlose Schwester. Sie hatte zu viele Tabletten geschluckt. So viele, dass die Betäubte sich übergeben musste. Das hat sie gerettet. Anrufe, Krankenwagen, im Hospital kommt sie langsam wieder zu sich. Beinahe fünf Monate wird Sylvia Plath im berühmten McLean-Hospital auf Kosten einer Schriftstellerin romantischer Romane – die ihr schon das Stipendium fürs College spendiert hatte – behandelt.
Hier wird auch die Lyrikerin Anne Sexton immer mal wieder eingeliefert. Fünf Jahre später werden die beiden erfolgreichen Dichterinnen zusammen im Ritz an der Bar sitzen. Sylvia wird unerlaubterweise in der Ladezone parken. Geht schon in Ordnung, wird sie vergnügt zu Anne sagen. Schließlich wollen sie doch auftanken! Ein paar Mal treffen sie sich dort in elegantem Outfit, sitzen am Tresen, trinken Alkohol, knabbern die kostenlosen Kartoffelchips und erzählen sich gegenseitig ihre Selbstmordversuche. In beiden Frauen lauerte ja der Todeswunsch wie eine Sucht. „Wir sprachen mit einer zornigen Intensität über den Tod, der uns beide anzog wie eine Glühbirne die Nachtfalter“, schreibt Anne Sexton, die sich elf Jahre nach Sylvia Plaths Freitod ebenfalls das Leben nehmen wird.

Wir saugten uns daran fest! Sie erzählte die Geschichte ihres ersten Selbstmordversuchs in hübschen und liebevollen Einzelheiten.

Aber damals fand Anne, dass die Gedichte der Freundin noch in einem Käfig steckten.
Nicht nur ihre Gedichte, auch Sylvia Plath selbst steckt ja lange in einer Art Voliere und führt einen Kampf gegen sich. Ihr „Ich“ muss ständig gestreichelt werden, sonst empfindet sie sich als „Null“, als „Nichts“. „Ich dachte, dass ich unverletzlich sei…,“ so beginnt ein Gedicht, das sie schon mit 15 Jahren geschrieben hat. Aber dann wird alles grau und leer und dumpf. Und am Ende heißt es

… zerstört war da mein Silbernetz aus Glück.

Der Englischlehrer der Highs-School, der das Gedicht in der Klasse vorliest, ist verblüfft über soviel Psychologie und Begabung.
Die Eltern, liberal und voller Unternehmergeist, sind Einwanderer aus Deutschland. Der Vater arbeitet sich – ganz nach dem Geschmack Amerikas – mit fünf Sprachen als Hochschullehrer nach oben. Die beiden Kinder werden geliebt, für gute Noten gibt es Süßigkeiten und Umarmungen. Dem Vater, der an schwerer Diabetes leidet, muss ein Bein amputiert werden. Bald darauf stirbt er an einer Lungenembolie. Da ist Sylvia zehn, ist geschockt, sagt zur Mutter:

Ich werde nie wieder mit dem lieben Gott sprechen.

Mit den Jahren mutiert der Vater im Kopf der Tochter zum Mythos, zum Monstrum, zum Koloss, zum Vampir, den sie töten muss.

Dein schwarzes Herz durchbohrt jetzt ein Pfahl…

Auch zum Nazi macht sie ihn, der nie ein Nazi war, zum Mann in Schwarz mit Meinkampfgesicht, und sie selbst macht sich in jenem berühmten Gedicht „Daddy“ zur Jüdin, sieht sich in einem ratternden, knatternden Zug sitzen, „Der mich forttrug, als wär ich ein Jud. / Ein Jud nach Dachau, Auschwitz, Belsen.“ Sie macht ihren Vater im Labyrinth der Gedanken auch zur Vorhut im Hades, schreibt, dass sie mit zwanzig schon einmal den Tod gesucht habe, dass sie aber in seine Obhut zurückkehren wollte, dass sie dachte, ihre Knochen seien noch in Ordnung.

Doch sie holten mich raus aus dem Sack
Und leimten mich wiederum zu…

Also Schluss, aus, Ende.

Papi, bleib liegen, du bist ein Geist.

Und doch bleibt die Trauer, ihn nicht richtig kennengelernt zu haben, bleibt die Sehnsucht:

Ich betete um deine Wiederkehr immerzu.
Ach, du.

Jeden Tag schreibt sie Gedichte, die sie der Mutter unter den Teller legt. „Ich bin ich“, sagt sie. Und sie möchte allwissend sein. Eigentlich Gott.

Das Mädchen, das Gott sein wollte.

Ja, so würde sie sich gerne nennen. Sie sagt, sie liebe ihr Fleisch, ihr Gesicht, ihre Glieder. Sie will ideal und einmalig werden und hat Angst, dass ihr die Zeit davon läuft. Sie weiß, dass sie ein Narziss ist. Das macht nichts. Sie will chic sein, posiert vorm Spiegel und findet sich von Tag zu Tag hübscher.
Im College ist sie eine der Besten. Was anderes würde sie auch nicht ertragen. Ihre erwachende Sexualität muss im prüden Amerika unterm Deckel bleiben. Mädchen werden in ihrer Zeit auf die Familie vorbereitet: Intelligent sein, ja, aber vor allem geht es um Kinder und Kochen. Und Sylvia Plath wird später zwei Kinder bekommen und gerne kochen. Und natürlich will sie sich als Jungfrau für den Richtigen aufsparen. Sie hat Brieffreunde, die ihre Helden werden. Alles platonische Lieben. Orgiastische Gefühle gibt es im Urlaub aber auch. Sie beschreibt, wie sie auf einem Felsen liegt, wie sie sich ausstreckt und ihren Körper wie auf einem Altar darbietet, wie sie sich spannt und entspannt und schließlich spürt, wie die Sonne sie wundervoll schändet. Dabei stellt sie sich den gemeißelten Körper eines Geliebten vor, der „nicht feucht von Schweiß, sondern trocken, hart, glatt, sauber und rein“ unter ihr liegt.
Ihren Brieffreunden erzählt sie romantische Träume. Sagt aber auch, dass sie sarkastisch und manchmal gefühllos sein kann. Sie fürchte sich eben, verletzt zu werden.

Ich habe einen verletzlichen Kern wie jeder Egoist.

Ihrer Mutter dagegen schreibt sie vom College aus nur Sonnenscheinbriefe. Alles ist herrlich, egal, wie mies es ihr geht. Und als W.H. Auden zu einem Vortrag kommen soll, jubelt sie:

Stell Dir bloß vor, man kann von sich behaupten: „Oh ja. Schreiben habe ich bei Auden gelernt!“… Ehrlich, Mama, ich könnte weinen vor Glück.

