Tomaž Šalamun: Lesen: Lieben

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Tomaž Šalamun: Lesen: Lieben

Šalamun: Lesen: Lieben

GEBET

Freund!
Hast du je
die unendliche Lust des Durchdrehens der Sterne
erfahren,
den Knall einer Blüte, wenn sie sich
in den roten Horizont
öffnet?
Unterschätze nicht die furchtbarsten
ästhetischen
Genüsse.
Jeden Tag, jede
Minute kämpfe ich
für dich.
Danke für den
Namen.
Er ist mein
letzter Verbündeter im Kampf um dein
Leben.
Bitte für mich.
Bitte, daß der Feind nicht meinen Verstand
verblendet und mich
unschuldig an die Maschine
zerrt.
Bitte, daß ich die Zeit im Schlaf
beherrsche und dich durch  Schweigen am Leben
erhalte.

 

 

Jenseits der Bilder

Tomaž Šalamun, im Jahr des Eintritts Jugoslawiens in den Zweiten Weltkrieg (1941) als Sohn slowenischer Eltern im kroatischen Zagreb geboren, wuchs als ältestes von vier Kindern in der Frachthafenstadt Koper an der slowenischen Adriaküste auf. Sein Vater war Arzt und leitete nach dem Krieg jahrzehntelang das dortige Klinikum. Der Hafen roch nach großer, weiter Welt; das altösterreichische, inzwischen italienisch gewordene Triest lag zum Greifen nah. Mit seinen künstlerischen Neigungen war Tomaž in der Familie nicht allein: Der jüngere Bruder Andraž wurde Maler, die Schwester Katarina heiratete nach Polen und ist seit Jahrzehnten die bedeutendste Literaturvermittlerin zwischen den beiden Ländern; ihr Sohn Miłosz Biedrzycki gilt als herausragende Stimme der jungen polnischen Lyrik. Nur Jelka, die jüngste Schwester, eine Lehrerin, ist in der Gegend ihrer Kindheit geblieben.
Tomaž war ein sportbegeisterter Junge, mit einer außergewöhnlichen Begabung für das Klavierspiel – ein richtiges Wunderkind. Doch weder der Sport noch die Musik waren ihm bestimmt. Auch dem bereits früh erwachenden Fernweh durfte er, auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern, nicht nachgeben. Statt dessen mußte er – „schön brav“, wie es in einem seiner Gedichte heißt – in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana Kunstgeschichte studieren. Er schloß das Studium ab und heiratete Maruša Krese, die heute als Schriftstellerin in Berlin lebt; der gemeinsame Sohn David schreibt ebenfalls, während sich die Tochter Ana der bildenden Kunst widmet. Seit 1979 ist Tomaž Šalamun in zweiter Ehe mit der Malerin Metka Krašovec verheiratet. Dieser Abriß der familiären Situation ist durch die auffällige autobiographische Grundierung von Šalamuns Schreiben gerechtfertigt, ja, geradezu unerläßlich. So selbstverständlich wie die antiken Gottheiten die Werke der poetae docti bevölkern die Protagonisten seiner Privatmythologie sein lyrisches Werk.
Šalamuns erste literarische Versuche waren nicht viel mehr als Studentenulk, motiviert vor allem dadurch, daß auch sein Mitbewohner Braco Rotar sich als Autor versuchte. Auslöser dieses ersten lyrischen Schubs waren zudem eine Ausstellung von Ferromontagen und die Begegnung mit der Dichtung von Dane Zajc (1929-2005), dem bedeutendsten slowenischen Lyriker der Generation vor Šalamun: In seinem frühesten Gedichtzyklus Finsternis von 1963 läßt er Zajc’ Vorliebe für Genitivmetaphern ebenso anklingen wie dessen düsteren, raunenden Ton. Bereits damals, in den frühen sechziger Jahren, waren Šalamun Slowenien und das Slowenische nicht genug, Jugoslawien taugte bestenfalls zur Zwischenstation. Seine erste Prägung bleibt eine deutlich slawische, der Anfang von Finsternis greift einen Vers von Sergej Jessenin auf, der in der Übersetzung von Celan „In meiner Heimat leb ich nicht mehr gern“ lautet.
Seinen Ruf als Tabubrecher und Antitraditionalist festigte Šalamun mit seiner „Duma 1964“, die auf das programmatische Großgedicht „Duma“ von Oton Župančič (1878-1949) anspielt. Läßt man France Prešeren als slowenischen Goethe gelten, so muß auch der Vergleich Župančič’ mit Schiller erlaubt sein. Wie dieser durchwandert auch Šalamun „unser Land“, doch trinkt er nicht dessen Schönheit, sondern bekommt ein Magengeschwür. War diese Anspielung durchaus gewollt, war es eine andere ganz und gar nicht: Der amtierende Polizeipräsident von Ljubljana hieß nämlich Maček (zu deutsch „Kater“) und war in vorsozialistischen Zeiten Zimmermann gewesen. Nun erkannte er sich in den Versen von der „krepierten Katze“ und dem „Cimperman“ (dem Namen eines minoren Dichters aus dem 19. Jahrhundert) wieder. Šalamun widerfuhr umgehend die zweifelhafte Ehre, als politischer Häftling im Gefängnis zu landen. Seine beiden ersten Bücher konnten nur im Selbstverlag erscheinen. In der offiziellen Literaturgeschichte gilt Šalamun nach wie vor als bilderstürmender Rabauke, doch wie sehr sein ironischer Bruch auch als Anschluß gelesen werden kann, belegt die Anekdote, daß sich Župančič’ Witwe beim Lesen der „Duma 1964“ vor Lachen nicht hatte halten können und hervorprustete: „Ach, hätte Oton das noch erleben können! Das hätte ihm gefallen.“
Doch Šalamun zieht es nicht nur hinab in die Abgründe der Tradition, sondern auch in eine fruchtbare Ferne. Als „Saisonarbeiter“ hat er Amerika für sich entdeckt, auch wenn sein weites „Schreibland“ ihn nicht ganz für den fast vollständigen Verlust der Heimat entschädigen kann:

Warum konnte ich
nur 20 % meiner Gedichte
zu Hause

schreiben
und warum muß ich ewig
aus dem Land

fliehen,
das ich gerne am liebsten
hätte,

um
nicht zu ersticken?

Hatten ihn in den sechziger Jahren noch die Kataloggedichte Guillaume Apollinaires fasziniert und der „polierte“ Manierismus eines T.S. Eliot, hat er später in John Ashbery (studierter Kunsthistoriker wie er selbst) oder in Charles Simic (dem serbischstämmigen Pulitzerpreisträger) Geistesverwandte gefunden, was in geringerem Maße auch auf Frank O’Hara, Allen Ginsberg, Lawrence Ferlinghetti oder Robert Creeley zutrifft. Diese Liebe blieb nicht einseitig. Tomaž Šalamun wurde von Amerika gleichsam an Sohnes Statt angenommen; und das nicht erst, seit er, nach Jahren als freiberuflicher Autor, als slowenischer Kulturattaché an der Botschaft in New York tätig war. Und die jungen Lyriker in den USA lesen und verehren ihn und eifern ihm nach wie vielleicht sonst nur noch in Polen.
Auch nach drei Dutzend seit 1966 in Slowenien erschienenen Gedichtbänden (Sammelbände nicht mitgezählt) wird Tomaž Šalamun in schöner Regelmäßigkeit von seinen kreativen Schüben „heimgesucht“. Die vorliegende, in enger Zusammenarbeit mit dem Autor entstandene Auswahl legt die Meilensteine und Höhepunkte eines Werkes vor, das sich – zwischen rücksichtslosem Ernst und spielerischer Ironie oszillierend – geschmeidig und elegant gegen jede vorschnelle Zuordnung sperrt: „Wer mich ironisch / liest, macht sich / schuldig / / vor Gott.“ Seine Übersetzer kann er schon das eine oder andere Mal mit der aufrichtigen Auskunft „Das ist unverständlich!“ in Verlegenheit bringen. Šalamun verfolgt bewußt und konsequent eine Poetik der Unanschaulichkeit als Erweiterung der Möglichkeiten des Sagbaren und treibt so seine lyrische Landnahme voran. Er raucht die Welt en gros und en detail ohne Filter, entspannt sich und wird dabei nicht selten auch euphorisch: zwischen Unflat und den hehrsten Regionen des Religiösen, zwischen protzendem Eros und selbstkasteiender Demut erweitert er nicht nur seine eigene, sondern auch die Poesiefähigkeit seiner Leser.

