Text+Kritik: Oskar Pastior – Heft 186

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch Text+Kritik: Oskar Pastior – Heft 186

TEXT+KRITIK: Oskar Pastior – Heft 186

MEINE GEDICHTE

Nur was ich aus dem Kopf zitieren kann, ist mein Gedicht – stimmt das? Und was ist es, das mir im Gedächtnis bleibt von einem Gedicht, das selber ja so eine Art Gedächtnis „von etwas“ ist? Mit anderen Worten: Gehört es zum Wesen „meines“ Gedichtes, daß ich es als Ganzes erinnere, wenn mir ein Teil von ihm einfällt, so als sei in jedem Splitter schon das Ganze gespeichert? Die handgestrickte Vorstellung des Gedichtes als holographisches Gebilde ist eine populärwissenschaftliche Metapher.
Und doch: Was ist da so memorierbar, daß ich es erinnern kann? Wie ist die Memorierbarkeit beschaffen – im Kopf oder auf dem Papier?
Solche, und andere, liebe Fragen, liebe Kinder, brauchen wir, wenn wir in den Wald gehn – denn was pfeifen wir da im Wald?

Me-mo-ri-a, Me-mo-ri-a…

– bloß aus dem Gedächtnis? Nein, weil wir im Wald sind und pfeifen. Inwendig und auswendig.
Die Luft hinein, die Luft hinaus. Die Fertigkeit des Pfeifens kommt durch die Lippen zustande, mit denen wir im Wald memorieren.
Einheizen und Ausheizen.
Mein erstes Gedicht bestand aus drei Wörtern und hatte den Vorzug, daß ich es mir ohne Zeitnot, notfalls stundenlang, aufsagen, genauer gesagt zubrummen konnte. Es ging so:

aaaJalusien aufgemacht, Jalusien zugemacht
Jalusien aufgemacht, Jalusien zugemacht…

und so fort. Es veranschaulichte den siebenbürgischen Sommernachmittag eines Kindes im Hinblick auf die Nichtverläßlichkeit von geschlossenen Räumen. Daß es ein Gedicht war, stand außer Frage. Daß es mein Gedicht war, oder ist, im Sinne von Verfügbarkeit, kann ich vermuten, weil ich es nach gut 45 Jahren memoriere.
Damals „ratschte“ ich noch. Ein Makel. Denn ringsum rollte man wie selbstverständlich das r. Ich erinnere genau den Tag, die Straße, ich schlendernd, den krummen Riß im Pflaster vor der Treppe des Wirtshauses „Schneider“ (oder „Buchinger“?) – wo mir, peripatetisch, auf einmal das rollende r aufging; der Triumph des Tages. Die Ratscherei hatte ein Ende, Ordnung war in mein Zimba-Limba-Repertoire eingekehrt.
Rückblickend halte ich jenen – und jenes – Moment des im rollenden r verkörperten Gelingens für eines der radikalsten und traurigsten Lautgedichte überhaupt: „Umsonst gerollt!“. Noch im Werden, und schon wertlos, im Normalsystem erschöpft.
Die Abwesenheit in der Anwesenheit, die Präsenz in der Absenz. Otto Nebels Runenfuge, die bei solchen Vokabeln ganz normal in den Regelkreis meines Gedächtnisses gerät, mir also einfällt, ist gegenwärtig – aber wo? Sein Buch hier ist verfügbar; die neun Buchstaben, auf die Nebel die Fuge beschränkt, entgrenzen das Gedächtnis dort:

… Nur getreu entziffern
nur genug entziffern:
eine Rune unter einer Rune erregt eine Rune
Nennerrunen erregen neue Runen
ein Runenzeig trifft einen Runenzeig!

Nun ziffert zu Ur-Erzeugung neuer Fugenreize eine U-Rune
unter eine E-Rune

erzeuget: Ue
erziffert ein: Ü
entziffert erfreut einen neuen Nenner
nennet Ü eine Unter-Rune zu U.