Die ganze Welt platze doch zu ihren Füßen auf „wie eine saftige reife Wassermelone“. Das ist die Sonnenseite. Die Mondseite ihres Wesens steht in ihren Tagebüchern. Da überlässt sie sich oft wilden Phantasien und Gewaltszenen. Und wie oft fühlt sie sich wie eine Gefangene. Einmal schleicht sie nachts im Schlafanzug und mit Lockenwicklern im Haar die Stufen hinunter und will raus an die frische Luft. Aber sie kriegt das Türschloss nicht auf. Kann nur durch das kleine Fenster den leuchtend gelben Mond hinter den Kiefern sehen. Da gerät sie regelrecht in Panik, ringt nach Luft, erstickt beinahe, wie sie schreibt, „mit diesem quälenden kleinen Rechteck Nacht über mir.“
In ihrem einzigen, autobiographischen Roman Die Glasglocke, sieht Plaths Heldin die Zukunft in einem Feigenbaum. Da gibt es die schöne fette Feige, die für eine glückliche Ehe mit Kindern steht, eine für eine berühmte Dichterin, eine für die ehrenvolle Professur, eine recht verführerische für ein Auslandsstipendium, und ganz oben, in den letzten Zweigen, da hängt die Feige für den Notausgang, für die letzte große Freiheit – den Selbstmord.
Sie ist die beste Schülerin ihres Jahrgangs und erhält mit 1.250 Dollar das höchstdotierte Stipendium für das renommierte Smith College. Sie lässt sich jetzt ihre braunen Haare blondieren und sucht nach sexuellen Abenteuern. Sie verliebt sich in Richard Sassoon, schreibt ihm romantische Liebesbriefe, schläft aber eine blutige Entjungferungs-Nacht lang mit einem anderen – sozusagen als Vorbereitung auf ihren Richard. Den trifft sie danach zu sündigen Wochenenden in New York. Er bringt ihr die Lust auf Wein und die Liebe bei. Wo sie denn dauernd sei, möchte die besorgte Mutter wissen. Bei einer frisch verheirateten Kommilitonin, sagt die Tochter. Und als plötzlich eine Freundin nach der anderen vor den Traualtar tritt, ist sie geschockt. Sie will auch unter die Haube, aber da macht Sassoon nicht mit.
Also muss ein neuer Liebhaber her. Dem erzählt sie in manischer Lust von den tollsten Affären, von ihren Erfolgen, ihren Gedichten, ihren Preisen und Auszeichnungen, doch erst, als sie von ihrem Suizidversuch berichtet, glaubt der erschrockene Lover ihr. Dabei hat die damals 22jährige tatsächlich in einem Jahr Lob und Preis für viele Poeme bekommen. Hat sogar 470 Dollar mit Veröffentlichungen verdient, hat ihre Abschlussprüfung summa cum laude gemacht und ein Fulbright-Stipendium für Cambridge bekommen. Also was für ein siegreiches Jahr! „Mein Kelch fließt über“, jubelt sie und reist mit ihrem neuen Samsonite-Koffer, ihrem Fahrrad und der braven College-Kleidung, den Pullovern, Röcken, Jacken und Mokassins an Bord der Queen Elisabeth nach England.
Sassoon, der in Paris studiert, ist noch immer der Mann ihrer Träume.
Doch der hat inzwischen andere Frauen, was Sylvia in tiefe Eifersucht stürzt. Und so fällt sie denn zwischen all den fremden Studenten wieder in die schrecklichsten Depressionen. Geht nachts in den Park, wo sie in der Statue eines Knaben ihren Richard erkennt. Sie spricht mit ihm, spricht mit den Bäumen und dem Mond, dieser, wie sie findet, gleichgültigen, unpersönlichen Macht. Und als ihre Angst zu groß wird, sucht sie den Psychiater der Universität auf. Nur um zu wissen, dass er da ist. Sie spürt, dass sie ihn braucht und schreibt ins Tagbuch.

Ich brauche einen Vater, ich brauche eine Mutter. Ich brauche einen älteren, klügeren Menschen, bei dem ich weinen kann.

Und sie denkt daran, wie nah sie dem Tod schon gewesen, auch damals, beim allerersten Mal, als sie sich überall geschnitten hatte, auch in ihre linke Wange, wo es noch immer diese Narbe gibt.
Doch dann lernt sie im Februar 1956 ihren künftigen Mann kennen, den Dichter Ted Hughes. Ach, wie hatte sie sich danach gesehnt, jemandem zu begegnen, der Sassoon einfach so mit großer Geste davon fegt. Ted tut es. „Dieser große, dunkle, tolle Junge“ kommt da auf die Party, und sie schreit ihm gleich eins seiner Gedichte auswendig an den Kopf. „Gefällt’s dir?“ schreit er zurück und will wissen, ob sie einen Brandy mit ihm trinken will. Klar will sie. Und die beiden schieben sich durch die laute Partymasse, landen im Nebenzimmer, und „peng, fiel die Tür ins Schloss, und er schüttete Brandy in ein Glas, und ich schüttete es dorthin, wo mein Mund zuletzt gewesen war.“ Dann brüllen sie sich wie im Sturm an, reden über Gedichte und Kritik, und er erzählt von seinen Jobs in Rosengärten und Lagerhallen in London, wo er zwölf Pfund die Woche verdient und nebenbei eben schreiben und dichten kann, dann küsst er sie „peng, knall“ auf den Mund und reißt ihr das Haarband vom Kopf, ihr schönes, rotes Haarband, das, wie sie schreibt, die Sonne und viel Liebe überlebt hatte, so eines, wie sie es wohl nie wiederfinden wird, und schon sind ihre silbernen Lieblingsohrringe dran.

„Ha, die werd ich behalten!“ brüllte er.

Und als er sie schließlich auf den Hals küsst, beißt sie ihn lange und fest in die Wange, „und als er das Zimmer verließ, lief ihm Blut über das Gesicht.“ In jener Nacht schläft sie mit einem anderen Mann, doch schon am nächsten Morgen schreibt der kleine Vampir ein Gedicht für Hughes über „die dunklen Mächte der Lust“.
Sie fürchtet sich jetzt vor nichts mehr. Sie fühlt sich wie Hiob und freut sich an den tödlichen Stürmen dessen, was kommt. Beide sind beglückt von den Arbeiten des anderen. Und sie ist selig, dass ihr Ted sagt, er habe noch nie solche Gedichte von einer Frau gelesen, noch nie. Das schreibt Sylvia Plath in einem ihrer euphorischen Briefe an die Mutter, schreibt, ihre Gedichte seien „stark und voll und reich“ – nicht zaghaft und weinerlich. Und sie, die sonst nur an ihre eigene Karriere denkt, schickt seine Gedichte stapelweise an amerikanische Zeitungen. Sie will, dass man sich in den USA „um ihn reißen“ soll.
Am 16. Juni 1956 heiraten Sylvia Plath und Ted Hughes. Sie rasen zuvor kreuz und quer durch London, kaufen Hosen und Schuhe für den Bräutigam und vom letzten Geld zwei goldene Trauringe.

Mami steuerte ein bildhübsches zweiteiliges rosa Strickkleid bei.

