Ulf Stolterfoht: Zu Gottfried Benns Gedicht „Durchs Erlenholz kam sie entlang gestrichen – – – –“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Gottfried Benns Gedicht „Durchs Erlenholz kam sie entlang gestrichen – – – –“ aus dem Band Gottfried Benn: Sämtliche Werke Band I. –

 

 

 

 

GOTTFRIED BENN

Durchs Erlenholz kam sie entlang gestrichen – – – –

die Schnepfe nämlich – erzählte der Pfarrer –:
Da traten kahle Äste gegen die Luft: ehern.
Ein Himmel blaute: unbedenkbar. Die Schulter mit der Büchse,
des Pfarrers Spannung, der kleine Hund,
selbst Treiber, die dem Herrn die Freude gönnten:
Unerschütterlich.
Dann weltumgoldet: der Schuß:
Einbeziehung vieler Vorgänge,
Erwägen von Möglichkeiten,
Bedenkung physikalischer Verhältnisse,
einschließlich Parabel und Geschoßgarbe,
Luftdichte, Barometerstand, Isobaren – –
aber durch alles hindurch: die Sicherstellung,
die Ausschaltung des Fraglichen,
die Zusammenraffung,
eine Pranke in den Nacken der Erkenntnis,
blutüberströmt zuckt ihr Plunder
unter dem Begriff: Schnepfenjagd.
Da verschied Kopernikus. Kein Newton mehr. Kein drittes Wärmegesetz –
eine kleine Stadt dämmert auf: Kellergeruch: Konditorjungen,
Bedürfnisanstalt mit Wartefrau,
das Handtuch über den Sitz wischend
zum Zweck der öffentlichen Gesundheitspflege;
ein Büro, ein junger Registrator
mit Ärmelschutz, mit Frühstücksbrötchen
den Brief der Patentante lesend,

 