Fabjan Hafner, Nachwort

Der slowenische Dichter Tomaž Šalamun,

wie sein serbischer Freund Bora Cosic einer der Matadore der südosteuropäischen Avantgarde, zählt in den USA längst zu den größten Lyrikern seiner Generation, während er in Europa erst nach und nach entdeckt wird. Eigentlich erstaunlich, denn die Lektüre seiner Gedichte, in denen Provokation und Nüchternheit, Vision und Experimentierlust, Beschwören und Erzählen gleichermaßen lebendig sind, kann süchtig machen. Seit Anfang der siebziger Jahre lebte er mit Unterbrechungen in Amerika, entdeckte die Nachfahren der Beat Poets, befreundete sich mit John Ashbery und Charles Simic – und stellte fest, dass es vermutlich die kurze Geschichte der eigenen Sprache ist, die er als poetische Freiheitserfahrung mit den amerikanischen Kollegen teilt.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 2005

 

Woran Kafka schuld ist

Mit Poker, einem im Selbstverlag veröffentlichten Gedichtband, betrat 1966 der damals fünfundzwanzigjährige Slowene Tomaž Šalamun die literarische Bühne von Titos Jugoslawien. Man wüßte gern, ob in Poker auch das Anagramm von Koper mit gemeint ist, einer unfern von Triest gelegenen Hafenstadt, wo der 1941 in Zagreb geborene Šalamun aufwuchs. Passen würde es zu diesem Dichter durchaus, bei dem Scherz und Ernst oft ununterscheidbar sind. Bereits die ersten Verse von Poker zeigten sein Pokerface:

Der Bilder meines Stammes müde
bin ich ausgewandert.

Das kann man wörtlich nehmen, denn das politisch wie kulturell erstarrte Nachkriegsjugoslawien konnte das junge Genie nicht halten. Šalamun lebte lange in den USA, befreundete sich mit John Ashbery und Charles Simic und war später sogar zeitweilig slowenischer Kulturattaché in New York. Die eigentliche Auswanderung aber zielte in die Weite einer Sprache, die von einem folkloristisch getönten Surrealismus in die Sphären von Beat-Generation und Pop-art reicht. So weit wie diese Bereiche, so reich seine Produktion. Über dreißig Gedichtbände machten Šalamun auch international bekannt.
Seine Anfänge waren nicht ohne Risiko. In seinen jungen Jahren gab Šalamun auch politisch gern den Provokateur. Daß er es nie ohne Ironie und Selbstironie tat, bewahrte ihn vor dem Schlimmsten. Immerhin kam er für sein Gedicht „Duma 1964“ vorübergehend ins Gefängnis. Einer der Verse fragte scheinbar harmlos:

Was soll man
mit einer krepierten Katze machen damit sie nicht stinkt.

Doch in der Katze hatte sich der Polizeipräsident von Ljubljana gemeint gefühlt. Er hieß Maček, zu deutsch „Kater“. Der Scherz ging auf seine Kosten. Die Witwe des Dichters Oton Župančič (1878–1949), der mit seinem Großgedicht „Duma“ das Muster für Šalamuns „Duma 1964“ geliefert hatte, soll sich beim Lesen der Kontrafaktur vor Lachen nicht haben halten können und gerufen:

Ach, hätte Oton das noch erleben können!
Das hätte ihm gefallen.

„Duma 1964“ eröffnet jetzt die umfassende Lyrikauswahl Lesen: Lieben. Fabjan Hafner hat diese Gedichte aus vier Jahrzehnten zusammengestellt und übersetzt. Ihm verdanken wir auch den im Vorjahr erschienenen Einzelband Ballade für Metka Krašovec. Wer sich für Šalamun interessiert, wird auf zwei weitere Bände zurückgreifen, die Peter Urban übersetzt hat, auf Vier Fragen der Melancholie (2003) und Aber das sind Ausnahmen (2004). Ein reich gedeckter Tisch. Doch nur ein Bruchteil einer immensen Produktivität.
Was ist ihr Geheimnis? Tomaž Šalamun ist kein Artifex, dem es um das Ideal der Vollkommenheit geht. Dabei mangelt es ihm nicht an Selbstgefühl. Er stellt es nur anders aus. Er sucht kein Horazisches Denkmal, dauerhafter als Erz. Er setzt auf eine ununterbrochene Poesie, die selbst der Tod nicht aufhält:

Wenn mich die Würmer
fressen,
werden sie Gold erzeugen,
wie ich, aus allem.

