Ulf Stolterfoht: fachsprachen XXVIII–XXXVI

Stolterfoht-fachsprachen XXVIII–XXXVI

BABEL

(… liegt in flandern) – so urteilen die andern: „wie alles, was
aaaaadie
langenscheidt kg hervorbringt, ist auch das universalgedicht
aaaaababel
als leidlich geformt zu betrachten. allerhand hochacht!“ (the
aaaaalanguage
& the damage done
; cambridge) oder : „gediegener inhalt bei
aaaaambiguer
struktur liefert anmutung pur.“ (vielfacher schriftsinn;
aaaaatallinn) – nur:

„wer so über text spricht, steht in der bringpflicht“ (der neue skeptizist;
maastricht) – hör ich das was wie unterton? offen gesprochen hör ich den
schon! drum bitte hörer, gib fein acht, wenns auf die trommelfelle kracht
– in dreiundzwanzig zungen. Für manchen geht das zu schnell, kommt
auch zu grell – deshalb ein kleiner einschub zur kontrolle: verstaat u mij?

ja, als u niet te vlug spreekt! ganz langsam, zum mitschrieb: babel ist
lieblich, ort wildester silben, art permanentes pfingsten. hier also hat man
erstmals freiheit verspürt und peu à peu die hostie profaniert. dies geschah
wo? im leopold-zoo. schau: man verfütterte nomen („möwen“) an löwen.
jetzt richtet hier eastman die zahnung für lau. das ungefähr wärs. doch

hängen morphene drohend über den squares. nicht weniges schwärt. eine
familie aus wilna genießt ihr bierchen vor belgischer tür. krimgotisch deutet
sich an. siebenbürger sächsisch am ecktisch. nenn es eklektisch – egal: babel
sinnt, gottes syntax zu ändern. alles auf random. die menschen in babel mit
kehlchen behängt. tattoos in ugrisch, gälisch, in jenisch. ich trage zum beispiel

„schengen rules okay“ quer über der brust. das wurde seinzerzeit bezuschußt.
und direkt unterm knie eine topografische karte der wallonie. proporz ist
das wort, babel der nabel, und was du gewinnst, ist einzig gespinst, denn sei
gewiß: am grunde der senne lauert der olm, am ufer der lurch – „die holen sich
alles zurück, verschlingen die zungen, und dann?“ (ganz starker abgang; poznan)

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Diese, nunmehr vierte, fachsprachen-Lieferung

umfasst 81 nagelneue Texte, darunter politisch Tendenziöses wie die Kampflieder aus Nord-Württemberg oder neun Gedichte für eine neue Gesellschaft; dann nimmt uns der Dichter bei der Hand und geleitet uns sicher durch Kritische Wälder, durch Oskar Pastior-, Peter Waterhouse- und Reinhard Döhl-Geflechte, um schließlich ganz überraschend in Altaussee zu landen. Insgesamt „womöglich noch verwegener als seine Vorgänger – darüber hinaus aber liefert uns Ulf Stolterfoht erstmals einen konsistenten Lebensentwurf!“ (Artur Verweyser in Syndikalismus jetzt!)

Urs Engeler Editor, Ankündigung, 2009

 