Selbstporträt mit Frühstücksbrötchen

– Das „Erlenholz“-Gedicht. –

Oft sind es die fragwürdigen Sätze, die das längste Leben haben. Gottfried Benns Bemerkung aus den „Problemen der Lyrik“, es habe „keiner auch der großen Lyriker unserer Zeit (…) mehr als sechs bis acht vollendete Gedichte hinterlassen“, bezieht ihren dauerhaften Reiz nicht zuletzt aus der Tatsache, pro domo gelesen werden zu können: Wer sich da so zurückgenommen äußert, scheint doch zumindest eine Vorstellung davon zu haben, welche der eigenen Texte überleben werden. Daß Gottfried Benns Produktion gleichzeitig eine Auswahl zuläßt, die einem traditionellen Vollendungsbegriff hohnspricht, ist vielleicht ihr größter Vorzug. Gerade in Zeiten verstärkter Kanonbestrebungen versprechen Benns „Durchgeknallte Acht“ oder seine „Abseitigen Sieben“ nachhaltige Linderung. Und so, wie man sich bis in die Schulbücher hinein, auf „Astern“ und „Verlorenes Ich“ geeinigt hat, wäre es heute vielleicht möglich, „Fürst Kraft“ oder das rätselhafte „September“ als Fixsterne zu installieren – über Schönheit (und meinetwegen auch Vollendung) ließe sich auf einer ganz anderen, unverkrampften Grundlage sprechen. Wenn also die eigentlichen Probleme der Bennschen Lyrik (von deren Rezeption ganz zu schweigen) in einer etwas hubernden Betulichkeit zu suchen sind, dann geraten ihm die Abweichler um so radikaler.
In Berlin-Schöneberg, gar nicht weit entfernt von Benns letzter Adresse in der Bozener Straße, erfreut Herr Albrecht, Wild- und Geflügelmetzger, seine Kundschaft mit ins Schaufenster geklebten Kürzest-Infos – unvergessen das kapitale „Hirsch! Wald! Frisch!“. Seitdem schießt mir „Schnepfe! 1916! Zuckt noch!“ durch den Kopf, wann immer ich an Herrn Albrechts Laden vorbeikomme. Sicher ist es nicht das schlechteste Zeichen, wenn Wörter ihr Gedicht verlassen und sich ins Leben des Lesers drängen. Versatzstücke aus Benns „Erlenholz“ haben dies bei mir in vielfacher Weise getan.
Die Wirksamkeit gerade dieses Textes hat nun wahrscheinlich damit zu tun, daß sich mit diesem Gedicht für Benn der Expressionismus erst einmal erledigt hatte, ihm aber, offenbar ohne langes Rummachen und Ausprobieren, bereits eine völlig neue Form zur Verfügung stand: das später so genannte Parlando-Gedicht (P-Gedicht) – mit den bekannten Folgen bis zum heutigen Tag. In diesem Gedicht aber, „frei gefüllt, reimlos“, erscheint die gewählte Form so zwingend, bei aller Kalkuliertheit so leichtfüßig, daß es für Benn eine ungeheuere Erleichterung dargestellt haben muß, auf diese Weise das „Oh Mensch“-Pathos hinter sich lassen zu können, sprach doch schon in Morgue (1912) und in dem Band Söhne (1913) eher der behandelnde Arzt als die gequälte Kreatur. Vor allem aber muß man sich vor Augen halten, daß 1916 mit Heym, Lichtenstein, Stadler, Lotz, Stramm und Trakl wichtige Weggefährten nicht mehr am Leben waren, der Expressionismus also wahrscheinlich schon zwei Jahre zuvor zu Ende gegangen war. Höchste Zeit also, ebenfalls Abschied zu nehmen. Benns „Erlenholz“-Gedicht ist nun aber vor allem verstanden worden als Abgesang auf eine Naturwissenschaft, die sich den Boden unter den eigenen Füßen wegforscht und ihren Begründungs- und Prognoseanspruch zunehmend aufgeben muß, sich aber, vielleicht gerade deshalb, willig in Dienst nehmen läßt. Benns doppelte Ironisierung, der Natur- als Kriegswissenschaft einerseits, andererseits dessen, der sie benutzt (der Pfarrer als treuer Soldat an der Heimatfront; eine Stufe höher natürlich auch der Dichter am Schreibtisch!), führt zu einem verwickelten Sinnknoten, der dann nur noch schwer zu entwirren ist. Nichtsdestotrotz stimmt die Stoßrichtung.
Formal gelöst hat Benn dieses Knäuel durch eine Art Dornröschen-Mechanik. Über erstarrter, eingefrorener Landschaft schauen wir einer Kugel beim Fliegen zu, und erst im Moment des Aufpralls auf den Vogelkörper erwacht das Städtchen (wenn auch nur zu einem Schlaf der anderen Art), und so wie im Märchen der Koch die Hand zum Kopf des Küchenjungen bringt, so vollendet hier die Toilettenfrau ihre unterbrochene Wischbewegung. Der junge Registrator aber wird sich bald zum stattlichen Facharzt ausgewachsen haben, den letzten Brief von Oelze lesend.

