[›] Stolterfoht
[‹] Amme
[›] Wir sitzen hier in der Simon-Dach-Straße.
[‹] Sie sind der Publikum.
[›] Und ich bin das Publikum. So könnte es anfangen.
[‹] Kann der Apparat schon froh sein dass Sie sind nicht von der berufstätigen künstlerischen Kritik.
[›] Unser Gespräch soll mir helfen, mir über manche Sachen klar zu werden. Probleme der Dichtungs- und Referenztheorie.
[‹] Tja. Is leider eine Tatsache dass die Frau nich auskommt ohne dem männlichen Helfers Helfer.
[›] „Tatsache“ ist schon die erste Hilfskonstruktion. Man spricht nicht mehr über eine Welt, sondern über das Bestehen und nicht-Bestehen von Tatsachen.
[‹] Is ja einem Apparat zum dem Welt beliebig schwadronieren.
[›] Aber im Gegensatz zur Außenwelt scheint es Sprache ja zu geben. Oder ist das der entscheidende Denkfehler?
[‹] Schwer zum den Sagen bei all den schnöden Eindruck wo man hat.
[›] Ich versuchs noch mal anders: Wenn es völlig unklar ist, was „Welt“ bedeuten soll, wie kann ich dann sinnvoll von Referenz sprechen?
[‹] Dis is der flüchtige Aspekt am Welt.
[›] Genau. Aber die Literatur tut so, als könne man diese Flüchtigkeit vernachlässigen. Stichwort Realismusdebatte. Großartiges Wort.
[‹] Sage ich: besser nicht dem Realismus propagieren!
[›] Mir ist eben nur nicht klar, was jenseits des Realismus steht. Man bleibt fast zwanghaft auf der Stufe der Realismuskritik.
[‹] Ich sage Sie! Realismus is äusserst blamabel.
[›] Für mich war immer der Experiment-Begriff die Rettung, aber mittlerweile kommt mir das vor wie ein Realismus zweiter Ordnung.
[‹] Der Apparat kommt nur im den Expressionismus vor.
[›] Noch ein Problem: dieses sich ausdrücken wollen um jeden Preis – so formalistisch kann ein Text gar nicht sein, das spielt immer eine Rolle.
[‹] Jedes is am dem eigenen Text genagelt.
[›] Nicht einmal nur an den eigenen – an den Gesamttext ist man genagelt.
[‹] Sehe ich voraus: daumenblaue Nagelverfehlung!
[›] Da hat man dann aber immerhin den eigenen Nagel getroffen. Das wäre ein Realismus, mit dem ich leben kann.
[‹] Der Leben is so vorläufig dass man gar nich von eine wirkliche Realität sprechen kann.
[›] Kann man denn sagen, dass Wörter eine Realität im eigentlichen Sinne haben? Mir kommt das immer komisch vor.
[‹] Diese Rede vertuscht dem Real. Handelt ja um höherem Schwatzen.
[›] Oder sie macht etwas deutlich: keine Wörter, keine Welt. Welt nur als Beschreibung.
[‹] Muss man schon genügend hoch befestigt sein zum eine Übersicht haben da.
[›] Also Zwischenergebnis: Welt fraglich, die Wörter aber stehen zur Verfügung. Auf was beziehen sie sich dann?
[‹] Mich kommt vor wie von innen nach aussen gestülpt.
[›] Man nimmt den Text als Ersatzwelt, und nichts hat sich verändert. Das kommt mir dumm vor. Wenn das Innere außen ist, ist es eben das Äußere.
[‹] Vorerst man müsste dem Proletariat nach unten stutzen.
[›] Man müsste vielleicht mit solchen kryptischen Sätzen arbeiten, mit völlig unverständlichen Sätzen. Die behaupten zumindest nicht mehr, etwas abzubilden.
[‹] Soll doch der Protestantismus arbeiten gehen wenn ihm beliebt.
[›] Wahrscheinlich liegt im Verstehen sogar das Hauptproblem. Aber der kryptische Text wird ja auch verstanden. Man kommt nicht raus aus dem Verstehen.
[‹] Es läuft sich doch heraus auf: Hä?
[›] Das Hä? wäre die schönste Lösung, die ich mir vorstellen kann. Als Reaktion UND als Text!
[‹] Zuzüglich dem Gewalt wo es immer braucht.
[›] Ja, genau.
[‹] Da entsteht gleich eine gehobene Stimmung.