Nach der Trauung fielen die Tränen „wie Regen aus meinen Augen nieder – ich war so glücklich mit meinem lieben, herrlichen Ted.“ Das Hochzeitsdatum ist bewusst gewählt. Der 16. Juni ist der irische Bloomsday, ein literarischer Gedenktag. An jenem 16. Juni 1904 hatte James Joyce das erste Rendevouz mit seiner künftigen Frau Nora, die sehr vergnügt erzählte, dass es der Tag war, an dem sie aus James einen Mann gemacht habe. Dieser 16. Juni wird also der einzige Tag sein, an dem der gesamte Jahrhundertroman Ulysses mit all den gedanklichen Irrfahrten des Anzeigen-Akquisiteurs Leopold Bloom spielen wird.
Der junge Ehemann nimmt eine Stelle als Lehrer an. Es muss ja Geld in die klamme Kasse kommen. Er unterrichtet Englisch, klärt die jungen Mittelschulklässler aber auch über den Nationalsozialismus auf, über Judentum und russische Geschichte. Sylvia Plath schreibt an ihre Mutter: Ted sei besser als jeder Lehrer, er fülle sogar irgendwie das riesengroße Loch aus, das sie, die keinen Vater gehabt, immer gespürt habe. Hughes Schwester sagt, Sylvia hing an ihrem Bruder wie ein Kind. Wenn er nur mal beim Bauern nebenan Milch holt, läuft sie gleich hinter ihm her. Aber sie arrangiert auch ihre gemeinsame Zukunft, übersetzt Stendhals Roman Le Rouge et le Noir, reicht Teds ersten Gedichtband The Hawk in the Rain – der Falke im Regen – beim Harper-Wettbewerb ein, er gewinnt den ersten Preis und wird damit international bekannt. Liegt ihre Zukunft also in Amerika? Sie hat ihr Examen in Cambridge hinter sich und einen Lehrauftrag an ihrem alten Smith-College für 4.200 Dollar Jahresgehalt in der Tasche. So reisen sie denn kurz nach ihrem ersten Hochzeitstag mit allem Gepäck auf der Queen Elizabeth von Southampton nach New York, wo Sylvias Mutter für die beiden ein großes Gartenfest mit 70 Freunden und Verwandten ausrichtet.
Aber dann öffnet sich wieder der Schlund der Depression unter ihr, und „ein würgender, seelenauslöschender Strom von Angst“ krallt sich fest um ihr Herz. Sie fürchtet sich vor dem Lehramt im College. Sie kann nicht schlafen, obwohl sie müde ist, sie fühlt, wie ihre Nerven sich wund gerieben haben, und sie hört eine innere Stimme, die sie traktiert und ihr allen Mut nimmt und in ihr stöhnt:

Du kannst nicht unterrichten, du kannst gar nichts. Nicht schreiben. Nicht denken.

Und da liegt sie dann in einer eisigen Flut der Verweigerung. Sie kann dieses mörderische „Ich“ in sich nicht ignorieren. Es ist nun mal da. Sie riecht es, sie fühlt es, „aber ich werde ihm nicht meinen Namen geben“, schreibt sie in ihrem berührenden „Brief an einen Dämon“.
Voller Demut ist sie darin bereit zu akzeptieren, kraftvoll lernen zu müssen, um eine selbstbewusste Lehrerin zu werden. Und sollte der Dämon versuchen, sie wieder zu besiegen, werde sie ihm „die Nase blutig schlagen“. Ja, sie möchte ein freundliches, liebenswertes Bild von sich entwerfen. Sie habe doch ein gutes Ich, das den Himmel liebt, die Hügel, die Ideen und gutes Essen und leuchtende Farben. Das Leben sei nun mal ein schmerzliches Ausprobieren, das weiß sie. Doch ihr Dämon möchte, dass sie denkt, sie könne alles und sei vollkommen. Aber so ist das nicht. Wenn sie dieses Jahr durchstehe, schreibt sie, und ihrem Dämon einen Tritt gebe, wenn er hochkommt, dann habe sie doch im Kampf um das Leben schon viel geleistet. Sie versinkt in den Traumbildern des Malers de Chirico, erkennt sich in seinen zerfallenen Tempeln wieder, in seinen geborstenen Statuen, seinen sonnendurchfluteten Rätseln. Und wie von Mänaden getrieben schreibt sie wieder Gedichte:

Und in ein solches Reich hinein hast du mich
geboren, Mutter, Mutter…

Die Raserei des Schreibens hält an, doch auch die Paranoia, die Panik, die Hysterie schließt sich immer wieder „wie ein transparenter Deckel“ über ihr. „Es ist so als sitze mir eine große, starke Eule auf der Brust“, schreibt sie. Wahre Dramen vollziehen sich in ihrem Tagebuch. Sie habe den Glauben an die Menschen verloren. Es gehe jetzt nur noch darum, „mein hartnäckiges, unerklärliches Gefühl von Würde und Integrität“ zu wahren. Aber sie wird nicht aus dem Fenster springen, nicht gegen ein Baum fahren oder – um es billig zu machen – die Garage mit Kohlenmonoxyd füllen, nein, sie wird sich auch nicht die Pulsadern in der Badewanne öffnen, denn:

Ich werde schreiben und gut schreiben.

Während einer Analyse-Sitzung sagt ihre alte Psychiaterin, die Sylvia Plath seit Monaten wieder aufsucht:

Ich erlaube Ihnen, Ihre Mutter zu hassen.

Was für ein Satz! Er erweitert ihre Sinne, als habe sie einen „Schluck Brandy“ getrunken. Sie fühlt sich wie neugeboren. Nein, nicht dass sie ihre Mutter unbedingt hassen möchte, aber die Aussicht, sie hassen zu dürfen, wenn sie will, die ist wie eine Befreiung.
Mit einem Guggenheim-Stipendium über 5.000 Dollar für Ted Hughes reisen Sylvia Plath – die schwanger ist – und ihr Mann zurück nach England, nach London, wo sie in Zukunft leben wollen. Am 1. April 1960 wird die Tochter Frieda geboren.

Genau bei Sonnenaufgang um 5-45 nieste Frieda Rebecca und begann das Leben.

Und das Leben ist schön, das Kind gesund, die Mutter in einem emotionalen Hoch, die Zukunft gesichert, denn der Vater arbeitet inzwischen bei der BBC. Und als Sylvia und Ted an einem Abend bei T.S. Eliot zum Essen eingeladen sind, schreibt sie: 

Ich hatte das Gefühl, neben einem auf die Erde herabgestiegenen Gott zu sitzen.

Doch die Albträume kehren bald in ihr Leben zurück.

Die Gewalt in mir ist ungezügelt wie Totenblut.

Sie ist gepeinigt von Eifersucht. Schon in Amerika war Ted für sie ein Betrüger, wenn er nur mit einer Studentin geredet hat. Jetzt klingelt das Telefon. Am Apparat eine Dame von der BBC. Sylvia weiß nicht, dass es eine ältere Mitarbeiterin ist. Schlimm genug, dass sie eine junge Stimme hat. Als das Gespräch beendet ist, und als Ted nicht rechtzeitig zum Mittagessen zu Hause ist, geht sie kaltblütig an seinen Arbeitsplatz und vernichtet alles, was ihr in die Finger kommt: sein Theaterstück, seine Gedichte, seine Notizbücher, seine wertvolle Shakespeare-Ausgabe.
Ted Hughes ist ja inzwischen ein bekannter Autor. Und er ist attraktiv. Ein paar Frauenzeitschriften dichten ihm Verhältnisse an. Und Sylvia Plath glaubt die Regenbogengeschichten offenbar. Jedenfalls liegt in der kleinen Wohnung alles in Fetzen als ihr Mann nach einer erfolgreichen Verhandlung aus dem Sender heimkommt. Es ist der Anfang vom Ende der Ehe. Am folgenden Morgen erleidet Sylvia Plath eine Fehlgeburt:

Ein Schrei, und ich stolpere auf vom Bett, kuhschwer und blumig
In meinem viktorianischen Nachthemd…

Nein, es ist nicht das erste Mal, dass sie ihren Mann, die Familie, ihre Freunde düpiert. Wenn sie aufbrechen will, soll er mitkommen. Wenn sie ins Bett will, soll auch er müde sein. Wenn er sich weigert, kocht sie vor Zorn. Sie knallt auch Besuchern die Tür vor der Nase zu – mit dem Satz:

Wir arbeiten!