Nur ein ü erzeugt in einer entteerten Firnfuge reine Güte!
Güte, Güte, Güte!…

… Eine einzige erteufte Unter-Rune genügt Unirren,
in Türingen, Fürt, Unterunnütz  Z e r r ü t t e r  zu ergreifen
Zerrütter zu zerrütten.
(Retter-Güte!)
Ein ü genügt in einer Neunrunenfuge, einzige Zentner-Türen einzutreten
freizügig zur Feierzinne RI zu entreiten.
Euer eifriger Innengüter-Retter
ERZ UNFEIG,
Runenritter zu Tennegure in Tegern-Feefürt,
zur Zeit in Eger (Freizeit)

Ein U, ein E, ein I
Ein Enn, ein Eff, ein Gee.
Ein Tee, ein Err, ein Zett.
Neun Runen nur.
Nur neun!

Ja, ich wühle im Gedächtnis. Brocken, Splitter. Anekdotisches. Wenn etwa der Sprößling, einer elterlichen Unterredung lauschend, den Satz aufschnappt: „… dann werden sie es mir abziehn“, und daraufhin sich die Szene nüchtern ausmalt: den Erzeuger, kopfunter an die Tür genagelt, die Haut, ein Hasenfell, in Fetzen hängend, über die Ohren gezogen. Wieso falsch verstanden? Können Sätze sich irren? Nein, im biographischen Kontext hat mein blutiges Schreckensgemälde noch immer den Erkennntniswert eines Gedichtes; und es ist belanglos, ob ich es mag oder nicht – ich rede ja mit diesem Satz, auch jetzt, von Kopf bis Fuß, das wird man abziehn müssen, immer immer wieder, Flieder, Schellackplatte, sonst gar nichts. Was ich memoriere, sind alte Hüte, Schlager, Schlagzeilen, Maskottchen, deren Aura in die Wörter, mit denen ich rede, eingegangen ist.

Ich bin so scharf auf Erika
Wie Kolumbus auf Amerika
Ich steig mit ihr ins Segelboot
Und fahre dann hinaus ins Abendrot
Dort zeig ich meiner Erika
Europa und Amerika
Wenn sie dann lacht, brekekekex – fertig

Wie soll ich nun erklären, wieso dieser Ohrwurm bei mir zum Froschkönig wurde – gestülpt auf jeden späteren Geschichts- und Erdkundeunterricht! Die begriffserweiternde Rolle des Lyrischen.
Und dann: Gedichte in extremen Situationen. Krieg, Aushebung, Arbeitslager. Es gibt Berichte über den Kalorienwert von Literatur bzw. davon, was einem trotzdem im Gedächtnis blieb, wenn ringsum Hunger und Ausgeliefertheit die Norm sind, zivilisatorisch das Robinson-Niveau. Auch in den „Wolkengruben“ ziviler Baracken wird memoriert – jeder Wissensrest ist ein Zauberspruch.
Alle Städte mit A; im Walde blüht der Seidelbast, im Graben liegt noch Schnee; wann war der 30jährige Krieg; was ist ein Binom; hat die Welteislehre recht; fein geschroten und in Stücken – auf dem ganzen Tisch herum, stumm; der Unterschied zwischen Korpuskular- und Wellentheorie; Toccata und Fuge; man nehme, man schlage, man backe; sein blaues Band; Chronos, die Kinder verzehrend – Minkowski? oder Goya? oder Bergson?; reiten reiten reiten; von Klippe zu Klippe; Quax, der Bruch; wenn es knistert vom Heiderauche; der Turm der blauen – 13 Stühle; und was das bedeutet wissen Sie genau; Ferien vom Ich, drei Männer im Schnee, Stalingrad-Plivier, Feuerofen, Kühlpsalter; wo der Wind sie hingetragen, ja das weiß kein Mensch zu sagen; Neues von den Wurzelkindern; und unsern kranken Nachbar auch.
Montage, Collage, Potpourri – das Listengedicht, wie man es heute zu nennen pflegt, als mystische Zusammenschau von Vergewisserung und Deporation, Nüchternheits- und Überlebenstechnik. Quirinus Kuhlmann, 1651–1689, nachgelesen:

