Thomas Brasch: Poesiealbum 89

Brasch/Schleef-Poesiealbum 89

WIE VIELE SIND WIR EIGENTLICH NOCH.
Der dort an der Kreuzung stand,
war das nicht von uns einer.
Jetzt trägt er eine Brille ohne Rand.
Wir hätten ihn fast nicht erkannt.

Wie viele sind wir eigentlich noch.
War das nicht der mit der Jimi-Hendrix-Platte.
Jetzt soll er Ingenieur sein.
Jetzt trägt er einen Anzug und Krawatte.
Wir sind die Aufgeregten. Er ist der Satte.

Wer sind wir eigentlich noch.
Wollen wir gehen. Was wollen wir finden.
Welchen Namen hat dieses Loch,
in dem wir, einer nach dem andern, verschwinden.

 

Marion Brasch liest „Wie viele sind wir eigentlich noch.“
Musik: Soul Coughing (Screenwriter’s Blues), Bill Frisell (Untitled)

 

Thomas Brasch

Selten wird in unserer jüngsten Dichtung Realität dermaßen zielsicher getroffen wie in den Gedichten von Thomas Brasch. Die Gesellschaft erscheint, exemplifiziert am Beispiel des einzelnen, in Draufsichten und Durchblicken. Vom lakonischen Spruchgedicht bis zum historisch wie auch aktuell angelegten Oratorium reicht das Arsenal dieses bemerkenswerten Dichters, der das Fragenstellen und Antwortensuchen als eine Art gesellschaftlicher Atmung auffaßt, lebensnotwendig und Energie freisetzend. Die Gedichte Thomas Braschs sind das, worauf wir lange genug gewartet haben: eine provokante Stimme aus der Generation der jetzt Dreißigjährigen.

Verlag Neues Leben, Ankündigung

Diese Gedichte sind gerechtfertigt

durch die Stärke und Originalität des dichterischen Ansatzes, der poetischen Sprache und dessen, was sie oft provozierend artikuliert. Lebensnähe, Problemfülle, Subjektivität, die Anstrengung zur Zeit- und Epochengestaltung sind ihnen eigen. Im „Hahnenkopf“, dem großen, balladenartigen Gedicht mit der Szenerie des deutschen Bauernkrieges, wird die Dialektik von Sieg und Niederlage in den Epochenauseinandersetzungen und Klassenschlachten behandelt, ist die Rede davon, wie sich die Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker verbinden, kämpfen, siegen und doch unterliegen; die Fragen nach Idealen, Kompromissen, Verrat werden gestellt. Wenn sich Thomas Brasch der Gegenwart und der Zukunft zuwendet, geht es ihm vor allem um die Lauterkeit vor der Revolution, empört ihn Egoismus, Spießertum, Selbstzufriedenheit, Kleinmut. Ein gewisser Hang zur Maßlosigkeit ist dabei nicht zu übersehen; hier wird Brot nicht mit dem Messer geschnitten, sondern mit dem Beil abgehauen. Freilich indem der Autor selbstbewußt in die Öffentlichkeit spricht, ihr seine Deutung von Zeit und Leben gibt, erhält die Öffentlichkeit die Möglichkeit, mit ihm das Gespräch zu führen, auch ihn zu widersprechen.

Eckhart Krumbholz, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1975

 

Lieber Herr Brasch, Berlin, 2.6.1974

inzwischen habe ich Ihr Manuskript gelesen, es ist sehr gut. Von allen jüngeren Autoren, die bisher in der Reihe erschienen sind, ist Ihr Manuskript dasjenige, in dem am meisten DDR-Realität reflektiert wird. Ich sage Ihnen, darin wird die Schwierigkeit, es durchzusetzen, bestehen. Da dies nicht mein Privatverlag ist, muß ich es zunächst dem Cheflektor vorlegen. Die Einwände, die weiß Gott kommen werden, werden sich gerade auf den Punkt Realität beziehen. Es war damals schon recht schwierig, Ihre Auswahl-Beiträge durchzusetzen.
„Hahnenkopf“ und eine Reihe von Texten werden glatt durchgehen. Bitte überlegen Sie sich schon einmal, ob wir nicht doch auf einige Lieder ausweichen sollten. Ich melde mich wieder, sobald ich die Meinung des Cheflektors habe.