Sie sagt nicht „danke“ und nicht „bitte“, sie entschuldigt sich nie, sie ist rücksichtslos gegen andere, wie sie rücksichtslos ist gegen sich selbst.
Auch das zweite Kind, der Sohn Nicholas und das romantische strohgedeckte Gutshaus in Devon, ein paar Stationen von London entfernt, das die beiden erfolgreichen Dichter sich inzwischen – mit Zuschüssen beider Mütter – kaufen können, kitten die Ehe nicht mehr. Ted hat inzwischen tatsächlich eine Geliebte. Und die Rachegöttin Sylvia geht noch einmal ans Werk. Als ihr Mann telefoniert – mit wem auch immer – reißt sie mitten im Gespräch das Kabel aus der Wand. Und sein Verhältnis wird mit einem Autodafé bestraft. Als Ted in London ist, holt Sylvia aus seinem Arbeitszimmer alle Papiere, alle Texte, alle Briefe, schleppt sie in den Gemüsegarten und zündet sie an. Die Asche verstreut sie über Salate und Kohlköpfe. Sie hebt das gesamte Geld vom gemeinsamen Konto ab und schreibt boshafte Briefe an seine Familie.
Da trennt sich das Traumpaar von einst. Die Kinder bleiben bei der Mutter. Und die versucht, sich mit einem Kulturschub, wie sie ihn nie zuvor erlebt hat, aus der Tiefe zu retten. Tag für Tag peitscht sie ihre Begabung in die Höhe, schluckt Abend für Abend Schlaftabletten, wenn die Wirkung gegen fünf Uhr früh nachlässt, steht sie auf, kocht sich einen starken Kaffee, Sohn und Tochter werden vom Kindermädchen versorgt, und Sylvia Plath schreibt jeden Morgen ein Gedicht. 40 Tage lang. Immer vor dem Frühstück. Und immer schwappen Assoziationen, Phantasien und Wortspiele wie eine Flutwelle aufs Papier.

Ich staune und bin sehr glücklich.

Sie hat gefürchtet, sie könne nach der Trennung nicht mehr dichten, doch sie fühlt, dass ihre Muse nun, wo Ted fort ist, lebt und so richtig aufblüht. Und ihre Poeme? Die seien alle publikationsreif, schreibt sie. Phantastisches Zeug, als hätten das Familienleben und die Hausarbeit sie erstickt. Es platzt jetzt nur so aus ihr heraus. Sie schreibt ein herzloses Lied für ihre Mutter, das sie „Medusa“ nennt.

Ich hab dich nicht gerufen.

Aber dennoch sei sie übers Meer zu ihr gedampft, die Mutter, dick und rot – „ein Mutterkuchen“. Hier entsteht auch das Hass- und Liebes-Gedicht für „Daddy“.

Ich betete um deine Wiederkehr immerzu. Ach, du.

Und alle 40 verborgenen und an die Oberfläche gespülten Gefühle werden unter dem Titel von Shakespeares Luftgeist „Ariel“ ihre Autorin weltberühmt machen. Zu spät. Nach ihrem Tod.
Vor dem Tod kommt das Sterben.

Sterben
Ist eine Kunst, wie alles.
Ich kann es besonders schön.

So heißt es in ihrem Gedicht „Madame Lazarus“. Sylvia Plath will jetzt ein anderes Leben ausprobieren. Sie zieht wieder nach London, kauft sich neue Kleider, will einen Salon aufmachen, will einen Roman nach dem anderen schreiben. Aber dann wird ihr erster autobiographischer Roman Die Glasglocke in Amerika abgelehnt. Das ist ein Schock. Und niemand erkennt die wirkliche Größe ihrer Ariel-Gedichte. Das ist ein größerer Schock. Sie weiß doch, wie gut sie ist. Warum erkennen die Leute das nicht auch! Panisch, manisch fürchtet sie einen Zusammenbruch, meldet sich bei ihrem Arzt, der verschreibt sofort Antidepressiva und sorgt dafür, dass sie einen Therapieplatz bekommt. Für Dienstag. Das ist ein Tag zu spät.
Sylvia Plath flüchtet am Donnerstag, am 7. Februar 1963, in ihrer Angst mit den Kindern zu ihren Freunden Jillian und Gerry Becker. Ja, natürlich kann sie übers Wochenende bleiben. Auch länger. Das muss ich, sagt sie und bittet die Freundin, ein paar Sachen aus ihrer Wohnung zu holen, Windeln, Babywäsche, Kosmetika, Manuskripte, Lockenwickler und bitte auch das Cocktailensemble. Am Abend isst sie mit großem Appetit ein Steak, isst überhaupt enorm viel. Dann geht sie ins Bett. Jillian muss sich zu ihr setzen. Die ist erschrocken, wie viele Schlaftabletten sie schluckt. Und immer wieder erzählt Sylvia dieselben Geschichten. Dass sie ihre Mutter hasst, dass sie Ted hasst, dass ihr Vater der erste Mann gewesen ist, der sie verlassen hat, Ted ist der zweite, und das sei ja alles gar nicht auszuhalten, zwei Männer haben zwei Frauen mit zwei Kindern verlassen… und dann wirken die Pillen endlich, und sie schläft ein. Aber mitten in der Nacht ist sie schon wieder hellwach und ruft laut nach Jillian. Die muss bitte bei ihr bleiben. Depressionen seien morgens am schlimmsten. Wenn der Morgen überlebt ist, sei alles gut.
Am frühen Freitagabend fährt sie in ihrem Auto davon. Sie hätte eine dringende Verabredung. Mit wem? Sie tut geheimnisvoll. In ihrer Wohnung trifft sie Ted Hughes. Nur kurz. Dann wirft sie ihn raus. Weil sie weg will. Sagt sie. Wollte sie sich das Leben nehmen? Hatte er sie dabei gestört? Mit einem Taxi kommt sie spät bei den Webers an. Wo hat sie ihr Auto gelassen? Sie macht einen sehr entschiedenen Eindruck. So, als sei ihr etwas klar geworden. Am nächsten Tag läuft die alte Routine ab. Baden, Essen, Tabletten und die Monologe über Hass und Betrug. Am Sonntag schläft sie zum ersten Mal richtig aus. Ja, sie sei erholt, es gehe ihr bestens, sagt sie, sie wolle nach Hause. Die Freunde sind besorgt. Sie soll doch bleiben. Nein, sie habe Termine. Gerry Becker fährt sie und die Kinder in seinem Wagen nach London. Sie weint während der ganzen Fahrt, lässt sich aber nicht umstimmen, mit ihm zurückzufahren.
Am Abend bringt Sylvia Plath ihre Kinder, die im zweiten Stock schlafen, ins Bett. Obwohl es draußen kalt ist, öffnet sie das Fenster weit. Und sie stellt Milch und Brot an die Gitterbettchen. Im ersten Stock stopft sie dann Lappen und Handtücher in alle Ritzen der Küchentür. Als am Montagmorgen die Krankenschwester, die der Arzt vorsorglich bestellt hat, in der Fitzroy Road Nr. 23 klingelt, macht niemand auf. Mit einem Handwerker, der am Haus arbeitet, öffnet sie gewaltsam die Tür im ersten Stock. Es riecht nach Gas. In der Küche sind alle Hähne voll aufgedreht. Sylvia Plath liegt mit ihrem Kopf auf einem Tuch im Backofen. Sie ist tot. Sie ist erst 30 Jahre alt.

Birgit Lahann, aus Birgit Lahann: Am Todespunkt. 18 berühmte Dichter und Maler, die sich das Leben nahmen, Dietz Verlag, 2014

The Bar Fly Ought to Sing

– Über Sylvia Plath nach ihrem Selbstmord. –

Die amerikanische Literaturzeitschrift Tri-Quarterly widmete ihre im Herbst 1966 erschienene Nummer der am 11. Februar 1963 gestorbenen Sylvia Plath. Für diese Ausgabe bat der Herausgeber Charles Newman unter anderem Anne Sexton um einen Beitrag über ihre Freundschaft mit Sylvia Plath. Sie schrieb daraufhin die folgenden kurzen Erinnerungen an Gespräche über Tod und Lyrik nieder, die sie mit Sylvia Plath bei „drei extrastarken Martinis“ in Boston geführt hatte. Anne Sexton starb am 4. Oktober 1974; auch sie beging Selbstmord.