Auf Nacht / Dunst / Schlacht / Frost / Wind / See / Hitz / Süd /
Ost / West / Nord / Sonn / Feur / und Plagen
Folgt Tag / Glantz / Blutt / Schnee / Still / Land / Blitz / Wärmd
/ Hitz / Lust / Kält / Licht / Brand / und Noth:
Auf Leid / Pein / Schmach / Angst / Krig / Ach / Kreutz / Streit /
Hohn / Schmertz / Qual / Tükk / Schimpff / als Spott
Wil Freud / Zir / Ehr / Trost / Sig / Rath / Nutz / Frid / Lohn /
Schertz / Ruh / Glükk / Glimpf / stets tagen. (…)
Was Gutt / stark / schwer / recht / lang / gross / weiss / eins /
ja / Lufft / Feur / hoch / weit genennt
Pflegt Böss / schwach / leicht / krum / breit / klein / schwartz /
drei / Nein / Erd / Flutt / tiff / nah / zumeiden (…)
Alles wechselt; alles libet; alles scheinet was zu hassen:
Wer nur disem nach wird-denken / muss di Menschen Weissheit fassen.

Im Licht der zunehmenden Entropie, der die Welt entgegeneilt, erscheint solche Ungenauigkeit als größere Genauigkeit, die Unschärfe als Schärfe, das Meer von Norderney als eine logische Erinnerung, 1946, im kaputten Kokswerk am Don, unter dem Dampfkessel, der schon wieder pfaucht:

Die Nacht war hell und sternenklar
(ich versuche es zusammenzukriegen)
die nächste Schiffsuhr wies auf Zwei
da schwamm im Meer von Norderney
ein Suahelischnurrbarthaar.
Man fragt doch, wenn man Logik hat:
Was sucht ein Suahelihaar
des nachts um Zwei
am Kattegatt?

Und was sucht Ringelnatz, von ihm muß das Gedicht wohl sein, in der Nachtschicht am Don in meinem Gedächtnis? Wahrscheinlich jenen anderen Autor, den auch ich immer vergesse, nämlich das Gedicht mit der Stelle, die ich auch immer vergesse und wieder nachschlagen muß:

O, Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!

Ja natürlich, Clemens Brentano, was reif in diesen Zeilen steht – aber ich bin auch enttäuscht; im Gedächtnis war die Stelle so gedächtnislos namenlos beschaffen, daß es jetzt Mühe macht, sie als die gleiche zu identifizieren. Das Buch als Schauhaus. Die Entrückung, die sich nicht ergibt, steht mit dem Rücken zur Wand. Dann der eigene Mund als Höhle – Zitat als Originalton, Raoul Hausmann, Poème phonétique, aufgenommen kurz vor seinem Tod 1971. Nicht das Poem, die Stimme war’s; wie erinnere ich eine Stimme? Womit? Als sei’s ein Stück von mir, sagen die Wörter, ein anderes Zitat; Namen wie der Heulende Derwisch von Radebeul sind auch dabei. Naturphänomene am Horizont: Schwitters, Schwitters! Paul Wühr, Paul Wühr! Stimmen, mit dem Vorwissen des Gedächtnisses von Tonträgern nachgefahren, … züka oka, lanke zergöh…, und etwa 50 Jahre nachher (nachher?), jetzt weiß ich nicht mehr / habe ich den Rehrücken / auf dieses Blatt geschrieben / oder ist er aus ihm / ganz einfach aufgetaucht / oder habe ich ihn / selber draufgelegt / oder soll ich ihn essen…

Ja, an was erinnere ich – mich – wenn ich sage, ich erinnere – etwas?