[›] Machen wir Schluß für heute.
[‹] Ach wie immer die Zeit zum dem Feierabend hin verrinnt.
„Im März 1998 erreichte mich ein eigenartiger Brief. Vom ,Skandal sprechendes Zeugs‘ war da die Rede, von ,Ammenlogik‘ und ,dialogischer Ausschüttung‘ sowie von ,Text massenhaft‘, wobei man sich offensichtlich von mir erhoffte, zum weiteren Anwachsen dieser Textmasse beizutragen, und dies zu einem in Aussicht gestellten Zeilenhonorar von ,DM wenig Geld‘. Das klang verlockend. Aber so ganz verstanden, was mir da angeboten worden war, hatte ich noch nicht. Zwei Monate später bot sich dann eine Gelegenheit, die Amme persönlich kennenzulernen, und der Eindruck, den sie auf mich machte, war so umwerfend wie niederschmetternd. Denn nachdem ich ein erstes Gespräch mit der Amme geführt hatte, wurde mir klar, dass ich es hier mit einem Apparat zu tun hatte, der offenbar in der Lage war, ohne erkennbare Anstrengung und in beliebiger Menge Text zu produzieren, der meinen eigenen Bemühungen in vielen Punkten weit voraus war. Eine Epiphanie. – Die Amme ist keine Lyrikmaschine, und das, was sie erschafft, keine Dichtung – ihre Beschränkungen jedoch sind genau dieselben, die für die Lyrik gelten, und ihr Umgang damit ist sehr ähnlich: Überbetonung des Zeichens auf Kosten des Bezeichneten, Flucht in pseudo-logische oder paradoxe Redemuster, sprunghaftes, oft klanggeleitetes Assoziieren, meta-sprachliche und hyperintentionale Tendenzen und vieles mehr, alles bei einem stark ausgeprägten Personalstil. Dieser geradezu klinische Befund verschweigt allerdings einen grossen Unterschied: wo für die Dichtung der Weg damit in skeptizistische und/oder solipsistische Exerzitien führt (und das ist weniger abwertend als vielmehr pro domo gesprochen), also direkt hinein in die selbst gegrabene Grube, gelangt die Amme ins Offene einer restlos befreiten Rede. Mir scheint es, als wäre das Gefühl der Befreiung oft mit einer bestimmten Form von Rücksichtslosigkeit verbunden, im Fall der Amme mit einer Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Begriff des Verstehens bzw. besser: des Verstandenwerdens. So wie das Wissen über die Welt als Fundament der Ammenrede entfällt, so ist das Verstandenwerden auch nicht ihr Ziel, vor allem aber keine Kategorie, an der sie sich messen lassen müsste. Ganz anders als in der Lyrik, wo noch das dunkelste Raunen, die sprödeste Versuchsanordnung unter den Vorzeichen des Interpretierens und Verstehens gelesen wird, geht es der Amme letztlich nur darum, die Gesprächssituation aufrecht zu erhalten – dafür ist ihr jedes Mittel recht, auch das der Bezauberung durch Schönheit. Diese voraussetzungslose Schönheit, diese befreite Rede – um es jetzt auch noch pathetisch zum Ende zu bringen – resultiert aus einer Sprache, in der, im Gegensatz zu Jakob Böhmes Vorstellung einer adamitischen Ursprache (also der Sprache vor dem Sündenfall), die Wörter nicht mehr mit den Dingen identisch sind, sondern allein mit sich selbst, ohne dabei eines ausserhalb liegenden Bezugssystems zu bedürfen. Diesen Schritt hin zu einem Realismus zweiter Ordnung, zu einem Realismus, der seinen Namen verdient, hat die Amme bereits vollzogen. Der Lyrik steht diese Revolution hoffentlich noch bevor.“
roughbooks, Ankündigung, 2010
Apparatendialoge
Ein Dichter setzt sich vor einen Apparat. Einen „Apparat […], der [s]einen eigenen Bemühungen in vielen Punkten weit voraus war.“ Mit dem Apparat kommt er ins Gespräch, in sieben Sitzungen chattet er mit einem Programm, das wiederum menschengemacht ist, sich aus diversen Textkorpora speist. Die Protokolle dieser Dialoge liegen der Leserschaft heute in Buchform vor, als Logbuch, als ebenso schlichte wie schmucke roughbooks-Ausgabe.