Ich kann für Sylvia nur eine kleine Skizze beisteuern und zwei Gedichte – eines, geschrieben für sie, als die Nachricht von ihrem Tod kam, und das andere, geschrieben im Jahr darauf, geschrieben für uns beide und für den Ort, an dem wir uns trafen…. „eins mit sich, kommen Selbstmörder manchmal zusammen…“
In Boston trafen wir uns hin und wieder. Wir sind in derselben Kleinstadt, in Wellesley, aufgewachsen, aber sie war ungefähr vier Jahre jünger als ich, und wir haben uns nicht kennengelernt. Und wenn wir es hätten, frage ich mich, ob wir damals Freundinnen geworden wären – sie war so klug, so reif für ihr Alter und entschlossen, etwas Besonderes zu sein, wohingegen ich, ein pickeliges Ding, das nur Jungs im Kopf hatte, in den meisten Fächern eine Niete war und mich nie für etwas Besonderes hielt. Kennengelernt haben wir uns erst, als sie mit Ted Hughes verheiratet war und in Boston lebte. Wir begegneten uns, weil wir Dichter waren. Kamen zusammen, nicht irgendwelcher Förmlichkeiten, sondern der Wahrheit wegen. Sie hörte, und George Starbuck hörte es ebenfalls, daß ich in einen von Robert Lowell geleiteten Kurs an der Boston University ging. Beide stießen nach mir dazu, schlossen sich mir an, und schweigend kreisten wir auf unserer Umlaufbahn um diese Klasse. Wenn wir damals überhaupt mal etwas sagten, machten wir uns unweigerlich zum Narren. Wir wußten zuviel darüber, um zu reden. Schweigen war klüger, wenn wir es denn fertigbrächten. Wir versuchten es, jede auf ihre eigene Weise, zeigten manchmal unsere Gedichte her, sei’s vor einem Schlächter, sei’s vor einem Liebenden. Beide machten wir weiter. Vor den Augen des Vaters verhielten wir uns so still wie möglich.
Nach dem Seminar zwängten wir uns auf die Vorderbank meines alten Ford, und ich chauffierte uns schnell durch den Verkehr zum Ritz oder in die Nähe des Ritz. Ich parkte immer verbotenerweise in einer LADEZONE und sagte fröhlich zu ihnen: „Geht schon in Ordnung, wir wollen ja einen laden!“ Und dann gingen wir, beide bei George untergehakt, ins Ritz und tranken drei oder vier oder zwei Martinis. George hat in Bone Thoughts, seinem ersten Gedichtband, sogar eine Zeile darüber. Er schrieb: „Mit zwei süssen Ladys schwanke ich aus dem Ritz.“ Sylvia und ich, die Schlafbringerinnen, die Todbringerinnen, waren diese süssen Ladys.
In die Bar des Ritz, die eigentlich keine typische Bar ist, sondern eher ein Salon, sehr vornehm, dicker dunkelroter Teppichboden, rote Ledersessel um artige Tischchen, die Kellner weiß gekleidet und schrecklich diskret, wo man gleich, wenn man die fünf samtbespannten Stufen hinabging, wußte, das ist was – dort hinein gingen wir. Die Kellner verstanden ihr Handwerk. Sie bedienten die Elite von Boston oder zumindest die Prominenz. Wir hofften immer, daß sie uns verkennen und fälschlich für sonderbare Hollywood-Typen halten würden. Irgendeine Erklärung mußte es ja geben für unserer Bücher, unsere Schneestiefel, die Berge von Gedichten, unser seltsames Gebaren, die hektischen, hitzigen Gespräche – und immer ein Trio, das einmal in der Woche an ihrem kleinen, schicken Tisch hockte.
Oft, sehr oft sprachen Sylvia und ich ausführlich über unsere ersten Selbstmordversuche, gingen sie in allen Einzelheiten durch – und das bei Kartoffelchips, die es dort gratis gab. Selbstmord ist schließlich das Gegenteil eines Gedichts. Sylvia und ich vertraten oft gegenteilige Ansichten. Mit verzehrender Intensität sprachen wir vom Tod, beide davon angezogen wie die Motten vom Licht. Kamen gar nicht wieder los davon! Sie erzählte die Geschichte ihres ersten Selbstmordversuchs in schönen, liebevollen Einzelheiten, und ihre Schilderung in der Glasglocke ist ja die gleiche Geschichte. Es ist ein Wunder, daß wir George mit unserem egozentrischen Verhalten nicht deprimierten. Statt dessen waren wir alle drei, sogar George, stimuliert davon, als ließe der Tod jeden von uns in diesem Augenblick ein bißchen realer werden. Und so machten wir weiter, jede auf ihre Weise, dachten nicht mehr an Lowell und die Gedichte, die hinter uns lagen. Die Gedichte, die hinter uns lagen, das war bloße Technik – von Bestand zwar, das schon, aber im Grunde vorbei. Wir sprachen über den Tod, und das war für uns das Leben, das hatte Bestand, uns zum Trotz, oder vielmehr unseretwegen, unserer unverwandten Blicke, unserer Finger wegen, die die Gläser umklammerten, drei Augenpaare, die nur darauf fixiert waren, was einer von uns, egal wer, gerade sagte. Ich weiß, es klingt seltsam, derartig vom Tod fasziniert zu sein (man debattiert erst gar nicht darüber, ob es krankhaft sei – man weiß es –, da gibt es keine Ausflucht), und mir ist klar, daß die Leute das nicht verstehen. Alle Jahre, immer wieder fragen sie mich: „Warum, warum bloß?“ Hier folgt deshalb das Gedicht, das für uns beide, die süssen Ladys aus dem Ritz, sagt, warum. Ich denke wirklich manchmal, daß es die Antwort ist, die Sylvia auch gegeben hätte. Sie hat es seitdem für mich in so vielen Gedichten gesagt – darum will ich es in einem meiner Gedichte für uns sagen…

STERBEN WOLLEN

Da du fragst, meist weiß ich gar nichts mehr davon.
Ich gehe in meinen Kleidern, man sieht mir die Reise nicht an.
Dann kehrt die fast unsägliche Lust zurück.

Nicht einmal dann hab ich was gegen das Leben.
Ich kenn sie, die Grashalme, die du erwähnst,
die Möbel, die du in die Sonne gerückt hast.

Aber Selbstmörder haben eine besondere Sprache.
Wie Zimmerleute fragen sie nur:
welches Werkzeug,
niemals jedoch:
warum bauen.

Zweimal habe ich mich so einfach erklärt,
habe den Feind besessen, den Feind gegessen,
seine Kunst, seine Magie übernommen.

Auf diese Weise, schwer und gedankenvoll,
wärmer als Öl oder Wasser,
hab ich ausgeruht, Sabber am Mundloch.

An meinen Körper auf des Messers Schneide hab ich nicht gedacht.
Sogar die Hornhaut war weg, der letzte Rest Urin.
Selbstmörder haben den Körper seit jeher verraten.

Totgeboren, sterben sie nicht immer, können aber,
geblendet, eine Sucht nicht vergessen, so süss,
daß sogar Kinder lächelnd hinschauen würden.