Stimme und Rhythmus, Unordnung und Ritual, im Rückblick scheint Auswendiggelerntes einen gewissen Bestand zu haben – Teile einer Glocke stoßen auf, Tinte an den Fingern, Kreidestaub, alizarinblaues Zwergenkind. Zupfgeigenhansel! Bi-ba-basel (was ist das?), Haselmaus, Winterhaus, Valerie-Valera, die beiden Grenadiere, zu Mantua in Banden (wo ist Banden?), und schrieb und schrieb, wundermild zu Gaste, mächtig in ihr neues Bette schäumten, Busentor, Wogen. Brocken, Salzburger Nockerln – ein seltsames Unvermögen zur Story oder zur Moralität der Fabel. „Meinen“ Lafontaine möchte ich nicht festmachen am (vielleicht sogar unkorrekten) Einstieg des Maître Corbeau sur un arbre perché. Ebensowenig wie meinen „ganzen“ Eichendorff im Ach, wer da mitreisen könnte. Man weiß mehr als man weiß, und Gedichte wissen mehr als man nicht weiß – je länger ich mich mit Gedichten beschäftige, umso weniger wird abrufbar, womit ich mich beschäftigt habe; und selbst diese Chance gerät ins Schleudern, denn getauft ist getauft: Keine Erstbegegnung läßt sich rückgängig machen, Namen sind Texte sind Dinge, ich weiß nicht, welches Gedicht der Friederike Mayröcker ich nachschlagen will – sie ist es, auf jeden Fall, das weiß ich

… ehestens maurisch; ist bei weitem Dagobert; hängt hälsig;
aaafeuerschiffig; über Bord; hat auch Genie-Auge; betritt Almosen;
atemlos verhängt im Dreiklang; hast neunte serenade?
aaaSteinplatz für Kinder: holz-klopf- Herz: ein Rumpf im neuen Maßstab;
ein Traktat (…)
(…) drückt Ringfinger-Hand (fast ohnmächtig eines clowns;
aaazwischen lesbar und knappen drei Nächten!)
ums Feuer hüpfen; älter; unüberbrückbar;
Fetische als Alarmgerät;
unbeschränkter Herrscher; ein Sog für Augen (sämtliche
aaaReliquien deren allein diese Welt; umspannend
mit Prägekraft)

aus Winter-Text mit Automatik siehe manuskripte; 1965.

Nun ist es Leichtsinn, Unfug, Humbug; wenn mir nämlich in einem Atem gleich zwei Namen einfallen: Hopi und Hölderlin. Hölderlin ist eine schöne, dem Deutschen verwandte Sprache; Hopi verstehen die Hopi sprechenden Hopi-Indianer, Die Überlegungen, rororo, über Sprache und Denken, von Benjamin Lee Whorf, noch in Bukarest in die Hand gekommen, mir, hatten ja mit beidem zu tun. Über den Leichtsinn des Denkens zu sprechen. Die Wissenschaft glaubt nicht sprechen zu müssen; sie hält Hopi und Hölderlin für das schlechte Gewissen der Wissenschaft. Mein schlechtes Gewissen, nicht Wissenschaft zu sprechen, ist ein alter leichtsinniger Zopf –

Und mitzufühlen das Leben
Der Halbgötter oder Patriarchen, sitzend
Zu Gericht. Nicht aber überall ists
Ihnen gleich um diese, sondern Leben, summendheißes, auch von Schatten Echo
Als in einem Brennpunkt
Versammelt. Goldne Wüste. Oder wohl unterhalten dem Feuerstrahl des lebenswarmen
Herds gleich schlägt dann die Nacht Funken, aus geschliffnem Gestein
Des Tages, und um die Dämmerung noch
Ein Saitenspiel tönt. Gegen das Meer zischt
Der Knall der Jagd. Die Ägypterin aber, offnen Busens, sitzt
Immer singend, wegen Mühe gichtisch das Gelenk,
Im Wald, am Feuer. Recht Gewissen bedeutend
Der Wolken und der Seen des Gestirns
Rauscht in Schottland wie an dem See
Lombardas dann ein Bach vorüber. Knaben spielen
Perlfrischen Lebens gewohnt so um Gestalten
Der Meister, oder der Leichen, oder es rauscht so um der Türme Kronen
Sanfter Schwalben Geschrei.