Herzliche Grüße
Ihres
Bernd Jentzsch

 

Poesiealbum 89

Als das Erstlingswerk im Februar 1975 in der Lyrik-Reihe Poesiealbum im Verlag Neues Leben erschien, hatte Thomas Brasch neben Prosa und dramatischen Arbeiten mehr als 200 Gedichte geschrieben. Obgleich sie bis dahin in der DDR kaum verbreitet waren, galten sie in bestimmten Kreisen als „Geheimtip“. Bernd Jentzsch, Lyriker und Herausgeber der Reihe Poesiealbum, war Anfang der 1970er Jahre erstmals aufmerksam auf sie geworden und verfolgte von da an die Idee des Auswahlbändchens trotz aller Schwierigkeiten mit Vehemenz. Angesichts der politischen Biographie Braschs waren selbst separate Veröffentlichungen seiner Texte keine Selbstverständlichkeit. Zunächst gelang es Jentzsch, 1972 vier Gedichte und 1974 das Jazzoratorium „Hahnenkopf oder Die 24 Stunden vor der Schlacht um Weinsberg“ in Anthologien unterzubringen. In der Zwischenzeit fanden erste Gespräche zum Projekt zwischen Verlag und Autor statt. Laut Vereinbarung vom 2.10. 1973 wurde Brasch für das Werk vorab ein „Förderungs-Honorar“ in Höhe von 350 Mark gezahlt. Am 20.3.1974 kam es zum endgültigen Vertragsabschluß, demzufolge sich der Verfasser verpflichtete, bis Mitte Juni etwa 28 Manuskriptseiten abzuliefern (Vorvereinbarung und Vertrag siehe in TBA 1171 und 1244/3.)
Nach Abgabe des Manuskriptes wurde die Auswahl verlagsintern debattiert, wobei der Cheflektor Walter Lewerenz auf der Streichung von mehr als fünfzehn Gedichten bestand. „Er verlangte außerdern, zyklische Texte anders zu komponieren, einzelne Verse zu mildern, Überschriften zu ändern. […] Brasch nahm die Vorzensur mit steigendem Unmut zur Kenntnis. Als ihm die verordneten Veränderungen an den Texten zu weit gingen, bestand er darauf, den Vertrag aufzulösen.“ (in: Bernd Jentzsch: Flöze. Connewitz 1993). Jentzsch konnte ihn letztlich durch den Hinweis auf die enorme Auflagenhöhe des Heftes umstimmen. Aus drei Teilen bestehend umfaßt die Auswahl im ersten Abschnitt, der ursprünglich „Masken“ hieß, später „Gesichter“, schließlich „Augenzeuge Läuft Ausverkauft“, fünf Texte, in denen Porträts recht unterschiedlicher Couleur wie Mörder Ratzek oder Fräser Kasimir gezeichnet werden. Thematisches Zentrum bildet der mittlere Abschnitt mit dem „Hahnenkopf“-Poem. Im letzten Teil folgt der in elf Passagen untergliederte „Papiertiger“.
Korrespondierend zu den Texten gestaltete der Bühnenbildner und Maler Einar Schleef die Umschlagvignette und eine doppelte Innenseite des Heftes. Auf dem Titelblatt wächst ein gesichtsloser junger Mann, die Hände in den Jeans, aus einem Schilderwirrwarr mit Verboten und Aufschriften wie Umleitung oder Firma (dem in der DDR gängigen Begriff für die Staatssicherheit) in einen bis auf ein paar ferne Vögel und Typographenreste leeren Himmel hinein. Da die Verlage der DDR in der Herstellung ihrer Bücher von der Genehmigung durch die zuständige staatliche Instanz abhängig waren, einigte man sich im Verlag auf eine gemeinsame Taktik, um das Erscheinen der Auswahl nicht durch die Zensur zu gefährden. Von den Gutachten für die Behörde bis hin zum Vorwort folgt die Argumentation des Herausgebers für den Band dem Kalkül, Lob mit Kritik zu verbinden, diese zu begründen und mögliche Änderungen in Aussicht zu stellen. Zudem verweist sein Verlagsgutachten die Zensoren auf ihre einmal erteilten Genehmigungen für Texte wie „Hahnenkopf“. Braschs Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 wird im Gutachten bewußt zum politischen Rowdytum Jugendlicher heruntergespielt und im publizierten Heft gänzlich verschwiegen. Auch von seiner zweimaligen Exmatrikulation „wegen staatsfeindlicher Hetzte“ ist in der Autoren-Biographie im Klappentext keine Rede. Auf dem vorgedruckten Antrag zur Druckgenehmigung, der am 28.8.1974 im Ministerium für Kultur eingeht, läßt der Verlag das Feld zur geforderten Auskunft über den Zeitpunkt des Vertragsabschlusses leer, als gäbe es diesen noch nicht (Antrag zur Druckgenehmigung nebst Gutachten siehe in BA Koblenz Dr 1/3549, digitalisierte Akte, Stand: 26.7.2012). „Nach eingehender Diskussion“ wurde die Bewilligung des Druckantrages von der Zensurbehörde am 19.9.1974 erteilt.
Eckart Krumbholz verfaßte das Vorwort für die Nummer 89, das ebenfalls im gesellschaftlichen wie politischen Kontext der damaligen Zeit zu verstehen ist:

Diese Gedichte sind gerechtfertigt durch die Stärke und Originalität des dichterischen Ansatzes, der poetischen Sprache und dessen, was sie oft provozierend artikuliert. Lebensnähe, Problemfülle, Subjektivität, die Anstrengung zur Zeit- und Epochengestaltung sind ihnen eigen. Im „Hahnenkopf“, dem großen, balladenartigen Gedicht mit der Szenerie des deutschen Bauernkrieges, wird die Dialektik von Sieg und Niederlage in den Epochenauseinandersetzungen und Klassenschlachten behandelt, ist die Rede davon, wie sich die Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker verbinden, kämpfen, siegen und doch unterliegen; die Fragen nach Idealen, Kompromissen, Verrat werden gestellt. Wenn sich Thomas Brasch der Gegenwart und der Zukunft zuwendet, geht es ihm vor allem um die Lauterkeit vor der Revolution, empört ihn Egoismus, Spießertum, Selbstzufriedenheit, Kleinmut. Ein gewisser Hang zur Maßlosigkeit ist dabei nicht zu übersehen; hier wird Brot nicht mit dem Messer geschnitten, sondern mit dem Beil abgehauen. Freilich indem der Autor selbstbewußt in die Öffentlichkeit spricht, ihr seine Deutung von Zeit und Leben gibt, erhält die Öffentlichkeit die Möglichkeit, mit ihm das Gespräch zu führen, auch ihm zu widersprechen.

Die Auflagenhöhe des broschierten Heftes lag insgesamt bei 9.000 Exemplaren. Im Buchhandel oder am Zeitungskiosk war es für 90 Pfennige erhältlich. Nach Erscheinen setzten sich die Schwierigkeiten fort: Dem Herausgeber drohte man mit Entlassung, öffentliche Diskussionen wurden unterdrückt, und die wenigen Rezensionen bedachten sowohl die Texte als auch die grafische Gestaltung Schleefs mit massiver Kritik. Bis 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, sollte diese Lyrik-Publikation Braschs einzige in der DDR bleiben.

Aus: Thomas Brasch: „Sie nennen das Schrei“. Herausgegeben von Martina Hanf und Kristin Schulz, Suhrkamp Verlag, 2013

DOPPELPUNKT
Nach Thomas Brasch

1
Wer anfing wird an sein Ende gelangen
Der Anfang vom Ende hat angefangen

2
Das Ende geht seinem Ende zu
Wer fängt an Ich oder du

3
Er oder wer wird ans Ende gelangen
Wer aufhört hat einmal angefangen

4
Der Anfang vom Ende ist das Ende vom Lied
Das ist es was einem Anfänger blüht:

Kurt Bartsch

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

 

Annette Maennel erinnert sich an Thomas Brasch und veröffentlicht bei weibblick.com die Episoden Wie ich Thomas Brasch kidnappte und Wie Thomas Brasch um meine Hand anhielt.

Zum 70. Geburtstag von Thomas Brasch:

Hans-Dieter Schütt: Zu den Partisanen! Die es nicht gibt
neues deutschland, 19.2.2015

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + KLG + Interview
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer
Nachrufe auf Thomas Brasch: Berliner Zeitung 1 + 2 ✝
literaturkritik.de ✝ Der Freitag ✝ Neues Deutschland

Trauerrede von Fritz J. Raddatz am 21.11.2001 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin.

 

In dem von Martina Hanf und Kristin Schulz herausgegebenen Band Das blanke Wesen Thomas Brasch finden sich Erinnerungen an Thomas Brasch u.a. von Josef Bierbichler, Ulrich Zieger und Friedrich Christian Delius. Und weitere hier.

Katharina Thalbach: Leben & Arbeit mit Thomas Brasch († 3.11.2001)

 

 

 

 

Thomas Brasch in Interviews, Gesprächen und Szenen (u.a. mit Günter Grass, Tony Curtis und Katharina Thalbach).

 

Thomas Brasch ist gerade in Westberlin angekommen und Georg Stefan Troller begleitet ihn durch sein neues Leben.

 

Thomas Brasch’s Brandrede beim Erhalt des Bayerischen Filmpreises 1981.

 

Thomas Brasch-Interview 1988 Teil 1/5.

 

Thomas Brasch-Interview 1988 Teil 2/5.

 

Thomas Brasch-Interview 1988 Teil 3/5.

 

Thomas Brasch-Interview 1988 Teil 4/5.

 

Thomas Brasch-Interview 1988 Teil 5/5.

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