Sich all das Leben unter die Zunge zu stopfen! –
das wird von ganz allein zur Leidenschaft.
Der Tod ist eine triste Knochenfrau, geschunden, sagtest du immer,

und doch wartet sie auf mich, Jahr für Jahr,
um behutsam eine alte Wunde zu tilgen,
meinen Atem aus seinem elenden Gefängnis zu befreien.

So eins mit sich, kommen Selbstmörder manchmal zusammen,
wüten gegen die Frucht, einen aufgepumpten Mond,
lassen das Brot, das sie mit einem Kuß verwechselten, liegen,

lassen das Buch achtlos aufgeschlagen,
lassen etwas ungesagt, den Hörer neben der Gabel
und die Liebe, egal welche, eine ansteckende Krankheit.

Und so eins mit uns, kamen wir zusammen und fragten nie: warum bauen – fragen nur: welches Werkzeug. Das war unsere Faszination. Ich kann und will nicht die Gründe dafür angeben, warum wir beide bauen wollten. Weder steht es mir zu, über Sylvias Warum zu sprechen, noch habe ich den Wunsch, Ihnen meines preiszugeben. Doch ich sage, kommen Sie, stellen Sie sich uns vor bei unseren sporadischen Zusammenkünften, wie wir, verzehrt von unseren Leidenschaften und unserer ansteckenden Krankheit, fünf Schüsseln kostenlose Kartoffelchips vertilgten und viele Martinis zu uns nahmen.

Danach verließen wir schwankend das Ritz und gaben unser letztes Geld in der Caféteria des Waldorf aus – für ein Essen, das siebzig Cent kostete. George hatte es nicht eilig. Er trennte sich gerade von seiner Frau. Sylvias Ted konnte wohl warten oder hatte mit seiner eigenen Arbeit zu tun, und ich mußte sowieso in der Stadt bleiben, weil ich um 19 Uhr einen Termin bei meinem Psychiater hatte (ich wohne außerhalb). Wir waren ein komisches Trio.
Inzwischen habe ich erfahren, daß Sylvia schon in ihrer Kindheit beschlossen hatte, eine Große zu werden, als Schriftstellerin zumindest. Davon habe ich damals eigentlich nichts gespürt. Irgend etwas sagte mir, auf sie zu setzen, doch ich fragte mich nie, warum. Ich war so entschlossen, auf mich selbst zu setzen, daß ich nicht recht merkte, welche Richtung sie in ihrer Arbeit einschlug. Lowell sagte damals, daß ihm ihre Sachen gefielen und daß er der Meinung sei, ihre Gedichte kämen immer gleich aufs Wesentliche. Ich war nicht dieser Ansicht. Ich fand, ihre Gedichte gingen gerade am Wesentlichen vorbei. (Es waren frühe Gedichte Sylvias – Gedichte, im Entstehen begriffen, Gedichte, mit denen sie auf etwas hinarbeitete.) Ich sagte zu Mr. Lowell, daß ich der Ansicht sei, sie wiche dem Wesentlichen aus, und zwar womöglich deshalb, weil sie sich so auf die Form konzentrierte. Die Form eines Gedichts war Sylvia enorm wichtig, und jeder gute Dichter hat ja auch eine eigene, ganz gleich, wie er sie nennt – freier Vers oder was immer. Die Form ist unverwechselbar seine eigene – oder eben nicht. Sylvia hatte damals ihre ganz eigene Form noch nicht gefunden. Diese frühen Gedichte steckten alle in einem Käfig (und es war noch nicht mal ihr eigener Käfig). Ich fand, sie hatte noch keine eigene Stimme gefunden, war im Grunde nicht frei, sie selbst zu sein. Daß sie geschickt war, wußte ich natürlich – intensiv, geschickt, empfänglich, die seltsame, blonde, wunderschöne Sylvia.
Wir wechselten ein paar Briefe zwischen England und Amerika. Die besitze ich natürlich noch. Sie erwähnt meine Gedichte, und vielleicht habe ich ihr während des Schreibens welche geschickt – ich bin nicht sicher. Die Zeit der LADEZONE war vorüber, und nun schickten wir ab und zu Luftpostbriefe hin und her. George war in Rom. Er schrieb nie. Er ließ sich scheiden und heiratete drüben noch einmal. Sylvia schrieb von einem Kind, vom Bienenzüchten, von einem zweiten Kind, meinen Gedichten – fröhliche, plaudernde Briefe, und dann, wir hatten nichts mehr voneinander gehört, starb sie.
Nach ihrem Tod, ihre letzten Gedichte lagen im Druck vor, las ich, daß sie meinen Namen in einer Sendung des BBC genannt hatte, mich erwähnt hatte als jemanden, der sie in ihrer Arbeit beeinflußt habe. Persönlich hat sie mir davon nie etwas gesagt. Damals hätte sie so etwas gar nicht ausgesprochen – jedenfalls nicht so kraß, so direkt. Sie hatte mich und Robert Lowell (bißchen arg zusammengewürfelt, Sylvia!) genannt, hatte gesagt, sie sehe hier den Durchbruch zu persönlicher Erfahrung in der Lyrik. Ich glaube, wir hätten ihr zeigen können, was Mut ist – Mut, es zu sagen, wie es ist. Mir hat das vor allem W.D. Snodgrass gezeigt. Vielleicht hat er auch Robert Lowell beeinflußt – ich kann nicht für ihn sprechen. Aber kommen wir zu den Tatsachen. Ich glaube, daß Sylvias Einflüsse verborgen sind, wie bei den meisten von uns, und wenn man überhaupt einen Einfluß nennen wollte, müsste man bei Theodore Roethke beginnen. Ich weiß noch, daß ich Sylvia einmal nach England schrieb, nachdem The Colossus herausgekommen war, und dem Sinne nach sagte:

Wenn Du nicht aufpaßt, Sylvia, wirst Du noch Roethke übertreffen.

Sie schrieb zurück, daß meine Vermutung stimme und daß er ihre Arbeit stark beeinflußt habe. Glauben Sie mir, niemand spricht über seine wirklichen Einflüsse – und schon gar nicht im Radio oder im Fernsehen oder in Interviews. In Wirklichkeit lag ich wohl falsch, und sie hat mich angelogen. Und mit vollem Recht. Ich äußere mich nie zu so etwas, und sie war in solchen verborgenen Dingen noch klüger als ich. Dichter verbergen ihre Einflüsse nicht nur, sie vergraben sie regelrecht. Es waren ja auch nicht ihre Zeilen, die mich an Roethke erinnerten – es war die Bereitschaft zur Bildhaftigkeit, die Art und Weise, wie beide sich (und Sylvia in ihren letzten Gedichten sogar noch mehr) auf ihre Bilder stürzen und dann an sie glauben. Kein Zweifel – zum Schluß brach Sylvia aus ihrem Käfig aus und kam mit dem bilderbesessenen, kühnen Roethke angestürmt. Aber vielleicht verbarg sie ihre sogenannten Einflüsse noch viel tiefer, tiefer als irgend jemand wagen würde zu suchen, und wenn es so wäre, kann ich nur sagen:

Viel Glück.

