Tudor Arghezi: Poesiealbum 154

Arghezi/Sell-Poesiealbum 154

DER JÜNGSTE TAG

Im Himmelsblau
schlägt die Stunde bronzen und eisengrau.
In der Sternenrunde
schlug die samtene Stunde.
Die Stunde von Filz wird geschlagen,
wo Burgtürme ragen.
In der wollenen Stunde
gibt die Vergangenheit Kunde.
Raschelnd zerreißt −
was Papierstunde heißt.
Neben der Fürstengruft
der Schlag der Staubstunde ruft.

Heute nacht, Schwester, Mund am Munde,
schlägt keine Stunde.

Übertragen von Heinz Kahlau

 

 

Tudor Arghezi

Viel zu sehr der Welt und den Menschen seiner Heimat zugewandt war der rumänische Bauernsohn und Mönch Tudor Arghezi, als daß er in der Kutte seine Träume hätte einlösen können. So folgt er ihnen auf dem Weg aus dem Kloster durch halb Europa bis zurück in das Bukarest der zwanziger Jahre, wo er in journalistischem Alleingang gegen den aufkommenden Faschismus ankämpft.
Die abenteuerlichen Erfahrungen seines Lebens und die tiefe Verwurzelung in der Folklore seines Landes sind der Nährboden für seine Gedichte, die vornehmlich eines sind: wahrhafte Volkspoesie. Es sind die größten und letzten Dinge, wie Liebe und Tod, uralte Menschheitsträume, Hoffnung und Schmerz, die ins Blickfeld des Dichters treten. Bequeme Vorurteile verspottend und gegen Borniertheit und Unrecht aufbegehrend, ist er ein Ketzer, der das Hohelied eines sinnenfreudigen, ganz diesseitigen Lebens singt.

Verlag Neues Leben, Poesiealbum 153, Ankündigung, 1980

Einmal habe ich ihn bewußt gesehn,

in seinem letzten Sommer: Groß, hager und eigensinnig aufrecht, ein alter einsamer Bergbewohner. Man sagte: „Dort geht Arghezi, er weiß, daß du ihn nachdichtest, er spricht deutsch, komm!“ Ich schüttelte den Kopf, weil ich, mitten in seinen Gedichten, schon davon erschöpft war. Ahnen wir doch, wovon ein Werk, um das wir nicht herumkommen, so groß wurde: Daß es einer sein Leben lang getragen hat. Später, als sein Haus schon Gedenkstätte war, stahl ich Nüsse aus seinem Garten.

Heinz Kahlau, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1980

Arghezis seelische Beschaffenheit

ist die eines Empörers. Die Empörung des Dichters, die nach einem lange geduldig ertragenen Druck hervorbricht, nimmt allmählich genaue Umrisse an, findet ihre Bahn. Sie richtet sich innerhalb des Geschichtsabschnitts, dessen Zeuge und Zeitgenosse Arghezi sechs Jahrzehnte lang war, gegen das Unrecht, gegen die eingewurzelten, bequemen und konservativen Vorurteile, die hartnäckig an dem festhielten, was sinnlos war und Logik, Gerechtigkeit und Wahrheit hohnsprachen. Der Empörer Arghezi ist ein Zertrümmerer von Götzenbildern, ein Begründer neuer Werte. Die alten und überlebten zerbricht er, verspottet er, tritt sie mit Füßen. Der Empörer wird zum Apostel, zum Propheten… zum bewußten Kämpfer für eine neue Welt.

Mihai Ralea, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1980

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
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Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Tudor Arghezi – Dokumentation.

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