Nein wahrhaftig, der Tag
Bildet keine
Menschenformen. Aber erstlich
Ein alter Gedanke, Wissenschaft
Elysium.
aaaaaaaaaaaaaund verlorene Liebe
Der Turniere                   Rosse, scheu und feucht

nachgeschlagen, Hölderlin, und mitzufühlen das Leben. Das, wiederum, besteht, und zwar in dieser Reihenfolge, aus Berillium, Lithium, Bor, Kupfer, Stickstoff, Sauerstoff, Fluor, Neon, Natrium usw., das periodische System der Elemente, das, um die Prüfung zu bestehen, sich memorieren muß, auswendig, mit Hilfe und zum Bestand der Weltlyrik:

Beli Boku, Stisa Flune
Namagalsi, Phos-Schweh klar
Kakazkati –: Wackermann Feconi
Kuzigalgen
Assel
Brotkryp…

Die Eselsbrücke, so einfach. Über sie wandeln Eppich und Ehrenpreis genauso wie Prießnitz, Artmann, Whitmann, Eich und Bach, Litanei und Litaipe. Sie ist translatorisch, u- und isotopisch, ein- und gertrud-steinig, ätherisch, biogenetisch – wir befinden uns noch immer im populärwissenschaftlichen Zeitalter.
Dodona und Didyma waren Orakelkulte der Griechen. Die Rocky Mountains Austern werden in schwimmendem Fett gebacken. Anagramme sind Worte und Sätze, die durch Umstellen der Buchstaben eines gegebenen Wortes oder Satzes entstanden sind. Unica Zürn, die nur echte Anagramme machte, dachte bald:

Nicht auf den Rasen treten

In der ersten Nacht taufen
Tartaren Feen, duschten in
acht sauren Rindenfetten
fauchende Natter-Stirnen.
Faun, stich rennende Ratte!
Deine Rachen-Faust trennt
den Rasen auf Nicht treten!

aaaaaaaaaaaaaMontpellier 1955

Denn Unica Zuern ist Azur in nuce. Ich wage die These: Gedächtnisse arbeiten bei Anagrammtechnik, ihre Einheiten sind machbare Geister. Streng genommen ist das Halfter an der Übersetzung schleifend.

Jalusien aufgemacht – Jalusien zugemacht. Geh aus mein Herz und suche
Freud. Komm zurück, j’attendrai.
Nur was ich aus dem Kopf zitieren kann – stimmt das?
Ich bin im Wald und pfeife. In welcher Sprache?
Ja, wie steht es mit dem Eigentumscharakter von Gedichten?

Charakter ist nur Eigensinn
Es lebe die Zigeunerin!

– sagt Paul Scheerbart in meinem Kopf und empfiehlt sich. Es empfiehlt sich, Gedichte hin und wieder auch zu lesen.

Oskar Pastior

 

 

Inhalt

– Oskar Pastior: Meine Reise mit Herta Müller nach Kriwoi Rog und Gorlowka. Elf Bildbeschreibungen in freier Rede 3

– Herta Müller:  Gelber Mais und keine Zeit

– Oskar Pastior: Gedichte

– Oskar Pastior:  Meine Gedichte

– Inger Christensen: [Oskar Pastior]

– Oskar Pastior / Ernest Wichner: Autobiographischer Text / Fußnoten

– Michael Krüger: Das Klappbett oder Oskar in München

– Harry Mathews: Oskar oulipotisch

– Oskar Pastior: Sechs Zeichnungen. Mit einem Text von Alfred Brendel

– Caroline Neubaur: Die Berliner Verschärfung – Oskar Pastior zum 70. Geburtstag

– Ann Cotten: Zum Stillschweigen, Brüllen und Formulieren, mit einer Bemerkung über die Möbiusschleife

– Thomas Combrink: Freizeit für Freunde der Musik. Zu einem „Höricht“ von Oskar Pastior

– Annette Gilbrecht: „Ich lobe mir das Gemenge“. Polyglotte Auf- und Ausbrüche in Oskar Pastiors Dichtung