Ihre Gedichte sprechen für sich selbst. Ich brauche nicht darin herumzuschnüffeln, um irgendwelche fernen Verwandtschaften aufzuspüren. Das lehne ich ab. Vielleicht habe ich sie dazu ermutigt, selbst etwas zu wagen, und mehr hätte sie nicht sagen sollen. Es ist ja auch das einzige, das unsere Gedichte gemeinsam haben. Ausgenommen den Tod – ja, den haben wir gemeinsam (und es gibt sicher so viele andere Dichter mit diesem Thema, daß sie eine ganze Bibliothek füllen). Egal, was herauskommt, wenn wir ganz tief graben. Das ist unwichtig. Wichtig sind ihre Gedichte. Diese letzten Gedichte sind verblüffend. Sie heben die Zeit auf. Und was den Tod angeht –

SYLVIAS TOD
für Sylvia Plath

O Sylvia, Sylvia,
mit einer Totenkiste voller Steine und Löffel,

mit zwei Kindern, zwei Meteoren,
die ziellos durch das winzige Spielzimmer irren,

mit deinem Mund in das Backblech,
in den Dachbalken, ins stumme Gebet,

(Sylvia, Sylvia,
wohin bist du gegangen,
nachdem du mir
aus Devonshire schriebst,
daß du Kartoffeln ziehst
und Bienen züchtest?)

was hast du mitangesehen,
wie hast du dich bloß hineingelegt?

Diebin! –
wie bist du hineingekrochen,

hinuntergekrochen allein
in den Tod, den ich so lange schon heftig ersehnte,

den Tod, von dem wir sagten, wir wären über ihn hinaus,
den Tod, den wir an unseren mageren Brüsten trugen,

den Tod, über den wir so oft sprachen, wann immer
wir in Boston drei extratrockene Martinis kippten,

den Tod, der von Analytikern und Heilungen sprach,
den Tod, der wie Frischvermählte sprach, die Grabstellen haben,

den Tod, dem wir zuprosteten,
die Gründe und dann die ruhige Tat?

(In Boston
fahren
die Sterbenden Taxi,
ja, wieder der Tod,

diese Heimfahrt
mit
unserem Jungen.)

O Sylvia, ich entsinne mich des schläfrigen Trommlers,
der auf unsere Augen einschlug mit einer alten Geschichte,

wie sehnten wir ihn herbei,
wie einen Sadisten oder einen New Yorker Schwulen,

sein Geschäft zu erledigen,
eine Notwendigkeit, ein Fenster in der Wand oder ein Kinderbett,

und seit jener Zeit hat er gewartet
unter unserem Herzen, unserem Geschirrschrank,

und ich begreife jetzt, daß wir ihn aufbewahren
Jahr um Jahr, alte Selbstmörderinnen,

und ich verspüre bei der Nachricht von deinem Tod
ein schreckliches Gelüst danach, wie nach Salz.

(Und ich,
ich auch.
Und jetzt, Sylvia,
du wieder,
wieder mit dem Tod,
jene Heimfahrt
mit
unserem Jungen.)

Und ich, die Arme ausgestreckt zu diesem Ort aus Stein,
sage nur,

was ist denn dein Tod,
wenn nicht ein altes Zubehör,

ein Muttermal, herausgefallen
aus einem deiner Gedichte?

(O Freundin,
da der Mond nun mal verdorben
und der König dahin
und die Königin am Ende ihrer Weisheit ist,
sollte die Barhockerin singen!)

O winzige Mutter,
auch du!
O komische Herzogin!
O blondes Ding!

Anne Sexton, Neue Rundschau, Heft 3, 1997
[Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz]

Der Stolz der Katze auf ihre neun Tode

– Über Sylvia Plath. –

Die kleine autobiografische Erzählung „Schneeangriff“ von Sylvia Plath über den legendär kalten englischen Winter des Jahres 1962/63 handelt von einer jungen Ich-Erzählerin, wie die Autorin alleinerziehende Amerikanerin mit zwei kleinen Kindern, die zum ersten Mal einen Schneewinter in London erlebt. Zuerst beobachtet sie belustigt, wie die Engländer so gar nicht auf die weiße Weihnacht vorbereitet sind: Die Geschäftsleute haben vom Schneeräumen vor ihren Eingangstüren anscheinend noch nie etwas gehört; die Hausverwalter müssen passen, wenn die Rohre gefrieren, ist an einer Stelle ein Schaden behoben, kracht oder gurgelt es sofort an der nächsten.
Die Geschichte strotzt vor ulkigen Beschreibungen; auch wenn die Situation für die junge Mutter, die auf Wärme und Wasser dringend angewiesen ist, zunehmend an Bedrohlichkeit gewinnt:

Dann kamen die Stromausfälle. An einem rußfarbenen, frostigen Morgen knipste ich die beiden Schalter der elektrischen Heizung an, die die Baufirma in die Mitte meiner sonst schönen georgianischen Wand gedübelt hatte, was ungefähr so aussah wie ein Marsmensch mit Operationsmaske.

Am Ende hat die Erzählerin das Schlimmste überstanden, fürchtet sich aber, dass solche Winter nun die Regel in London werden könnten, und flüchtet sich in eine absurde Hoffnungssituation, die wenigstens der nächsten Generation bessere Chancen im Kampf um die bedrohte Zivilisation einräumt: „Meine Kinder werden zu beherzten, unabhängigen und zähen Menschen heranwachsen“ und der alternden Mutter „Kerzen herbeischaffen, während ich einen wasserlosen Tee braue“.
Das Stück wäre hübsch zu lesen gewesen in einem Feuilleton oder einer Zeitschrift; besonders hervorgestochen wäre es wohl weder literarisch noch inhaltlich. Seine Berühmtheit verdankt sich der Tatsache, dass nur Wochen nach der Niederschrift, am 11. Februar 1963, die erst dreißigjährige Verfasserin ihre beiden Kinder, Frieda und Nicholas, bei geöffnetem Fenster in ihre Bettchen im Kinderzimmer legte, um in der luftdicht abgeklebten Küche den Kopf in den Gasherd zu stecken.
Auf ihrem Schreibtisch lag ihr nachgelassenes Ariel-Manuskript, rund vierzig neue Gedichte, die Plaths Ehemann nach ihrem Tod veröffentlichte, wobei er einige Texte wegließ und einige andere, die er genauso stark fand, aus ihrem Nachlass hinzufügte, etwa dieses:

WORTE

Äxte
Nach deren Schlag das Holz klingt,
Und die Echos!
Echos die laufen
Fort von der Mitte wie Pferde

Der Saft
Steigt auf wie Tränen,

[…] 

