Ulf Stolterfoht: Zu Oswald Eggers „Ich rang…“

 

Im Kern

− Zu Oswald Eggers „Ich rang…“ aus dem Gedichtband nihilum album. Lieder & Gedichte. −

 

OSWALD EGGER

* * *
Ich rang
heftig mit dem Vieh
und schlug ihm
die Köpfe ab (fast fünfzig).

Über Zäune
will ich klettern
und in Früchtekirsch-
bäumen schwimmen.

Schlagend, tastend
spiel ich nicht,
es schmerzt
im Herzen.

Ich zog
gelbe Grundbirn-
Rüben vom Feld
und Boden.

Kissen und Filz-
Polster,
mein Kopf
hat Kummer.

Klimpert
die Trillerlilie
Rock-falt schütteln
den gesteppten Pfiff.

Latten-Zaun-
Bretter, die Scheren-
Gitter der Gurten
Pflock-Zelte.

Ei,
Ei, Ei,
wie Kugeln
durcheinander.

Geriet mir
die Bierkelle
zu selten
in die Hand?

Die Brut der Tauben
jagte ich in den Flug,
in den Flussbach fielen sie,
plumbs, wie Blumen.
* * *

 

A Day In The Life

Zehn „gnomische Nichtstandard-Lieder in Vierzeilern (Priameln und Schnaderhüpfeln)“ von Oswald Egger, zehn Lieder aus dem Buch nihilum album, das insgesamt 3650 solcher Lieder umfasst, zehn Lieder – der Ertrag eines Tages. Und diesen Tag, jeden dieser 365 Tage hätte ich für mein Leben gerne auch erlebt. Aber was wäre das wohl gewesen, das ich dann, binnen dieses Jahres, erlebt hätte? Das, was in den Gedichten steht? Oder anders: Ist nicht das, was ich in den Gedichten erlebe, das, was ich auf andere Art niemals erleben werde? Was nie ein Mensch anders als so erlebt hat, nicht einmal der Autor? Oder nur der Autor? Ich weiß nicht, ob ich auf die Erfahrungen, denen sich diese Gedichte verdanken, neidisch sein soll, oder auf die Gedichte selbst. Oder darauf, dass sich hier so deutlich offenbart, dass sich Erfahrung und Gedicht nicht trennen lassen. In Gänsefüßchen.
Es gibt nichts, außer es ist im Gedicht. Aber die Gedichte selbst, die Aggregate oder Meta-Maschinchen, die gibt es doch – abgesehen von dem, was es nur gibt, weil es in ihnen drin ist – AUCH NICHT! Logisch. Aber kann es einen Eimer geben, den es nicht gibt, doch das Wasser im Eimer, den es nicht gibt, gibt es? „Nichts, das ist“ heißt ein anderes Gedichtband Oswald Eggers. Was ist das? Ein Paradoxon? Eine Kontradiktion? Eine Tautologie? Und/Oder weiter:

Ist die Form einer Aussage, dieser Aussage nicht viel eher ein Objekt als das vermeintlich Verhandelte? Sind Tage Eimer, die es nicht gibt, außer man formuliert sie? So? Aber wer vermag sich Sätze als Gegenstände vorzustellen, in einer Welt, die ansonsten keine Gegenstände kennt. „Ich“ nicht.

Es gibt Löcher.

Es gibt Löcher. Es gibt Früchtekirschbäume. Es gibt Grundbirnrüben, Trillerlilien, Lattenzaunbretter, Scherengitter, Pflockzelte und Bierkellen. Es gibt Flussbäche. Es gibt „wie Blumen“. Dies alles gibt es. Also.

Es gibt Löcher.

Was gibt es noch? „Es gibt köstlich / ausgedehnte / Steinobstgärten / schon im Juni“ – ein Wicht, der sich nichts dabei dächte. Der sich Nichts dabei dächte. Es gibt „ein(en) bis / zu den Knien / in Trogformen / ausgestanzte(n) Weg“. Nur mal als Beispiel. Was es nicht alles gibt. Löcher. Blitzartig aufscheinende Akkusative. Eine Art nur jetzt zu realisierendes Jetzt. Das Satzzerreißende der Tage. Das Verwiesensein. In Gänsefüßchen.

Es gibt Löcher.
Es gibt viertausend Löcher.

„Ein Leben, / wie es hier war, / ist nirgends / so zu finden.“ heißt es weiter hinten im nihilum album. Dieses Leben, das es nur hier gibt oder gab oder nicht gibt oder gab, möchte ich gerne führen. Nichts lieber. Als/Ob: es während des Lesens möglich wäre. Während des Schreibens. Es geht ja wesentlich um Euphorie. Jetzt ohne Gänsefüßchen.

Es gibt Tage.
So Tage.
Sätze.
Nichts hätte sich als etwas zu erweisen.
Es gibt Löcher.
Propositionen kommen Wahrheitswerte zu.

Ich stelle mir 3650 Welten vor, für die gelten soll: in jeder einzelnen ist genau ein Lied des nihilum album wahr. In jeder dieser Welten wollte ich leben. Ich stelle mir eine Welt vor, in der jedes der 3650 Lieder wahr ist. Auf dieser Welt wollte ich leben, auch wenn sie mir Angst macht. Aber was hieße „wahr“ angesichts nichts? Und was hieße „Welt“? Was hieße „erwiese sich“? Es gibt ganz augenscheinlich Löcher. Es gibt Gänsefüßchen. „Soll gelten!“ sagt man in der Schweiz.

Es gibt Löcher.

Wahrheit womöglich nur als Funktion der Struktur. Aber was soll das heißen? Euphorie ist ein seelischer Zustand und steht in enger Beziehung zur „Ausschüttung“. In Gänsefüßchen. „Wie Mehltau“ legt sich Bedeutung noch auf die beschädigtste Periode. Synapsenfeuer. Rattenkönig. Nichtstandard rules okay!

Es gibt Löcher.
Es gibt viertausend Löcher.

Wie zieht man sich den Teppich weg, wenn es doch keinen Teppich gibt? Wie sägt man am nicht vorhandenen Ast? Und warum? Im Eimer ist ein Loch. Es gibt eimergroße Löcher. Es gibt gedichtgroße Löcher. Ein Leben dauert etwa 30000 Eimer.
Es gibt Gänsefüßchen, Schweinebeine, Wachtelstelzen, Hungerharken, diakritische Weichen, Bolzenschussenthusiasten, Rossezwinger, ziemliche Dinger und Quereinsteiger. Und Buben. Mit Fragezeichen. Punkt.
Wie man sich selbst das Wasser umgräbt. Wer ohne Spaten ist, mache den ersten Stich. Das trifft vermutlich mich. Punkt.

Es gibt Löcher.

Es gibt viertausend Löcher in Blackburn, Lancashire.
Und waren die Löcher auch ziemlich klein,
wollte doch jedes einzelne beziffert sein.
Und: Sie passen haarscharf in die Alberthalle rein.

Es gibt Löcher. Wir füllen sie aus. Ende. Loch.

Ulf Stolterfoht

Die Texte wurden entnommen aus: die horen, Heft 246, Wallstein Verlag, 2. Quartal 2012

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