– Thomas Strässle: Werkstatt für potenzielle Übersetzung. Pastior intoniert Baudelaire

– Friedrich W. Block: Textgenese als Vivisektion. Oskar Pastiors poetologische Schriften

– Klaus Ramm / Ulf Stolterfoht: Auswahlbibliografie

– Notizen

 

Oskar Pastior (1927–2006)

war ein Virtuose der Sprache, ein ideenreicher Spieler mit dem Sprachmaterial, ein eigenwilliger Übersetzer, der außer semantischen Vorgaben bisweilen auch ausschließlich lautlichen oder syntaktischen Prinzipien folgte, ein Erfinder ganz neuer poetischer Formen.
Anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises 2006 wurde sein Werk als eine äußerst unterhaltsame Schule der Wahrnehmung und des Eigensinns gewürdigt. Das Heft enthält Analysen seines vielseitigen Schaffens, persönliche Erinnerungen und Würdigungen u.a. von Herta Müller, Inger Christensen und Harry Mathews sowie eigene – zum Teil unveröffentlichte – Texte und Zeichnungen des Autors.

edition text + kritik, Klappentext, April 2010

 

Zeitschriftenlese

Es gehört wohl zu den stärksten Passionen junger, selbstbewusster Zeitschriftenmacher, die jeweils amtierenden Literaturpäpste zu grimmigen Bannflüchen zu reizen. Auch im Falle von Heinz Ludwig Arnold, dem Erfinder der Zeitschrift Text + Kritik, kam es zu Verwerfungen, als der junge Germanistikstudent im November 1962 den großen Friedrich Sieburg, seines Zeichens Chefkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, um ein existenzsicherndes Inserat für seine neue Zeitschrift anging. „Sie scheinen nachgerade an einem hoffnungslos gewordenen Qualitätsbegriff festhalten zu wollen“, so komplimentierte Sieburg artig den jungen Editor, um anschließend die Peitsche zu zücken: „Sie nennen für die erste Nummer drei Namen, die mir alle drei gleich widerwärtig sind, nämlich Günter Grass, Hans-Henny Jahnn und Heinrich Böll. Das ist … eine trübe Gesellschaft, dem deutschen Waschküchentalent entstiegen und gegen alles gerade Gewachsene feindselig gesinnt.“ Zwei Jahrzehnte später, so behauptet die Legende, war es Sieburgs Nachfolger Marcel Reich-Ranicki, der mit derben Beschimpfungen der „Schweine-Bande“ um „Arnold-Dittberner-Kinder“ nicht geizte.
Der so Attackierte ließ sich nicht einschüchtern. Der damals 22-jährige Arnold setzte in seinen ersten beiden Heften unverdrossen auf seine Hausgötter Grass und Jahnn – und es gelang ihm scheinbar mühelos das, was bei Rainer Maria Gerhardt, dem heute vergessenen Literaturgenie der Nachkriegszeit, noch in astronomisch hohen Schulden und einem tragischen Freitod geendet hatte. Unter dem ursprünglich von Arnold gewünschten Zeitschriftentitel fragmente hatte Gerhardt schon 1951/52 in seinem großartigen literarischen Journal dem restaurativen Nachkriegsdeutschland die Leviten gelesen, war aber an notorischem Geldmangel und ästhetischer Kompromisslosigkeit schon früh gescheitert.
Heinz Ludwig Arnold und seine frühen Mitstreiter Gerd Hemmerich, Lothar Baier und Joachim Schweikart hatten mit Text + Kritik mehr Glück. Das Konzept, sich in kritischen Aufsätzen immer nur einem wichtigen Gegenwartautor zu widmen, schien zunächst nur auf ein germanistisches Fachpublikum zu zielen. Nachdem er aber auf listige Weise beim Chefmanager von HAPAG-Lloyd eine Spende von 1000 DM rekrutiert hatte, begann Arnold mit seinem neuen Literaturblatt von Göttingen aus die literarische Welt zu erobern. Das Debütheft