Ulrich Greiner zu Nadja Küchenmeisters Gedicht „Nebel“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Nadja Küchenmeisters Gedicht „Nebel“. –

 

 

 

 

NADJA KÜCHENMEISTER

Nebel

über dem boden hängt der erste nebel
langsam aufgestiegen aus dem holz
der nacht und deckt die dielen zu im flur
die fliesen und wabert hin zur haustür
wo der hund im zug die ohren aufgerichtet
blinden auges wacht und schlägt ans fenster
schon als schmaler streif ich greife stumm
nach deiner hand die luft wiegt leicht
so zwischen dir und mir nur eine atemtreppe
du gehst in ungestörtem rhythmus auf
und ab und windgebogen ähren deine wimpern
die zart geäderte struktur durchpulster lider
darüber schwebend eine weiße wand ich falle
eine spur kaum sichtbar kriecht in meine atemwege
die laute von erstickter kehle kehren wieder
und alle worte die ich einmal kannte sind nur mehr
geflockte stunden auf der zunge bitterschwer

 

Bitterschwer

Ein Bild, ganz gleich, ob es mit dem Pinsel gemalt ist oder mit Wörtern, hat eine objektive Gegenständlichkeit, es zeigt Dinge und Menschen, vielleicht auch nur Farben und Formen, die man rasch benennen könnte. Aber es ist klar, daß damit wenig gesagt ist, entscheidend sind die Zwischenräume, in denen sich Bedeutung ansiedelt, einerseits die vom Autor vielleicht gedachte, andererseits die vom Leser oder Betrachter empfundene.
Nadja Küchenmeisters Gedicht öffnet sehr gekonnt solche Zwischenräume, es spielt mit Übergängen, Vieldeutigkeiten, Unschärfen. Die Überschrift „nebel“ ist Programm, sie erinnert an Hermann Hesses berühmtes Gedicht „Im Nebel“, dessen erste Zeilen lauten:

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein…

Aber Hesse erzählt von der Einsamkeit wie ein Prediger und offeriert uns eine klare Botschaft. Das tut die Autorin keineswegs, sie bleibt, von den zwei letzten Zeilen abgesehen, ganz im Bild.
Dieses Bild zeigt uns ein Haus, von dem wir annehmen dürfen, daß es irgendwo draußen steht, auf dem Land oder am Stadtrand, denn Nebel ist aus dem Gehölz aufgestiegen und wabert hinein in den Flur, über die Fliesen und Dielen bis hin zur Haustür. Irgendwie zieht es, jemand hat den hinteren Ausgang geöffnet – die Küchentür, denken wir, wegen der Fliesen. Im Luftzug sitzt der Hund mit aufgerichteten Ohren. Und dann sind da zwei Menschen, ein „du“ (wahrscheinlich der Mann) und ein „ich“ (wahrscheinlich die Frau).
Mehr an Fakten gibt es nicht, aber wir können uns die Zwischenräume leicht ausmalen. Ein Abschied am späten Abend, denn Nebel ist aufgestiegen „aus dem holz der nacht“, und der Mann geht „auf und ab im ungestörten rhythmus“, wie einer, der seine Utensilien sammelt, bevor er aufbricht. Und die Frau ergreift stumm seine Hand. Sie sieht sein Auge wie in einer Nahaufnahme, die Adern der Lider, die Wimpern windgebogen wie Ähren, und dann heißt es: „ich falle“. Etwas ergreift sie, der Schmerz des Abschieds, ein ersticktes Schluchzen bedroht sie von neuem:

die laute von erstickter kehle kehren wieder.

An dieser Stelle tritt das Ich aus dem Bild heraus, will in ungehemmte Klage ausbrechen, aber die Worte, die „bitterschwer“ auf der Zunge liegen, versagen, sie sind nur noch Erinnerung.
Nun ja, das hat es schon gegeben und gibt es immer wieder, Liebesleid und Liebesfreud. Aber schön ist Nadja Küchenmeisters Sprache und wie ganz neu. Sie verschmilzt die Gefühle und die Gegenstände zu einer großen, sanften Melodie. Wer schlägt ans Fenster? Der Nebel, aber es könnte auch der Hund sein, der anschlägt. Die Luft wiegt leicht? Wie denn nicht, aber das eben ist das Problem, die plötzliche Leere zwischen den beiden. Nur eine „Atemtreppe“ gibt es, und die Treppe bezeichnet das Gefälle zwischen dem Gehenden und der Bleibenden, vielleicht Zurückgelassenen. Und die Treppe gehört zu diesem Flur, durch den der kalte Nebel zieht, sie führt nach oben, wo die Liebesbegegnung eben sich ereignet hat. Schon jetzt gehört sie nur noch zu den „geflockten Stunden“.
Ganz leise und träumerisch fügt Nadja Küchenmeister diese Bilder ineinander, baut zarte Assonanzen („deckt die dielen zu im flur“), gestattet sich zuweilen ein Versmaß, bleibt aber immer haarscharf unter dem Regelwerk poetischer Formen. Einzig am Ende greift sie zum Endreim („nur mehr – bitterschwer“), und hier streift sie das Sentimentale so kunstvoll knapp, daß wir endlich begreifen: Es ist ein Liebesgedicht, ein bitterschweres, leichtes und schönes.
Über Nadja Küchenmeister wird im Jahrbuch für Lyrik 2007 nur so viel gesagt, daß sie in Berlin und Leipzig lebt und 1981 geboren wurde. Auf ihr erstes Buch dürfen wir gespannt sein.

Ulrich Greiner, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg).: Frankfurter Anthologie. Zweiunddreißigster Band, Insel Verlag, 2008

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