Die Spanne, die den Unterschied zwischen den beiden Texten ausmacht, der launigen Erzählung und dem kalten, schroffen, nahezu perfekt schönen Ton des Gedichts, ist typisch für den bipolaren Kosmos der Sylvia Plath: dort Prosa, hier Lyrik, dort das Leben, hier der Tod; dort der unbedingte Wille zu unterhalten, hier der eingelöste Anspruch, wahrhaftig zu sein. „Wenn das Gedicht konzentriert ist, eine geschlossene Faust, dann ist der Roman eine offene Hand, ausgreifend und entspannt: hat Straßen, Umwege, Bestimmungen; eine Herzlinie, eine Kopflinie, Geld und Sitten geraten hinein. Wo die Faust ausschließt und erschlägt, kann die offene Hand in ihren Reisen vieles berühren und erfassen“, schrieb Sylvia Plath in „Ein Vergleich“.
Ein anderes, großartiges Gedicht aus Ariel, nämlich „Lady Lazarus“, lässt sich ähnlich spiegelbildlich zu Die Glasglocke, dem einzigen Roman der Autorin, lesen. Wiederum hat Plath in beiden Fällen die Ich-Perspektive gewählt. Doch während mit Lady Lazarus eine unpersönliche Mythenfigur spricht, eine Heldin, die sich rühmt, neun Leben zu haben wie eine Katze und auf diese Weise jährliche Blicke ins Jenseits zu werfen („Sterben / ist eine Kunst, wie alles andere auch / Ich kann es besonders schön.“), gelingt dies der realistisch gezeichneten Romanheldin nicht. Esther Greenwoods Selbstmordversuche, Resultat einer fortschreitenden Distanzierung zur Welt, scheitern; sie bleibt im Diesseits gefangen.
Beide Ich-Konstrukte werden in Verbindung gebracht mit dem Judentum beziehungsweise dem Dritten Reich: Der Name „Esther Greenwood“ ist ein Hinweis auf jüdische Wurzeln, „Lady Lazarus“ schlägt sich selbst der Täterseite zu, indem sie von sich sagt, ihre Haut strahle „wie ein Nazi-Lampenschirm“. Sylvia Plath macht hier Anspielungen, die heute durchaus auch kritisch gesehen werden. Doch die Frage „Darf man das?“ hat sich die Amerikanerin, die ihren deutschen Vater mit neun Jahren verlor und wohl dadurch auf das Verlassenwerden durch ihren Mann, den berühmten Dichter Ted Hughes, derart traumatisch reagierte, anscheinend nie gestellt. Oder die Bostoner Schreibseminare beim bewunderten Bekenntnispoeten Robert Lowell, neben ihr die strahlende Konkurrentin Anne Sexton, haben ihr die Skrupel ausgetrieben.
Nur dreißig Jahre wurde sie alt, aber durch diese Jahre – und hier ist noch zuletzt der „Schneeangriff“ ein erschreckendes Beispiel – hat sie sich gnadenlos gepeitscht. Die 1932 geborene Plath studierte als ehrgeizige Stipendiatin am Smith College in Massachusetts. Im August 1953 reiste sie nach allzu arbeitsreicher Zeit in den Ferien nach Hause und erfuhr dort von ihrer Mutter, dass sie zu einem Schreibseminar von Frank O’Connor nicht angenommen worden war. Sie reagierte mit einem ersten Selbstmordversuch; den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik beutete sie für Die Glasglocke aus. Eine Hochphase hatte sie, als sie am „Bloomsday“, dem 16. Juni 1958, den von ihr bewunderten englischen Dichter Ted Hughes heiratete. Es war eine Dichterehe mit allen Höhen und Tiefen, die Geschichte schrieb. Wer noch einmal auf der Achterbahn aus Selbsthass und Verzweiflung mitfahren möchte, lese ihre Tagebücher.
Ihr Ehrgeiz und die ständige Suche nach Bestätigung ließ sie permanent Texte an Zeitungen senden in der Hoffnung auf positive Resonanz. Diese Routine wirkte sich auf den schriftstellerischen Prozess aus: Da Redakteure sich bekanntlich wenig Zeit und Geduld leisten können, müssen sie von Beginn an gepackt werden, Plaths Geschichten kennzeichnen mit wenigen Ausnahmen lässige, großspurige Anfangssätze. Solche Sätze rufen: Seht her, ich beherrsche das Handwerk, Leser, vertrau dich mir an!, aber sie schrauben auch die Erwartungen hoch. Hier eine kleine Liste Plathscher Anfänge aus ihren besten Geschichten sowie aus der Glasglocke:

„Es gibt einen Tag im Leben, den du nie vergisst, sosehr du es auch versuchst.“ („Ein Tag im Juni“) 

„In dem Winter, in dem der Krieg anfing, fiel ich in der Nachbarschaft in Ungnade, weil ich Leroy Kelly ins Bein gebissen hatte.“ („Der Schatten“)

„Bamber hatte am Marker Hill ihr Fahrrad gerammt; Orangen, Feigen und ein Paket mit rosa glasierten Törtchen flogen auf die Straße, und als er sie zur Entschädigung zu der Party einlud, beschloss Dody Ventura, hinzugehen.“ („Steinknabe mit Delphin“)

„Jeden Tag sitze ich von neun bis fünf an meinem Schreibtisch mit dem Gesicht zur Tür und schreibe die Träume anderer Leute auf.“ („Johnny Panic und die Bibel der Träume“) 

„Es war ein verrückter, schwüler Sommer, dieser Sommer, in dem die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen und ich nicht wusste, was ich in New York eigentlich wollte.“ (Die Glasglocke) 

Sylvia Plaths implizierte Anforderung an die Welt war, dass sie, die doch dermaßen unbarmherzig mit sich selbst war, zumindest von der Umwelt erwarten durfte, dass die sie gut behandelte. Bei dieser Denkfigur ist die doppelte Enttäuschung vorprogrammiert. In schlechten Phasen wurde sie von Depressionen durch alle Höllenkreise geführt. Doch selbst in besseren Zeiten war das Thema Selbstmord noch präsent, nur lief es mehr oder weniger gebändigt neben ihr her, wie ein Hündchen an der Leine. Dann diskutierte sie – wieder eine dieser zur Literaturlegende gewordenen Szenen – gut gelaunt mit Anne Sexton über die besten Methoden, während beide Frauen Martinis schlürften.
Wenn Jonathan Franzen in seinem Vortrag „Über autobiografische Literatur“ fragt (es geht ihm dabei auch um eine Rechtfertigung, weshalb er sich zugunsten seiner eigenen Entwicklung von seiner ersten Frau, ebenfalls Autorin, trennte): „Ist es nötig, zu dem Menschen zu werden, der das Buch schreiben kann, das man schreiben muss?“, und diese Frage mit „Ja“ beantwortet, müsste man folgerichtig sagen: Ja, es war nötig, dass Sylvia Plath sich umbrachte, um ihre letzten Gedichte zu schreiben. Die Entwicklung war in ihr angelegt wie ein bösartiges Computerprogramm. Doch alles, was sie vorher schrieb, war genauso Teil ihres Kosmos, und dieser verdient heute mehr denn je seine Leser. Sylvia Plath lesen heißt, sich in den Zerrspiegeln der Selbstfiktionen, Überhöhungen und Erniedrigungen zu verlieren. Ich denke, es ist nur ein Teil des Mythos, wenn Hughes an den letzten Gedichten rühmt, sie habe endlich zu ihrer Stimme gefunden. Sylvia Plath war ihr eigener Chor, der surreale Chor einer griechischen Tragödie, der nach der Wahrheit schreit. Und in jeder noch so sanften Zeile hallt das Echo. 

Silke Scheuermann, 2013, aus Silke Scheuermann: Und ich fragte den Vogel. Lyrische Momente, Schöffling & Co., 2015

 

Leo V.: Sylvia Plaths Leben sollte uns weit mehr faszinieren als ihr Tod
The Aktuelle News, 29.10.2022

 

Sylvia Plath im Portrait

 

Noêta intoniert „Elm“ von Sylvia Plath.

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer + weiteres  12KLG +
ÖMIMDb + Archiv 1 & 2Internet Archive + Kalliope +
Georg-Büchner-Preis 1 & 2
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Keystone-SDA +
Brigitte Friedrich Autorenfotos
Nachruf auf Erich Fried: Die Zeit

 

Bild von Juliane Duda mit den Texten von Fritz Schönborn aus seiner Deutschen Dichterflora. Hier „Knollenfried“.

 

 

Zum 50. Todestag der Autorin:

Fabienne Hurst: „Wie die junge Frau auf einer Kochreklame“
Der Spiegel, 11.2.2013

Zum 90. Geburtstag der Autorin:

Simone Frieling: Fragen von literaturkritik.de mit Antworten
literaturkritik.de, Oktober 2022

Elke Schmitter: Wohin mit der Wut
republik.ch, 28.102.2022

Fakten und Vermutungen zur Autorin + MAPS + IMDb +
Internet Archive + Poets.org + Kalliope
Porträtgalerie: Keystone-SDA

 

Sylvia Plath liest ihr Gedicht „Daddy“.

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