über Günter Grass, ein 32 Seiten-Heftchen, ist noch heute, in stark erweiterter und aktualisierter Fassung, zu haben. Für den Eröffnungsbeitrag, eine „Verteidigung der Blechtrommel“, hatte Arnold den Brüsseler Germanisten Henri Plard gewinnen können, den er während seiner literarischen Lehrjahre als Sekretär Ernst Jüngers kennen gelernt hatte. Auf sein literarisches Adjutantentum bei Ernst Jünger, das von 1961 bis 1963 währte, blickte Arnold später mit einigem Ingrimm zurück, zuletzt in seinem Text + Kritik-Heft zu Jünger, das die schärfste Kritik am Anarchen aus Wilflingen enthält, die jemals aus literaturwissenschaftlicher Perspektive geübt wurde.
Die Lust an der literaturkritischen Auseinandersetzung zeichnet ja nicht nur das Jünger-Heft, sondern viele andere Projekte der edition text + kritik aus, die 1969 im juristischen Fachverlag Richard Boorberg ein festes verlegerisches Fundament gefunden hatte und dort ab 1975 als selbständiger Verlag agieren konnte. Text + Kritik war nie ein Forum für urteilsschwache Germanisten, die jede interpretative Wendung mit einem Überangebot an Fußnoten absichern, sondern ist bis heute die bevorzugte Schaubühne für philologische Feuerköpfe, die cum ira et studio für oder gegen einen Autor und sein Werk eintreten. So muss jeder Autor, dem die Ehre zukommt, in einem Text + Kritik-Heft analysiert und seziert zu werden, mit kritischen Dekonstruktionen des eigenen Werks rechnen.
Mittlerweile hat die öffentliche Aufmerksamkeit nachgelassen, aber die angriffslustige Essayistik ist auch nach insgesamt 157 Heften das Markenzeichen von Text + Kritik geblieben. In Neuauflagen und Aktualisierungen wurden veraltete Urteile revidiert, beim Wechsel der Denkschulen und Interpretationsmethoden aber auch so mancher Purzelbaum geschlagen. In der 5. Auflage des Ingeborg Bachmann-Heft exponierte sich z.B. eine schrille feministische Literaturwissenschaft, der Sonderband Nr. 100 über „Literaturkritik“ publizierte massive Attacken auf Marcel Reich-Ranicki. Einem euphorischen Sonderheft über „die andere Sprache“ der „Prenzlauer-Berg-Connection“ folgte mit der Nummer 120 alsbald die Selbstkorrektur im desillusionierten Blick auf den Zusammenhang von „Literatur und Staatssicherheitsdienst“. Die subtilsten, stilistisch funkelndsten Schriftsteller-Entzauberungen haben in den letzten Jahren Hermann Korte und Hugo Dittberner verfasst. Über Sarah Kirsch, in der Nummer 101, findet man z.B. die wunderbare Sentenz, die Dichterin schreibe „Gedichte, die durch forcierte intellektuelle Unterbeanspruchung langweilen“. Diesen Königsweg literaturkritischer Unruhestiftung will Text + Kritik nicht mehr verlassen.

Michael Braun, Saarländischer Rundfunk, April 2003
Fakten und Vermutungen zu TEXT+KRITIK

 

Studio LCB mit Oskar Pastior am 20.12.1990 im Literarischen Colloquium Berlin
Moderation: Hajo Steinert
Gäste: Francois Bondy und Klaus Ramm

Gespräch I
Wie sieht die alchimistische Poesie des Oskar Pastior aus?

Lesung I
Oskar Pastior liest Gedichte

Diskussion I
Wie deutet man die Texte Oskar Pastiors?

Fortsetzung von Diskussion I und Lesung II
Oskar Pastior liest Gedichte vor

 

Diskussion II
Der aleatorische Charakter seiner Poesie

 

Lesung Oskar Pastior am 20.7.2005 im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Franz Josef Czernin: Die Regel, das Spiel und das Andere. Zum Werk Oskar Pastiors.