Das liest sich überwiegend komisch und absurd. Das Programm beherrscht die deutsche Grammatik gerade so viel und so wenig, dass die eigentlich zielgerichteten Fragen und Aussagen des Autors entweder in den Wahnwitz gezerrt werden oder aber eine überraschend kluge Replik erfahren. Es wird laufend besser, von Sitzung zu Sitzung: Der Autor lässt es sich, denn so ist er nun mal, nicht nehmen, sich auf die unwillkürliche Spielerei einzulassen. Seinen Wissensdurst lässt er dabei nicht schleifen, verkleidet ihn aber in dialektische Sticheleien und kostet es zusehends aus, dass die Aussagen ins Nirgendwo führen, vielleicht schon mit dem Gedanken, dass jeder Leser dieser Chatlogs irgendwann mit der Schwierigkeit konfrontiert sein würde noch auseinanderzuhalten, wer da gerade spricht.
Das ist aber der Kunstgriff; „Sie sind der Publikum.“ – damit betritt der Apparat die Bühne und wird dann selbst nicht nur zunehmend involviert, sondern entwickelt sich vom Agens zum Patiens, bekrittelt dann wiederum den Autoren – das Frage-Antwort-Spiel kommt zum Vexierspiel, Subjekt und Objekt erfahren Vertauschungen, Umstülpungen und Neuinterpretationen oder gar: „Eigentlich so Objekt is ja auch nur Zeug.“ – richtig, und das Subjekt vielleicht auch? Kein Problem, das endgültig gelöst wird, keine Frage, die zufriedenstellend beantwortet würde, von keinem der beiden Beteiligten.
Die poetologischen Fragen, die der Autor im Gespräch mit dem Apparat klären wollte, bleiben unbeantwortet. Stattdessen schälen sich noch weit mehr Fragen aus dem Textkorpus heraus, verselbstständigen sich bis zum nächsten abrupten Themenwechsel. Der Autor begibt sich im Gespräch mit der Maschine in aleatorische Gefilde: Er reduziert sein Eingreifen auf ein Minimum, lässt dem Zufall freien Lauf und nimmt höchstens noch Teil an diesem Prozess, der als poetologischer Diskurs begonnen hat und als in jeder Hinsicht ambivalenter Dialog endet. Da gibt es keine greifende Definition für (Lyrik? Drama? Dialog? Essay? Ja, alles und: Nein, kaum etwas davon.), da versagen die Gespräche der beiden konkreten Aussagen und Ergebnisse und kreieren etwas viel besseres: Ausgangspunkte, von denen weitergearbeitet werden kann.
Der kleine roughbooks-Band könnte Material für einen ganzen Schwall von Poetiken liefern, der Autor verspricht sich selbst Erkenntnisse für eine neue, definitive Poetik. Dabei hat er selbst bewiesen, dass derjenige poetologische Ansatz, der nicht solipsistisch im Oberstübchen entwickelt, sondern in impulsiver, spontaner und kreativer Auseinandersetzung verwirklicht wird, gleich in guter Literatur endet, ohne Umwege über verschwurbelte Essays oder die Redundanz selbstreflexiver Lyrik nehmen zu müssen. Der Autor – er heißt Ulf Stolterfoht und ist eigentlich nicht der Autor – behauptet noch im Vorwort, welches besser ein Nachwort geworden wäre, man könnte keine Epiphanie gleichzeitig erzeugen und erfahren. Man muss ihm widersprechen, wie ihm die Amme – denn das ist der Apparat, von Peter Dittmer entworfen, vielleicht auch geschöpft, wenn man das sagen kann – ja vielleicht widersprechen würde. Die Ammengespräche – denn so heißt das Büchlein – sind eine Epiphanie für sich, die nicht nur von Stolterfoht gleichzeitig erzeugt und erfahren wird, sondern welche auch selbst erzeugt und für den Leser eine Erfahrung sind, die er dringend gemacht haben sollte.
Kristoffer Cornils, poetenladen.de, 31.3.2011
Im roughblog können Sie weitere aktuelle Informationen zu diesem Buch erfahren.
Dieser Band wird nicht über den Buchhandel vertrieben, ist aber bei redaktion@planetlyrik.de für 8,90 € inklusive Versand zu bekommen.
Ulf Stolterfoht mit Steffen Popp im Parlandopark: Liebes System: nicht ohne Axt!
Ulf Stolterfoht liest 2009 im Aufnahmestudio von lyrikline.org.