Was mich bei diesem Gedicht von Anfang an in Unruhe versetzt hat, beruht auf einem Verhörer des inneren Ohres oder vielleicht besser: einer eigentümlichen Lesart. Nie habe ich „die Schnepfe nämlich“ anders verstehen können als mit großem N: die Schnepfe Nämlich, eine tragische Schwester des Raben Nimmermehr, was irgendwann in der Vermutung gipfelte, Benn könne es ja genau so gemeint haben. Hinweise zuhauf: Im Bennschen Werk begann es nur so zu wimmeln vor „nevermores“ und Rabenflügen, im Gedicht Schutt etwa oder in den „Problemen der Lyrik“. Schließlich schien mir der Vers „unter dem Begriff: Schnepfenjagd“ den endgültigen Beweis dafür zu liefern, daß er weiß, daß ich weiß, daß er weiß. Noch heute ist es so, daß ich „nämlich“ nicht benutzen kann, ohne daß sich die autoreflexiven oder eigennamentlichen Qualitäten in den Vordergrund drängen. Darüber hinaus kommt es mir so vor, als würden alle meine „nämlich“-Verwendungen vom Gesprächspartner sofort als Benn-Zitat entlarvt und entsprechend mißinterpretiert. (Ganz ähnlich verhält es sich mit dem „liest man“ in „Fürst Kraft ist – liest man – gestorben“: für immer und jeden ersichtlich markiert. Ohne Gänsefüßchen unbenutzbar.)
Neben diesen privaten Verwirrtheiten, aber irgendwie auch daran gekoppelt, ist es verblüffend, Benn dabei zuzusehen, wie er erste, tastende Schritte unternimmt in Richtung auf einen konsequenten Nominalismus – meilenweit entfernt von solchen Unsäglichkeiten wie dem „Wallungswert der Wörter“. So oft Benn später seine Fremd- und Fachwortbatterien in Stellung bringt, ist er einer ideal gedachten Referenzlosigkeit, also einer reinen Begrifflichkeit, nie näher als in diesem Gedicht. Allein die Analyse des oben zitierten „unter dem Begriff: Schnepfenjagd“ mit all seinen Implikationen und Aporien erforderte ein meine Möglichkeiten weit übersteigendes sprachlogisches Handwerkszeug. Daß es womöglich auch Benn selbst nicht zur Verfügung gestanden hat, zeigt nur einmal mehr, daß im Zweifelfall das Gedicht mehr weiß als sein Verfasser. Interpreten tauchen in dieser Überlegung erst gar nicht auf.

Es ist noch nicht lange her, da kam die Entscheidung zwischen Benn (Artistik) und Brecht (Revolution) einem Glaubensbekenntnis gleich, das die Beatles/Stones-Problematik an Aussage- und Positionierungskraft weit überstieg. (Revolution durch Artistik war nicht vorgesehen – und ist es auch heute nicht.) Will man den Feuilletons glauben, dann hat die „Implosion der sozialistischen Staaten“ auch diese Frage für alle Zeiten entschieden, und so wenig einem Behauptung und Begründung behagen mögen, so haben sie doch den Vorzug der Faktizität. Allerdings dürfte sich die ästhetische Wende bereits Jahre zuvor abgezeichnet haben, und einmal mehr ist es Reinhard Priessnitz mit seinen 44 gedichten, der sie 1978 vollzieht. Was er in seinem Gedicht „wischung“ mit Benns „Erlenholz“ veranstaltet, zeigt einerseits eine völlig neuartige Form der Nutzbarmachung von Fremdmaterial, andererseits stehen die Methoden dieser Aneignung durchaus in Zusammenhang mit dem gewählten Text. Priessnitz also stellt sich und sein Gedicht in eine Tradition, die ganz und gar nicht dem Geist der damaligen Zeit entspricht, und es ist ein großes Verdienst von Thomas Klings Aufsatz „Zu den deutschsprachigen Avantgarden“, auf diese Rolle Benns noch einmal nachdrücklich hingewiesen zu haben.
Vielleicht am konsequentesten, wenn auch unter etwas anderen Vorgaben, hat mittlerweile Norbert Hummelt das Staffelholz übernommen („Mein Onkel Benn“), an Oskar Pastiors großartige „Brückenwehr“-Kontamination sei hier zumindest erinnert, und habe ich nicht erst kürzlich den hochtonresistenten Adolf Endler am anderen Tischende „Banane, yes, Banane“ grummeln gehört? Doch, genau das habe ich! Vielleicht liegt ja am Ende auch hier, in Benns Quatschpotential, in seiner freiwilligen und unfreiwilligen Komik, eine Erklärung für seine geradezu gußeiserne Aktualität. Die sechs bis acht Gedichte seien ihm unbenommen.

Ulf Stolterfoht, aus Jan Bürger (Hrsg.): Ich bin nicht innerlich, Klett-Cotta, 2003

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