Sprachwitz in Versen

− Gedichte von Ulf Stolterfoht. −

Bereits im ersten Gedicht dieses Bandes, auf der zweiten Zeile, fällt eher beiläufig der anspielungsreiche Satz „alles was ich / bin verdank ich der syntax“. Dieses „Ich“, das Ulf Stolterfoht in Kleinbuchstaben sprechen lässt, könnte natürlich er selber sein, der Lyriker, aber ebenso gut ist denkbar, dass hier das eben erst entstehende Gedicht spricht: von sich. In Stolterfohts Gedichten stellen sich solche Fragen öfter − obschon alles, jedes Wort und jeder Satz, immer klar scheint, eindeutig auf fast schon irritierende Weise. Mit „fachsprachen XXVIII – XXXVI“ präsentiert Ulf Stolterfoht die vierte Lieferung seiner Fachsprachen-Gedichte, die man anders nicht bezeichnen kann, weil er mit ihnen ein Genre begründet hat, das singulär ist. Das Verfahren scheint inzwischen vertraut, die Ergebnisse sind jedoch immer wieder überraschend.
In langen, ausschwingenden Versen, die ein strenges formales Korsett energisch bündeln, liest man Sprachfertigteile, oft ganze Sätze, herrliche Trouvaillen und kleine Theoreme, die mit Sprachwitz neben- und gegeneinander gestellt werden und zu einem dichten Gewebe verknüpft sind. Stolterfoht nutzt gerne kontaminierte Phrasen, die er aus ihrem Kontext herauslöst. Er isoliert sie, stellt sie gleichsam kalt und bringt sie in einer neuen Umgebung unter − und schafft zugleich gerade damit diese neue Umgebung. Es sind die vielfältigen Verweise und Reibungen, die sich durch die unerwartete Nachbarschaft des Entwurzelten ergeben, welche das grosse Lesevergnügen stiften.
Natürlich werden nicht bloss konventionelle Sprachmuster rezykliert, das würde auf die Dauer ermüden, und es ist auch nicht so, dass die Gedichte frei wären von aussersprachlichen Bezügen. Aber sie erinnern, wenn sie von ihren wechselnden Gegenständen reden, immer daran, dass diese Bezüge in erster Linie sprachlich vermittelt sind. Beinahe hörbar wird das in den stets lauernden und gern genutzten Möglichkeiten zu Assonanzen und Homofonien. Sie geben der Sprache jene Offenheit zurück, die „Fachsprachen“ ihrer Intention gemäss doch gerade vermeiden, ja vereiteln wollen.
Man wird von diesen Gedichten, selbst wo sie als Zyklen angelegt sind, keine Thematik ablösen können. Auffallend ist aber, wie locker und weltläufig die Gedichte sind. Einige führen ein intensives Gespräch mit der Literaturgeschichte, von Brockes bis Bense und Brinkmann, andere steuern quer durch die Geografie Deutschlands und stöbern allerhand Erinnerungsmomente auf. Und alle riskieren sie Stimmlagen und Sprechweisen, die man in diesen Gedichten kaum erwartet. „und kein beschrieb erreichte das entzücken“, auch dieser kurze Satz findet sich irgendwo: Man bezieht ihn kurzerhand auf den vorliegenden Gedichtband und stimmt ihm sehr gerne zu.

Martin Zingg, Neue Zürcher Zeitung, 6.2.2010

„alles muß ändern / nichts dauert lang. doch dann!“

− Stoisch schreibt Ulf Stolterfoht sein lyrisches Großwerk fachsprachen fort und übertrifft sich, erneut, selbst. Natürlich aus dem Hause Urs Engeler Editor! −

Ulf Stolterfoht knüpft an seine fachsprachen-Gedichte an, die bislang in drei Bänden vorlagen und in über fünfzehnjähriger Arbeit entstanden sind. wiederbetätigung heißt nun das Eingangsgedicht des vierten Bandes, das sich den frühen Gedichten in provozierender Geste nähert. Wiederbetätigungen sind fast alle der versammelten Texte, indem sie bestehende Texte zerhäckseln, aufsaugen, kurzum das Gespräch suchen; sei es mit Helmut Heißenbüttel, Oskar Pastior oder Peter Waterhouse. Ein Weg durch kritische wälder. Ein Weg geprägt sowohl von kühnem Vorpreschen, auf den Lippen kampflieder aus nord-württemberg, als auch von argwöhnischem Abtasten nach jenen Fallen der Semantik, die Ulf Stolterfoht so sehr fürchtet.
Nach dem Ausflug in die holzrauchdurchwehte, biergetränkte Anarchie der eigenen Heslacher Wunschjugend (im Vorgängerband holzrauch über heslach 2007) endet fachsprachen XXVIII-XXXVI im benachbarten Stuttgarter Stadtteil Botnang. In botnang revisited nimmt Stolterfoht sich Reinhard Döhls legendäre Notizbücher (Aus den Botnanger Sudelheften) vor, macht sie für die eigenen Gedichte fruchtbar und mischt sie mit persönlichsten Bekenntnissen – „und das blöde / blöde gefühl: das, was ich wirklich will, das macht bereits hans thill“.

Florian Höllerer, Literaturhaus Stuttgart, März 2010

 

Marcel Beyer trifft im Rahmen der Liliencron-Poetik-Dozentur auf Ulf Stolterfoht. Ein Gespräch über selbstauferlegte Fesseln, Authentizitäts-Signale und den Neid auf fremde Wörterbücher.

Ulf Stolterfoht – Fachsprachen oder die universale Sprache der Poesie im Rahmen der Frankfurter HausGespräche 2014: Nach Babel – Sprache und Sprachen.

Ulf Stolterfoht mit Steffen Popp im Parlandopark: Liebes System: nicht ohne Axt!

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Porträtgalerie: Galerie Foto Gezett + Dirk Skiba Autorenporträts
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Ulf Stolterfoht liest 2009 im Aufnahmestudio von lyrikline.org.

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