Oskar Pastior liest aus seinen verschiedenen Texten und Übersetzungen ein Programm, das die Sprachbewegung jeweils in der Konzentration auf einzelne Laute und Buchstaben nachvollzieht. Aufgenommen auf einem mehrtätigen Festival mit dem Titel Für die Beweglichkeit im Kunstverein Maerz in Linz.

 

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Jochen Hieber: Die Suppe ist einmalig
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.1987

Herbert Wiesner: Frauen-Bild-Beschreibungsschrift
die tageszeitung, 20.10.1987

Hans Bergel: Vom Rückzug der Sprache auf sich selbst
Siebenbürgische Zeitung, 31.10.1987

Zum 65. Geburtstag des Autors:

Hannes Schuster: Ein „Wörtlichnehmer“, der das Wörtlichnehmen ertragbar macht
Siebenbürgische Zeitung, 15.11.1992

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Bettina Knauer/Gunnar  Och (Hg.): Oskar Pastior, 70
Akzente, 1997

Herta Müller: Minze Minze
Die Zeit, 17.10.1997

Franz Mon: die krimgotische Schleuse sich entfächern zu lassen“
Der Literaturbote, 2004

Jörg Drews: Eros & Callas?-: Ein Echo-Kollaps
Süddeutsche Zeitung, 20.10.1997

Zsuzsanna Gahse: Schwitt, Schwitter, am Schwittersten
Stuttgarter Zeitung, 20.10.1997

Harald Hartung: Jalousien aufgemacht!
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.1997

Paul Jandl: Die Hosenträger der Erkenntnis
Neue Zürcher Zeitung, 20.10.1997

Cornelia Jentzsch: Gimpelschneise in der Winterreise
Berliner Zeitung, 20.10.1997

Dorothea von Törne: Der Meister der Wortlust
Der Tagesspiegel, 20.10.1997

Ernest Wichner: Magier der Vernunft
Frankfurter Rundschau, 20.10.1997

Thomas Krüger: hart pommern die fritten
Die Woche, 31.10.1997

Gerhard Mahlberg: Aus Anlaß seines 70sten Geburtstags am 20. Oktober
Deutschlandradio

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Thomas Kling: Die Ballade vom defekten Kabel
Literaturen, 2002, Heft 10

Thomas Kling: Die glühenden Halden
Frankfurter Rundschau, 19.10.2002

Nachrufe auf Oskar Pastior: NZZ ✝ FAZ ✝ BZ ✝ Der Tagesspiegel ✝
Die Welt ✝ der Freitag ✝ die horen 1 + 2 + 3 + 4 + 5 ✝ AdK ✝
Chimaere ✝ Schreibheft

Weitere Nachrufe:

Nico Bleutge: Ein Verwandlungskünstler der Sprache
Stuttgarter Zeitung, 6.10.2006

Michael Braun: Vom Sichersten ins Tausendste
Basler Zeitung, 6.10.2006

Michael Krüger: Schamane des Experimentellen
Süddeutsche Zeitung, 6.10.2006

Christine Lötscher: Er verzauberte die Sprache und Menschen
Tages-Anzeiger, 6.10.2006

Martin Lüdke: Aus dem Staub gemacht
Frankfurter Rundschau, 6.10.2006

Peter Mohr: Ein Magier der Sprache
Badische Zeitung, 6.10.2006

Lothar Müller: Der Zungenzwinkerer
Süddeutsche Zeitung, 6.10.2006

Hubert Spiegel: Im Exil bei Freunden
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.10.2006

Christina Weiss: Seine Lust, seine List, seine Waffe
die horen, Heft 224, 2006

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLGIMDb
DAS&D + Georg-Büchner-Preis
und zum IM Stein Otto
1 + 2 +  3 + 4 + 5 + 6 + 7 + 8 + 9 + 10 + 11 + 12 + 13 + 14 + 15 16

 

 

Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Galerie Foto Gezett
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Oskar Pastior

Oskarine ist ein Gedicht-Generator von Ulrike Gabriel, der auf den Gedichten von Oskar Pastior basiert. Jedes Gedicht spricht sich selbst – immer neu und mit der Dichter-Stimme.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.