Lassen wir offen, ob tatsächlich alles Gold ist. Sagen wir lieber: Šalamun liebt auch das Katzengold, wenn es nur ordentlich glänzt.
Šalamun ist ein Könner auf der kurzen Strecke, ein Meister der prägnanten Gnomik und der bildhaften Epiphanie. In einem seiner kurzen Gedichte erinnert er sich an seine Kindheit:

Als ich meinem Vater auf die Schulter kletterte,
wusste ich nicht, dass er sterben würde.

Das gibt ihm den Blick für Details, die wie Epiphanien sind:

Blaue Handtücher jagen mir immer Entsetzen ein.

Das bedarf keiner näheren Erklärung, weil der Leser sich an eigene Kindheitsschocks erinnert fühlt. In einem anderen Gedicht bekommt solche Erinnerung plötzlich historische Tiefe:

Die deutschen Gefangenen essen aus Blechnäpfen.

Vor allem in den frühen Gedichten gibt es explizit politische Passagen, Einschüsse von Satire und Kritik; etwa den sarkastischen Seufzer:

O wackere Slowenen, erkälteter Gegenstand der Geschichte.

Šalamun hat sich entschlossen, in historicis einen höheren, zumindest unabhängigeren Standpunkt einzunehmen. Das bewährt sich in jenen Gedichten, die den Totalitarismus in konzisen Sätzen beschreiben. So in diesem titellosen Gedicht:

Am größten ist die Gnade, die sich dem Grauen
öffnet. Jedes Todessystem gewinnt
Material. Die Dichtung schätzt man bei Hof am höchsten,
denn sie fördert die Fron.
Kafka ist schuld an der Besetzung von Prag!

Diese wenigen Zeilen ersetzen lange historische Analysen. In ihnen ist Šalamun auf der Höhe seiner Kunst. Wahrheit ist eben mehr als Gold. Tadeln wir den Dichter aber nicht gleich, wenn er uns in seinen langen Gedichten mit pompösen Arrangements imponieren möchte.
So ist in dem Poem mit dem merkwürdigen Titel „Rathenau. Puppe, Grab“ zwar von Stoffpuppen die Rede und auch von Šalamun selbst – nicht aber von Rathenau. Es sei denn, wir wollten uns entschließen, in dem evozierten Du den Toten als Liebesobjekt zu sehen. Da bleibt das Groteske hermetisch, und es ist vielleicht besser so.
Manchmal wirken die Einfälle, die der Dichter aus dem Ärmel schüttelt, unfreiwillig komisch. Etwa:

Mehl trinke ich von Meissner Tellern.

Oder:

Ich pulsiere im Nachtgefäß aus Messing.

Šalamun geht solche Risiken gern ein. Vielleicht testet er unser Urteilsvermögen. Einmal heißt es:

Dichten ist die ernsthafteste Beschäftigung auf der Welt

Wie in der Liebe kommt alles zum Vorschein.

Was die Liebe angeht, so darf man die Ballade für Metka Krašovec auch als ein Buch der Liebe und der Liebesgeständnisse ansehen. Es gibt sich als Bilanz eines aufwühlenden Jahres. Da steht das Zeugnis der Liebe zur Ehefrau, der Malerin Metka Krašovec, neben der Konfession einer Affäre mit dem Mexikaner Alejandro, der ihm als Christus erscheint, oder einem schwulen One-Night-Stand. Da gibt Šalamun sich nach Kräften moralfrei. Aber – merkwürdig genug – er provoziert uns nicht sonderlich. Sei es, daß wir stärkeren Stoff gewöhnt sind, sei es, daß wir dem Poeten wie einem genialen Kind alles seiner Spiellust zurechnen. Einmal versteigt er sich:

Augenblicklich überkommt mich
Lust, wenn mir einfällt, wie ich
allen meinen Frauen
das Herz brach.

Vielleicht macht’s die Menge, daß wir nur freundlich nicken. Vielleicht ist der Herzensbrecher überhaupt ein Anachronismus. Außerdem genießen wir eine andere Lust, eine mit etwas Degout gewürzte, nämlich die Lust, diesen manchmal ungezogenen, doch nie langweiligen Tomaž Šalamun zu lesen. Und alle Lust will bekanntlich Ewigkeit, wie ihr Dichter auch.

Harald Hartung, als: Wenn alles zum Vorschein kommt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.3.2006

 

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shi 詩 yan 言 kou 口
Nachruf auf Tomaž Šalamun: NZZ

 

Tomaž ŠalamunLunch Poems an der University of California, Berkeley, 5.2.2009.

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